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Band III (1992) Spalten 1120-1124 Autor: Wolfgang Weber

KARL IX. (1550-1574). Der zweitletzte König Frankreichs aus dem Hause Valois wurde am 27. Juni 1550 als zweiter Sohn Heinrichs II. und Katharinas von Medici geboren. Seine Erziehung leitete wie bei seinen Brüdern Franz (Franz II., König 1559-1570), Heinrich (Heinrich III., König 1574-1589) und Franz [d.J.] (Herzog von Alencon, 1554-1584) die Mutter, die sein ganzes Leben lang die dominante Bezugsperson blieb. Wohl auch deshalb soll er charakterlich schwierig gewesen sein. Seiner Labilität. Sprunghaftigkeit und überspannten Nervosität entsprach eine schlanke, fast zierliche Gestalt. Körperlichen Anstrengungen war er lange Zeit kaum gewachsen; das lebhafte Interesse an Sport, Jagd und Krieg schlug sich daher zunächst in entsprechender Lektüre nieder. Dennoch weckte seine prunkvolle Thronübernahme im Dezember 1560, nach dem plötzlichen Tod seines älteren Bruders, in noch kindlichem Alter, große Erwartungen. Unter Franz II. hatte der kämpferisch-gegenreformatorische Flügel der katholischen Partei unter den Guisen einen erheblichen Teil der königlichen Autorität an sich gerissen. Gewalttätige Rekatholisierungsversuche und ebenso entschlossene hugenottische Bestrebungen zerrissen das Land. Von dem symphatisch-schön anzusehenden Thronfolger und z.Tl. dessen Mutter erhoffte sich die weniger konfessionell als staatspolitisch orientierte königliche Partei eine Beruhigung und Stabilisierung der Lage. Tatsächlich gelang es Katharina, nachdem sie für sich selbst die Regentschaft erworben hatte und der Hugenotte Anton von Bourbon (König von Navarra, 1518-1562) zum militärischen Oberbefehlshaber Frankreichs (Generalleutnant) ernannt worden war, wichtige Reformen durchzusetzen. Die Edikte von 1559 und 1560, welche die Verfolgung der Protestanten vorschrieben, wurden Anfang 1561 im Namen der Regentin aufgehoben. Die hugenottischen Führer kehrten an den Hof zurück. Das Kolloquium von Poissy, welches als Nationalkonzil von September bis November 1561 die wichtigsten Kleriker des Landes zusammenführte, brachte zwar keine Versöhnung der Konfessionsparteien zustande. Es trug aber durch entsprechende Zahlungsbewilligungen zur Sanierung der königlichen Finanzen bei. Im Januar 1562 garantierte ein königliches Edikt, welches von dem Kanzler Michel de L'Hospital vorbereitet wurde, dem hugenottischen Adel begrenzte religiöse Freiheitsrechte. Mit dieser Lösung, die gleichzeitig die Unabhängigkeit der Krone unterstrich, waren jedoch weder die katholischen noch die hugenottischen Eiferer zufrieden. Kurze Zeit später steigerten sich die Zusammenstöße dieser beiden Kontrahenten dementsprechend zum ersten Bürgerkrieg, welchen erst das Edikt von Amboise (März 1563), eine entschärfte Version des Januaredikts, beendete. Im August dieses Jahres erklärte die Regentin ihren Sohn im Parlament von Rouen, welches als Vertretung des französischen Volkes fungierte, für volljährig. Zwischen dem folgenden Januar und Mai 1566 führte sie ihn auf einer kostspieligen, kunstgeschichtlich heute höchst bedeutsamen großen Rundreise (La Grand Ronde) durch das Land. Ihre Absicht war, die Untertanen auf den jungen König einzuschwören, das Edikt von Amboise durchzusetzen sowie (mittels Gesprächen unter anderem mit dem Herzog von Alba in Bayonne 1565) die Beziehungen der französischen zur spanischen Krone bzw. zu Habsburg zu verbessern (Projekt der Verheiratung K.s mit Erzherzogin Elisabeth von Österreich, Tochter Maximilians II., verwirklicht am 26. November 1570). Mutter und Sohn vermochten jedoch den Ausbruch weder des zweiten (September 1567 - März 1568) noch des dritten (August 1568 - August 1570), in beiden Fällen wieder höchst grausamen Bürgerkriegs zu verhindern. Die katholische Partei, besonders der Kardinal von Lothringen aus dem Hause Guise, konnte sich nicht mit dem Edikt von Amboise abfinden. Die Protestanten sahen in den Kontakten ihres Königs mit Spanien den Beginn einer planmäßigen Zusammenarbeit der katholischen Monarchen mit dem Ziel, die Ketzer auszulöschen. Spanien stellte sich auch deshalb zunehmend auf die Seite der katholischen Eiferer, um durch Schürung der inneren Unruhe die unvermeidliche Intervention eines gestärkten Frankreich in den Niederlanden, wo der Kampf gegen die rebellischen Generalstaaten tobte, möglichst lange hinauszuzögern. 1568-1570 kehrten selbst Katharina und der König an die Seite der zu dieser Zeit siegreich erscheinenden katholischen Partei zurück. Binnen kurzem war jedoch die königliche Kasse wieder leer, deren chronische Schwäche schon zuvor eine dauerhafte Durchsetzung der Autorität der Zentralgewalt verhinderte. Deshalb konnte in einer Phase allseitiger Erschöpfung der tragfähigere Frieden von Saint-Germain ausgehandelt werden (August 1570), der die Wiedereinsetzung der Protestanten in ihre Rechte vorsah. Der nächste Schritt für Katharina bestand darin, diesen Erfolg nach bewährtem Modell durch entsprechende Eheschließungen abzusichern. Eine jüngere Schwester des Königs, Margarite, wurde dem neuen Führer der Hugenotten Heinrich von Navarra (später Heinrich IV., siehe dort) anvertraut. Heinrich oder im Notfall Franz [d.J.], also einer der beiden Brüder, sollte Gemahl Queen Elisabeths werden. Unter dem Einfluß des hugenottischen Admirals von Frankreich Kaspar (Gaspard) von Coligny begann der König jetzt aber, sich mit dem Projekt eines Krieges gegen Spanien in den Niederlanden anzufreunden. Dieser Krieg, der auch dazu gedacht war, die inneren Widersprüche Frankreichs nach außen abzulenken, stand im Gegensatz zur friedlichen Stabilisierungspolitik der Königsmutter. Katharina versuchte daher, nachdem Bitten und Mahnungen nichts halfen, sondern im Gegenteil erste bewaffnete Geplänkel ausbrachen, den eigentlichen Kriegstreiber Coligny beseitigen zu lassen. Die Verantwortung für den Anschlag sollte den Guise zugeschoben worden, um auf diese Weise die beiden fanatischen Faktionen aufeinanderzuhetzen, was nach dieser Vorstellung unvermeidlich eine Stärkung der königlichen Partei bedeutet hätte. Als das Attentat mißlang und gefährliche Gerüchte über seine Hintergründe aufkamen, sahen sich seine Urheber zur Flucht nach vorne veranlaßt. Unter Hinweis auf einen angeblich zu erwartenden umfassenden Gegenschlag der Hugenotten, welcher das Land in einen neuen Bürgerkrieg gestürzt hätte, überzeugte Katharina ihren Sohn von der Notwendigkeit der Beseitigung fast der gesamten hugenottischen Führungsspitze (23. August 1572). Diese Führung hatte sich mittlerweile zur Feier der Hochzeit Heinrichs von Navarra mit der Tochter Katharinas in Paris eingefunden. K. ordnete die notwendigen Maßnahmen zur Durchführung der Tötungen und zur Isolierung derjenigen Hugenotten an, die verschont bleiben sollten. Das waren neben dem Bräutigam und weiteren einzelnen Personen die gesamten übrigen, zum Gefolge der Hugenottenführer zählenden Hochzeitsgäste. Die zur Absperrung der Quartiere dieser Gäste mobilisierte Pariser Miliz schloß sich jedoch, teilweise ermuntert durch ihre Führer, gewalttätigen antihugenottischen Demonstranten an. So mündete die geplante begrenzte Aktion in das Massaker der Bartholomäusnacht ein (24. August), welchem damit drei Motive zugrundelagen: Erstens politisches Kalkül, zweitens konfessioneller Eifer und drittens die Angst vieler durch die Beschlagnahme hugenottischen Besitzes aus der Armut emporgestiegener oder reich gewordener katholischer Pariser, das erst unlängst Gewonnene im Zuge der hugenottischen Rekonstituierung wieder zu verlieren, obwohl die naturgemäß in ihren prächtigsten Gewändern angereisten Gäste diesen Besitz augenscheinlich garnicht mehr nötig hatten. Die unvermeidliche Folge des blutigen Ereignisses war der Ausbruch des vierten Religionskrieges, in dessen Verlauf sich jedoch neue Entwicklungen ergaben. In ihrer Existenz bedroht, organisierten sich die Hugenotten besser und begannen nun wirklich einen Staat im Staate zu bilden, der trotz einiger Niederlagen (Ende 1572 Verlust von La Rochelle) einen bedeutenden politischen Faktor darstellte. Diesen Sachverhalt versuchten Mitglieder des Hochadels innerhalb und außerhalb der hugenottischen Gemeinschaft zunehmend für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Der konfessionelle Zusammenhang begann an Bedeutung zu verlieren, neue politisch-soziale Konflikte brachen auf, schließlich nahm der Krieg anarchische Züge an. Im Laufe des Jahres 1573, in welchem auch die ersten systematisch königsfeindlichen (monarchomachischen) polemisch-politischen Pamphlete Europas entstanden, bildete sich ein neues Konfliktmuster aus. Sowohl katholische als auch hugenottische Führer stellten sich auf die Seite des jüngsten Bruders des Königs, welcher selbst nach der Krone strebte und seinen Parteigängern (den »Unzufriedenen«) für den Fall der Thronübernahme wesentlich erweiterte Privilegien in Aussicht stellte. Zunächst hatten sich diese Bestrebungen auf die Ausschaltung des präsumptiven Thronfolgers Heinrich gerichtet. Als dieser König von Polen wurde und damit als Erbe K.s IX. in den Hintergrund trat, wandte sich Franz von Alencon direkt seinem ältesten Bruder, dem König, zu. K. wurde zum Objekt verschiedener mehr oder weniger gefährlicher politischer Verschwörungen und Anschläge. Selbst der unerwartete Ausbruch lebensbedrohlicher Krankheit (Tuberkulose und Nervenfieber) bei ihm ließ diese Versuche nicht abklingen. Der von Franz in Absprache mit Hewinrich von Navarra geplante Staatsstreich von Saint-Germain, der durch einen landesweiten Aufstand ergänzt werden sollte, scheiterte indessen. Die Mutter des Königs konnte ihren bereits todkranken Sohn in die Festung von Vincennes schaffen und einige Aufrührer verhaften bzw. hinrichten lassen. Schon wenige Wochen später, am 30. Mai 1574, verstarb K. IX. jedoch. Er hinterließ eine legitime Tochter und einen illegitimen Sohn.

Lit.: L. Romier: Le Royaume de Catherine de Médicis, Paris 19222; - P. Champion: Charles IX, la France et le controle de l'Espagne, 2 Bde., Paris 1939; - ders., Paris sous les derniers Valois, Paris 19427; - N.M. Sutherland: The Massacre of St. Bartholomew and the European Conflict 1559-1577, London 1973; - A. Soman (Hg.): The Massacre of St. Bartholomew. Reappraisals and Documents, Den Haag 1974; - W. Reinhard: Glaube, Geld, Diplomatie. Die Rahmenbedigungen des Religionsgesprächs von Poissy im Herbst 1561, in: G. Müller (Hg.): Die Religionsgespräche der Reformationszeit, Gütersloh 1980, 89-116; - N. M. Sutherland: Princes, Politics, and Religion 1547-1589, London 1984; - J. Bouthier et al.: Un Tour de France Royal Le Voyage de Charles IX. (1564-1566), Paris 1984 (mit weiteren Literaturverweisen).

Wolfgang Weber

Letzte Änderung: 09.06.1998