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Band III (1992) Spalten 679-683 Autor: Barbara Wolf-Dahm

JOSEPH Wilhelm Friedrich Prinz von Hohenzollern-Hechingen, Fürstbischof von Ermland, * 20.5. 1776 in Troppau/östr. Schlesien, + 26.9. 1836 in Oliva bei Danzig. - J. entstammte einer katholischen Linie des Hauses Hohenzollern und war der älteste Sohn des in österreichischen Diensten stehenden, mit Ernestine-Josepha Gräfin von Sobeck-Kornitz verheirateten Generals Friedrich Anton Reichsgraf von Hohenzollern- Hechingen. Nach dem Besuch der Militärakademie in Wien und der Karlsschule in Stuttgart (1787-1791) eröffnete ihm sein Onkel Karl von Hohenzollern-Hechingen (1732-1803; seit 1778 Kommendatarabt von Oliva, 1785-1795 Bischof von Kulm, 1795-1803 Fürstbischof von Ermland) die geistliche Laufbahn. 1790 verschaffte er J. eine Präbende im Breslauer Domstift, 1791 holte er ihn in die Nähe seiner Residenz Oliva. Am Akademischen Gymnasium zu Altschottland bei Danzig setzte J. seine Ausbildung mit dem Theologiestudium fort. Die Priesterweihe empfing er aus der Hand seines Onkels am 31.8. 1800 in Oliva. Wenig später erhielt er ein Kanonikat im Kathedralkapitel des Bistums Ermland zu Frauenburg. Nach dem Tode seines Förderers trat J. durch königliche Nomination dessen Nachfolge als Abt von Oliva an (23.12. 1803); er bekleidete dieses - ihm nach der Säkularisation des Klosters ad personam zugestandene - Amt bis zu seinem Lebensende und residierte auch später bevorzugt in Oliva. Nach mehrjähriger Vakanz wählte das ermländische Domkapitel am 6.7. 1808 den von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen nominierten J. zum Fürstbischof von Ermland; infolge des napoleonischen Übergriffs auf den Kirchenstaat erfolgte die päpstliche Präkonisation erst 1817, wonach J. am 12.7. 1818 in Frauenburg zum Bischof geweiht werden und sein Amt antreten konnte. Seit 1809 hatte er das Bistum als Kapitularvikar verwaltet. Bereits in jener Zeit widmete er seine ganze Schaffenskraft der ihm anvertrauten Diözese. Mit wechselndem Erfolg verteidigte er die Rechte der Kirche gegen staatliche Übergriffe, vor allem im Zusammenhang mit dem »Edikt über die Einziehung sämmtlicher geistlichen Güter in der Monarchie« (1810). Von Papst Pius VII. 1821 zum päpstlichen Exekutor der Zirkumskriptionsbulle »De salute animarum« (16.7. 1821) für die preußischen Diözesen ernannt, sollte J. in Zusammenarbeit mit dem Zivilkommissar Johann Heinrich Schmedding jene Verordnung ausführen. Während er diese Aufgabe für die preußischen Westprovinzen subdelegierte, wurde J. in den altpreußischen Bistümern, besonders in seinem eigenen Sprengel, zur herausragenden Gestalt der Reorganisation der katholischen Kirche. - Von ihren früheren Oberhirten vernachlässigt, verheert durch die napoleonischen Kriegszüge, durch staatliche Reglementierungen gehemmt, war die Diözese Ermland geistig wie materiell zerrüttet, als J. ihre Verwaltung übernahm. Er setzte zunächst bei der Erneuerung des Klerus an, von dessen Vorbildwirkung im Volk er sich großen Einfluß versprach; sein diesbezügliches Programm umriß er folgendermaßen: »Was allein der Geistlichkeit die so gesunkene Achtung wieder gewinnen kann, ist unerbittliche Strenge gegen unwürdige und Beförderung der wissenschaftlichen Fortbildung bei allen« (Hipler, Briefe, s. u., 562). Um dem eklatanten Priestermangel abzuhelfen, setzte der Fürstbischof die Verbesserung bzw. Neueinrichtung von Gymnasien sowie die Reorganisation des Priesterseminars und der theologisch-philosophischen Hochschule (Lyceum Hosianum) in Braunsberg durch. Doch richtete J. sein Augenmerk nicht nur auf die Geistlichkeit, sondern engagierte sich ebenso für die Hebung der Volksbildung (Ausbau des Schulwesens, Herausgabe vielbeachteter Lesebücher) und die Neubelebung bzw. Vertiefung des religiösen Lebens (z. B. Sammlung und Einführung deutscher Kirchenlieder, Wiederbelebung der Bruderschaften, Anleitungen zum Religionsunterricht, Herausgabe eines Katechismus). Als erster Oberhirte wandte sich J. den Seelsorgeproblemen in den weiten ostpreußischen Diasporagebieten zu. Bei fast allen seinen Unternehmungen stieß der Fürstbischof auf den Widerstand der protestantischen preußischen Regierungsbeamten, vor allem des Oberpräsidenten Heinrich Theodor von Schön, die in Wahrnehmung des landesherrlichen ius circa sacra die freie Ausübung seiner bischöflichen Jurisdiktionsgewalt einzuschränken suchten. Dieser Staat-Kirche-Konflikt, in welchem J. seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Königshaus wenig nutzten und er sich nur selten voll durchzusetzen vermochte, belastete nicht nur seine Amtsführung, sondern betrübte ihn auch persönlich tief. Über J.s Wesen und Denken geben seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen Aufschluß. Demnach läßt er sich als ein stiller, gebildeter, zutiefst frommer und der Romantik verhafteter Mensch charakterisieren. In seinen theologischen Auffassungen stand er dem Reformkreis um Johann Michael Sailer nahe. Er war fest überzeugt von der der Kirche kraft göttlichen Rechts zukommenden Autonomie und faßte sein Bischofsamt als ihm von Gott gestellte, zu vorbildlichem Seelsorgedienst verpflichtende Aufgabe auf. Als er 1822 für den Erzbischofsstuhl von Köln ausersehen war, lehnte er ab. J. erhielt verschiedene Auszeichnungen; u. a. verlieh ihm die katholisch-theologische Fakultät der Universität Bonn 1835 die Ehrendoktorwürde. Seine letzte Ruhestätte fand der nach längerer Krankheit in Oliva Verstorbene in der dortigen Klosterkirche. - Bis in die Gegenwart gilt J. als »Erneuerer des Ermlandes«. Bei den ermländischen Katholiken genießt er große Verehrung. Aufgrund seiner geistig-religiösen Einstellung, seiner Funktion als päpstlicher Exekutor und nicht zuletzt seiner langen Amtszeit zählt J. zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Reorganisationsphase der katholischen Kirche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dennoch wäre das Bild des letzten »Fürst«-Bischofs von Ermland in der Historiographie insgesamt etwas kritischer zu beleuchten, als dies bisher der Fall war.

Werke: Literae pastorales ad Clerum Warmiensem d. d. I Maii MDCCCXIX (hrsg. v. Franz Hipler, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 8, 1876, 61-65); Anleitung zum Gebrauch der Fiebel und des Lesebuchs für die Schulen des Bisthums Ermland, 1820; Prüfungsspiegel für gewissenhafte Schullehrer, 1828; Ein Brief des Fürstbischofes v. Ermland, Prinz J. v. H., an den Staatsrath Ludwig Nicolovius in Berlin (hrsg. v. Franz Hipler, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 2, 1870,79 f.); Briefe, Tagebücher und Regesten des Fürstbischofs v. Ermland J. v. H. (1776-1836) (hrsg. v. Franz Hipler, 1883); 7 lat. Pastoralschreiben zur Gesch. der ermländ. Diöcesansynoden (hrsg. v. Franz Hipler, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 30, 1898, 7-9, 15 f., 32-34).

Lit.: G. Gerlach, Memoria Josephi ab Hohenzollern, principis episcopi quondam Varmiensis, 1837; - J. Walter, J. v. H. und Stanislaus v. Hatten, zwei Bischöfe Ermlands, 1860; - Joseph Bender (Hrsg.), Gesch. der philos. und theolog. Studien in Ermland. Festschr. d. Kgl. Lyceum Hosianum zu Braunsberg zu seiner fuenfzigjährigen Jubelfeier, 1868; - Anton Eichhorn, Gesch. der ermländ. Bischofswahlen, in: Zeitschr. f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 1-4, 1858-1869, hier 4, 1869, 595-636; - Ders., Die Ausführung der Bulle »De salute animarum« in den einzelnen Diöcesen des Preußischen Staates durch den Fürstbischof v. Ermland, Prinz J. v. H., in: Zeitschr. f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 5, 1870-1874, 1-130; - Franz Hipler, Regesten zur ermländ. Diöcesangesetzgebung unter dem Fürstbischofe J. v. H. 1808-1836, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 4, 1872, 101-105 u. 5, 1873, 122 f.; - Ders., J. v. H., Fürstbischof v. Ermland. Ein Gedenkblatt zur Feier seines 100. Geburtstages am 20. Mai 1876, 1876; - Ders., In Centenarium Josephi Principis de Hohenzollern- Hechingen Episcopi Warmiensis die XX. Maii a. MDCCLXXVI nati, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 8, 1876, 61; - Ders., Heinrich Schmülling und die Reform des ermländ. Schulwesens am Eingange des 19. Jh.s, in: Zeitschr. f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 8, 1885, 217-451; - J. v. H., Fürstbischof v. Ermland, in: Katholik, 1883, 168-195; - Franz Splett, Josephus v. H., der letzte Abt v. Oliva. Eine pädagog.-hist. Studie, 1898; - Franz Schulz, Aus der Gesch. der Geschlechter Hohenzollern-Hechingen und von Weiher. Eine Erinnerung an Oliva, in: Mitt. d. Westpreuß. Geschichtsvereins 11, 1912, 37- 44; - Philipp Funk, Beiträge zur Biographie J.s v. H.-H. Fürstbischofs v. Ermland (1808-1836), 1927; - Eugen Brachvogel, Das älteste Denkmal für Bischof J. v. H., in: Ermländ. Hauskalender 74, 1930, 30-34 u. in: Unsere ermländ. Heimat 9, 1963, Nr. 4, 16; - Ders., Die Erneuerung der ermländ. Klosterschulen unter Bischof J. v. H., in: Ermländ. Hauskalender 74, 1930, 37-41; - Ders., Das Priesterseminar in Braunsberg. Festschr. zur Weihefeier des neuen Priesterseminars am 23.8. 1932, 1932; - Ders., Wie J. v. H. (+ 1836) Bischof v. Ermland wurde, in: Ermländ. Hauskalender 80, 1936, 31-39; - A. G. Langkau, Zum Gedächtnis des Bischofs J. v. H., in: Unsere ermländ. Heimat 10, 1930, Nr. 9, 10; - Herward Bork, Zur Gesch. des Nationalitätenproblems in Preußen. Die Kirchenpolitik Theodors v. Schön in Ost- u. Westpreußen 1815-1843, 1933; - F. Eisele, Die Bischöfe aus Hohenzollern, in: Hohenzollerische Jahreshefte 11, 1951, bes. 163 f.; - Hans Preuschoff, Hohenzollern auf dem ermländ. Bischofsthron, in: Ermländ. Hauskalender 88, 1955, 27-51; - Bernhard Maria Rosenberg, Beiträge zur Gesch. des deutschen katholischen Kirchenliedes im Ermland, in: Zeitschr. f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 29, 1958, 438-520; - Helmuth v. Osterroht, Die Hechinger Hohenzollern in West- und Ostpreußen, in: Tradition u. Leben 13, 1961, Nr. 145, 11-14; - Ders., Die Hechinger Hohenzollern u. Oliva, in: Unser Danzig 13, 1961, Nr. 17, 10 f. u. Nr. 18, 8 f.; - Otto Miller, Des Ermlands Erneuerer vor hundert Jahren, in: Unser Ermlandbuch, 1966, 34-46; - Neuer Nekrolog der Deutschen 14, 1836, Tl. 2, 601 (ersch. 1838); - ADB XII, 702 f.; - Altpreuß. Biogr. I, 282 f.; - LThK V, 434 f. u. III, 343 f. (zur Bulle »De salute animarum«); - NDB IX, 499-501 (zur Linie H.-H.); - Erwin Gatz (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945. Ein biogr. Lexikon, 1983, 326-329 (ausführlichste u. beste neuere Würdigung von Leben u. Wirken J.s durch Brigitte Poschmann.

Barbara Wolf-Dahm

Letzte Änderung: 09.06.1998