Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band III (1992) Spalten 952-956 Autor: Barbara Nichtweiß

KAISER, Georg, erfolgreicher deutscher Dramatiker v.a. des Expressionismus, * 25.11. 1878 in Magdeburg, † 4.6. 1945 in Ascona. - Als fünfter von sechs Söhnen des Bank- und Versicherungskaufmanns Friedrich K. u. seiner Frau Antonie wuchs G.K. im gutbürgerlich-protestantischen Milieu Magdeburgs auf. Von 1888-1894 besuchte K. dort das humanistische Gymnasium »Unserer Lieben Frauen«, begann 1895 mit mittlerer Reife eine Kaufmannslehre v.a. im Import-Export-Großhandel, die er 1898 abbrach, um aus der Enge seiner Heimatstadt nach Buenos Aires zu »flüchten«. Dort arbeitete er als Kontorist in einer Zweigstelle der AEG. 1901 zwang ihn eine fiebrige Erkrankung (mglw. Malaria) zur Rückkehr; zwischen 1901-1908 lebte er bei seinen Eltern und Brüdern in Magdeburg, Schulpforta und Trebitz. Die sich steigernden psychisch-nervösen Störungen, die K. zeitlebens zu schaffen machten, wurden 1902 einige Monate in einem Sanatorium in Berlin-Zehlendorf behandelt. Am 4.10. 1908 heiratete K. die wohlhabende Magdeburger Kaufmannstochter Margarethe Habenicht, deren Mitgift K. erstmals das verschwenderische Leben ermöglichte, das er seiner dichterischen Begabung schuldig zu sein meinte und fortan immer zu führen versuchte. Kaiser hatte sich neben seiner Bürotätigkeit intensiv mit Werken antiker, klassischer und zeitgenössischer Dichter und Philosophen vertraut gemacht und schrieb selbst seit den 90er Jahren Theaterstücke mit zunächst meist komödiantischem und parodistischem Inhalt. 1911 konnte er zum ersten Mal ein Schauspiel (»Die jüdische Witwe«; Umgestaltung des biblischen Judith-Motivs) in einem kommerziellen Verlag veröffentlichen (Fischer; später wechselte K. zu Kiepenheuer). Im Januar 1917 gelang mit der Uraufführung des expressionistischen Stückes »Die Bürger von Calais« im Neuen Theater Frankfurt/M. der Durchbruch. In einem beispiellosen Aufstieg wird K. neben Gerhart Hauptmann zum mit Abstand meistaufgeführten zeitgenössischen Dramatiker der Weimarer Republik; zugleich ist er der produktivste: Zwischen 1910 und 1930 vollendete er 45 meist abendfüllende Bühnenstücke (insges. umfaßt sein Werk rund 70) mit 40 Uraufführungen, darunter auch Kommödien, Revuestücke und Opern (Zusammenarbeit mit Kurt Weill). K. bezog nach seiner Heirat Villen zunächst in Seeheim/Bergstr., dann auch in Weimar/Horn; beide Häuser wurden 1918 samt dem persönlichen Eigentum K.s konfisziert, nachdem sich dieser tief verschuldet hatte. K. lebte nun zunächst in München, dann in Tutzing. Er verpfändete und verkaufte Mobiliar der gemieteten Villa in Tutzing, wurde deswegen im Okt. 1920 in Berlin verhaftet und am 15.2. 1921 vom Landgericht München in einem aufsehenerregenden Prozeß zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Im April 1921 wurde K. aus der Strafanstalt Stadelheim entlassen und lebte mit seiner Familie (Kinder: 1914 Dante Anselm, 1918 Michael Laurent, 1919 Eva Sibylle) bis 1938 zurückgezogen in einem Landhaus in Grünheide am Peetzsee (bei Berlin); seine Berliner Wohnung wurde Treffpunkt eines Literatenkreises (z.B. mit Bertolt Brecht, Alfred Wolfenstein, Ivan u.Claire Goll). Im Feb. 1933 kam es bei der Uraufführung des Musikschauspiels »Der Silbersee« in Leipzig zu einem von der SA provozierten Eklat. Aufgrund seines dichterischen Stils, aber auch der sozialistischen und antifaschistischen Aussagen mancher Werke (vgl. z.B. »Die Lederköpfe«) wurde K. von den Nationalsozialisten geächtet und aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen (Mitglied seit 1926); nur noch anonym konnte er gelegentlich ein Filmskript finanziell verwerten. Er beteiligte sich im Untergrund an der Propaganda des Widerstands, mußte am 25. Juni 1938, gewarnt vor einer Hausdurchsuchung, in die Schweiz fliehen; seine Familie blieb zurück. Im Schweizer Exil konnte sich K. der Unterstützung guter Freunde (Julius Marx, Caesar von Arx) und erheblicher finanzieller Darlehen z.B. von Gönnerinnen versichern; trotzdem war er ständig in Geldnot. Der Versuch einer Ausreise in die USA mißlang. K. schrieb weiter Bühnenstücke - hervorzuheben sind »Der Soldat Tanaka«, »Napoleon in New Orleans«, »Das Floß der Medusa«, »Die Spieldose« -, Romane (z.B. »Villa aurea«), Filmexposés, schließlich auch Gedichte; die Aufführungen einiger weniger Dramen in der Schweiz blieben aber erfolglos. K. wohnte - zumeist in Hotels - in verschiedenen Orten (v.a. Engelberg und Männedorf/Zürich, sowie Montana Vermala, St.Moritz, Ascona, Lugano, Morcote, Coppet, Genf, Locarno). Er wurde in diesen Exilsjahren von Maria von Mühlfeld begleitet und ihrer gemeinsamen Tochter Olivia (geb. 1928), ohne daß seine deutsche Familie, mit der K. nur in brieflichem Kontakt stand, von deren Existenz erfuhr. Am 4. Juni 1945 starb K. vereinsamt und verbittert in Ascona an einer Embolie. In der Nachkriegszeit hatten Aufführungen seiner Dramen kaum noch Erfolg. Heute zollen fast nur noch die Germanisten diesem rätselhaften Mann und seinem Werk (kritisches) Interesse.- Die Stücke »Die Bürger von Calais« (1912/14), »Von morgens bis mitternachts« (1912), »Gas I« (1917/18) und »Gas II« (1918/19) sowie »Der gerettete Alkibiades« (1917/19) lassen K. bis heute als den bedeutendsten Dramatiker des Expressionismus erscheinen, doch beschränkt sich sein Werk nicht auf diese Epoche. Brecht hielt die Dramatik K.s für entscheidend wichtig in der Entwicklung des europäischen Theaters und zeigte sich selbst in seinen dichterischen Anfängen von ihm beeinflußt (Lehrtheater). Kennzeichnend für K.s Dramen sind eine wirkungsvolle Bühnentechnik und z.T. hochexpressive Sprache, eine den Schriften Platos abgeschaute Dialogtechnik, die Umsetzung von Ideen in die Sinnlichkeit des Bühnengeschehens (»Das Drama schreiben ist: einen Gedanken zu Ende denken.«) und eine gelegentlich recht konstruiert wirkende Handlungsführung. Das Interesse der Germanistik gilt in den letzten Jahrzehnten bes. der Sprachästhetik, den zahlreichen biographischen Bezügen und den mythischen Elementen seines Werkes. Im Zentrum der ernsten Dramen K.s steht die u.a. von Friedrich Nietzsche inspirierte Vision vom geläuterten »neuen Menschen«, der sich in einem - für den Dramenhelden meist im Selbstopfer bzw. Selbstmord endenden - Prozeß über die von (kapitalistischem) Eigennutz, Technikgläubigkeit, Militarismus und bürgerlicher Engstirnigkeit geprägte Gesellschaft erhebt. Die Idee dieses »neuen Menschen« konvergiert mit der Gestalt des Künstlers (»Aus Vision wird Mensch mündig: Dichter.«), in der K., gefangen von einem an das Pathologische grenzenden Sendungs- und Selbstbewußtsein, sich immer wieder selbst bespiegelte. Um diesem säkularisierten Heilsbringer Ausdruck zu geben, hat K. oft auf die Gestalt Jesu, auf biblische Bilder und Symbole zurückgegriffen, z.B. schon in den »Bürgern von Calais«, »Gas I/II« sowie in »Noli me tangere« (1921). Im Exil verlor K. die Hoffnung auf Wirkung seines dramatischen »Evangeliums« (K. zu »Gas II«: »Das ist das Evangelium noch einmal!«); in den Gedichten, Entwürfen und Fragmenten der letzten Jahre ist der gekreuzigte Jesus das Bild des von Gott verlassenen, leidenden Einzelnen bzw. des Künstlers, hinter dessen Untergang sich das Nichts dehnt. In seinem letzten Schauspiel »Bellerophon« (1944, 3.Teil der sog. »Griechischen Dramen«) versetzt K. den Künstler resp. sich selbst aus der ihm zeitlebends »verhaßten Wirklichkeit« in die mythologische Sternenwelt.

Werke: Stücke - Erzählungen - Aufsätze - Gedichte (Auswahl), hrsg. v. Walther Huder, 1966; Werke in 6 Bänden, hrsg. v. Walther Huder, 1970-1972; G.K. Briefe, hrsg. v. Gesa M.Valk, 1980; G.K. in Sachen G.K. (Briefe 1916-1933), hrsg. v. Gesa M.Valk, 1989. - Bibliogr. des Gesamtwerkes in Bd. 6 der Werkausgabe, 861-927. Nachlaß im G.K.-Archiv der Berliner Akademie der Künste, Schwesternarchive in den Universitäten von Edmonton (Canada) und Texas (USA).

Lit.: (bis 1980 in Auswahl): Bernhard Diebold, Der Denkspieler G.K., 1924; - Hugo F. Königsgarten, G.K., 1928; - Eric Albert Fivian, G.K. und seine Stellung im Expressionismus, 1947; - Adolf Schütz, G.K.'s Nachlaß, 1951; - Brian J. Kenworthy, G.K., 1957; - Kurt Behrsing, Sprache und Aussage, (Diss.München) 1958; - Wolfgang Paulsen, G.K., 1960; - Hans Dieter Gröll, Untersuchungen zur Dialektik, 1965; - Arnold Meese, Die theoretischen Schriften G.K.s, 1965; - Wilhelm Steffens, G.K., 1969; - Julius Marx, G.K., ich und die anderen, 1970; - Manfred Kuxdorf, Die Suche nach dem Menschen, 1971; - Ernst Schürer, G.K., 1971; - Ders., G.K. und Bertolt Brecht, 1971; - Klaus Petersen, G.K.: Künstlerbild und Künstlerfigur, 1976 (Lit.); - Rudolf Bussmann, Einzelner und Masse, 1978 (Lit.); - Heinrich Breloer, G.K.'s Drama 'Die Koralle', 1977 (m.e.biograph.Aufriß); - Manfred Durzak, Das expressionistische Drama I, 1978; - Armin Arnold (Hrsg.), G.K., 1980 (m.e. von H.Pausch/E.Reinhold kommentierten Bibl.d.Literatur); - Holger Pausch und Ernest Reinhold (Hrsg.), G.K. (Symposium), 1980 (m.e. Forschungsbericht von H. Pausch und e. Bibl.d.Lit.); - Robert B.Todd, Socrates Dramatised, in: Antike und Abendland 27, 1981, 116-129; - Peter Schlapp, G.K.'s »Gas I«, 1983; - R.Kieser, Erzwungene Symbiose, 1984; - H.J.Schueler, The Symbolism of Paradise, in: Neophilologus 68, 1984, 98-104; - M.Helena Gonçalves da Silva, Character, Ideology and Symbolism, 1985; - George C.Tunstall, Autobiography and Mythogenesis, in: German Life und Letters 37, 1984, 105-111; - Ders., The Turning Point in G.K.'s Attitude toward Friedrich Nietzsche, in: Nietzsche-Studien 14, 1985, 314-336; - Peter K. Tyson, The Reception of G.K., 1984; - Hartmut Heinze, Das deutsche Märtyrerdrama, 1985; - K.U.Werner, Exil als Erfahrung und Metapher, in: Exil 5, 1985, 36-45; - Jürgen Schebera, G.K. und Kurt Weill, in: Sinn und Form 38, 1986, 194-202; - Karl Jürgen Skrodzki, Mythopoetik, 1986; - Renate Benson, Deutsches expressionistisches Theater, 1987; - Ronald L. Crawford, The Punctum Saliens, in: Colloquia Germanica 20, 1987, 163-168; - Carol Diethe, Aspects of Distorted Sexual Attitudes, 1988; - Rhys W.Williams, Culture and Anarchy, in: Modern Language Review 83, 1988, 364 ff; - K.P.Murti, Impotenz als Impuls zur schöpferischen Tätigkeit, in: H.Koopmann/C.Muenzer, Wegbereiter der Moderne, 1990, 114-123; - RGG III3, 1091 f; - NDB XI, 38f; - Kunisch, Handb.d.dt.Ggw.lit. I2, 364 ff; - Albrecht/Dahlke, Int.Bibl.z.Gesch.d.dt.Lit. II/2, 346-352; - Köttelwesch, Bibl.Handb.II, 1722-1728; - Kosch, LL VIII3, 835 ff; - Rupp/ Lang, Dt.Lit.-Lex. VIII3, 835-839; - Röder/Strauss, Biogr. Handb. d. dt. Emigr. II/1, 586; - Benz/Graml, Biogr. Lex. d. Weimarer Rep., 171 f; - Wilpert I3, 765; - Ders., Dt.Dichterlex., 408 f; - Killy, Lit.lex. VI, 190-192; - Kindlers Neues Lit.lex. IX, 63-75.

Barbara Nichtweiß

Literaturergänzung:

2005

Georg Kaiser and modernity. Frank Krause (ed.). Göttingen 2005.

Letzte Änderung: 29.12.2009