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Band XVIII (2001)Spalten 711-717 Jeannette Strauss Almstad
Matthias Wolfes

JACOBSON, Israel, Kaufmann und jüdischer Theologe, * 17. Oktober 1768 in Halberstadt, gestorben 13./14. September 1828 in Berlin. - J. gilt als der Begründer der gottesdienstlichen und pädagogischen Reformbewegung im deutschsprachigen liberalen Judentum. Er wuchs als Sohn des Kaufmanns Jacob Israel Jacobson (1729-1803) in seiner Geburtsstadt auf. Sein Vater hatte das Amt des Vorstehers der Halberstädter Gemeinde inne und stand der orthodoxen religiösen Richtung nahe. Nach anfänglicher Theologenausbildung, zu der ihn sein Vater bestimmt hatte, wandte J. sich dem Kaufmannsstand zu. Unterstützt von seinem Schwiegervater, dem braunschweigischen Kammeragenten in Wolfenbüttel Herz Samson († 1794), brachte er es rasch zu Ansehen und Erfolg. Doch auch der ursprünglichen Berufsorientierung blieb er verbunden, indem er 1795, nachdem er selbst Kammeragent geworden war, das Amt eines Landrabbiners für den Weserdistrikt (die heutigen Landkreise Gandersheim und Holzminden) übernahm. In seinem politischen und religiösen Denken war J. durch die Ideale der Aufklärung geprägt, worin ihn, gegen die elterliche religiöse Prägung, schon früh die Lektüre der Werke Lessings und Moses Mendelssohns bestärkt hatte. In seiner eigenen Lebensführung strebte J. danach, seine Idee von kultureller Anpassung und Assimilation umzusetzen. Insofern bedeutete es einen wichtigen Erfolg, als er im Jahre 1804 aufgrund seiner Leistungen als braunschweigischer Hofbankier das Naturalisationspatent und im Folgejahr das Bürgerrecht für sich und seine ehelichen Nachkommen erhielt. Auch sonst wurde J. bereits früh mehrfach für seine Verdienste ausgezeichnet: So erhielt er 1803 die Ernennung zum Hofagenten des Markgrafen von Baden, wenig später die zum Kommerzienrat des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, und 1806 wurde er zum Geheimen Finanzrat des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin ernannt. 1805 gründete er, neben seinen sonstigen Handelsgeschäften, eine Fabrik für Rauch- und Tabakwaren in Seesen im Harz. Dennoch war es J. nicht möglich die bestehenden antijüdischen Vorbehalte völlig zu überwinden. Die gesellschaftliche Randstellung der Juden wird in dem Umstand deutlich, daß es ihm, ungeachtet seiner respektierten Stellung und trotz eines intensiven sozialen Engagements, nur auf Intervention des Herzogs und gegen den ausdrücklichen Willen der Braunschweiger Kaufmannsgilde gelang, seinem Sohn die Zulassung als Lehrling zu verschaffen. Dagegen war er in dem Bestreben erfolgreich, den »Judenleibzoll« abzuschaffen, der in besonders entwürdigender Weise in Braunschweig und in Baden eingetrieben wurde. 1803 wurde dieser Leibzoll in Braunschweig, 1804 in Baden und 1805 in Darmstadt abgeschafft. Zu den weiteren Erfolgen gehört das Schulgründungsprojekt in Seesen (siehe unten), durch das J.s Name weithin bekannt wurde. Dennoch waren seinen Aktivitäten bis zum Umsturz des Jahres 1806 klare Grenzen gezogen. Zu stark wirkten sich unter den alten Verhältnissen die Ablehnung und Zurückweisung aus, die sozialen und karitativen Initiativen entgegengebracht wurden, wenn sie von Juden ausgingen. Aber auch im Blick auf den französischen Kaiser, in dem J. - und mit ihm eine große Mehrheit der Juden in Deutschland - den Befreier sah, erfüllten sich seine Hoffnungen nur partiell. Die jüdische Notablenversammlung, das sogenannte »Sanhedrin«, das Napoleon im Mai 1806 nach Paris einberief und an dem auch J. teilnahm, war nicht zu einer freien Äußerung über die Lage der Juden und ihre rechtliche und politische Verbesserung autorisiert. Dennoch siedelte J. als Finanzrat nach Kassel, in das neugeschaffene Königreich Westfalen unter dem Kaiserbruder Jérôme, über, um hier eine rastlose, unermüdliche Tätigkeit im Dienste des Emanzipationsgedankens zu entfalten. Auch die beleidigenden Äußerungen Goethes (»braunschweigischer Judenheiland«) beirrten ihn nicht. J. nahm im neuen Königreich bald eine starke wirtschaftliche Stellung ein. Er gewährte Staatsanleihen, organisierte große Lieferungen an das Heer und vermittelte Anleihen in Millionenhöhe an den König. Im Gegenzug wurde ihm der billige Erwerb säkularisierter Klostergüter gestattet, wodurch J. als erster Jude Besitzer zahlreicher Rittergüter wurde. Nachdem Braunschweig 1807 dem Königreich Westfalen zugefallen war, gelang es J., Jérôme für ein weitgehendes Emanzipationsdekret zu gewinnen (Dekret vom 27. Januar 1808), mit dem den Juden die Rechte christlicher Bürger verliehen wurden. Im gleichen Jahr erhielten Juden in Baden und im darmstädtischen Fürstentum ein eingeschränktes Bürgerrecht. Schließlich wurde am 19. Dezember 1808 in Kassel nach französischem Vorbild das »Königlich Westphälische Konsistorium der Israeliten« eingesetzt, dessen Leitung J. als Präsident übernahm. Im Konsistorialbezirk wurden die Formulare für Eheschließungen und Gottesdienste modernisiert. Jungen und Mädchen wurden konfirmiert und die Predigt in deutscher Sprache gehalten. In Seesen, der Stadt seiner Schulgründung, errichtete J. einen sogenannten »Jakobstempel«, der 1810 unter Einsatz von Kirchenglockengeläut eröffnet wurde (vgl.: Rede bei der Einweihung des Jakobs-Tempels zu Seesen, Kassel 1810). Zur Eröffnungspredigt trug J. den Talar eines evangelischen Geistlichen, zudem wurden deutsche Choräle gesungen. Auch weitere Elemente der protestantischen Gottesdienstfeier, wie die Orgelbegleitung, wurden verwendet, um dem jüdischen Kult jene Eigentümlichkeit zu nehmen, die von nichtjüdischen Beobachtern als Fremdheit wahrgenommen wurde. Auf diese Weise wollte J. die Nähe der jüdischen zur christlichen Religion betonen. Dafür nahm er in Kauf, daß er über Jahre hinweg von der orthodoxen Partei aufs schärfste wegen seines reformerischen Rigorismus angegriffen wurde. Eine Rolle bei diesen Protesten spielten auch die finanziellen Lasten, die die jüdischen Gemeinden im Zuge der Neuorganisation ihres Gemeindelebens zu tragen hatten. An der Formulierung und Durchsetzung des preußischen Emanzipationsgesetzes vom 11. März 1812 war J., der seit längerem mit dem Staatskanzler Karl August von Hardenberg in Kontakt stand, gleichfalls beteiligt. Nachdem sich im Zuge der militärischen Niederlagen Napoleons der westfälische Satellitenstaat nicht mehr halten ließ, siedelte J. nach Berlin über. Auch hier hielt er daran fest, Gottesdienste in moderner Gestalt abzuhalten, wobei er nicht selten selbst als Prediger in Erscheinung trat. Wegen der geringer werdenden Hebräischkenntnisse wurde Deutsch als Gottesdienstsprache verwendet. Der Zulauf, der sich sehr bald aus der Berliner Judenschaft einstellte, machte es erforderlich, eine geräumigere Lokalität zu nutzen, die in dem Hause des Bankiers Johann Herz Beer, des Vaters des Komponisten Giacomo Meyerbeer, gefunden wurde. Zu den Predigern der Reformsynagoge gehörten die Theologen Leopold Zunz, Isaak Lewin Auerbach und Israel Eduard Kley. Nachdem auch in Hamburg und Leipzig ähnliche Stätten eines reformierten deutschsprachigen Gottesdienstes gegründet worden waren, nahm die Reformbewegung in ganz Deutschland ihren Lauf. Besonders von dem Neuen Israelitischen Tempel, der 1818 in Hamburg unter der Leitung Kleys gegründet wurde, gingen starke Reformimpulse aus. Der sogenannte »Jacobson'sche Tempel« selbst mußte allerdings 1823, nach erneuten vehementen Protesten der Orthodoxen, wieder geschlossen werden; sie erwirkten sogar eine ausdrückliche Kabinettsorder des Königs, wonach in Preußen »keine neue Sekte unter den Juden« geduldet werden solle (Order vom 9. Dezember 1823). Auch an der folgenreichsten Initiative dieser Zeit, der Gründung des »Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden«, in der u.a. Eduard Gans, Moses Moser, Auerbach und Zunz zusammenfanden, war J. beteiligt. J. war ein intellektuell überaus beweglicher, bisweilen zu Sarkasmus neigender Charakter. Die Erfolge der Modernisierungsfeinde verbitterten ihn; durch sie sah er sein Lebenswerk gefährdet. Auch blieb, trotz seines Reichtums, J.s rechtliche Stellung dauerhaft prekär. Zwar erhielt er 1816 das Naturalisationspatent im Großherzogtum Mecklenburg, wo er mehrere Güter erworben hatte, doch gelang es ihm erst 1824, nach langjährigen Bemühungen und wiederholten Zurückweisungen, die preußische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Von den zehn Kindern J.s ließ sich die Mehrzahl taufen. Am Ende starb er in stiller Zurückgezogenheit. - In seinem Werk wurde J. von einer starken Begeisterung für das Judentum getragen. In der jüdischen Religion sah ein allgemeines Menschheitsideal wirksam, von dem er einen substanziellen Beitrag zur Humanisierung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse erwartete. In diesem Sinne sah er in der jüdischen Religiosität in erster Linie eine Antriebskraft zu kultureller Wirksamkeit - hierin der Sicht zeitgenössischer evangelischer Theologen im Blick auf den Protestantismus vergleichbar. Von dem bleibenden und überzeitlichen Gehalt der jüdischen Religion unterschied J. einen äußeren, vergänglichen und allein auf die jüdische »Nation« bezogenen Bestand an Glaubenssätzen. Ihn gelte es in der Betonung jener übernationalen Wahrheiten zu überwinden. Zu seinen dauerhaftesten Erfolgen zählte sein Beitrag zur Reform des jüdischen Schulwesens. Mit der von ihm gegründeten und unterhaltenen »Jacobson-Schule« in Seesen gelang ihm die Einrichtung einer nach den Grundsätzen der Philanthropisten geführten Modellschule, die aufgrund ihrer überzeugenden pädagogischen Leistungen bald weithin in hohem Ansehen stand. Die Schule wurde im Sinne einer jüdischen Reformschule 1801 als »Religions- und Industrieschule« mit zunächst zwölf Freistellen eröffnet. Gegenüber dem Hauptzweck, die Schüler zu »guten Staatsbürgern« zu erziehen, trat die religiöse Unterweisung in den Hintergrund. Infolgedessen, und weil die Pädagogen einen ausgezeichneten Ruf genossen, beantragten auch christliche Bürger der Stadt die Aufnahme ihrer Kinder. Nach einer entsprechenden amtlichen Genehmigung wurde die Schule 1805 die erste Simultanschule in Deutschland. Gottesdienste wurden in der Schulsynagoge nach dem Reformprinzip gefeiert. 1839 erfolgte die Umwandlung der Schule in eine Höhere Bürgerschule, 1870 in eine Realschule. 1906 wurde sie als Reform-Realgymnasium anerkannt, und drei Jahre später wandte man erstmals im Fürstentum Braunschweig hier die Koedukation an. 1926 ging die Schule in die öffentliche Hand über, von der sie als Oberrealschule weitergeführt wurde. Als Jacobson-Gymnasium Seesen besteht sie bis heute.

Veröffentlichungen: Rede bei der Feier der Geburt eines Enkels des Durchlauchtigsten Herzogs von Braunschweig-Lüneburg gehalten am 19. December 1804 in der Synagoge der jüdischen Gemeinde zu Braunschweig, Braunschweig 1804 [Zweite Auflage: Braunschweig 1804]; Les premiers pas de la nation juive vers le bonheur sous des auspices du Grand Monarche Napoléon [Denkschrift], 1806 [vgl. dazu den Bericht: Auszug aus der Weser Provinzial-Zeitung Nro. 128. D.D. 10. August 1806. Ein deutscher Jude, Herr Jacobson, Herzogl. Braunschweigischer Agent, [...], o.O. [Wesel] 1806]; Unterthänigste Vorstellung an Seine Hoheit den Fürst Primas der Rheinischen Konföderation über höchst dessen neue Stättigkeits- und Schutzordnung für die Judenschaft in Frankfurt am Main, Braunschweig 1808 [vgl. dazu: [Anonym:] Bemerkungen über des Herrn Geheimen Finanzrath's Israel Jacobson Unterthänigste Vorstellung an Se. Hoheit den Fürst Primas, der Rheinischen Conföderation. Höchst dessen neue Stättigkeits- und Schutzordnung für die Judenschaft in Frankfurt am Main betreffend, o.O. 1808]; Rede bei der Einweihung des Jakobs-Tempels zu Seesen, Kassel 1810 [französische Ausgabe: Discours prononcé par M. Israel Jacobson [...] lors de la dédicace du Temple de Jacob à Seesen. Traduit de l'allemand par C. D., Braunschweig 1810]; Rede des Präsidenten Jacobson bei der von ihm Sabbat Nissan 5572 in der hiesigen Synagoge verrichteten Konfirmation. Nebst dem Religions-Bekenntniß der Konfirmanden, Kassel 1812.

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Lit.: Feierlicher Empfang des Präsidenten Hrn. Israel Jacobson in M. H. Bock's Lehr- und Bildungsanstalten, Berlin 1811; - Guttmann Ruelf: Einiges aus der ersten Zeit und über den Stifter der Jacobson-Schule in Seesen, o.O. 1890; - Das Gebetbuch »Beth Jakob« für den Gottesdienst im Tempel der Jacobson-Schule zu Seesen am Harz. Herausgegeben von H. Strauss, o.O. 1911; - Cäsar Seligmann: Geschichte der jüdischen Reformbewegung, Frankfurt am Main 1922; - Felix Lazarus: Das Königlich-Westphälische Konsistorium der Israeliten. Nach meist unbenützten Quellen, Pressburg 1914; - S. Silberstein: Das Testament Israel Jacobsohns, in: Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Jahrgang 1927, 100-109; - Ismar Elbogen: Ein Jahrhundert jüdischen Lebens. Die Geschichte des neuzeitlichen Judentums. Herausgegeben von Ellen Littmann (Bibliotheca Judaica), Frankfurt am Main 1967; - Heinz Mosche Graupe: Die Entstehung des modernen Judentums. Geistesgeschichte der deutschen Juden 1650-1942, Hamburg 1969 [Zweite revidierte und erweiterte Auflage: Hamburg 1977]; - Juden in Preußen. Ein Kapitel deutscher Geschichte. Herausgegeben vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Dortmund 1981; - Jüdische Geschichte in Berlin. Bilder und Dokumente. Herausgegeben von Reinhard Rürup, Berlin 1995; - ADB 13, 619 (Berthold Stern); - Jüdisches Lexikon III, 113-115 [hier auch Hinweise auf die ältere biographische Literatur]; - NDB 10 (1974), 248-249 (Hans-Joachim Schoeps); - DBA I 595, 179-201; - DBA II 643, 63-67. [Wir sind den Schülern des Gymnasiums Seesen zu Dank verpflichtet, die eine als Internetpublikation veröffentlichte ausführliche biographische Dokumentation zu Israel Jacobson erstellt haben.]

Jeannette Strauss Almstad
Matthias Wolfes

Literaturergänzung:

2010

Hartmut Bomhoff, I.J. Wegbereiter jüd. Emanzipation. Berlin 2010.

Letzte Änderung: 09.04.2011