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Band III (1992) Spalten 755-756 Autor: Adolf Lumpe

JUAN RUIZ (spr. chuán ruíth), gen. Arcipreste de Hita (Erzpriester von Hita), spanischer Dichter geistlichen Standes, * um 1283 in Alcalá de Henares, + um 1350. - Über sein Leben ist uns weiter nichts bekannt; die Nachricht, daß der Erzbischof von Toledo über ihn wegen des kirchlich bedenklichen Inhalts seines Lehrgedichts Kerkerhaft verhängt habe, in der er gestorben sei, beruht wohl auf Erfindung. - J. R. verfaßte ein Lehrgedicht, das unter dem (nicht von ihm selbst stammenden, sondern erst 1898 von dem spanischen Philologen Ramón Menéndez Pidal erfundenen) Titel »Libro de buen amor« (Buch von der guten Liebe) bekannt ist. Es ist in »cuaderna vía«, einer mittelalterlichen spanischen Strophenform, abgefaßt. Eine erste Fassung erschien 1330, eine erweiterte zweite Fassung 1343; letztere umfaßt 1.728 Strophen mit 7.173 Versen. Im Prolog erklärt der Verfasser, er wolle mit seiner Lehrdichtung vor der sündhaften Liebe warnen und den Weg zur rechten Liebe zeigen. In seinem Werk geht er aber über diese Absicht hinaus und bietet ein umfassendes satirisches Bild von den Sitten der verschiedenen Stände seines Landes zu seiner Zeit, weshalb das Lehrgedicht eine wertvolle Quelle für die Kultur- und Religionsgeschichte Spaniens im Mittelalter darstellt. Der Autor berichtet von verschiedenen, meist ergebnislosen erotischen Abenteuern, die er selbst erlebt habe; doch ist die Ichform nur eine literarische Fiktion, aus der keine Schlüsse auf sein wirkliches Leben gezogen werden können. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die »Trotaconventos« (Klosterbotin), die der Gestalt der »vetula« der lateinischen Komödie nachgebildet ist. Ein Spottgedicht auf die Kleriker von Talavera geht auf die »Consultatio sacerdotum« des Engländers Walter Map (+ nach 1208) zurück. Die burleske Allegorie von der Schlacht zwischen den Heeren des Don Carnal (»Herr Fleischlich«) und der Doña Cuaresma (»Frau Fasten«) parodiert die Rittergeschichten. Die Exempla und Fabeln, die in das Werk eingefügt sind, entstammen dem mittelalterlichen Bildungsgut. Hirtenlieder ahmen die Volkspoesie, Studentenlieder die Vagantenlyrik nach; daneben finden sich in dem Lehrgedicht aber auch fromme Gebete und innige Marienlieder. - J. R. hat in einer auch sonst in der mittelalterlichen Literatur anzutreffenden Form ernsthafte Frömmigkeit und weltlichen Humor miteinander verbunden.

Werke: Ausgg. des Libro de buen amor v. J. Ducamin, Toulouse 1901; J. Cejador y Frauca, Madrid 1913 (Clásicos castellanos 14 u. 17); M. Criado de Val - E. W. Naylor, Madrid 1965; - Übers. v. W. Goldbaum, Aus dem Buch der guten Liebe, München 1960 (Ausw.).

Lit.: Paul Wiegler, Gesch. d. Weltlit., Berlin 19203, S. 237. 243; - F. Lecoy, Recherches sur le »Libro de buen amor« de J. R., Paris 1938; - W. Kellermann, Zur Charakteristik des »Libro« des Arcipreste de Hita, in: Zschr. f. roman. Philologie 67, 1951, S. 225-254; - U. Leo, Zur dichterischen Originalität des Arcipreste de Hita, Frankfurt a.M. 1958; - LThK V, 1148; - KLL VI, 5672 f. (m. weiteren Lit.).

Adolf Lumpe

Letzte Änderung: 09.06.1998