JOHANNES von Toledo, SOCist., Kardinal, englischer
Herkunft, † 13.7. 1275 in Lyon. - Johannes von Toledo war
fast 60 Jahre an der pästlichen Kurie tätig und führte dort allgemein
den Namen »Cardinalis Albus«, der »weiße Kardinal«, weil er stets
das weiße Ordensgewand der Zisterzienser getragen hat; den für einen
Engländer auffälligen Beinamen »von Toledo« dürfte sich J. aufgrund
eines Studienaufenthaltes an der Universität Toledo erworben haben.
- Aus der »Chronica« des der sizilischen Finanzkammer Kaiser Friedrichs
II. zugeteilten Notars Riccadus von S. Germano läßt sich zumindest
indirekt entnehmen, daß J. sich unter jenem römischen Prälaten befand,
die nach einer Seeschlacht am 3. Mai 1241 in die politische Gefangenschaft
Friedrichs II. gerieten. J. wird mehrfach als Begleiter des Kardinals
Jakob von Praeneste genannt, den der Kaiser als einen seiner gefährlichsten
Gegner betrachtete. Vermutlich gemeinsam mit diesem wurde J. im Mai
1243 aus der Haft entlassen. Der am 25. Juni 1243 gewählte Papst Innozenz
IV. (s.d.) ernannte ihn als Zeichen seiner besonderen Wertschätzung
am 28. Mai 1244 zum Kardinalpriester vom Titel des hl. Laurentius
in Lucina und damit zu seinem Nachfolger an dieser Titelkirche. Im
Zusammenhang mit dieser Ernennung weisen die Chronisten eigens sowohl
auf seine englische Abkunft hin, als auch auf seine Zugehörigkeit
zum Zisterzienserorden. Am 24. Dezember 1261 ernannte ihn Papst Urban
IV. (s.d.) zum Kardinalbischof von Porto, als solcher starb er am
13. Juli 1275 unter dem Pontifikat Gregors X. (s.d.). - Die Tätigkeit
an der Kurie und insbesondere seine lange Zugehörigkeit zum Kardinalskollegium
ließen J. zu einer der einflußreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit
werden. Die Chronisten vermitteln uns das Bild eines engagierten Förderers
des Zisterzienserordens. Durch zahlreiche Interventionen wußte J.
die Stellung seines Ordens zu sichern und auszubauen. Aufgrund der
Eximierung von der Verpflichtung, die Ordensgelübde des Gehorsams
und der Armut in der gewohnten Strenge zu halten, war es ihm möglich,
seine bedeutenden Einkünfte für die Stiftung von Klöstern wie auch
für politische Zwecke zu verwenden. Er wurde daher zu einem tatkräftigen
Protektor der Zisterzienser. J. setzte sich bei der Kurie für die
Wahl seines Landsmannes Richard v. Cornwallis zum deutschen König
ein. - Der Kardinal stand jedoch in dem Ruf großer theologischer
Gelehrsamkeit. Als einer der theologischen Sachverständigen der Kurie
griff er in den berühmten Medikantenstreit an der Pariser Universität
ein. So verurteilte Alexander IV. u.a. auf Betreiben J. am 5. Oktober
1256 die aufsehenerregende Schrift Wilhelm von S. Amours »De periculis novissimorum temporum«.
- J. war jedoch nicht nur als Theologe bekannt; seine Studien
an der Universität von Toledo hatten ihm Kenntnisse in Medizin und
in den Naturwissenschaften vermittelt. Eine Zuordnung der verschiedenen
auf uns gekommenen medizinischen Schriften, die einem Johannes Toletanus
zugeschrieben werden, ist jedoch nicht eindeutig möglich. So kann
der »liber de sanitate a magistro Johanne de Toledo compositus« durchaus
von dem älteren, ehemals jüdischen Johannes Hispalensis saec. XII
verfaßt worden sein. Die dort erwähnte, aber ansonsten nicht bezeugte
Augenkrankheit Papst Innozenz IV., die J. durch ein eigenes entwickeltes
Medikament geheilt habe, kann ein späterer Zusatz sein. Es ist möglich,
daß gerade die Kenntnisse in Chemie es waren, die dem Kardinal den
Weg zum Papstthron versperrten. Im Mittelalter haftete der Heilkunst
zu sehr noch der Geruch des Magischen an. Auch als Astrologe, Prophet
und Nekromant erwarb sich J. einen großen Namen. Wichtig in diesem
Zusammenhang ist seine politische Dichtung, in der er im Jahre 1256
das Kommen eines großen, siegreichen Weltherrschers verheißen hat,
der die Nachkommenschaft Friedrichs II. ausrotten und auch die Anhänger
Mohammeds zu Christus zu führen berufen sei. Allerdings stammt unter
den ihm zugeschriebenen Prophezeiungen der von Riccardus von S. Germano
überlieferte astrologische sogenannte Toldobrief nicht von ihm. Im
Unterschied zu den damals verbreiteten pessimistischen Stimmen, die
den drohenden Untergang der Welt beschworen und den Beginn der letzten
Zeiten erwarteten, richtet Johannes einen hoffnungsfrohen Blick auf
den kommenden mächtigen Herrscher der Welt, der siegreich den Erdenkreis
bezwingen wird und alle Menschen hin zu Christus führen wird. Gerade
im Blick auf die düsteren Prognosen trat J. für die Fortdauer der
Kaisermacht ein.
Lit.: H. Grauert, Meister Johann von Toledo, München 1901
(= Sitzungsbericht der philos.-philol. und histor. Classe der kgl.
bayer. Akademie der Wissenschaften 1901, Heft 2) (dort Abdruck der
gesicherten Prophezeiung von 1256); - M.-Br. Brard, Jean Tolet,
in: Catholicisme. Hier - Aujourd'hui - Demein, t. 6, Paris 1967, 632
f.; - J. Vincke, Johannes von Toledo, in: LThK V. 1902; D. Willi,
Päpste, Kardinäle und Bischöfe aus dem Cistercienser-Orden, Bregenz
1912, 20.