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Band III (1992) Spalten 233-237 Autor: Michael Hanst

JOHANNES XXIII. (Baldassare Cossa), Gegenpapst, * unbekannt, † 22.12. 1419. - J. XXIII. entstammte einer vornehmen neapolitanischen Familie, über seine Jugend ist sehr wenig bekannt. J. dürfte aber kaum zum geistlichen Beruf, wie viele andere Kirchenmänner seiner Zeit, bestimmt gewesen sein. Dementsprechend widmete er sich vornehmlich dem Kriegshandwerk, einer Tätigkeit, die er auch in seinem späteren Wirken in den Vordergrund stellte. Es ist umstritten, ob er tatsächlich mit Papst Bonifatius IX. (s.d.) eng verwandt war, jedenfalls holte ihn dieser 1389 an die Kurie in Rom, die zu dieser Zeit den als schismatisch bezeichneten Papst in Avignon bekämpfte. J. diente Bonifatius IX. ab 1402 zunächst als Kämmerer, sein späterer Ruf, skrupellos nach Geld zu streben und allein nur diesem untertan zu sein, dürfte jener Zeit entstammen, wird allerdings ob der übertriebenen Propaganda der gegnerischen Seiten nur mit großen Abstrichen zu werten sein. Zusätzlich wurde J. XXIII. zum Archidiakon von Bologna ernannt, einer Stadt, die er sehr gut kannte, hatte er doch hier, wenn auch nur oberflächlich, eine allgemeine universitäre Grundausbildung genossen. Er bewährte sich als hervorragender Sachverwalter der päpstlichen Interessen, die Stadt kehrte ganz in die römische Oboedienz zurück. J. XXIII. allerdings gewann durch zahlreiche Skandale kaum Vertrauen. - Persönliche Karrieregedanken waren wohl verantwortlich für seinen Bruch mit dem Nachfolger Bonifatius' IX., Gregor XI. (s.d.) im Jahre 1408. Seither engagierte sich J. XXIII. für ein allgemeines Konzil, das er, wie jedenfalls die Überlieferung zeigt, nach seinem Gutdünken zu gestalten hoffte. Die politische Konstellation begünstigte seine Ambitionen: Da Frankreich, um seinen Einfluß auf die päpstliche Politik zu erhalten, nur einen französischen Papst wünschte, König Wenzel von Böhmen dem aus persönlichem Eigennutz widerstrebte, konnte die Wahl nur auf einen Auswegkandidaten fallen. Das im Frühjahr 1409 in Pisa angesetzte Konzil scheiterte kläglich, da weder der avignonesische noch der römische Papst, bzw. deren Kardinäle und Anhänger teilnahmen. Einzig sichtbarer Erfolg war die Wahl eines weiteren, nunmehr dritten Papstes, Alexanders V. (s.d.). Von Beginn an galt dieser als Übergangspapst, alle ausschließlich politischen Aktivitäten seiner kurzen Regierungszeit leitete Baldassare Cossa. Das nach dem Tode Alexanders V. in Bologna zusammengetretene Konklave wählte ihn am 17.5. 1410 zum neuen Papst. - Baldassare Cossa, der den Papstnamen J. XXIII. annahm, erhielt daraufhin am 24.5. die Priesterweihe, am folgenden Tag die Bischofsweihe, am späten Nachmittag ließ er sich zum Papst krönen. Sitz seines Papsttums blieb zunächst Bologna, erst knapp ein Jahr später begab er sich zusammen mit Ludwig II. von Anjou nach Rom, insgeheim gedachte er sich hier nach einer Aussöhnung mit König Ladislaus von Neapel TEXzu etablieren. Nach einer Bannerklärung und einer drohenden Konfrontation kam es tatsächlich zu einem Interessenausgleich, Ladislaus sagte sich von Gregor XII. (s.d.) los. Doch bereits ein Jahr später endete das zum 1.4. 1412 nach Rom einberufene Konzil ob erneuter minimaler Teilnahme kläglich, man vertagte es um ein Jahr mit dem Erfolg, daß dann nur ein Dekret beschlossen wurde, das die Schriften John Wiclifs (s. d.) verdammte, ein Dekret, das ohne viel Resonanz verhallte. Nachdem nach diesen Mißerfolgen J. XXIII. ein Konzil außerhalb Roms und fern von Avignon propagierte, fürchtete Ladislaus um seinen Einfluß auf die römische Kurie und vertrieb J. XXIII. aus der Stadt. Notgedrungen mußte sich J. XXIII. nun den Forderungen des deutschen Königs Sigismund beugen; widerwillig, weil dieser eine Beendigung des Schismas wünschte und dabei, gedrängt von überwiegend weltlichen Beratern, einen Papst wollte, der keinem der bisherigen verfeindeten Lager entstammte. - Im Dezember 1413 erließ J. XXIII. in Lodi die Bulle, die dank des Einwirkens des deutschen Königs ein allgemeines Konzil zum 1.11. 1414 nach Konstanz einberief. Um die in der Kirche damals vorherrschende Tendenz, das Konzil könne in seinen Beschlüssen über dem Papst stehen, hat er wohl gewußt, so ist auch sein Versuch nach dem Tode Ladislaus' den Kirchenstaat einzunehmen als eine Verhinderung dieses Konzils zu sehen. Einige wenige Kardinäle aber, die der konziliaren Idee anhingen, hemmten sein Vorhaben. Im Spätsommer 1414 brach J. XXIII. nach Konstanz auf. Berühmt wurde sein vieldeutiger Spruch nach der Überquerung des Arlberg-Passes: »So werden die Füchse gefangen!« Um seine Papstwürde zu erhalten, versuchte er in Konstanz zunächst durch seine Anhänger die Absetzung seiner beiden Konkurrenten zu erreichen. König Sigismund hingegen setzte durch, daß auf diesem Konzil erstmals die Abstimmung nach Nationen festgelegt wurde, daß demnach kein Übergewicht der Kardinäle und Beauftragten der jeweiligen Oboedienz zustandekam. Diese politische Lösung legte den Rücktritt aller drei bisherigen Päpste nahe. J. XXIII. entzog sich dem durch eine verwegene Flucht, wobei er sich dank eines Bündnisses mit Friedrich IV. von Österreich von diesem Hilfe erhoffte. Als er sich nach Frankreich absetzen wollte, ergriff man ihn in der Nähe von Breisach und übergab ihn dem Pfalzgrafen Ludwig, der ihn an verschiedenen Orten, vornehmlich in Mannheim, inhaftieren ließ. Letzteres geschah, nachdem sich J. XXIII. einem Urteil gefügt hatte, das zunächst gegen ihn einen Prozeß vorsah, dann aber am 29.5. 1415 mit seiner Absetzung endete. - 1419 wurde er gegen ein hohes Lösegeld freigelassen, vornehmlich deshalb, weil man ihm kaum mehr einen Einfluß auf die italienische Politik zutraute. Prompt suchte er in Mittelitalien beim Klerus die Glaubwürdigkeit des neuen Papstes Martin V. (s.d.) zu unterwandern, unterwarf sich aber diesem, als er keinen Anklang fand. Als Belohnung dafür ernannte ihn Martin V. zum Kardinalbischof von Tusculum, ein Bistum, das J. XXIII. nicht mehr betreuen konnte, da er bereits am 22.12. 1419 in Florenz starb. - Sein überaus prächtiges Grabmal im dortigen Baptisterium des Doms läßt die zwiespältige Beurteilung seines Wirkens erkennen: Nach heutigen Kriterien, aber auch nach den damals vorherrschenden der konziliaren Bewegung, kann J. XXIII. nur als ein Auswuchs klerikaler Macht bezeichnet werden, dem es vor allem an priesterlicher Eignung mangelte. Wichtigen Vertretern italienischer Stadtstaaten hingegen, wie Cosimo von Medici, galt er als ein Repräsentant einer päpstlichen Macht, der seine Rolle in der inneritalienischen Politik gut gespielt hatte.

Lit.: Theodorici de Nyem, De schismate libri tres, hrsg. von G. Erler, 1890; - Heinrich Finke u. a., Eds., Acta Concilii Constanciensis, 4 Bde., 1896-1928; - Ders., Bilder vom Konstanzer Konzil, 1903; - Ders., Zur Charakteristik des Hauptanklägers von J. XXIII., in: Studi e Testi 39, 1924, 157-163; - Heinrich Blumenthal, Die Wahl und die Persönlichkeit J.' XXIII., in: ZKG 21, 1901, 488-516; - L. Salembier, Le grand schisme d'Occident, Paris 1902, 275 ff.; - E. J. Kitts, Pope J. XXIII. and Master Hus of Bohemia, London 1910; - Hierarchia catholica medii aevi, Bd. I, Ab anno 1198 usque annum 1431 perducta, hrsg. v. Carl Eubel, 19132; - Emil Göller, Aus der Kamera Apostolica der Schismapäpste, Teil I, Die Servitien der dt. Bischöfe und Äbte unter der römischen Obodienz, in: RQ 32, 1924, 82-147 u. RQ 33, 1925, 71-110; - H. G. Peter, Die Informationen Papst J.' XXIII. und dessen Flucht von Konstanz bis Schaffhausen, 1926; - Karl Zähringer, Das Kardinals-Kollegium auf dem Konstanzer Konzil bis zur Absetzung Papst J.' XXIII., 1935; - Ulrich Kühne, Bearb., in: RepGerm, Bd. III, Alexander V., J. XXIII., Konstanzer Konzil, 1935; - Martino Giusti, G. XXIII, in: Studi e Testi 165, 1952, 418; - Leo Santifaller, Neuere Editionen ma. Königs- und Papsturkunden, 1958; - Hermann Diener, Rubrizellen zu Kanzlerregistern J.' XXIII. und Martins V., in: QFIAB 39, 1959, 117-172; - Karl August Fink, Zur Beurteilung des Großen Abendländischen Schismas, in: ZKG 73, 1962, 335-343; - Ders., Papsttum und Kirche im abendländ. MA, 1981; - Heinrich Zimmermann, Das Konzil von Konstanz, 1964; - Arnold Esch, Bankiers der Kirche im Großen Schisma, in: QDIAB 46, 1966, 277-398; - Ulrich von Richenthal, Chronik des Constanzer Conzils 1414-1418, bearb. von M. R. Buch, Nachdruck 1971; - L. Waldmüller, Materialien zur Gesch. J.' XXIII. (1410-1414), in: Annuarium historiae conciliorum 7, 1975, 229-237; - Catholicisme VI, 492-493; - EC VI (Baldassare Cossa), 708-709; - DThC VIII, 641-644; - Gebhardt-Grundmann 9I, 631 ff.; - Gesch. der Kirche, 380 f. u. ö.; - Hauck V, 1.2.; - HdKG III, 2, 490-516, 539-588; - Lexikon der Heiligen und Päpste, 202; - LThK V, 995; - RE IX, 271-272; - RGG IV, 811; - Seppelt IV, 241-253, 484 ff.

Michael Hanst

Literaturergänzung:

2000

Thomas M. Buck, Text, Bild, Geschichte. Papst Johannes XXIII. wird auf d. Arlberg umgeworfen, in: AHC 30.1998, S. 37-110;- Walter Brandmüller, Johannes XXIII. im Urteil d. Geschichte. Oder die Macht d. Klischees, in: AHC 32.2000, S. 106-145; -

2008

Isabel Iribarren, Consensus et dissidence à la cour papale d'Avignon. Le cas de la controverse sur la vision béatifique, in: RevSR 82.2008, S. 107-126.

Letzte Änderung: 09.09.2008