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Band XXI (2003) Spalten 718-727 Autor: Manfred Berger

JOLBERG, Regine (Julie), verw. Neustetel, geb. Zimmern, genannt Mutter Julie, Gründerin des Diakonissenhauses Nonnenweier (Baden) und mehrerer "Christlicher Kleinkinderschulen" (auch "Kinderpflegen" oder "Kleinkinderbewahranstalten" genannt), beeinflußte entscheidend die evangelische Kleinkinderpädagogik und die Entwicklung des Berufs der (evangelischen) Erzieherin, * 30. Juni 1800 in Frankfurt/Main, † 5. März 1870 in Nonnenweier. - Regine war das drittälteste von elf Kindern des jüdischen Handelskaufmanns und Bankiers David Zimmern und seiner Frau Sara, geb. Flörsheim. Aufgewachsen ist sie in Heidelberg in einem stattlichen Barockpalais. Sie soll ein stilles, schüchternes Mädchen gewesen sein, "das in scheuer Zurückgezogenheit von den Menschen und den Verhältnissen unter denen es lebte sich gerne eine eigene verborgene Welt bildete" (Gmelin 1875, S. 423). Der jüdischen Glauben der Eltern hinterließ in ihr zeitlebens eine "heilige Ehrfurcht". Dazu äußerte sich J. in späteren Jahren: - "Meine lieben Eltern standen damals noch ganz auf dem Gesetz. Und ich erinnere mich (immer noch) mit heiliger Ehrfurcht wie sie am großen Versöhnungstage in Totenkleidern in die Synagoge gingen, den ganzen Tag fasteten, und wie ich meine Mutter da besuchen durfte; - und das große Bußgebet sprach, wobei sie immer an ihre Brust schlug und, wie wohl hebräisch, alle Sünden bekannte, schlägt mir heute noch ins Herz; - es tönte fort in dem Kinde bis zu seinem jetzigen Alter" (zit. n. Ziegler 1925, S. 18). Streng, einfach, traditionell und "konservativ erfolgte die Erziehung im Elternhause, die überwiegend in Händen privater Hauslehrer lag, da die Mutter mit der Sorge um den großen Haushalt und der Anleitung des Dienstpersonals sehr beansprucht war" (Merkl 1996, S. 6). Zur Vervollkommnung ihrer Bildung wurde Regine auf ein christliches Pensionat in Heidelberg geschickt. Dort ging in ihr eine "ganz neue Welt" auf: - "Die Sonn- und Festtage mit ihrer Feierlichkeit machten einen tiefen Eindruck auf mein Herz, besonders das herrliche Weihnachtsfest, welches mit dem Choral: 'Dies ist der Tag, den Gott gemacht' eröffnet wurde. Die glänzend erleuchteten und dekorierten Räume, die Darstellung der Geburt Jesu und der Hirten auf dem Felde - dies alles versetzte mich in eine Wunderwelt; - Weihnacht mit seinen Herrlichkeiten übernahm mich ganz. Karfreitag erfüllte mich mit heiliger Ehrfurcht, ohne zu wissen, warum. Aber wenn ich auch an Äußerlichkeiten Anteil nehmen durfte, erfüllte dennoch ein großer Schmerz meine Seele, weil ich ja innerlich doch keinen Anteil daran hatte; - ich war und blieb voll Wehmut und Sehnsucht" (zit. n. Ziegler 1925, S. 20). - Mit 15 Jahren kehrte Regine ins Elternhaus zurück. Es folgten Jahre des "Haustochterdaseins" voll Geselligkeit und Schöngeistigkeit: man las deutsche und andere Klassiker, auch griechische Tragödien, man musizierte und sang. Zugleich war es aber auch die Zeit des Wartens auf eine standesgemäße Partie. Mit 18 Jahren verliebte sie sich in den Freund ihres Bruders Sigmund: Joseph Leopold Neustetel. Er war Jurist und wurde als solcher "Obergerichtsprokurator" in Hanau. Und noch ein Mann trat in das Leben der jungen Frau: - "In dieser Zeit begegnete ihr im elterlichen Haus der Hauslehrer ihrer jüngeren Geschwister, Salomon Jolberg. Dieser wurde ihre große Liebe... Die aus dieser Begegnung entstandene kurz Liebesgeschichte wurde aber zu jenem Zeitpunkt von dem Vater beendet. Dieser wollte, daß seine Tochter den Mann heiratet, mit dem sie bereits verlobt war. Sie folgte in dieser Angelegenheit den Vater und gestand ihrem künftigen Mann diese 'kurze Verirrung' mit Jolberg ein" (Hauff 2002, S. 8 f). - Nach drei Jahren Verlobungszeit heiratete am 29. August 1821 Regine Zimmern unter "jüdischer Ceremonien" Joseph Leopold Neustetel. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor; - am 23. Juli 1822 wurde Mathilde und am 14. Juli 1823 Emma geboren. Die junge Ehefrau und Mutter "war nun ganz von ihrem Muttersein erfüllt und las eifrig die Schriften der großen Erzieher jener Zeit wie Johann Heinrich Pestalozzi, Jean-Jacques Rousseau und Jean Paul. Trotzdem wollte sie nicht nur Weisheiten anderer übernehmen, ihre eigene erzieherische Kompetenz drückte sie in einem Brief an ihrem Vater so aus: '...ich richte mich doch nur nach dem, was ich mit ganzer Seele und Verstand erkannt habe; - ich will meine Kinder erziehen, und weder Rousseau noch Jean Paul noch Pestalozzi; - eine Mutter soll nur Hilfsmittel suchen, aber sie ist die beste Erzieherin" (Hauff 2002, S. 9). - Neben ihren häuslichen Pflichten engagierte sich J. noch sozial: - "Sie sammelte um sich eine Anzahl geistig regsamer Mädchen, nicht nur, um Gedankenaustausch zu pflegen und edle Geselligkeit zu halten, wie sie solche im väterlichen Hause früher genießen durfte, sondern auch, um notleidenden Familien und armen Wöchnerinnen Hilfe zu bringen. Deshalb wurde an diesen Abenden nicht nur vorgelesen und disputiert, sondern es wurden Handarbeiten gemacht, Leibwäsche, Strümpfe gestrickt usw., und damit wurden dann bedürftige Familien unterstützt" (Ziegler 1925, S. 28). - Nicht lange währte das Eheglück, denn bereits Januar 1825 starb Herr Neustetel. Am 16. November 1826 vermählte sich die Witwe mit ihrer "großen Liebe", Salomon Jolberg. Bereits zwei Monate vor ihrer Hochzeit waren beide zum evangelischen Glauben übergetreten. In der Taufe erhielt Regine zusätzlich den Namen Juliane (Julie). Zwei Kinder wurden dem Ehepaar geboren, die jedoch im "zartesten Alter" starben. J. wurde mit 29 Jahren erneut Witwe. Nach dem Tode ihres zweiten Mannes widmete sie sich zunächst ausschließlich der Erziehung ihrer beiden Töchter aus erste Ehe und der Pflege des alternden und einsamen Vaters. Zusätzlich engagierte sie sich im Heidelberger "Armen- und Frauenverein" und beteiligte sich "eifrig an der Begründung einer Art Kleinkinderschule" (Ziegler 1925, S. 42). Über ihren weiteren Lebensweg ist nachzulesen: - "Dem lange gefühlten Drange, nicht blos dem engen Familienkreise, sondern dem allgemeinen Wohle Kräfte und Gaben dienstbar zu machen, konnte sie nun nicht mehr wiederstehen; - 'nachdem sich Familienverhältnisse und andere Schwierigkeiten geebnet hatten, ließ ihr der Geist Gottes keine Ruhe, bis sie zu dem Entschlusse kam, mit ihren Kindern in das stille Dorf Leutesheim bei Kehl zu den einzigen christlichen Freunden, die sie damals im Vaterlande Baden kannte, (Pfarrer Fink's Familie) zu ziehen und ihnen bei ihrer Thätigkeit die Hand zu bieten'" (Gmelin 1875, S. 421). - Im Sommer 1840 eröffnete J. in Leutesheim eine Art Arbeitsschule für Taglöhnerkinder "zum Singen, Spielen, Basteln, Stricken und vor allem zum Erzählen biblischer Geschichten... Sie lernen kleine Arbeiten, 'die ihre Sinne anregen und zugleich kleine Belohnungen sein sollen': Strohmatten, Bälle, Hauben werden gebastelt" (Brandt 1999, S. 32). Im Jahre 1842 kam ein neuer Pfarrer nach Leutesheim, der um "die drohende Pietistengefahr möglichst einzuschränken" (Ziegler 1925, S. 69) die Tätigkeit von J. auf vorschulpflichtige Kinder eingrenzen wollte: - "Bezirksamtlich und ministeriell wollte er das Ganze genehmigt sehen. Er schlug hierbei den Namen 'Kleinkinderbewahranstalt' vor, um nicht Konkurrenz zur staatlichen Volksschule zu sein. Bei dieser Namensgebung wird deutlich, daß man das Wort 'Kinderschule' vermeiden wollte... Am 18. April 1843 wurde die Kleinkinderbewahranstalt durch die Oberschulkonferenz genehmigt... Jolberg berichtet in diesem Zusammenhang: 'Es wurde nun der Gemeinde bekannt gemacht, daß es jetzt eine Bewahranstalt werden sollte, sie möchten daher ihre kleinen Kinder bringen.'... Da aber trotzdem noch regelmäßig auch die 'Strickkinder' kamen, die man nun nicht plötzlich wegschicken wollte, entstanden drei Abteilungen, welche sich wie folgt gliederten: 'die Größeren, die schon in die Volksschule gingen, und bei uns in der übrigen Zeit strickten - die Knaben mit verschiedenen Beschäftigungen und die ganz Kleinen, in deren Pflege wir uns teilten'. Viele Kinder kamen auch aus den Nachbarorten, so daß sich langsam räumliche und personelle Fragen stellen mußten. Hierbei stand insbesondere die Frage der eventuellen Ausbildung von Mädchen in der Kinderpflege im Vordergrund" (Löhlein 1989, S. 99). Bereits 1844 rief J. noch eine "Mutteranstalt für Ausbilddung von Kinderpflegerinnen" (Gmelin 1875, S 424) ins Leben. Der Ausbildungsinstitution war von Anfang an auch eine Kleinkinderschule (Kinderpflege) angegliedert, diese sollte den Auszubildenden als Praxisstätte dienen. Anfang 1845 konnte mit der einjährigen (mindestens aber 8- 12 Wochen) Ausbildung junger Frauen begonnen werden. Unterrichtet wurde in Religion, Bibelbetrachtung und Gesang. Die Schwestern sollten außerdem befähigt werden, kleine biblische und kindliche Geschichten zu erzählen. Weitere Unterrichtselemente waren: 'Förderung und Entwicklung der Sinne, Sprache der Kinder und das Lernen von Kinderspielen'; - ergänzend zum Unterricht erfolgten Lese- und Schreibeübungen, Denk- und Sprach-Übungen, als auch Naturgeschichte. Die staatliche Genehmigung der Ausbildungsstätte erfolgte am 24. August 1846, nachdem diese zuvor in "Schmähartikel" in der "Oberrheinischen Zeitung" als "pietistisch und 'staatsgefährlich' bis hinauf zum Großherzog anzuschwärzen gesucht" (Ziegler 1925, S. 88) worden war. Die Revolutionsstürme der 1848er Jahre vertrieb die junge Anstalt, Mai 1849, aus Leutesheim. Nach zweijähriger Zwischenstation in Langenwinkel bei Lahr fand das "Mutterhaus" wieder eine feste Bleibe in Nonnenweier - der Stätte, die bis heute das große Diakonissenhaus beherbergt. Unter Leitung von Mutter Julie, wie sich J. am liebsten nennen ließ, erlebte die Anstalt ein ständiges Wachstum. Junge Frauen aller Stände und Berufe waren willkommen. Die ausgebildeten Schwestern "wurden überallhin, in die neu entstandenen Kinderpflegen in Baden selbst, nach der Pfalz, Schweiz, Württemberg, Hessen, selbst über das Meer begehrt. Um Neujahr 1854 sah Mutter Jolberg mehr als 100 Schwestern in der Arbeit stehen; - 1866 waren 234 Kinderpflegen von Nonnenweier aus besetzt, und das Verzeichnis von 1871 weist deren 358 auf" (Gmelin 1875, S. 425). Besonders erfreute J., daß ihre Anstalt zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen avancierte: "1855 gründete die bei ihr ausgebildete Wilhelmine Canz in Großheppach in Württemberg ebenfalls ganz selbständig nach dem Muster von Nonnenweier eine Bildungsanstalt für Kleinkindpflegerinnen, und auch später der Generalkonferenz der Kaiserwerther Mutterhäuser angeschlossene Frankenstein in Schlesien hatte sich ursprünglich nach dem Vorbild von Nonnenweier aufgebaut" (Döring 1917, S. 92). Den in den Einrichtungen geweckten christlichen Geist suchte J. durch ständigen brieflichen Kontakt oder persönliche Besuche aufrecht zu erhalten. Eine Diakonisse erinnerte sich: - "Als ich später Leiterin der Kleinkinderschule in Thuningen war, visitierte mich Mutter Julie zu meiner großen Freude. Sie wurde mit den Kindern wieder Kind, saß auf den niedrigen Bänken zwischen den lieben Kindern, spielte und teilte Freud und Leid mit ihnen... Gar schön konnte sie den lieben Kleinen Geschichten aus der Bibel erzählen, sie ein Sprüchlein oder Liedchen lehren." (zit. n. Merkl 1996, S. 57). - Ihren Schwestern stand Mutter Julie mit erzieherischen Ratschlägen stets zur Seite, wie nachstehende Zeilen bezeugen: - "Wenn wir mit Kindern umzugehen haben, die wir noch nicht kennen, so müssen wir ihnen etwas verbieten noch gebieten, sondern ihnen nur Liebe erzeigen. Und wollen wir etwas von ihnen, sie nur bitten. Ehe wir einem Kinde etwas versagen, müssen wir es kennen lernen. Auch schon das Kind hört ein Ja lieber als ein Nein. Darum ist ein ruhiges Beobachten ohne viele Worte so nötig. Allgemeine Worte, zum Beispiel: seid brav! Folgt schön! Seid nicht unartig! Helfen nichts. Sind sie unartig, so fesselt ihre Aufmerksamkeit durch ein schönes Lied, eine liebliche Erzählung, ein heiteres Spiel, die in ihre Seele die Stimmung hervorbringen, die ihr wünscht. Vor allem aber laßt einen Geist der Ruhe, der Ordnung, der Freundlichkeit von euch ausgehen, so wird er sich bald unter den Kindern verbreiten...Wenn die Kinder am Morgen versammelt sind, da ist die beste Zeit, mit Gesang und Gebet ihnen einen kurzen Abschnitt aus der biblischen Geschichte, sie ein Sprüchlein zu lehren, einfach und verständlich mit Ausdruck und Kraft und mit einigen Worten es ihnen nahe zu bringen. Alsdann wollen die Kinder wieder Luft und Bewegung haben. Die Natur ist ihr Element. Da gibt es viel Stoff zum Anmerken, zum Belehren, ganz einfach und mütterlich. Für Kinder leben alle Gegenstände. Sie richten von Sand eine ganze Welt auf, bauen Gärten und Häuser mit Blumen und Hölzchen, machen Mühlen und Eisenbahnen und üben so ihre Kräfte, wenn sie recht geleitet werden. - Aber auch zum Dienen, Helfen, Tragen können wir unsere Kinder schon anhalten und so Segensbächlein in die Familien leiten" (zit. n. Brandt 1871, S. 89 f). - In der einschlägigen Fachliteratur zur Geschichte des evangelischen Kindergartens wird bis heute diskutiert, inwieweit Mutter Julie die Konzeption des großen Pädagogen Friedrich Fröbels, der 1840 in (heute Bad) Blankenburg/Thüringen den ersten Kindergarten stiftete, in den von den Nonnenweier Diakonissen geleiteten Kleinkinderschulen einführte. Diesbezüglich vertrat Johannes Hübener (1888, S. 51) die Ansicht, daß die "Fröbelsche Bewegung" an Mutter Julie spurlos vorüberging, "nicht weil sie in ihrem klaren Verstand schnell durchschaut hatte, daß darin ein ganz anderer Geist herrschte. Deshalb konnte sie sich Fröbels Ideen nicht aneignen." - Und Egbert Haug-Zapp (2000, S. 22) resümierte, J. hätte den Begründer des Kindergartens kritisiert, weil er ihr "zu schematisch" von seinen Entwürfen her dachte und "zu wenig die Individualität des einzelnen Kindes" achtete. Sicher ist, daß Mutter Julie über die Baronin Bertha von Marenholtz-Bülow, welche in den 1860er Jahren in Nonnenweier weilte, Friedrich Fröbel und seine Pädagogik näher kennen lernte. Über einen Besuch der Baronin ist nachzulesen: - "Im Jahre 1867 war auch die damals weithin bekannte Frau von Mahrenholz, die eifrige Vorkämpferin der Fröbelschen Kindergärten nach Nonnenweier gekommen, um das dortige Anstaltsleben und die Art der Kinderschulen an der Quelle zu studieren. Sie holte dort aus ihren Reisekoffern all die mancherlei sinnigen Spiel- und Veranschaulichungsmittel heraus, woran die Fröbelsche Methode so reich ist, um deren Einführung zu empfehlen und ihre Erklärungen daran zu knüpfen. Soviel die Mutter in vielen Einzelheiten auch mit ihr zusammenstimmen konnte und des zu schätzen wußte, daß man der Kindernatur durch seine Beobachtung das abzulauschen sucht, was ihr entsprach und wofür sie empfänglich ist, so wurde ihr doch auch jetzt wieder bewußt, daß Fröbel das rettungsbedürftige Menschen- und darum auch Kinderherz und die Notwendigkeit des Sünderheilandes nicht zum Fundament seiner Erziehung macht und in äußeren Dingen und Verstandesentwicklung einen Weg zur wahren Beglückung des Menschen sieht, der mit dem Wort Gottes in Widerspruch steht und deshalb auch zum letzten Ziele nicht führen kann" (Ziegler 1925, S. 183 f). - Die Baronin selbst empfand die Resonanz auf ihren Besuch durchaus als positiv. Sie schrieb: "In der bekannten Anstalt in Nonnenweyer fand ich bei deren Leiterin Frau Dr. Jolberg... warme Theilnahme für die Sache" (Marenholtz-Bülow 1866, S. 543). - Wie aus bisher unveröffentlichten und damit unbekannten Briefen von Mutter Julie an die adelige Frau hervorgeht, vermißte sie bei dem Pädagogen vor allem die "christlichen Principien" innerhalb seiner Theorie (vgl. Merkl 1996). Darum übernahm die Hausmutter auch nicht die Titulierung "Kindergarten", sondern nannte ihre Anstalten bewußt "Christliche Kleinkinderschulen" (entgegen der bezirksamtlichen und ministeriellen Vorordnung die Einrichtungen "Kleinkinderbewahranstalten" zu nennen), wobei sie alles "schulmäßige für die frühkindliche Erziehung strikt ablehnte" (Merkl 1996, S. 98). Dazu sagte sie selbst: - "Die Kinderschule soll mehr familienmäßig als schulmäßig sein. Alles, was eigentliches Lernen ist, gehört nicht in sie hinein" (zit. n. Gehring 1929, S. 135). - Trotz aller Kritik an der "Fröbel'schen Lehre", der die "gemüthvolle Auffassung vom Kinde fehle" (zit. n. Merkl 1996, S. 102), stand J. den von dem Pädagogen entwickelten "Spielgaben" und "Beschäftigungsmitteln", dabei den "philosophischen Überbau" negierend, durchaus positiv gegenüber. Sie forderte für ihre Anstalten: - "Spielsachen sollen in hinreichender Anzahl vorhanden sein, für Knaben, vornehmlich Bauhölzchen (Baukästen) nach Fröbel'schen (3., 4., 5., 6. Gabe) und Fölsing'schen (Johannes Fölsing war seinerzeit ein bedeutender evangelischer Kleinkinderpädagoge; - M. B.) Mustern... Für beide Geschlechter Bälle, Stäbchen zu Legespielen nach Fröbel'schen Mustern. Das Spiel mit den Fröbel'schen Mitteln ist sehr vielfältig. Fröbel unterscheidet verschiedene Bau- und Legeformen, Lebensformen, d. h. Darstellung von Häusern, Kirchen, Treppen... usw. Schönheitsformen, Zusammenlegen der Klötzchen oder Stäbchen (Muscheln, Steinchen, Perlen usw.) in symmetrische Figuren. Erkenntnißformen, d. h. Darstellung von geometrischen Figuren, waagrechten, senkrechten, schrägen Linien, Dreiecken, Rechtecken, Quadraten, Kreisen usw.... Christliche Principien sind im Fröbel'schen Werk nicht zu finden. Der Fröbel'schen Lehre fehlt die gemüthvolle christliche Auffassung vom Kinde" (zit. n. Merkl 1996, S.. 102). - Mutter Julie war noch vergönnt, die 25-jährige Jubiläumsfeier (6. Juli 1869) ihrer Diakonissenanstalt zu erleben. Schon sieben Monate später starb sie nach längerem Leiden, es war der 5. März 1870. Noch auf ihrem Krankenlager bestimmte sie Karoline Im Thurn als ihre Nachfolgerin. Die Verstorbene wurde auf dem Friedhof in Nonnenweier beigesetzt: - "Drüben auf dem Friedhof hatte die Dankbarkeit des Hauses und seiner Schwestern ein schlicht-sinnig Denkmal errichtet. Über dem Grabe der seligen Mutter ragt ein Kreuz, auf einem Felsen stehend, in welchem die Namensinschrift der Heimgegangenen eingesenkt ist. Frische Blumen mit weißen Lilien säumten den Grabhügel. Dahin pilgerten die Scharen der Schwestern und Freunde und sangen zum Gedächtnis der selig Vollendeten! Unter Lilien jener Freuden Sollst du weiden; - Seele, schwinge dich empor!" (Ziegler 1925, S. 200). - Noch heute fühlt sich das "Evangelische Diakonissenhaus Nonnenweier" dem Vermächtnis seiner Gründerin verpflichtet, dessen Werk "zu einer Quelle des Segens für ein ganzes Land geworden" (Mohrmann 1929, S, 169) ist. - Unmittelbar nach dem Tode von Mutter Juli hatte ihr Schwiegersohn M. G. W. Brandt über sie eine umfassende Biographie veröffentlicht, "die zum großen Theil aus wortgetreuen Auszügen aus Mutter Jolberg's Tagebüchern und weitverzweigtem Briefwechsel besteht... Seltene Menschenkenntniß, außergewöhnliche Begabung für erzieherisches Einwirken auf Andere, thatkräftige Ausdauer in der Überwindung von Schwierigkeiten, vor Allem aber unwandelbares Gottvertrauen und opferwillige Selbstverleugnung waren die Eigenschaften, die sie bei der Wahl und Erfüllung ihres freiwilligen Berufes in so hervorragender Weise bethätigte" (Gmelin 1875, S. 425). Derzeit sind die Diakonissinnen und das weltliche Personal des "Evangelischen Diakonissenhauses Nonnenweier" in verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig, wie z. B.: Kindergarten, Kindertagheim, Gemeindekrankenpflege, Krankenhaus, Altenarbeit sowie Fachschule für Sozialpädagogik, die am 1. Januar 2000 an die "Evangelischen Fachschulen für Sozialpädagogik GmbH" in Karlsruhe als neuer Träger abgegeben wurde. Ein Kindergarten in 68782 Brühl und einer in 78647 Trossingen tragen ihren Namen, und in 75179 Pforzheim gibt es eine Regine-Jolberg-Straße.

Lit. (Ausw.): Marenholtz-Bülow, B.: Die Arbeit und die neue Erziehung nach Fröbels Methode, Berlin 1866; - Brandt, M.G.W.: Mutter Jolberg. Gründerin und Vorsteherin des Mutterhauses in Nonnenweier. 2 Bde., Barmen 1871; - Gmelin, M.: Regine (Julie) Jolberg, geb. Zimmern, in: Weech, F. v. (Hrsg.): Badische Biographien, Heidelberg 1875, 423-425; - Hübener, J.: Die christliche Kleinkinderschule, ihre Geschichte und ihr gegenwärtiger Stand, Gotha 1888; - Döring, L.: Frauenbewegung und christliche Liebestätigkeit, Leipzig 1917, 91-93; - Ziegler, W.: Mutter Jolberg und die Väter des Nonnenweier Werkes, Berlin 1925; - Gehring, J.: Die evangelische Kinderpflege. Denkschrift zu ihrem 150jährigen Jubiläum, Berlin 1929; - Mohrmann, A.: 150 Jahre evangelische Kinderpflege, Grünberg 1929 (Sonderdruck); - Rickenberg, H. J.: Jolberg, Regine (Julie), in: Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Neue Deutsche Biographie. Zehnter Band, Berlin 1974, 385-386; - Löhlein, H.: Öffentliche Kleinkindererziehung im Großherzogtum Baden unter besonderer Berücksichtigung der Entstehungszeit, Tübingen 1989 (unveröffentl. Diplomarbeit); - Böhm, R.: Jolberg, Regine, in: Bautz, T. (Hrsg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Bd. 3, Herzberg 1992, Sp. 626; - Merkl, A.: Mutter Julie Jolberg und ihr sozial-caritatives Werk, München 1996 (unveröffentl. Diplomarbeit); - Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Mutter Jolberg, in: Christ und Bildung 43 1997,35; - Berger, M.: Mutter Julie Jolberg, in: Kinderzeit 1998/H. 3, 27; - Brandt, K.: Regine Jolberg. Ein Leben zu Gottes Verfügung, Holzgerlingen 1999; - Haug-Zapp, E.: Zwischen Frauenbewegung und Erweckungsbewegung. Erinnerungen an Regine Jolberg, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, 2000/H. 6, 57; - Haug-Zapp, E.: Erinnern macht stark. Von den vergessenen Leistungen der Erzieherinnen, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, extra 40, Seelze-Velber, o.J., 22-23; - Hauff, A. v.: Regine Jolberg: Eine Frau der badischen Diakoniegeschichte. Jüdin - Christin - Pietistin, in: Beiträge pädagogischer Arbeit, 45 2002, 1-25; — Hauff, A. v.: Regine Jolberg (1800-1870). Leben, Werk und Pädagogik. »Das ganze Wesen der Kinderpflege ist Liebe« (Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts 13) Heidelberg 2002; - Berger M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Mutter Julie Jolberg: http://www.kindergartenpaedagogik.de/134.html.

Manfred Berger

Literaturergänzung:

Jacobi, J.: Regine Jolberg. Sozialpädagogische Frauenbildung im 19. Jahrhundert zwischen Judentum und Pietismus, in: Neue Sammlung, 42 2002, 83-98.

Ein weiterer Beitrag über JOLBERG, Regine

Letzte Änderung: 01.06.2004