JOHANNES DE LAPIDE, OCart, Vertreter des deutschen Frühhumanismus
am Oberrhein und bedeutender Prediger, * um 1430 in Stein (nördlich
von Pforzheim), † 12.3. 1496 in Basel. - Der Familienname
des J. wird meist mit Heynlin angegeben, doch kommen eine Reihe weiterer
Schreibformen des Namens vor: Heynlein, Henelyn, Henlin, Hélin, Hemlin,
Hegelin, Lapierre, de la Pierre, Steinlin, Lapidanus. - Seine
Studien begann J. in Erfurt (1446-1448) und Leipzig (1448-1452); dort
erwarb er Ende September 1450 das Baccalaureat in den Artes. Das überzeugende
Auftreten des Wanderpredigers Johannes von Capestrano (s.d.) veranlaßte
J. vermutlich zum Studium der Theologie. Er begab sich zunächst nach
Löwen (1453), damals ein Zentrum des Realismus, und ging dann zum
Weiterstudium ab Herbst 1453 nach Paris. Im Jahre 1455 wurde er dort
Magister der Artes, 1462 Baccalaureus der Theologie. Von 1456 an war
J. zwölfmal Prokurator der deutschen Nation, 1458/59 Rezeptor. An
der Artistenfakultät hielt J. Vorlesungen über Aristoteles, Porphyrios
und Gilbert de la Porrée und verfaßte Kommentare zu einzelnen Werken
dieser Autoren, die er aber erst 1495 drucken ließ. Als Lehrer des
J. in Paris verdienen besondere Erwähnung Lucas Desmoulin, Thomas
von Courcelles und Petrus de Vancello. Zudem verkehrte er im Humanistenkreis
um Gregorio Tifernas. Freunde waren u. a. Guillaume Fichet und Johannes
Vergenhans Nauclerus, der spätere Kanzler der Universität Tübingen.
Als Schüler sind v. a. Geiler von Kaysersberg, Matthias von Gengenbach
und Ulrich Surgant, später noch Johannes Reuchlin, Rudolf Agricola,
Johannes Wessel Gansfort und Johann Amerbach zu nennen. Im Jahre 1464
verließ J. für einige Zeit Paris, um in Basel am Aufbau der 1459 vom
Papst Pius II. gegründeten Universität mitzuwirken. An der Formulierung
der Statuten der Artistenfakultät war er maßgeblich beteiligt. Dabei
war es ihm ein Anliegen, die via antiqua gegenüber der via moderna
als gleichberechtigte Lehrmethode durchzusetzen. Für die Zeit von
1465-1467 fehlen eindeutige Lebenszeugnisse, doch gilt es als wahrscheinlich,
daß sich J. in Mainz in der Gutenberg-Fust-Schöfferschen Offizin aufhielt,
um sich der Herausgabe von Büchern zu widmen. Seit 1467 war er wieder
in Paris, wo er Vorlesungen über die Sentenzen hielt. In den Jahren 1468 und 1470 war er Prior, 1469 Rektor
der Sorbonne. Im Streit um den Löwener Theologen Heinrich von Zoemern
gehörte J. zu den 24 Professoren der Pariser Universität, die sich
für die Beibehaltung der via antiqua ausgesprochen hatten (1471).
Dieses Gutachten führte u. a. zu dem am 1.3. 1473 durch den französischen
König Ludwig XI. ausgesprochenen Verbot nominalistischer Lehre, das
allerdings zehn Jahre später wieder aufgehoben wurde. J. erwarb am
15.2. 1472 das Lizentiat, am 12.10. des gleichen Jahres das Doktorat
der Theologie. Zusammen mit seinem Freund Fichet betrieb er in Paris
eine private Druckerei, in der sie v. a. Werke antiker Autoren (Cicero,
Sallust, Valerius Maximus) und von Humanisten (Laurentius Valla, Kardinal
Bessarion, Fichet) veröffentlichten. Diese Druckerei bestand von 1472-1474
und gehörte zu den frühesten Druckereien in Paris. Im Jahre 1474 ging
J. wieder nach Basel und wirkte dort als Prediger zunächst an der
Kirche St. Theodor, dann an St. Peter, schließlich bei den Augustiner-Chorherren
(Windesheimer Kapitel) an St. Leonhard. Er wandte sich zunehmend vom
wissenschaftlichen Betrieb ab, um v. a. durch volkstümlich gehaltene
Predigten auf eine innere Reform der Kirche und eine sittliche Besserung
der Menschen hinzuarbeiten. Die Beziehung zu den Augustinermönchen
dürfte dabei nicht ohne Einfluß auf seine diesbezügliche Entwicklung
gewesen sein. In den Jahren 1476, 1478 und 1480 trat J. als Ablaßprediger
in Bern auf, ohne sich allerdings fester an diese Stadt binden zu
lassen. 1477/78 vertrat er etwa ein Jahr lang den durch Krankheit
verhinderten W. Textoris als Prediger am Basler Münster. Durch den
Einfluß seines Freundes Nauclerus und einem Ruf des Grafen Eberhard
im Bart folgend ging J. 1478 nach Tübingen, um dort am Aufbau der
ein Jahr zuvor gegründeten Universität mitzuwirken. Vom Oktober 1478
bis Mai 1479 war er Rektor der Universität, verließ diese aber schon
kurze Zeit später, um, dem Wunsche des Markgrafen Christoph von Baden
folgend, eine Stelle als Kustos und Thesaurarius am Chorherrenstift
in Baden-Baden anzunehmen. Dazu gehörte auch die Seelsorge im Zisterzienserinnenkloster
Lichtental. Während seines Aufenthaltes in Baden-Baden entstanden
freundschaftliche Beziehungen zum Humanistenkreis am Oberrhein, besonders
zu Hochberg, Molitoris und Schott. Im Jahre 1484 kehrte J. nach Basel zurück und wurde Prediger am Münster. Hier verstärkten sich
die Beziehungen zu den Humanisten, nun v. a. zu seinem früheren Schüler
Johann Amerbach, in dessen Druckerei er als Herausgeber und Berater
mitwirkte. Im Unterschied zu seiner Verlegertätigkeit in Paris, wo
er vorwiegend philosophische Werke zum Druck befördert hatte, wandte
er sich nun hauptsächlich Werken des religiösen Schrifttums zu. Neben
Ausgaben der Bibel, die er betreute, wirkte er als Herausgeber von
Schriften der Kirchenväter (bes. Ambrosius und Augustinus) und veranstaltete
eine Ausgabe von Predigten Meffrets, zu der er eigens eine Vorrede
(Premonitio circa sermones de conceptione gloriose virginis Marie)
verfaßte. Gegen Ende seines Lebens ist bei J. eine Vertiefung der
religiösen Gesinnung, verbunden mit mystischen Elementen, festzustellen.
Eine Folge davon war der Eintritt in das Karthäuserkloster St. Margaretental
in Basel am 15.8. 1487. Der Bibliothek dieses Klosters schenkte er
seine wertvolle Sammlung von 283 Büchern. Auch in der Abgeschiedenheit
des Klosterlebens setzte J. seine vielfältigen Interessen
fort, was die Eifersucht des Priors Jakob Lauber zur Folge hatte.
Hier entstand sein meistverbreitetes Werk, das »Resolutorium dubiorum
circa celebrationem missarum occurentium« für den Klerus, das seit
1492 mehrere Auflagen erlebte. - In seinem Denken steht J. noch
fest auf dem Boden der mittelalterlichen Theologie. Gleichwohl erkannte
er die Vorzüge der durch den Humanismus vermittelten neuen Weltanschauung
und wurde so durch seine Vermittlerposition zwischen via antiqua und
via moderna zu einem der Wegbereiter des Humanismus in Deutschland.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist sein Wirken als Prediger
von besonderer Bedeutung. In Basel haben sich 1410 von ihm verfaßte
Predigten handschriftlich erhalten. Diese sind zwar in lateinischer
Sprache geschrieben, doch darf man davon ausgehen, daß J. auf deutsch
gepredigt hat. Der Aufbau seiner Predigten ist einfach. Nach einem
meist gereimten Spruch, der die Hauptgedanken der jeweiligen Predigt
kurz und prägnant zusammenfaßt, folgen Begrüßung des Volkes oder ein
kurzes Gebet und die Anrufung des göttlichen Beistandes. Im Zentrum
der Predigt stehen dann die Wiederholung der Schriftlesung in deutscher
Sprache, meist frei und deren Auslegung. Charakteristisch für J. sind
die Verwendung von Rätseln und Anekdoten, Anspielungen auf Bräuche
und bekannte Vorgänge in der Stadt, Gestaltung einzelner Abschnitte
in Dialogform und das Erzählen bilderreicher Gleichnisse. Die Predigten
J.s zielen auf eine moralische Besserung des Volkes, die er durch
Warnungen und Verheißungen zu erreichen sucht und die für ihn Teil
der Reform der Kirche insgesamt ist.
Werke: Compendiosus de arte punctandi dialogus, in: Orthographia
Clarissimi Oratoris Gasparini Bergomensis, 1470; Premonitio circa
sermones de conceptione gloriose virginis Marie, in: Meffret, Sermones
de tempore et de sanctis, 1488; Resolutorium dubiorum circa celebrationem
missarum occurentium, 1492; Libri artis logicae Porphyrii et Aristotelis
c. commento J. (Kommentare zu Werken des Aristoteles, Gilbert de la
Porrée, Porphyrios), 1495; Zahlreiche unveröff. Manuskripte in der
Universitätsbibliothek Basel.
Lit.: Johannes Trithemius, De scriptoribus ecclesiasticis,
1494; - Adumbratio eruditorum Basiliensium, 1780, 101-105; -
Friedrich Fischer, JH, 1851; - Wilhelm Vischer, JH, genannt a
Lapide, akad. Vortrag, Basel, 1851; - Ders., Gesch. d. Univ. Basel,
1860, 143 f.; - F. Zarncke (Hrsg.), Sebastian Brants Narrenschiff,
1854, XVI-XXI; - C. Prantl, Gesch. der Logik im Abendlande IV,
1870, 229 f.; - Ch. Schmidt, Histoire littéraire de l'Alsace à
la fin du XVe siècle et au commencement du XVIe siècle
I, 1879, 194; - J. Philippe, Origine de l'imprimerie à Paris,
1885; - Ders., Guillaume Fichet, 1892, 82-94; - Carl Christoph
Bernoulli, Basels Klosterbibliotheken, in: Basler Jb., 1895; -
Joh. Bernoulli, Die Kirchengemeinden Basels vor der Reformation, ebd.;
- Denifle/Chatelain, Auctarium Chartularii Universitatis Parisiensis.
Liber receptarum nationis Alemanniae II, 1897, 903. 907. 913. 916.
917. 921; - P. Feret, La faculté de théologie de Paris et ses
docteurs les plus celèbres IV, 1897, 162-164; - J. Hürbin, Peter
von Andlau, 1897; - A. Claudin, The first Paris press. An account
of the books printed for G. Fichet and JH. in the Sorbonne 1470-72,
1898, 35-37; - A. Franz, Die Messe im dt. MA, 1902, 558 f.; -
P. Champion, Les plus anciens monuments de la typographie parisienne,
1904, 1. 2. 50. 59. 86; - Heinrich Hermelink, Die theol. Fakultät
in Tübingen vor der Reformation 1477-1534, 1906, 191 ff.; - Ders.,
Die Matrikeln der Universität Tübingen I, 1906, 21 f.; - M. Hoßfeld,
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Stolz, Die Patrone der Universität Tübingen und ihrer Fakultäten,
in: ThQ CVIII, 1927, 9-11. 37-49; - H. v. Greyerz, Ablaßpredigten
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Bonjour, Die Universität Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart,
1960, 66 ff.; - F. Sander, JH. von Stein, in: Pforzheimer Geschichtsblätter
I, 1961; - Jöcher II, 2276; - ADB XII, 379; - NDB IX,
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