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Band III (1992) Spalten 840-843 Autor: Reinhard Breymayer

JUNG (Junge, Jungius), Hermann, evangelisch-lutherischer Pastor, Didaktiker (Freund von Comenius), frühpietistischer Chiliast, * 1608 (oder 1609), vermutlich in Brokreihe-Nord (Klostervogtei Hodorf des Klosters Itzehoe; heute Brokreihe Gemeinde Hodorf) als Sohn des Landwirts Johann Junge und der Margareta geb. Martens, begr. 7.6. 1678 in Monnickendam bei Amsterdam in der (ref.) Groote Kerk. - J. immatrikulierte sich am 9.7. 1628 an der Universität Rostock als »Hermannus Jungius Itzehoensis Holsatus«, am 10.8. 1629 unter dem Rektorat von Joachim Jungius (1587-1657), dem Freund von Johann Amos Comenius, am Akademischen Gymnasium in Hamburg. Ein wichtiger gemeinsamer Freund von J. und Comenius ist der Hamburger Vincenz Fabricius (1612-1666), nachmals Stadtsyndikus in Danzig; er ruft J. 1633 in einem Gedicht emphatisch an: »Iungi, summe meorum amiculorum!« Um 1638 studiert J. wieder an der Universität Rostock. Bei Samuel Bohl (1611-1639), einem berühmten Hebraisten, konnte J. sich ausgedehnte hebraistische Sprachkenntnisse erwerben. J. besaß neben seiner Gelehrsamkeit eine charismatische Lehrbegabung. Der Bibliograph Johann Moller (1661-1725) berichtet, J. sei ein ausgezeichneter und sogar seinem Freund Comenius überlegener Didaktiker gewesen. Seit September 1641 bis zu seinem Tode war J. lutherischer Pastor in Monnickendam. Neben den Predigtgottesdiensten hielt er, darin ein wichtiger Vertreter des Frühpietismus, private Bibelbesprechstunden (Collegia biblica) und katechetische Übungen über die ganze Bibel ab; er führte auch einfache Leute zu eigenständiger Lektüre des hebräischen Alten Testamentes. Trotz der Anfeindungen von seiten des Lutherischen Konsistoriums in Amsterdam wegen dieser »Neuerungen« und J.s Eintreten für den Separatisten Friedrich Breckling (1629-1711) harrte J. an seinem Posten aus und lehnte die Rufe auf eine Superintendentenstelle nach Gotha und Sulzbach/Oberpfalz ab. Als J. von Philipp Jakob Speners seit 1670 in Frankfurt am Main abgehaltenen »collegia pietatis« erfuhr, nahm er Anfang 1678 mit ihm über seinen Freund Breckling Verbindung auf. Spener würdigte in einem Brief vom 22.6. 1678 an Breckling und vom 23.6. 1678 an J. das von diesem übersandte Manuskript »von dem wahren heilsglauben«, erkannte aber, daß J.s knapper, holländisch beeinflußter Stil die Wirkung begrenzen mußte. Doch J.s Erstlingswerk »Optima Politica« (1660), ein Fürstenspiegel für König Friedrich III. von Dänemark, hatte eine beträchtliche Nachwirkung. Es entstand unter dem Einfluß des befreundeten, von Breckling hochgeschätzten mystischen Spiritualisten und Pazifisten Ludwig Friedrich Gifftheil (1618-1661). Gegen die absolutistische Ausweitung der Königsmacht im Zeichen der Staatsräson setzt J. die Besinnung auf biblische Maximen (»Friede auf Erden«). Er sieht den König nicht 'absolut', sondern als Glied des Leibes Christi und macht sich zum Anwalt der Armen und Unterdrückten. Von diesem sozialkritischen Impetus ist die radikale Obrigkeitskritik Brecklings auf stärkste beeinflußt. J.s »Schrift-Troost« (1661) verteidigt den Vorrang des Bibelworts vor dem 'inneren Licht' gegen den Quäker William Ames. Chiliastische Zukunftshoffnung auf bessere Zeiten vertritt J. in der kurzen Schrift »Hoffnung und Sinn von diesen letzten Zeiten« (1663).

Werke: Regia redemtorum nutricatio, Regentibus cum Regendis aequè salutífera divinis in literis lucide diffusa, diam Salutis ad Regulam hanc brevi simplicitate concepta. Amsterdam 1660 mit der anonymen Titelausg.: Optima Politica. Divinis in Literis lucidè diffusa, hîc breviter adumbrata, [Amsterdam 1660]; Einfältig Gewissens Bedencken über das Flenßburgische Vrtheil wieder M. Fridericum Brecklingium, in: Friedrich Breckling, Veritatis triumphus, 1660, Bl. K 7b - K 9b; [Verb. Aufl.] o. J., 188-190; Schrift-Troost Tot Jegelix Heyl. [...] tegen William Ames Verwerring en Verdoeming, Amsterdam 1661; Hoffnung und Sinn von diesen letzten Zeiten, 16631, 16662 bzw. (1697)3, angedruckt an: Friedrich Breckling, Christus Judex, 16631, 16662 bzw. o. J. (1697)3 (= T. III in: F. B., Sechs geistreiche unterschiedliche Schrr., 1697); Dänsche Gemeent-Stichting in Amsterdam, 1664; Jungii Onschuld, op Gotfried Artus siin Boeckschen tegen Frid. Brecling, genoomt de Eere van het Consistorium van Amsterdam gereddet, &c., dat, onder andern, Jungium mede beschuldiget, Amsterdam 1669; Dobbelde Verantwording tegen dat Consistorium to Amsterdam, en dessen Eeren-Redder, Amsterdam 1669; Den doot getroost ontmoet ick! [Leichengedicht auf Paulus Cordes, Luth. Pr. in Amsterdam], in: Reimerus Ligarius, Exequiae Cordesianae, Den Haag/Amsterdam [1675], 31.

Lit.: Vincenz Fabricius, Poematum juvenilium libri III, Leiden 1633, 70: »Ad Hermannum Jungium«; - Philipp Jakob Spener, Brief an Friedrich Breckling, Frankfurt a. M., 22.6. 1678. Gekürzter Abdr. in: Spener, Theol. Bedencken I, 17001, 17072, 17123, jeweils 582-589, bes. 582 f., 586; - Ausführl. Abdr. in: Fortges. Smlg. Von Alten und Neuen Theol. Sachen, [hrsg. von M. H. Reinhardt d. Ä.], 9, 1728, 364-380, bes. 364 f., 373; - Spener, [Brief an J.], Frankfurt a. M., 13. [23.] 6. 1678, in: Spener, Letzte Theol. Bedencken, 17111 (Reprint, eingel. von D. Blaufuß, P. Schicketanz, 1987 = Spener, Schrr., hrsg. von Erich Beyreuther, XV/1), 261-264; - Gottfried Arnold, Unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historie, 1729 (Reprint 1967), Bd. I, T. 2 [erstmals 1699], 1162; Bd. II [erstmals 1700], T. 3, 152, dazu ebd., T. 4, 1089-1108: Friedrich Breckling, Catalogus testium veritatis, bes. 1089-1092, 1103; - Die Matrikel des Akad. Gymnasiums in Hamburg 1613-1883. Eingel. und erl. von C[arl] [Hieronymus] Wilh[elm] Sillem, 1891 (Reprint Nendeln 1980), XVI, 18; - Die Matrikel der Univ. Rostock III, hrsg. von Adolph Hofmeister, 1895 (Reprint Nendeln 1976), 73, Nr. 21; - G. Wegemann, Das Brandes-, Boje-Francke- und Albert Franckesche Familienlegat, in: Zschr. der Ges. f. Schleswig-Holsteinische Gesch. 34, 1904, 1-130 + Beil., bes. 92 und Beil., Taf. 5; - J. Loosjes, Naamlijst van Predikanten, Hoogleeraren en Proponenten der Luthersche Kerk in Nederland, Den Haag 1925, 136; - Theodor Wotschke, Friedrich Brecklings niederrhein. Freundeskr., in: Mhh. f. Rhein. KG 21, 1927, 3-21, bes. 8, 10, 18-20. (Vgl. Ders., ebd., 117-119, 355, 369 f.); - Ders., Der märk. Freundeskr. Brecklings, in: Jb. f. Brandenburgische KG 23, 1928, 134-203, bes. 146 f., 161, 176 f.; - Johannes Gravert, Die Bauernhöfe zw. Elbe, Stör und Krückau, 1929 (unv. Nachdr. 1977), 374; - William I. Hull, The Rise of Quakerism in Amsterdam 1655-1665. Swarthmore, Pennsylvania 1938 (Swarthmore College Monographs on Quaker History 4), 260 f.; - (Karl Scholta), Deutsche Prediger im ndrl. Raum seit der Reformation, Soest/Holland 1943 (Veröff. der Forschungsstelle 'Volk und Raum'. hrsg. Wolfgang Ispert, 6), 39, - J. Bruckner, A Bibliographical Catalogue of Seventeenth-Century German Books Published in Holland, Den Haag/Paris 1971 (Anglia Germanica 13), 272 f., 545; - Martin Schmidt, Pietismus, 19721 (ebenso 19782, 19833), 126; - Caspar C. G. Visser, Die mystisch-pietistische Strömung in der Ndrl.-Luth. Kirche in der zweiten Hälfte des 17ten Jh.s, in: Pietismus und Réveil. Hrsg. von J. van der Berg und J. P. van Dooren, Leiden 1978 (Kerkhist. Bijdragen VII), 169-181, bes. 171-176, 181; - Reinhard Breymayer, Politik aus dem Geist der Bibel: Die wiederentdeckte »Optima Politica« [Amsterdam 1660] von H. J., einem Freund von Friedrich Breckling und von Johann Amos Comenius. Ed. und Bibliogr., in: Pietismus-Forsch. Z. Philipp Jacob Spener und z. spiritualist.-radikalpietist. Umfeld. Hrsg. von Dietrich Blaufuß, 1986 (Europ. Hochschulschrr., R. 23, Bd. 290), 385-513 (448-513 Bibliogr.); - Ders., Ein vergessener Freund von Comenius: H. J. (um 1608-1678) aus Brokreihe b. Hodorf (Holstein), P. in Monnickendam (Niederlande), in: Comeniusforschungsstelle im Inst. f. Päd. der Ruhr-Univ. Bochum. Mitt.bl. 19, 1986, 18-30; - Wiederabdr.: Ders., Ein vergessener Freund von Comenius: H. J., in: Zwanzig Jahre Comeniusforsch. in Bochum. Hrsg. von Klaus Schaller, 1990 (Schrr.z. Comeniusforsch. 18, 179-184); - J. L. Klaufus, D[ominu]s. H. J., in: Documentatieblad Lutherse Kerkgeschiedenis (Haarlem) 1, 1987, 38-41; - Karl Hermann Junge, Pastor H. Junge (1608-1678). Ein fast vergessener Pietist, in: Norddt. Familienkunde 38, 1990, S. 40-42; - Paul Estié: Die Auseinandersetzung von Charitas, Breckling, Jungius und Gichtel in der luth. Gemeinde zu Kampen 1661-1668, in: PuN 16, 1990, 31-52, bes. 38f., 44f., 49f.; - Johann Moller, Cimbria Literata, Kopenhagen 1744, I, 288 f.; III, 75 f., 83, 85; - BWGN IV, 1931, 598; - NNBW IX, 1933, 479; - Biograph. Lex. für Schleswig-Holstein und Lübeck VII, 1985, 33-38 (Art. Breckling, Friedrich), bes. 33; IX, 1991, 170-172 (Art. Jung [Jungius], Hermann).

Reinhard Breymayer

Letzte Änderung: 09.06.1998