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Band III (1992) Spalten 886-888 Autor: Ingrid Münch

JOSEPH KLEMENS von Bayern, Kurfürst und Erzbischof von Köln (1688-1723), Fürstbischof von Regensburg (1685-1717), Freising (1685-1694), Lüttich (1694-1723) und Hildesheim (1702-1723), Fürstpropst von Berchtesgaden (1688-1723), * 5.12. 1671 in München als nachgeborener Sohn des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern und seiner Gemahlin Henriette Adelaide von Savoyen, + 12.11. 1723 in Bonn, beigesetzt im Kölner Dom. - Schon in jungen Jahren für den geistlichen Stand vorgesehen und dafür erzogen, wurde J. diesem 1683 gegen seinen Willen zugeführt (Erteilung der ersten Tonsur), nachdem er auf Veranlassung seines älteren Bruders, des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, vom Regensburger Domkapitel zum Koadjutor cum iure successionis des Fürstbischofs Albrecht Sigmunds, eines nahen Verwandten, postuliert worden war. Weitere Koadjutorien erfolgten 1684 für das Bistum Freising und 1685 für die Fürstpropstei Berchtesgaden. Schon 1685 konnte J. die durch den Tod Albrecht Sigmunds freigewordene Nachfolge als Bischof von Regensburg und Freising antreten und erhielt trotz seiner Minderjährigkeit die vom Papst erforderliche Konfirmation der Amtsübernahme. Bereits drei Jahre später erreichte die kirchliche Karriere J.s ihren Höhepunkt, als es dem bayerischen Kurfürsten Max Emanuel mit tatkräftiger Unterstützung von Kaiser und Papst gelang, die Wahl seines 17jährigen Bruders zum Kurfürsten und Erzbischof von Köln in hartem Ringen gegen den vom Domkapitel favorisierten, französisch gesinnten Kandidaten Wilhelm Egon von Fürstenberg durchzusetzen und damit dem Hause Wittelsbach die seit 1583 innegehabte kölnische Kurwürde auch weiterhin für die »Sekundogenitur« zu sichern. Der Ausbruch des Pfälzischen Krieges (1689-1697) verhinderte J.s sofortige Übersiedlung in sein Kurfürstentum, dessen Regierungsgeschäfte von seinem Kanzler Karg von Bebenburg geführt wurden. Erst gegen Ende des Krieges verlegte J. seine Residenz endgültig von Bayern nach Bonn. 1694 erfuhr der reichskirchliche Besitzstand J.s eine erneute Erweiterung mit der Übernahme des Bistums Lüttich. Der Papst bestätigte zwar J. in diesem Bischofsamt, erklärte aber eine derartige Kumulation von Bistümern für nicht zulässig und verlangte die Retention der Bistümer Regensburg und Freising. In Regensburg wurde J. 1695 vom Domkapitel wieder zum Bischof gewählt, in Freising dagegen gelang die Wiederwahl nicht. Der Verlust des Bistums Freising wurde später durch die Gewinnung des Bistums Hildesheim aufgewogen: 1702 starb der dortige Fürstbischof und J., der in Hildesheim schon 1694 zum Koadjutor gewählt worden war, trat unangefochten dessen Amtsnachfolge an. Pläne zu weiteren Besitzvergrößerungen (z. B. Münster, wo J. Domherr war) mußten durch den Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges (1701) aufgegeben werden. Schon vor Ausbruch des Krieges hatte J., wohl auf Drängen seines Bruders, des Kurfürsten Max Emanuel, und in Hinsicht auf großzügige französische Subsidienangebote einen Bündnisvertrag mit Ludwig XIV. abgeschlossen. Der Kaiser beantwortete diesen Verrat mit der 1706 feierlich proklamierten Ächtung der beiden Kurfürsten, denn auch Max Emanuel war auf die Seite Frankreichs getreten. Schon 1702 nahmen die Reichstruppen Bonn ein. J. floh nach Frankreich in ein über 12 Jahre dauerndes Exil, zunächst nach Namur, seit 1704 in Lille und von 1709-1714 in Valenciennes. Erst 1714 wurden ihm im Frieden von Baden alle seine Würden und Länder restituiert, so daß er 1715 wieder in seine Residenz Bonn einziehen konnte. In den folgenden Jahren widmete J. seine besondere Aufmerksamkeit den großen Bauvorhaben in der Residenz, die allerdings zu seinen Lebzeiten nicht vollendet werden konnten: dem Wiederaufbau des 1689 zerstörten Bonner Residenzschlosses sowie eines kleineren Schlößchens in Poppelsdorf bei Bonn. Als maßgebenden Architekten, den er tatkräftig mit eigenen Ideen und talentvoll angefertigten Skizzen unterstützte, hatte J. noch im Exil den französischen Hofbaumeister R. de Cotte gewonnen. Für beide Bauprojekte zog er außerdem viele französische Künstler hinzu und legte damit den Grundstein zu einer künstlerischen Entwicklung, die sich unter seinem Neffen und Nachfolger Klemens August voll entfaltete. J.s Interessen umfaßten neben der Baukunst auch Theater und Musik. Er selbst konnte Laute spielen und komponierte einige, heute verschollene Motetten für die St. Michaelskirche in München. - Von Natur aus ein labiler, unselbständiger Charakter stand J. zeit seines Lebens unter dem Einfluß der stärkeren Persönlichkeit seines älteren Bruders, des Kurfürsten Max Emanuel, dem er in allen Situationen politische und menschliche Treue hielt. Trotz aufrichtiger persönlicher Frömmigkeit stand J. seiner geistlichen Bestimmung lange Zeit ablehnend gegenüber. Er hatte zwar schon 1688 nach der päpstlichen Konfirmation seiner Wahl zum Erzbischof von Köln die niederen Weihen empfangen, doch ließ er sich erst 1706/07 in seinem französischen Exil in Lille von Fénélon die höheren Weihen erteilen. Eine von schweren Gewissenskämpfen begleitete Sinnesänderung und der große Einfluß der Persönlichkeit Fénélons (s.d.), des Bischofs von Cambrai, hatten diese Hinwendung J.s zu seinem Amt und Auftrag bewirkt. Er blieb auch nach Empfang der Weihen ein dem Lebensgenuß zugetaner Barockfürst, vernachlässigte aber darüber nicht seine kirchlichen Amtspflichten. Obwohl er für viele Probleme der Kirche keinen Blick hatte, bezog J. im Verhältnis zu den Juden seines Kurstaates eine klare (Schutz-) Position und erließ eine neue Judenordnung, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verbindlich blieb und den Lebensraum der Juden genau regelte. Gegenüber den Jansenisten verhielt sich J. zunächst unentschieden, nahm dann aber unter dem Einfluß Fénélons eine ablehnende Haltung ein. 1719 verkündete er die zweite gegen die Jansenisten gerichtete Bulle des Papstes. Dem Papst durchaus loyal verbunden, widersetzte er sich aber dessen Weisungen entschieden, als dieser von J. die Entfernung der mit ihm aus dem französischen Exil nach Bonn gekommenen Mutter (Mme de Ruysbeck) seiner beiden außerehelichen Söhne verlangte. - Auf J. geht die Gründung der St. Michaels Erzbruderschaft zurück, die er 1693 in der Kapelle seines Lusthauses Josephsburg auf dem kurkölnischen Besitz Berg am Laim bei München vornahm wie auch der gleichzeitig gestiftete Ritterorden zum heiligen Erzengel Michael. Diese religiöse Laienorganisation, die heute noch besteht, war vor allem eine Totenbruderschaft und diente der Sorge um das Seelenheil verstorbener wie auch lebender Mitglieder und der christlichen Vorbereitung auf die Todesstunde. - Unter dem Episkopat J.s wurde 1718 eine Neuauflage des Kölner Breviers publiziert, 1720 die Neuausgabe der Kölner Agende herausgebracht.

Lit.: R. Bragard, Fénélon, Joseph-Clément de Bavière et le Jansénisme à Liège, in: RHE 43, 1948, 473-494; - Max Braubach, Kurköln. Gestalten und Ereignisse aus zwei Jahrhunderten rhein. Gesch., Münster 1949, bes. 81-198, 282-295; - Ders., Von den Schloßbauten und Sammlungen der kölnischen Kurfürsten des 18. Jhs. Lesefrüchte aus politischen Akten, in: AHVNrh 153/154, 1953, 98-147; - Ders., J.C. als Vermittler zwischen Versailles und Wien (Diplomatie und geistiges Leben im 17. und 18. Jh.), Bonn 1969; - Dietrich Dehnen, Kurfürst J. und die Landstände des Erzstiftes 1715-1723 (Diss. Masch. Bonn) 1952; - Robert Haass, Die Beichtväter der Kölner Kurfürsten Joseph Clemens und Clemens August (1688-1761), in: AHVNrh 155/156, 1954, 373-391; - Konrad Algermissen, Wittelsbacher Prinzen als Bischöfe von Hildesheim, in: Unsere Diözese in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 30, Heft 1, 1961, 37-64; - Peter Claus Hartmann, Die frz. Subsidienzahlungen an den Kurfürsten von Köln, Fürstbischof von Lüttich, Hildesheim und Regensburg, J.C. im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), in: HJ 92, 1972, 358-372; - Manfred Weitlauff, Die Reichskirchenpolitik des Kf. Max Emanuel v. Bayern im Rahmen der reichskirchl. Bestrebungen seines Hauses, in: (Hrsg.: Hubert Glaser) Kf. Max Emanuel. Bayern und Europa um 1700, München 1976, 67ff., bes. 73ff; - Ders., Die Reichskirchenpolitik des Hauses Bayern unter Kf. Max Emanuel »1679-1726«. Vom Regierungsantritt Max Emanuels bis zum Beginn des Span. Erbfolgekrieges »1679-1701« (Habil.), Münchner Theol. Studien 1, 1985 (Rez. v. Günter Christ, in: HJ 108, 1988, 282ff.; - v. Hans Schmidt, in: ZBLG 51, 1988, 646ff.); - Franziska Jäger-von Hoesslin, Die Korrespondenz der Kurfürsten von Köln aus dem Hause Wittelsbach (1583-1761) mit ihren bayer. Verwandten, Materialien zur Rhein. Geschichte 1, 1978, bes. 10f., 144ff., 200ff. (Rez. v. Günter Christ, in: ZBLG 42, 1979, 766ff., v. Ludwig Hüttl, in: AHVNrh 183, 1980, 277ff.; - v. Wilhelm Volkert, in: HZ 230, 1980, 705f.); - Eduard Hegel, Gesch. des Erzbistums Köln, 4. Band: Das Erzbistum Köln zwischen Barock und Aufklärung. Vom Pfälz. Krieg bis zum Ende der frz. Zeit 1688-1814, Köln 1979, bes. 43ff. (Rez. v. Dietrich Höroldt, in: AHVNrh 183, 1980, 323f.; - v. Peter Fuchs, in: HZ 233, 1981, 687f.; - v. Alois Schröer, in: ThRv 79, 1983, 13Of.); - Rainer Egon Blacha, Johann Friedrich Karg von Bebenburg. Ein Diplomat der Kurfürsten Joseph Clemens von Köln und Max Emanuel von Bayern. 1688-1694. (Diss. Typoskript Bonn) 1983 (Rez. v. Hugo Altmann, in: AHVNrh 188, 1985, 264ff.); - John Finley Oglevee (Hrsg.), Letters of the Archbishop-Elector Joseph Clemens of Cologne to Robert de Cotte (1712-1720), Bowling Green State University 1956; - H.-J. Kunst, Die Stadtresidenz der Kölner Kurfürsten von den Anfängen bis zum Brand am 16. Jan. 1777, in: Die Bonner Universität. Bauten und Bildwerke, hrsg. v. Heinrich Lützeler, Bonn 1968; - Günther Elbin, Wittelsbacher Schlösser am Rhein und in Westfalen, Duisburg 19811, 10-19; - Wilfried Hansmann, Gisbert Knopp, lnternationale Künstler am Bonner Hof der Kurfürsten von Köln (1700-1794). Bildende Kunst zur Zeit der Kurfürsten Joseph Clemens und Clemens August, in: Wilfried Hansmann u.a., lnternationale Künstler in Bonn 1700-1860. Ausstellung des Stadtarchivs und der Wissenschaftl. Stadtbibliothek Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Bonn, vom 12.-3O. September 1984, 13-34; - Harald Johannes Mann, Die barocken Totenbruderschaften, in: ZBLG 39 (1), 1976, 127-151, bes. 43f.; - ADB XIV, 562ff.; - NDB X, 622f.; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch. II, 1354f.; - Kosch, KD II, 1933; - EnEc IV, 146f. (s. v. Giuseppe Clemente).

Ingrid Münch

Letzte Änderung: 09.06.1998