JOSEPH Wilhelm Friedrich Prinz von Hohenzollern-Hechingen,
Fürstbischof von Ermland, * 20.5. 1776 in Troppau/östr. Schlesien,
+ 26.9. 1836 in Oliva bei Danzig. - J. entstammte einer katholischen
Linie des Hauses Hohenzollern und war der älteste Sohn des in österreichischen
Diensten stehenden, mit Ernestine-Josepha Gräfin von Sobeck-Kornitz
verheirateten Generals Friedrich Anton Reichsgraf von Hohenzollern-
Hechingen. Nach dem Besuch der Militärakademie in Wien und der Karlsschule
in Stuttgart (1787-1791) eröffnete ihm sein Onkel Karl von Hohenzollern-Hechingen
(1732-1803; seit 1778 Kommendatarabt von Oliva, 1785-1795 Bischof
von Kulm, 1795-1803 Fürstbischof von Ermland) die geistliche Laufbahn.
1790 verschaffte er J. eine Präbende im Breslauer Domstift, 1791 holte
er ihn in die Nähe seiner Residenz Oliva. Am Akademischen Gymnasium
zu Altschottland bei Danzig setzte J. seine Ausbildung mit dem Theologiestudium
fort. Die Priesterweihe empfing er aus der Hand seines Onkels am 31.8.
1800 in Oliva. Wenig später erhielt er ein Kanonikat im Kathedralkapitel
des Bistums Ermland zu Frauenburg. Nach dem Tode seines Förderers
trat J. durch königliche Nomination dessen Nachfolge als Abt von Oliva
an (23.12. 1803); er bekleidete dieses - ihm nach der Säkularisation
des Klosters ad personam zugestandene - Amt bis zu seinem Lebensende
und residierte auch später bevorzugt in Oliva. Nach mehrjähriger Vakanz
wählte das ermländische Domkapitel am 6.7. 1808 den von König Friedrich
Wilhelm III. von Preußen nominierten J. zum Fürstbischof von Ermland;
infolge des napoleonischen Übergriffs auf den Kirchenstaat erfolgte
die päpstliche Präkonisation erst 1817, wonach J. am 12.7. 1818 in
Frauenburg zum Bischof geweiht werden und sein Amt antreten konnte.
Seit 1809 hatte er das Bistum als Kapitularvikar verwaltet. Bereits
in jener Zeit widmete er seine ganze Schaffenskraft der ihm anvertrauten
Diözese. Mit wechselndem Erfolg verteidigte er die Rechte der Kirche
gegen staatliche Übergriffe, vor allem im Zusammenhang mit dem »Edikt
über die Einziehung sämmtlicher geistlichen Güter in der Monarchie«
(1810). Von Papst Pius VII. 1821 zum päpstlichen Exekutor der Zirkumskriptionsbulle
»De salute animarum« (16.7. 1821) für die preußischen Diözesen ernannt,
sollte J. in Zusammenarbeit mit dem Zivilkommissar Johann Heinrich
Schmedding jene Verordnung ausführen. Während er diese Aufgabe für
die preußischen Westprovinzen subdelegierte, wurde J. in den altpreußischen
Bistümern, besonders in seinem eigenen Sprengel, zur herausragenden
Gestalt der Reorganisation der katholischen Kirche. - Von ihren
früheren Oberhirten vernachlässigt, verheert durch die napoleonischen
Kriegszüge, durch staatliche Reglementierungen gehemmt, war die Diözese
Ermland geistig wie materiell zerrüttet, als J. ihre Verwaltung übernahm.
Er setzte zunächst bei der Erneuerung des Klerus an, von dessen Vorbildwirkung
im Volk er sich großen Einfluß versprach; sein diesbezügliches Programm
umriß er folgendermaßen: »Was allein der Geistlichkeit die so gesunkene
Achtung wieder gewinnen kann, ist unerbittliche Strenge gegen unwürdige
und Beförderung der wissenschaftlichen Fortbildung bei allen« (Hipler,
Briefe, s. u., 562). Um dem eklatanten Priestermangel abzuhelfen,
setzte der Fürstbischof die Verbesserung bzw. Neueinrichtung von Gymnasien
sowie die Reorganisation des Priesterseminars und der theologisch-philosophischen
Hochschule (Lyceum Hosianum) in Braunsberg durch. Doch richtete J.
sein Augenmerk nicht nur auf die Geistlichkeit, sondern engagierte
sich ebenso für die Hebung der Volksbildung (Ausbau des Schulwesens,
Herausgabe vielbeachteter Lesebücher) und die Neubelebung bzw. Vertiefung
des religiösen Lebens (z. B. Sammlung und Einführung deutscher Kirchenlieder,
Wiederbelebung der Bruderschaften, Anleitungen zum Religionsunterricht,
Herausgabe eines Katechismus). Als erster Oberhirte wandte sich J.
den Seelsorgeproblemen in den weiten ostpreußischen Diasporagebieten
zu. Bei fast allen seinen Unternehmungen stieß der Fürstbischof auf
den Widerstand der protestantischen preußischen Regierungsbeamten,
vor allem des Oberpräsidenten Heinrich Theodor von Schön, die in Wahrnehmung
des landesherrlichen ius circa sacra die freie Ausübung seiner bischöflichen
Jurisdiktionsgewalt einzuschränken suchten. Dieser Staat-Kirche-Konflikt,
in welchem J. seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Königshaus
wenig nutzten und er sich nur selten voll durchzusetzen vermochte,
belastete nicht nur seine Amtsführung, sondern betrübte ihn auch persönlich
tief. Über J.s Wesen und Denken geben seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen
Aufschluß. Demnach läßt er sich als ein stiller, gebildeter, zutiefst
frommer und der Romantik verhafteter Mensch charakterisieren. In seinen
theologischen Auffassungen stand er dem Reformkreis um Johann Michael
Sailer nahe. Er war fest überzeugt von der der Kirche kraft göttlichen
Rechts zukommenden Autonomie und faßte sein Bischofsamt als ihm von
Gott gestellte, zu vorbildlichem Seelsorgedienst verpflichtende Aufgabe
auf. Als er 1822 für den Erzbischofsstuhl von Köln ausersehen war,
lehnte er ab. J. erhielt verschiedene Auszeichnungen; u. a. verlieh
ihm die katholisch-theologische Fakultät der Universität Bonn 1835
die Ehrendoktorwürde. Seine letzte Ruhestätte fand der nach längerer
Krankheit in Oliva Verstorbene in der dortigen Klosterkirche. -
Bis in die Gegenwart gilt J. als »Erneuerer des Ermlandes«. Bei den
ermländischen Katholiken genießt er große Verehrung. Aufgrund seiner
geistig-religiösen Einstellung, seiner Funktion als päpstlicher Exekutor
und nicht zuletzt seiner langen Amtszeit zählt J. zu den bedeutenden
Persönlichkeiten der Reorganisationsphase der katholischen Kirche
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dennoch wäre das Bild des
letzten »Fürst«-Bischofs von Ermland in der Historiographie insgesamt
etwas kritischer zu beleuchten, als dies bisher der Fall war.
Werke: Literae pastorales ad Clerum Warmiensem d. d. I
Maii MDCCCXIX (hrsg. v. Franz Hipler, in: Pastoralbl. f. d. Diöz.
Ermld. 8, 1876, 61-65); Anleitung zum Gebrauch der Fiebel und des
Lesebuchs für die Schulen des Bisthums Ermland, 1820; Prüfungsspiegel
für gewissenhafte Schullehrer, 1828; Ein Brief des Fürstbischofes
v. Ermland, Prinz J. v. H., an den Staatsrath Ludwig Nicolovius in
Berlin (hrsg. v. Franz Hipler, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld.
2, 1870,79 f.); Briefe, Tagebücher und Regesten des Fürstbischofs
v. Ermland J. v. H. (1776-1836) (hrsg. v. Franz Hipler, 1883); 7 lat.
Pastoralschreiben zur Gesch. der ermländ. Diöcesansynoden (hrsg. v.
Franz Hipler, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 30, 1898, 7-9, 15
f., 32-34).
Lit.: G. Gerlach, Memoria Josephi ab Hohenzollern, principis
episcopi quondam Varmiensis, 1837; - J. Walter, J. v. H. und Stanislaus
v. Hatten, zwei Bischöfe Ermlands, 1860; - Joseph Bender (Hrsg.),
Gesch. der philos. und theolog. Studien in Ermland. Festschr. d. Kgl.
Lyceum Hosianum zu Braunsberg zu seiner fuenfzigjährigen Jubelfeier,
1868; - Anton Eichhorn, Gesch. der ermländ. Bischofswahlen, in:
Zeitschr. f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 1-4, 1858-1869,
hier 4, 1869, 595-636; - Ders., Die Ausführung der Bulle »De salute
animarum« in den einzelnen Diöcesen des Preußischen Staates durch
den Fürstbischof v. Ermland, Prinz J. v. H., in: Zeitschr. f. d. Gesch.
u. Altertumskunde Ermlands 5, 1870-1874, 1-130; - Franz Hipler,
Regesten zur ermländ. Diöcesangesetzgebung unter dem Fürstbischofe
J. v. H. 1808-1836, in: Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 4, 1872, 101-105
u. 5, 1873, 122 f.; - Ders., J. v. H., Fürstbischof v. Ermland.
Ein Gedenkblatt zur Feier seines 100. Geburtstages am 20. Mai 1876,
1876; - Ders., In Centenarium Josephi Principis de Hohenzollern-
Hechingen Episcopi Warmiensis die XX. Maii a. MDCCLXXVI nati, in:
Pastoralbl. f. d. Diöz. Ermld. 8, 1876, 61; - Ders., Heinrich
Schmülling und die Reform des ermländ. Schulwesens am Eingange des
19. Jh.s, in: Zeitschr. f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 8,
1885, 217-451; - J. v. H., Fürstbischof v. Ermland, in: Katholik,
1883, 168-195; - Franz Splett, Josephus v. H., der letzte Abt
v. Oliva. Eine pädagog.-hist. Studie, 1898; - Franz Schulz, Aus
der Gesch. der Geschlechter Hohenzollern-Hechingen und von Weiher.
Eine Erinnerung an Oliva, in: Mitt. d. Westpreuß. Geschichtsvereins
11, 1912, 37- 44; - Philipp Funk, Beiträge zur Biographie J.s
v. H.-H. Fürstbischofs v. Ermland (1808-1836), 1927; - Eugen Brachvogel,
Das älteste Denkmal für Bischof J. v. H., in: Ermländ. Hauskalender
74, 1930, 30-34 u. in: Unsere ermländ. Heimat 9, 1963, Nr. 4, 16; - Ders.,
Die Erneuerung der ermländ. Klosterschulen unter Bischof J. v. H.,
in: Ermländ. Hauskalender 74, 1930, 37-41; - Ders., Das Priesterseminar
in Braunsberg. Festschr. zur Weihefeier des neuen Priesterseminars
am 23.8. 1932, 1932; - Ders., Wie J. v. H. (+ 1836) Bischof
v. Ermland wurde, in: Ermländ. Hauskalender 80, 1936, 31-39; -
A. G. Langkau, Zum Gedächtnis des Bischofs J. v. H., in: Unsere ermländ.
Heimat 10, 1930, Nr. 9, 10; - Herward Bork, Zur Gesch. des Nationalitätenproblems
in Preußen. Die Kirchenpolitik Theodors v. Schön in Ost- u. Westpreußen
1815-1843, 1933; - F. Eisele, Die Bischöfe aus Hohenzollern, in:
Hohenzollerische Jahreshefte 11, 1951, bes. 163 f.; - Hans Preuschoff,
Hohenzollern auf dem ermländ. Bischofsthron, in: Ermländ. Hauskalender
88, 1955, 27-51; - Bernhard Maria Rosenberg, Beiträge zur Gesch.
des deutschen katholischen Kirchenliedes im Ermland, in: Zeitschr.
f. d. Gesch. u. Altertumskunde Ermlands 29, 1958, 438-520; - Helmuth
v. Osterroht, Die Hechinger Hohenzollern in West- und Ostpreußen,
in: Tradition u. Leben 13, 1961, Nr. 145, 11-14; - Ders., Die
Hechinger Hohenzollern u. Oliva, in: Unser Danzig 13, 1961, Nr. 17,
10 f. u. Nr. 18, 8 f.; - Otto Miller, Des Ermlands Erneuerer vor
hundert Jahren, in: Unser Ermlandbuch, 1966, 34-46; - Neuer Nekrolog
der Deutschen 14, 1836, Tl. 2, 601 (ersch. 1838); - ADB XII, 702
f.; - Altpreuß. Biogr. I, 282 f.; - LThK V, 434 f. u. III,
343 f. (zur Bulle »De salute animarum«); - NDB IX, 499-501 (zur
Linie H.-H.); - Erwin Gatz (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen
Länder 1785/1803 bis 1945. Ein biogr. Lexikon, 1983, 326-329 (ausführlichste
u. beste neuere Würdigung von Leben u. Wirken J.s durch Brigitte Poschmann.