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Band III (1992) Spalten 609-611 Autor: Klaus-Gunther Wesseling

JOHANNES (Giovanni [Maria]) VITELLESCHI, Kardinal, Patriarch von Alexandria und Condottiere der Sancta Romana Ecclesia, * in Corneto Tarquinia, † 1. (2.?) 4. 1440 (in Rom ?). - J., der seine humanistische Ausbildung unter Papst Martin V. (s.d.) erhielt und seine Laufbahn als Apostolischer Protonotar begann, wird 1431 zum Bischof von Recanati erhoben, nachdem er in seiner Jugend der Bande Tartaglias angehörte. Zeitgenössische Quellen verhehlen nicht die Derbheit seines Charakters, der schwerlich zur geistlichen Laufbahn passen mag. 1434/1435 ist J. bereits Patriarch von Alexandrien sowie Erzbischof von Florenz. Mit besonderer Grausamkeit agiert J. als condottiere und Potentat. 1436 verleiht die Stadt Rom ihm (und allen Bewohnern seiner Heimatstadt) das städtische Bürgerrecht und zeichnet ihn zudem mit dem Titel des tertius pater patriae post Romulum aus; in Dankbarkeit für die Befreiung von Tyrannei (die J. nun durch seinen Despotismus ersetzte) und Hungersnot (J. lieferte billigen Weizen) dekretiert der Senat am 12.9. sogar die Errichtung eines Reiterstandbildes. Das Kardinalspurpur erhält J. am 9.8. 1437 in Bologna offenbar in Zusammenhang mit der von ihm im Auftrag von Papst Eugen IV. (s.d.) geleiteten Belagerung (Ergebung am 18.8. 1436) und Zerstörung Palestrinas im März/April d. J. in den Wirren der Kämpfe um den Kirchenstaat sowie für seine (allerdings erfolglose) Unterstützung des Thronprätendenten René von Anjou. 1439 erobert J. Foligno. Am 19.3. 1440 wird J. unter dem Verdacht der Usurpation gegen den Papst, wohl nicht ohne Zutun seines Gegners und Nachfolgers Ludwig, Patriarch von Aquileja, verhaftet und vermutlich auf der Engelsburg getötet. Papst Nikolaus V. (s.d.) erlaubt im Jubeljahr 1450 die Überführung der Gebeine in den Dom von Corneto. - Trotz seiner militärischen Härte und Erfolge wird J. als mildtätig und kränklich geschildert; er soll deswegen um seine Entlassung aus dem Waffendienst und die Ernennung eines Nachfolgers nachgekommen sein. J. förderte das Schulwesen in Corneto und propagierte die Restauration des antiken Rom-Ideals. J. ließ sich auf den Fundamenten eines Vorgängerbaues in seiner Vaterstadt einen für das Verständnis des Quattrocento kunsthistorisch hochinteressanten Palazzo mit einer wertvoll ausgestatteten Bibliothek, überhaupt der ersten fürstlich-privaten, errichten, der am 8.2. 1439 vollendet wurde.

Lit.: Pauli Jovii [Paolo Giovio] Novocomensis Episcopi Nucerini, Elogia virorum bellica virtute illustrium veris imaginibus supposita quae apud musaeum spectantur (Florenz 1551), Basel 1561, II, 147-155; - Ders., Vitae illustrium virorum tomis duabus et propiis imaginibus illustrata, Basel 1578, 60-63; - Pietrantonio Petrini, Memorie Prenestine, disposte in forma di annali, Rom 1795, 448-452; - Felix Papencordt, Gesch. der Stadt Rom im MA. Hg. und mit Anm., Urkunden, Vorw. und Einl. vers. von Konstantin Höfler, Paderborn 1857, 476-481; - V. E. Bianchi, Giovanni Maria V. ed un verbale del Consiglio Comunale di Roma nel 1436: La Rassegna nazionale 26 (1904), 403-417; - R. Schulz, Eine ungedr. Schilderung der Kurie aus dem Jahr 1438: AKuG 10 (1912), 400; - G. Cultrera, Il Palazzo V. in Corneto Tarquinia: Ausonia 10 (1921), 260-297; - v. Pastor, I, 290-195 u. ö.; - Gregorvius VII3, 50-79; - P. Paschini, Roma nel Quatrocento. Storia di Roma XII, Bologna 1940; - Fliche-Martin XIV, 1 (1962), 257-259; - D. Witehouse, Palazzo V. di Tarquinia. Una strana storia: Pro Tarquinia 1984; - Renate Schumacher-Wolfgarten, »Anticapella« del Palazzo V., in: Società Tarquiniense di Arte e Storia. Bolletino dell'anno 1985 (1986), 73-90; - Dies., Eine Privatbibliothek des 15. Jh.s in Tarquinia: RQ 81 (1986), 195-228; - Dies., Kardinal J. V., Zur röm. Bildnistradition im 15. Jh.: RQ 82 (1987), 183-205; - P. Nobili Vitelleschi, Storia del Cardinale Giovanni V., in: Società Tarquiniense di Arte e Storia. Bolletino dell'anno 1985 (1986), 104 ff.; - EC XII, 1528 f.; - LThK V, 1095 f.

Klaus-Gunther Wesseling

Letzte Änderung: 29.12.2009