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Band III (1992) Spalten 945-948 Autor: Klaus-Gunther Wesseling

KAHNIS, Karl Friedrich August, evangelischer Theologe, * 22.12. 1814 in Greiz (Vogtland), † 20.6. 1888 in Leipzig. - K., Nachkomme einer alteingesessenen vogtländisch-sorbischen Familie (Vater: Friedrich Kanes [† 1844], Schneider), verlebte nicht nur wegen des frühen Todes seiner Mutter (Christiane Karoline geb. Ludwig, † 1882) eine triste Jugend. Die Schulbildung 1835 an der Lateinschule der Franckeschen Stiftungen in Halle/S. beendet, bezieht K. zum Wintersemester 1835/36 die dortige Universität, wo er zunächst Philosophie, 1838 Theologie studiert (s. u.). 1840 nach Berlin gewechselt, habilitiert er sich zwei Jahre später für Historische Theologie. 1844 wird K. ao. Professor in Breslau, heiratet dort 1845 die Landratstochter Elisabeth v. Schwenkendorf (1821-1899). 1850 wird K. auf den Lehrstuhl für Dogmatik (Nachfolge A. Harleß (s.d.) nach Leipzig berufen, wo er interimistisch auch die Kirchengeschichte vertritt. 1851 mit der theologischen Ehrendoktorwürde der Universität Erlangen ausgezeichnet, schlägt K. jedoch 1856 einen Ruf an die dortige Fakultät aus. Zu seinen zahlreichen Aktivitäten neben den akademischen Verpflichtugnen (s. u.) tritt 1864/65 das Leipziger Rektorat hinzu. 1883 erhält K. den philosophischen Ehrendoktortitel. Ein sich verschlimmerndes Hirnleiden zwingt K. 1885 zur Aufgabe seiner Lehrtätigkeit; drei Jahre später erlöst ihn der Tod von seinen Leiden. - K. bildet mit E. Luthardt (s.d.) und F. Delitzsch (s.d.), seit 1856 bzw. 1867 an der Fakultät, das Leipziger Dreigestirn, das wesentlichen Anteil am Aufschwung jener Universität in konfessionell lutherischen Kreisen hatte. Allerdings gehörte K. ursprünglich der Union an, wenngleich aus Jugendjahren her mit dem Kirchenglauben zerfallen. Ein persönliches Erlebnis leitet im Frühjahr 1838 seine Abkehr von der Philosophie, namentlich dem Hegelianismus, ein. In Berlin von (s.d.) A. Neander, Ph. K. Marheineke und F. W. Hengstenberg beeinflußt, kritisiert er D. F. Strauß (s.d.). K.'s Dozentur in Breslau war als Gegengewicht zum dort vorherrschenden Rationalismus gedacht; konfessionelle Flügelkämpfe schränkten so auch K.'s akademischen Wirkungskreis ein, zumal er mit seiner Gattin im November 1848 aus Kritik an der unierten Bekenntnisschwäche zu den Altlutheranern übertrat. Dasselbe Thema, nunmehr um die Rechtfertigungslehre erweitert, führt 1853/54 zum Streit mit (u.a.) C. I. Nitzsch (s. d.). Dennoch ist K.'s Ansatz nicht durchgehend konservativ: manch ökumenischer Zug seiner "Dogmatik" (zumal des 1. Bandes - währenddem der 3. enttäuschte) veranlaßt K.'s Berliner Mentor Hengstenberg zu Polemiken. Dabei hatte K. einen wertvollen Impuls gegeben: Unter Beharrung auf der CA als einziger Grundlage protestantisch-lutherischer Systematik ist die Dogmenbildung mit Rücksicht auf exegetische Erkenntnisse relativierbar; der Wahrheitsgehalt konfessionsverschiedener Lehrmeinungen wird ausdrücklich bejaht. Den Widerspruch zwischen neutestamentlicher Überlieferung und kirchlicher Trinitätslehre versucht K. durch den Rückgriff auf den vornicänischen Subordinatianismus auszugleichen; die Annäherung an katholische Inhalte in seiner Abendmahlsschrift, deren Sakramentsverständnis das von der Reformation verworfene ex opere operato für das Neuluthertum fruchtbar zu machen suchte, trägt K. den Ruf als Repristinator ein. - K.'s Publikationen bleiben hinter seinen Qualitäten als Universitätslehrer zurück, die christliches Lehren und Leben zu verzahnen suchten. So gehört K. von 1851-1857 dem Missionskollegium an und betreut 1853-1857 redaktionell das "Sächsische Kirchen- und Schulblatt"; 1860 wird er zum Domherrn des Domstiftes Meißen bestellt. Weniger als Bahnbrecher historischer Forschung (1866-1875: Herausgeber der ZWTh) galt K. als guter Darsteller und Kombinierer geschichtlicher und biographischer Zusammenhänge mit einem Gespür für Athmosphärisches. K., Patriot und königstreu-konservativ, verkörpert die zeitgenössische Abscheu vor theologischem Liberalismus bei gleichzeitiger Erkenntnis, daß die Bekenntnistheologie in der Unfähigkeit zu Innovationen zu verkrusten droht.

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Werke: Dr. Ruge und Hegel. Ein Beitrag zur Würdigung Hegel'scher Tenzen, Quedlinburg 1838; Die moderne Wissenschaft des Dr. Strauß und der Glaube unserer Kirchen, Berlin 1842; Die Lehre vom hl. Geist, 1. Theil, Halle 1847 (mehr nicht erschienen); Die Lehre vom Abendmahle, Leipzig 1851; Der innere gang des dt. Protestantismus seit Mitte des vorigen [cs. 18] Jh.s, 2 Bde., Leipzig 1854, 18602, 18743 u. d. T.: D. i. G. d. dt. P.; Die Sache der luth. Kirche gegenüber der Union. Sendschreiben an K. I. Nitzsch, Leipzig 1854; Die luth. Dogmatik, hist.-genet. dargest., 3 Bde., Leipzig 1861-1868, 2. umgearb. Aufl. in 2 Bde.n, Leipzig 1874, 1875; Zeugniß von den Grundwahrheiten des Protestantismus gegen Dr. Hengstenberg, Leipzig 1862; Die Kirche nach ihrem Ursprung, ihrer Geschichte, ihrer Gestalt, Leipzig 1865; Christenthum und Lutherthum, Leipzig 1871; Diedt. Reformation, Bd. 1, Leipzig 1872 (mehr nicht erschienen); Über das Verhältnis der alten Philosophie zum Christenthum, Leipzig 1875, 18832; Der Gang der Kirche in Lebensbildern dargest., Leipzig 1881; Drei Sammlungen "Predigten", Leipzig 1866, 1871, 1877.

Lit.: C. I. Nitzsch, Würdigung der von K. gegen die evang. Union und deren theol. Vertreter gerichteten Angriffe, in: DZCW 4, 1853 (auch selbständig Leipzig 1854 erschienen); - C. Schwarz, Zur Gesch. der neuesten Theologie, Leipzig 18643, 311-317; - Chr. E. Luthardt, Worte der Erinnerung und des Trostes am Sarge des... K., in: AELKZ 21, 1888, 613-615 (vgl. ders., in: Daheim 24, 1888, 666-670); - Ders., Erinnerung aus vergangenen Tagen, Leipzig 18912, 364 ff.; - F. J. Winter, D. K. F. K. Ein theol. Lebens- und Charakterbild, Leipzig 1896; - B. Schmidt, Zur Erinnerung an K., 1914; - F. W. Kantzenbach, Gestalten und Typen des Neuluthertums, 1968, 181-189; - ADB L, 749-751; - NDB XI, 29; - RE IX, 692-698.

Klaus-Gunther Wesseling

Letzte Änderung: 06.11.2011