JUSTUS von Tiberias, jüdischer Historiker aus dem letzten Drittel
des 1. Jahrhunderts nach Christus. - J. entstammte als Sohn eines
Pistus einer angesehenen Familie aus Tiberias in Galiläa. Mit hellenistischer
Bildung und Kultur war er wohlvertraut. Geburts- und Sterbedatum sind
unbekannt. - J. schrieb ein Werk »Über die Könige der Juden in
Stammbäumen«, das von Mose bis zu Agrippa II. (gest. 92/93 nach Christus)
reichte. Darüber hinaus ist er Autor einer Geschichte des Jüdischen
Krieges (66-70), die wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte der
90er Jahre des 1. Jahrhunderts erschien. Außer einigen wenigen Fragmenten
ist von beiden Werken nichts erhalten; Aufschlüsse über eine bestimmte
politische oder historiographische Tendenz des J. lassen die Fragmente
nicht zu. Wir wissen lediglich, daß J. sich in seinem Werk über den
Jüdischen Krieg kritisch mit der Rolle des Josephus Flavius (s.d.)
in diesem Krieg auseinandersetzt und dessen eigene Geschichte des
Aufstandes gegen Rom angreift. Gegen des J. Vorwürfe verteidigte Josephus
sich in seiner Autobiographie, welchem Werk wir die einzigen ausführlicheren
Kenntnisse über J. verdanken. Was wir jedoch hier über ihn erfahren,
ist der Intention des Werkes entsprechend überaus polemisch gefärbt
und darum historisch über weite Strecken nicht zutreffend. Es läßt
sich aber soviel sagen, daß die Nähe zu König Agrippa II. die Konstante
in J.s Leben bildete: Mit ihm teilt er zu Beginn des Aufstandes die
zwar nicht ausgesprochen römerfreundliche, aber doch nüchterne und
realistische Haltung in bezug auf die Einschätzung der Erfolgsaussichten
eines Krieges gegen Rom. Aus diesem Grunde gerät J. in einen Konflikt
mit Josephus, der vom Synhedrion den Auftrag erhalten hatte, Galiläa
kriegsbereit zu machen. Von diesem wird J. zusammen mit seinem Vater
und anderen Notabeln der Stadt ins Gefängnis geworfen, aus dem er
aber entkommen und zu Agrippa II. nach Berytos (Beirut) fliehen kann
(Ende 66/Anfang 67). Agrippa macht J. zu seinem Privatsekretär, was
es diesem ermöglicht, über den Verlauf des Krieges ständig informiert,
in ihn aber nicht direkt verwickelt zu sein. Die hierbei gewonnene
Kenntnis der Ereignisse versetzte ihn dann in die Lage, seine Geschichte
des Jüdischen Krieges zu verfassen. - J. v. T. spielte im Verlauf
des Jüdischen Krieges bei weitem nicht die aktive Rolle, die Josephus
ihm zuschreibt. Schon gar nicht war er ein Feind der Römer oder gar
ein Zelot - eher das Gegenteil. Wäre seine Geschichte des Jüdischen
Krieges erhalten, könnten wir mit Sicherheit manche Einseitigkeit
und Verzeichnung in der Darstellung des Josephus zurechtrücken.
Werke: Die Fragmente der griechischen Historiker, hg.
v. Felix Jacoby, III, C, 2, 1958, Nr. 734, S. 695-699.
Lit.: Flavius Josephus, Vita 34, 36 ff., 40 f., 65, 88,
165 ff., 186, 279, 336, 338, 340, 355 ff., 390 ff., 410; - Emil
Schürer, Gesch. des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, I,
19013, 58-63, III, 19094, 496 f., - H. Luther, Josephus
und Justus von Tiberias, Diss. Halle 1910; - Franz Rühl, Justus
von Tiberias, in: RhMusPh 71, 1916, 289-308; - Hans Drexler, Untersuchungen
zu Josephus und zur Gesch. des jüd. Aufstandes 66-70, in: Klio 19,
1925, 277-312, 293-299: »Die Vita und Justus von Tiberias«; -
Abraham Schalit, Josephus und Justus. Studien zur vita des Josephus,
in: Klio 26, 1933, 66-95; - Th. Frankfort, La date de l'autobiographie
de Flavius Josèphe et des œuvres de Justus de Tibériade, in: Rev.Belge
de Philologie et d'Histoire 39, 1961, 52-58; - Solomon Zeitlin,
A Survey of Jewish Historiography, in: JQR 60, 1969, 65-68; -
T. Rajak, Justus of Tiberias, in: CQ 23, 1973, 345-368; - PRE
X, 1341-1346; - RGG3 III, 1077; - EncJud X, 479 f.;
- KP III, 24 f.
Michael Wolter
Literaturergänzung:
2009
Zuleika Rodgers, Monarchy vs. priesthood. Josephus, J. of T., and Agrippa II, in: A wandering Galilean. Leiden 2009, S. 173-184.
Letzte Änderung: 09.04.2011