JOHANN VON LIESER (de Lesura, de Lisura, Lizura, de Lysura, Lyseranus, eig. Hof(f)mann), I.U.D., Kurmainzer, Kurtrierer u. Kurpfälzer Rat, Diplomat, Gesandter, Domherr, Propst, Kanoniker, * um 1400 in Lieser/Mosel, So. v. N. Hof(f)mann, † 27.8. 1459 in Mainz, begraben in der Marienkapelle der Mainzer Kartause, Grabmal nicht mehr vorhanden. Dem Familiennamen nach war sein Vater Pächter oder Hofverwalter eines der in Lieser ansässigen Kloster- oder Adelshöfe, vielleicht des Himmeroderhofes. - Wie sein Landsmann und langjähriger Freund Nikolaus Cusanus (s.d.) aus dem benachbarten Kues ein Jahr zuvor immatrikulierte er sich am 23.6. 1417 zunächst in Heidelberg, 1423 in Erfurt und 1424 in Leipzig, anschließend studierte er die Rechte in Siena, dort promovierte er vorm Sommer 1429 zum Dr. Decretorum. Daß er auch bei den Legisten promovierte, ist quellenmäßig nicht nachgewiesen aber nicht zu bezweifeln, wird er doch mehrfach als Dr. utriusque bezeichnet, so auch von Enea Silvio de Piccolomini (s.d.), dem späteren Papst Pius II. Im März 1434 ist J.v.L. erneut in Italien, unter anderem in Pavia. Der Grund dieser Reise ist unbekannt, könnte aber in Zusammenhang mit dem Trierer Schisma stehen. Die seit der Goldenen Bulle von 1356 immer unverblümter nach territorialer und politischer Souveränität strebenden Fürsten waren zunehmend darauf angewiesen, sich hierbei auf Kenner des Verwaltungs- und Kanzleiwesens zu stützen und sich vor allem der Dienste versierter Juristen zu versichern, um ihre Ziele gegen die eigentlichen Autoritäten des Alten Reiches, Kaiser und Papst, durchzusetzen. So entstand das "Berufsbild" des gelehrten Rates, das J.v.L. in der Nachschau als einer der bekanntesten und erfolgreichsten seiner Zeit repräsentieren sollte. Seine erste Tätigkeit auf öffentlicher Bühne führte ihn zum 1430 eröffneten Baseler Konzil, wo er seit spätestens Anfang 1434 als Prokurator die Ansprüche des aus zwiespältiger Wahl hervorgegangenen Trierer Elekten Ulrich von Manderscheid wahren sollte. Der Papst hatte Ulrich und dessen Gegenspieler Jacob von Sierck (s.d.) gleichermaßen abgelehnt und dafür den Speyerer Bischof Raban von Helmstatt (s.d.) auf den Trierer Stuhl providiert. Jakob beugte sich dem Spruch, Ulrich hingegen ließ es auf den Kampf vor der Kurie und auf dem Konzil ankommen und suchte gleichzeitig im Trierer Land mit Gewalt Tatsachen zu schaffen. Ulrich hatte J.v.L. dabei keinem geringeren als Nikolaus Cusanus zur Seite gestellt. Die Zurückweisung Ulrichs auch seiten des Konzils ließ J.v.L. wohl bald die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen klar werden. Neben seiner Konzilstätigkeit finden wir ihn seit Juni 1434 in der Umgebung Dietrichs Schenk von Erbach, also noch vor dessen erst im Juli erfolgender Wahl zum Mainzer EB und Kurfürsten. Dessen erster diplomatischer Auftrag führte J.v.L. nach Florenz zu Papst Eugen IV. (s.d.), wo er für Dietrich die päpstliche Bestätigung und das Pallium einholen sowie die Servitienzahlung regeln sollte. Erstere erlangte er am 20.10. 1434, das Pallium am 5. Dezember. EB Dietrich lohnte die erfolgreiche Mission, indem er J.v.L. mit weiteren Pfründen bedachte und ihn schließlich am 1.2. 1436 zu seinem Generalvikar machte. Die Amtsausübung oblag jedoch weiter seinem Vorgänger Johannes Gutwin, da J.v.L seine Arbeit auf dem Konzil offensichtlich fortführen wollte und EB Dietrich so gleichzeitig mit J.v.L. als seinem Prokurator den Wunsch des Konzils nach einer angemessenen Mainzer Vertretung endlich erfüllen konnte. J.v.L. war seit dem 27.5. 1435 dem Konzil inkorporiert und der Glaubensdeputation zugeteilt worden. Im Sommer desselben Jahres weilt er erneut an der Kurie, wo er die Servitientaxe endgültig aushandelt, indem er sich für EB Dietrich am 20.8. für die Zahlung von 6000 Florin verbürgt. Wieder in Basel, übernahm er am 8.3. 1436 ein von Nikolaus Cusanus abgelehntes Richteramt und am 7.9. 1436 erneut ein solches. Als Richter hatte er sich vorwiegend mit der Auseinandersetzung um die Abtei Haute Seille bei Nancy zu beschäftigen. Auf dem Frankfurter Kurfürstentag im Frühjahr 1438 war Albrecht von Österreich am 18.3. zum deutschen König und Nachfolger Sigismunds gewählt worden, bereits einen Tag zuvor war die Neutralität der Fürsten gegenüber Papst und Konzil erklärt worden, um eine Lösung der Kirchenfrage nicht durch einseitige Parteinahme zu erschweren. Der Aussage Enea Silvios, dass J.v.L. neben Ludwig Ast einer der Väter der Neutralitätserklärung gewesen sei, muß man wohl Glauben schenken, auch wenn dies aus der Quellenlage nicht unmittelbar zu ersehen ist. Anschließend führte J.v.L. als Mainzer Vertreter die kurfürstliche Gesandtschaft im Verein mit Gregor Heimburg zum Konzil nach Basel und weiter zum Unionskonzil nach Ferrara und dem Byzantinerkaiser Johann VIII. Palaiologos an, um diesen die Wahl Albrechts zu notifizieren und den Neutralitätsbeschluß zu übermitteln. Damit ihm durch diese Gesandtschaft kein Nachteil in der Anrechnung seiner vorgeschriebenen Residenzjahre als Kanoniker des Mainzer Stiftes St. Maria ad Gradus, vulgo Mariengreden oder Maria zu den Staffeln, entstehen sollte, ließ EB Dietrich das Kapitel in Aschaffenburg zusammenkommen, damit es ihm zeitweiligen Dispens von der Residenzpflicht erteile. Am 28.5. 1438 verließ die Delegation die nach Florenz emigrierte Kurie, um anschließend die Antwort des Papstes nach Basel und zu Kg. Albrecht zu überbringen. Ende Juli 1439 traf J.v.L. dann in Koblenz zu einer bemerkenswerten Konferenz mit Cusanus, Johann von Gelnhausen, dem Maulbronner Abt, und Tilmann Joel von Linz, dem Koblenzer Florinpropst, als Vertreter der drei geistlichen Kurfürsten zusammen, die letztlich auf die Seite Eugens IV. gezogen werden sollten. Das von Cusanus bezeugte weitgehende Einverständnis der Beteiligten weist schon auf den bevorstehenden Sinneswandel, auch des J.v.L., in der Kirchenfrage hin. Der Frankfurter Reichstag von 1442 sollte J.v.L. allerdings noch als Verfechter der kurfürstlichen Neutralität und damit als Gegner Enea`s sehen. J.v.L. machte deutlich, daß die Neutralität nicht umsonst bestand und die Oboedienz zu Eugen ohne Gegenleistung nicht zuwege zu bringen sei. Vor allem die Gravamina standen J.v.L. deutlich vor Augen, auch im Sinne seines Herrn von Mainz. Die gemeinsame Front der Kurfürsten war zunächst eine wahre Bastion. Wenig später versprach der Kardinallegat Carvajal (s.d.) J.v.L. reiche Pfründen, wenn der wichtige EB von Mainz nicht zuletzt durch sein Wirken auf Eugens Seite zu ziehen sei. Aber dies erforderte Zeit. Auch die folgenden Reichs- und Rechtstage sehen J.v.L. in ihrer Mitte. Dann aber wurde immer deutlicher, daß die Neutralität nicht länger zu halten und eine Hinwendung zu Eugen der einzig gangbare Weg zur Überwindung des Schismas war. Wie es dann auf dem Tag zu Frankfurt im Herbst 1446 geschah und gültigst gewiesen wurde. Matthias Döring, zeitweiliger schismatischer Franziskanergeneral, soll dann den bis heute nicht vergessenen Schmähvers auf Cusanus und J.v.L. formuliert haben, dessen gängigste Fassung Cusa Lisura pervertunt omnia iura lautet und der sogar in den Volksmund des Mosellandes Eingang gefunden hat. Mit der ihnen vorgeworfenen Rechtsverdrehung sollte ihr Wechsel ins Lager Eugens IV. verunglimpft werden; sei dieser doch nach Ansicht der Gegner mit Geld, Pfründen und juristischen Winkelzügen erkauft worden. Tatsächlich waren vier Mainzer Räte mit 2000 Gulden zum Sinneswandel gebracht worden, doch gehörte J.v.L. trotz der immer wieder vorgebrachten diesbezüglichen Behauptung nicht dazu. Seine Bestechung war auch nicht nötig, stand er doch selbst nach dem Zeugnis des Matthias Döring schon seit mindestens 1443 im Lager der Konzilsgegner. Der Übertritt des Cusanus und J`s.v.L. unter die Oboedienz Eugens IV. trug lediglich den veränderten Kräfteverhältnissen zwischen Konzil und Papst Rechnung, ist also als Akt der Realpolitik zu sehen. Den beiden damit quasi "Gesinnungslumperei" vorwerfen zu sollen, ist von kompetenter Seite (Weigel) entschieden und zurecht zurückgewiesen worden. Die Überbringung der Oboedienz an den Papst am 7.2. 1447 beleuchtet blitzlichtartig die Lage der Kirche wie des Reiches und ihrer zeitlichen Politik und "Politikmacher". Dem auf dem Sterbebett schon in Agonie liegenden und nicht mehr aufnahmefähigen Eugen IV. sollten trotz seines Zustandes und deswegen verschieden geäußerter Bedenken die Reichstagsbeschlüsse und die damit verbundene Einvernahme mit der Kurie corporaliter überbracht werden. Dem dieses Mal unverdächtigen Zeugen Enea Silvio muß man glauben, wenn er sagt, J.v.L. habe in botmäßiger Erfüllung seines Auftrages kundgetan, man müsse dem Papst die Oboedienz des Reiches und seiner Fürsten ansagen, auch wenn er bis auf den kleinen Zeh seines linken Fußes schon abgestorben sei. In der Folgezeit scheint eine gewisse Entfremdung zwischen EB Dietrich und J.v.L. stattgefunden zu haben, deren innere Ursachen wir nicht kennen. Aber möglicherweise gründete sie in unterschiedlichen Auffassungen über die Aufgabe oder Fortführung der kurfürstlichen Neutralität. J.v.L hat sich offensichtlich die nächsten Jahre überwiegend seinen Amtspflichten als Propst von Mariengreden gewidmet, dem er seit 1439 als solcher vorstand. Lediglich seine Sendung zu König Karl VII. 1450 nach Paris in Sachen des süddeutschen Städtekriegs fällt hier aus dem Rahmen. Dann taucht er 1452 unvermittelt im Dienst des Trierer Erzbischofs Jakob v. Sierck auf. Beide waren schon länger miteinander bekannt. So hatte J.v.L. bereits 1440 versucht, für Jakob bei der Stadt Frankfurt/M. ein Darlehen zu vermitteln, allerdings vergeblich. In Trierer Diensten sollte J.v.L. wenige aber seine vielleicht wichtigsten Jahre verbringen. EB Jakob von Sierck war ein entschiedener Reformfreund, dem die Lethargie und Entschußlosigkeit des Kaisers mehr als zuwider waren und der in J.v.L. einen wahren Mitstreiter und obendrein einen im politischen Tagesgeschäft versierten Mann ohnegleichen fand. Beide waren des Elendes im Reich so leid, dass sie im Hintergrund selbst eine Absetzung des Kaisers oder zumindest seine Vormundschaft betrieben. J.v.L. wurde aber zunächst 1452/53 nach Rom gesandt, um beim Papst neue Geldquellen für das vom Schisma bis zur Handlungslosigkeit erschöpfte Trierer Erzstift zu erschließen. Der Papst wußte J.v.L. `s fünf Jahre zuvor bezeugte Treue gegenüber der Kurie zu würdigen. Zur selben Mission gehörten die Tage als Trierer Gesandter beim Kaiser in Wiener Neustadt Ende Ende 1452. Der Fall Konstantinopels 1453 vermochte dann selbst diesen in Bewegung zu setzen. So kam es im Frühjahr 1454 zum sog. Türkentag in Regensburg. Dort fand J.v.L. seine letzte und wohl größte Bühne. Noch einmal sollte er dem kaiserlichen Vertreter Enea Silvio entgegentreten. Denn Friedrich III. war einmal mehr nicht zum persönlichen Erscheinen zu bewegen gewesen. Enea forderte für Kaiser und Papst die Mobilisierung gegen die Türken und die Befreiung Konstantinopels. Aber J.v.L. stand auf und legte dem Plenum die Tatsachen dar. Wo solle das Reich die Mittel dazu hernehmen? Das Reich liege am Boden, das Recht noch mehr, nichts mehr sei sicher, und dann noch ein die letzten Reste verzehrender Türkenzug? Nein, erst müsse Ordnung im Reich geschafft werden, dann erst könne und dürfe man sich gegen die auswärtigen Feinde wenden. Die Anwesenden hörten stumm und brandeten dann zum Jubel auf. J.v.L. hatte ihnen in einer Eindringlichkeit wie niemand zuvor die wahre Lage geschildert und jeder Einsehende gab ihm Recht. Auch den beiden folgende "Türkentagen" im Herbst in Frankfurt/M. und 1455 in Wiener Neustadt wohnte er als Trierer Unterhändler bei. Aber der Vollzug der Reformideen blieb aus, nicht zuletzt weil EB Jakob schon 1456 starb. Mit seinem Tod und der Einsetzung des neuen Trierer EB Johann von Baden verschwindet J.v.L. fast unmerklich aus dem öffentlichen Blickfeld. Der neue EB brachte seine eigenen Berater mit und J.v.L. war vielleicht auch desillusioniert und müde geworden. Der Rückzug von der großen politischen Bühne dokumentiert sich in der Annahme einer kanonistischen Professur an der Universität Löwen, die er von 1456-58 bekleidete. Aber ganz konnte er auch hier von der Politik nicht lassen und betätigte sich als Berater Philipps v. Burgund in Lüttich. Schon 1455 hatte dieser J.v.L. für seine Dienste ein Geldgeschenk zukommen lassen. Enea Silvio, nunmehr Papst Pius II., der J.v.L. mit den Jahren vom Gegenspieler zum Freund geworden war, lud ihn zwar mit Schreiben vom 17.2. 1459 aus Perugia noch zum Kongress nach Mantua ein, weil seine Anwesenheit ihm ein großer Trost sein würde. Aber es ist unwahrscheinlich, dass J.v.L. die am 1.6. eröffnete Versammlung so kurz vor seinem Tod noch besucht haben soll. Die Löwener Lektur als letzte größere Unternehmung führte ihn wieder zu den Anfängen seiner Laufbahn zurück. Zeitlebens hatte er neben seinen offiziellen Amtstätigkeiten auch wissenschaftlichen und geistigen Austausch gesucht und gefunden; so mit Cusanus und Enea Silvio, mit Carvajal und Johann von Segovia (s.d.), dem Chronisten des Baseler Konzils, und natürlich mit Kollegen wie etwa Gregor Heimburg, Martin Mair, Thomas Ebendorfer (s.d.), Heinrich Leubing, Helwich von Boppard, Tilmann Joel von Linz a. Rhein und dessen Neffe, dem späteren Kölner Kanzler Johann Ruysch. Neben seiner Tätigkeit als Berater und Gesandter in der hohen Reichs- und Kirchenpolitik war J.v.L`s. Sachverstand auch in zahlreichen weniger spektakulären Angelegenheiten wie etwa der Beilegung lokaler Territorialprobleme gefragt. So nahm er Anteil an den 1438 in Bernkastel statthabenden Verhandlungen über den zwischen der Stadt Trier und dem dortigen Domkapitel ausgebrochenen Steuerstreit. Im Dezember 1439 hatte er über die zwiespältige Wahl des Straßburger Bischofs zu befinden. Im Dezember 1441 fungiert er als Richter bei einem Rechtstag in Frankfurt-Höchst. 1443 ist er Teilnehmer an den sächsisch-burgundischen Verhandlungen über die Luxemburger Frage. Im gleichen Jahr hat er die Streitigkeiten zwischen EB Dietrich und dem Fuldaer Abt und dem Kloster Salmünster beizulegen. 1443/44 oblag ihm die Reform des Klosters St. Jakob vor Mainz. 1444/46 und noch 1449 war er mit der Friedberger Pfandschaft als Schiedsmann beschäftigt. Der langjährige Streit zwischen EB Dietrich und der Stadt Mainz wurde nicht zuletzt durch J.v.L`s. Geschick im Jahre 1550 gütlich geendet. Selbst die pfalzgräfliche Arrogation hatte er gegen den Willen des Kaisers zu verfechten. Am Lebensende konnte J.v.L. auch auf eine erfolgreiche geistliche Karriere im Sinne der Zeit zurückblicken. Schon unmittelbar nach Beendigung seiner Studien nahm er den Pfründenerwerb in Angriff. Im Laufe der Zeit erlangte er eine Reihe von Dignitäten, Präbenden und Benefizien, auch wenn seine Bemühungen um weitere nicht in jedem Falle durchdrangen und es bei Provisionen, Reservationen oder Expektanzen blieb und er manche auch nur temporär innehatte. Das erste Kanonikat besaß er 1429 am Trierer Stift St. Paulin. Es folgte 1435 die Präbende am Mariengredenstift und ebenfalls dessen schon genannte Propstei, die ihm am 29.12. 1439 im Auftrag Papst Eugens IV. durch Nikolaus Cusanus verliehen wird und die er bis zu seinem Tod innehaben sollte. 1439 war er ebenfalls Stiftsherr in St. Cyriakus zu Neuhausen b. Worms sowie Kanoniker und Kantor in Mainz-St. Viktor. 1447 wird er Inhaber des gut dotierten Kuratbenefiziums an der Liebfrauenkirche zu Asbach b. Passau, das zuvor Enea Silvio innegehabt hatte. 1448 bekleidet er ein Kanonikat an St. Maria zum Feld (=Heiligkreuz) vor Mainz und seit 1450 auch die dortige Propstei, diese ebenfalls bis zum Tod. Papst Nikolaus V. gestattet ihm 1454 die Umwandlung des Stifts in ein Augustinerkloster, was J.v.L. zu Lebzeiten aber nicht mehr gelingen sollte. 1449 wird er endlich Domherr zu Speyer, nachdem er schon 1431 hierfür suppliziert hatte. Um die 1453 vakant gewordene Kantorei am Speyerer Dom prozessierte er lange mit seinen Mitbewerbern, konnte sich aber erst wenige Monate vor seinem Tod als Sieger behaupten. 1431 supplizierte er für die Pastorie am Liebfrauenstift zu Kyllburg i. d. Eifel, aber es ist unklar, ob er deren Posseß erlangt hat. Weitere letztlich nicht erfolgreiche Provisionen und Anwartschaften erwarb er für Lüttich 1430, Jung St. Peter in Straßburg 1431, St. Stephan in Mainz 1449 und St. Peter in Mainz 1450. Schließlich 1447 und 1450 für zwei erledigte Stiftskanonikate in den Kirchenprovinzen Mainz, Trier oder Köln und endlich 1452 für eine Domherrenstelle in Worms. Das Versprechen Carvajal`s von 1444, das J.v.L. reiche Pfründen in Aussicht gestellt hatte, wenn es gelänge, den Mainzer EB unter die Oboedienz Eugens IV. zu bringen, trug ebenfalls Früchte. Erfüllt wurde es u.a. 1449/50 mit der Ernennung zum päpstlichen Kaplan und Auditor und den damit verbundenen Vorrechten beim Pfründenerwerb. Diese eindrucksvolle Liste erlangter oder angestrebter kirchlicher Ämter und Würden läßt den Einfluß und das Ansehen J.v.L.`s erahnen. Auch repräsentative Aufgaben gehörten zu seinem Tätigkeitsbereich. So war er beispielsweise 1442 König Friedrich III. als Mainzer Vertreter nach Nürnberg entgegengereist, um ihn mit nach Frankfurt zum Tag zu geleiten. Hier trug er in Anwesenheit des Königs bei der prächtigen Fronleichnamsprozession am 31.5. 1442 den Mainzer Bischofsstab, während sein Herr selbst, EB Dietrich, das Sakrament trug. Ebenso assistierte er in seiner Funktion als Propst von Mariengreden EB Dietrich bei der Weihe und Einsetzung des Wormser Suffragans Reinhard von Sickingen am 27.7. 1445 auf der kurfürstlichen Burg Ehrenfels b. Rüdesheim. Da J.v.L. noch am 31.7. 1459 als Urkundenzeuge bei der Bestallung des Heinrich Ficking zum neuen Mainzer Fiskalprokurator durch den Elekten Dieter v. Isenburg (s.d.) fungierte, muß sein nur 4 Wochen später in Mainz erfolgter Tod ein ziemlich plötzlicher gewesen sein. Sein Testament hatte er aber noch gemacht und nicht unbeträchtliche Summen für Legate, Meßstiftungen und Anniversarien ausgesetzt, u. a. für die Große Speyerer Dombruderschaft. Auf eigenen Wunsch wurde er in der Marienkapelle der Mainzer Kartause auf dem Michaelsberg beerdigt. Sein bis 1792 vorhandener Grabstein wurde damals von einem französischen Soldaten zertrümmert und ist verloren. - J.v.L. gehörte neben Männern wie Cusanus, Enea Silvio und Heimburg zur ersten Garnitur der einflußreichen Gruppe der gelehrten Räte, die den Gang der Ereignisse allerorten wesentlich beeinflußte. Er stand stets in vorderster Reihe der agierenden Personen, sei es auf Reichs- und Rechtstagen, am Konzil und an der Kurie; nichts weniger auch auf regionaler und lokaler Ebene als Berater, Unterhändler, Schlichter und Richter seiner kurfürstlichen Herren von Mainz, Trier und der Pfalz. Auch wenn Enea Silvio ihn des öfteren fast schon stereotyp als vir prudens, vir iure pontificio consultissimus, vir impense doctus, vir acuti mentis, vir perspicax, vir oculatissimus, vir facundia copiosa etc. bezeichnet, wird man J.v.L. allerdings keine eigenständige Politik nachsagen können, war er doch in erster Linie Sprachrohr seiner Auftraggeber. Aber seine diplomatischen Fähigkeiten, gepaart mit seltener Umsicht, bescherten ihm weitgreifenden Einfluß. So war er mit den Jahren einer der bekanntesten Männer seiner Zeit geworden. Seine politisch vielleicht bedeutendste Leistung war die Rede auf dem Regensburger Türkentag, worin er die Gebrechen des Reiches so schonungslos beim Namen genannt und im Besonderen den so oft vergeblich beschworenen Landfrieden nachdrücklich ins Blickfeld der Anwesenden gerückt hatte. Die Reichsreform war nötiger denn je, aber es sollte noch volle vierzig Jahre dauern, bis der Wunsch J.v.L.`s und der übrigen Reformwilligen mit der Einrichtung des Reichskammergerichts 1495 wenigstens ansatzweise Wirklichkeit werden sollte. Daß J.v.L. bereits bei seinen Zeitgenossen den zweifelhaften Ruf eines Pfründenjägers genoß, belegt lediglich, daß auch er hierin nur ein Kind seiner Zeit war. Dennoch wirft auch seine Karriere, wie so viele andere des Spätmittelalters, ein bezeichnendes Schlaglicht auf das ausgeuferte und zurecht soviel geschmähte kirchliche Pfründen- und Ämterwesen. Die moralische Zerrüttung der Kirche und selbst ihrer höchsten Repräsentanten war allenthalben sichtbar, und auch J.v.L. bildete hierin keine Ausnahme.
Werke: Quidam constituit procuratorem absentem ad acceptandum beneficium (Inc.) (Über einen Fall von Simonie), in: Stadtbibl. Trier Hs. 951 / 1863 4°, f. 276r-278r; Vacante prepositura domus sancti Anthonii in Rostorff (Inc) (Über die Vakanz der Propstei des Klosters St. Anton in Rosdorf), in: Stadtbibl. Trier Hs. 951 / 1863 4°, f. 278r-280v; Brief an den Trierer Dompropst Philipp v. Sierck [1452 V 2], in: Landeshauptarch. Koblenz 1 C 16205, f. 118r; Brief an Papst Nikolaus V. [1453 II 8], in: Landeshauptarch. Koblenz 1 C 16205, f. 116r-v; Rede auf dem Reichstag zu Regensburg [1454 V 11/12], Druck: Reichstagsakten XIX, 1, 241-243 Nr. 29, 2d.
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