JUAN RUIZ (spr. chuán ruíth), gen. Arcipreste de Hita (Erzpriester
von Hita), spanischer Dichter geistlichen Standes, * um 1283 in Alcalá
de Henares, + um 1350. - Über sein Leben ist uns weiter nichts
bekannt; die Nachricht, daß der Erzbischof von Toledo über ihn wegen
des kirchlich bedenklichen Inhalts seines Lehrgedichts Kerkerhaft
verhängt habe, in der er gestorben sei, beruht wohl auf Erfindung.
- J. R. verfaßte ein Lehrgedicht, das unter dem (nicht von ihm
selbst stammenden, sondern erst 1898 von dem spanischen Philologen
Ramón Menéndez Pidal erfundenen) Titel »Libro de buen amor« (Buch
von der guten Liebe) bekannt ist. Es ist in »cuaderna vía«, einer
mittelalterlichen spanischen Strophenform, abgefaßt. Eine erste Fassung
erschien 1330, eine erweiterte zweite Fassung 1343; letztere umfaßt
1.728 Strophen mit 7.173 Versen. Im Prolog erklärt der Verfasser,
er wolle mit seiner Lehrdichtung vor der sündhaften Liebe warnen und
den Weg zur rechten Liebe zeigen. In seinem Werk geht er aber über
diese Absicht hinaus und bietet ein umfassendes satirisches Bild von
den Sitten der verschiedenen Stände seines Landes zu seiner Zeit,
weshalb das Lehrgedicht eine wertvolle Quelle für die Kultur- und
Religionsgeschichte Spaniens im Mittelalter darstellt. Der Autor berichtet
von verschiedenen, meist ergebnislosen erotischen Abenteuern, die
er selbst erlebt habe; doch ist die Ichform nur eine literarische
Fiktion, aus der keine Schlüsse auf sein wirkliches Leben gezogen
werden können. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die »Trotaconventos«
(Klosterbotin), die der Gestalt der »vetula« der lateinischen Komödie
nachgebildet ist. Ein Spottgedicht auf die Kleriker von Talavera geht
auf die »Consultatio sacerdotum« des Engländers Walter Map (+
nach 1208) zurück. Die burleske Allegorie von der Schlacht zwischen
den Heeren des Don Carnal (»Herr Fleischlich«) und der Doña Cuaresma
(»Frau Fasten«) parodiert die Rittergeschichten. Die Exempla und Fabeln,
die in das Werk eingefügt sind, entstammen dem mittelalterlichen Bildungsgut.
Hirtenlieder ahmen die Volkspoesie, Studentenlieder die Vagantenlyrik
nach; daneben finden sich in dem Lehrgedicht aber auch fromme Gebete
und innige Marienlieder. - J. R. hat in einer auch sonst in der
mittelalterlichen Literatur anzutreffenden Form ernsthafte Frömmigkeit
und weltlichen Humor miteinander verbunden.
Werke: Ausgg. des Libro de buen amor v. J. Ducamin, Toulouse
1901; J. Cejador y Frauca, Madrid 1913 (Clásicos castellanos 14 u.
17); M. Criado de Val - E. W. Naylor, Madrid 1965; - Übers. v.
W. Goldbaum, Aus dem Buch der guten Liebe, München 1960 (Ausw.).
Lit.: Paul Wiegler, Gesch. d. Weltlit., Berlin 19203,
S. 237. 243; - F. Lecoy, Recherches sur le »Libro de buen amor«
de J. R., Paris 1938; - W. Kellermann, Zur Charakteristik des
»Libro« des Arcipreste de Hita, in: Zschr. f. roman. Philologie 67,
1951, S. 225-254; - U. Leo, Zur dichterischen Originalität des
Arcipreste de Hita, Frankfurt a.M. 1958; - LThK V, 1148; -
KLL VI, 5672 f. (m. weiteren Lit.).