JUDAS CYRIACUS (Quiriacus), legendarischer Märtyrerbischof von Jerusalem,
zentrale Figur der von antijüdischen Elementen durch-zogenen Kreuzauffindungslegende
C (= Cyriacuslegende). Nach dieser wurde er, ein später Verwandter
des Stephanus der Apg, gezwungen, bei der Auffindung des wahren Kreuzes
und der Nägel mitzuwirken und kam durch die damit verbundenen Wunder
zum Glauben. Auf Geheiß Kaiserin Helenas weihte ihn völlig anachronistisch
der römische Bischof Eusebius (+310) vor Ort zum Bischof von Jerusalem.
Das Martyrium erlitt er angeblich unter Julian Apostata (361-63).
- Sämtliche Nachrichten der Legende und Passio sind unhistorisch.
Lediglich Eusebius erwähnt zur Zeit Bar Kokbas (132-135) als letzten
judenchristlichen Bischof Jerusalems einen Judas (H.E. IV 5,3), der
nach Schlatter möglicherweise Aufzeichnungen über Grab und Hinrichtungsstätte
Jesu hinterließ. Daß er den Beinamen Kyriakos trug, hält Schlatter
gleichfalls für historisch, ist aber nicht strikt zu beweisen. Die
Funktion des J. C. in der Legende ist typologisch die eines neuen
Judas, der den Verrat des Judas (Mt 26,47-50 par) ausgleicht. -
Die Legende ist nach Straubinger syrischen Ursprungs (anders Pigoulewski)
und in der 1. Hälfte des 5. Jh. entstanden. Nach 500 verbreitete sie
sich im Westen und wurde die im Mittelalter populärste Fassung der
Kreu-z-auffindungslegenden. Die Translatio weiß von einer Übertragung
der Gebeine nach Ancona unter Galla Placidia (421-450). Dort nachweislich
ein Kult seit dem 14. Jh. Eine früh kritisierte Lokaltradition nimmt
J. C. als ersten Bischof für Ancona in Anspruch.
Quellen: BHO 54f (233-236); BHG 142 (465), App. I, 82
(399 + 405); BHL 619f (4169) u. Suppl. 454f, 1021f (7022-25) u.
Suppl. 739f; Jacobus a Voragine, Legenda aurea 64 (Ed. Graesse 303
- 311).
Lit.: Johannes Straubinger, Die Kreuzauffindungslegende:
FChLDG 11,3, 1912; - Francesco Lanzoni, Le diocesi d'Italia dalle origini al principio del secolo VII (an. 604)
[1]: StT 35, Faenza 1927, 384; - N. Pigoulewski, Le martyre de
Saint Cyriaque de Jérusalem, in: ROC 26, 1927/28, 305-356; - Mario
Natalucci, Antichità cristiane di Ancona, 1934, 20-28; - Baudouin
de Gaiffier, »Sub Iuliano Apostata« dans le Martyrologue Romain, in:
AnBoll 74, 1956, 39; - Adolf Schlatter, Synagoge und Kirche bis
zum Barkochba-Aufstand, 1966, 144-153; - A. Linder, Ecclesia
and Synagoga in the Medieval Myth of Constantine the Great: Revue
belge de Philologie et d'Histoire 54, 1976, 1019 - 60; - Francois
Halkin in: AnBoll 103, 1985, 205f; Jan Willem Drijvers, Helena Augusta:
waarheid en legende (Diss. Groningen) 1989, 153- 186; 198-200; -
Stefan Heid, Der Ursprung der Helenalegende im Pilgerbetrieb Jerusalems:
JAC 32, 1989, 41-71; - LThK1 5, 670; - LThK2
5, 1152; Bibliotheca Sanctorum 3, 1962, 1296f; - Wolfgang Braunfels
(Hrsg.), Lexikon der christlichen Ikonographie 6, Rom - Freiburg u.a.
1974, 15.
Hans Reinhard Seeliger
Letzte Änderung: 09.04.2011