KARL IX. (1550-1574). Der zweitletzte König Frankreichs aus dem Hause
Valois wurde am 27. Juni 1550 als zweiter Sohn Heinrichs II. und Katharinas
von Medici geboren. Seine Erziehung leitete wie bei seinen Brüdern
Franz (Franz II., König 1559-1570), Heinrich (Heinrich III., König
1574-1589) und Franz [d.J.] (Herzog von Alencon, 1554-1584) die Mutter,
die sein ganzes Leben lang die dominante Bezugsperson blieb. Wohl
auch deshalb soll er charakterlich schwierig gewesen sein. Seiner
Labilität. Sprunghaftigkeit und überspannten Nervosität entsprach
eine schlanke, fast zierliche Gestalt. Körperlichen Anstrengungen
war er lange Zeit kaum gewachsen; das lebhafte Interesse an Sport,
Jagd und Krieg schlug sich daher zunächst in entsprechender Lektüre
nieder. Dennoch weckte seine prunkvolle Thronübernahme im Dezember
1560, nach dem plötzlichen Tod seines älteren Bruders, in noch kindlichem
Alter, große Erwartungen. Unter Franz II. hatte der kämpferisch-gegenreformatorische
Flügel der katholischen Partei unter den Guisen einen erheblichen
Teil der königlichen Autorität an sich gerissen. Gewalttätige Rekatholisierungsversuche
und ebenso entschlossene hugenottische Bestrebungen zerrissen das
Land. Von dem symphatisch-schön anzusehenden Thronfolger und z.Tl.
dessen Mutter erhoffte sich die weniger konfessionell als staatspolitisch
orientierte königliche Partei eine Beruhigung und Stabilisierung der
Lage. Tatsächlich gelang es Katharina, nachdem sie für sich selbst
die Regentschaft erworben hatte und der Hugenotte Anton von Bourbon
(König von Navarra, 1518-1562) zum militärischen Oberbefehlshaber
Frankreichs (Generalleutnant) ernannt worden war, wichtige Reformen
durchzusetzen. Die Edikte von 1559 und 1560, welche die Verfolgung
der Protestanten vorschrieben, wurden Anfang 1561 im Namen der Regentin
aufgehoben. Die hugenottischen Führer kehrten an den Hof zurück. Das
Kolloquium von Poissy, welches als Nationalkonzil von September bis
November 1561 die wichtigsten Kleriker des Landes zusammenführte,
brachte zwar keine Versöhnung der Konfessionsparteien zustande. Es
trug aber durch entsprechende Zahlungsbewilligungen zur Sanierung
der königlichen Finanzen bei. Im Januar 1562 garantierte ein königliches
Edikt, welches von dem Kanzler Michel de L'Hospital vorbereitet wurde,
dem hugenottischen Adel begrenzte religiöse Freiheitsrechte. Mit dieser
Lösung, die gleichzeitig die Unabhängigkeit der Krone unterstrich,
waren jedoch weder die katholischen noch die hugenottischen Eiferer
zufrieden. Kurze Zeit später steigerten sich die Zusammenstöße dieser
beiden Kontrahenten dementsprechend zum ersten Bürgerkrieg, welchen
erst das Edikt von Amboise (März 1563), eine entschärfte Version des
Januaredikts, beendete. Im August dieses Jahres erklärte die Regentin
ihren Sohn im Parlament von Rouen, welches als Vertretung des französischen
Volkes fungierte, für volljährig. Zwischen dem folgenden Januar und
Mai 1566 führte sie ihn auf einer kostspieligen, kunstgeschichtlich
heute höchst bedeutsamen großen Rundreise (La Grand Ronde) durch das
Land. Ihre Absicht war, die Untertanen auf den jungen König einzuschwören,
das Edikt von Amboise durchzusetzen sowie (mittels Gesprächen unter
anderem mit dem Herzog von Alba in Bayonne 1565) die Beziehungen der
französischen zur spanischen Krone bzw. zu Habsburg zu verbessern
(Projekt der Verheiratung K.s mit Erzherzogin Elisabeth von Österreich,
Tochter Maximilians II., verwirklicht am 26. November 1570). Mutter
und Sohn vermochten jedoch den Ausbruch weder des zweiten (September
1567 - März 1568) noch des dritten (August 1568 - August 1570), in
beiden Fällen wieder höchst grausamen Bürgerkriegs zu verhindern.
Die katholische Partei, besonders der Kardinal von Lothringen aus
dem Hause Guise, konnte sich nicht mit dem Edikt von Amboise abfinden.
Die Protestanten sahen in den Kontakten ihres Königs mit Spanien den
Beginn einer planmäßigen Zusammenarbeit der katholischen Monarchen mit dem Ziel, die Ketzer auszulöschen. Spanien stellte
sich auch deshalb zunehmend auf die Seite der katholischen Eiferer,
um durch Schürung der inneren Unruhe die unvermeidliche Intervention
eines gestärkten Frankreich in den Niederlanden, wo der Kampf gegen
die rebellischen Generalstaaten tobte, möglichst lange hinauszuzögern.
1568-1570 kehrten selbst Katharina und der König an die Seite der
zu dieser Zeit siegreich erscheinenden katholischen Partei zurück.
Binnen kurzem war jedoch die königliche Kasse wieder leer, deren chronische
Schwäche schon zuvor eine dauerhafte Durchsetzung der Autorität der
Zentralgewalt verhinderte. Deshalb konnte in einer Phase allseitiger
Erschöpfung der tragfähigere Frieden von Saint-Germain ausgehandelt
werden (August 1570), der die Wiedereinsetzung der Protestanten in
ihre Rechte vorsah. Der nächste Schritt für Katharina bestand darin,
diesen Erfolg nach bewährtem Modell durch entsprechende Eheschließungen
abzusichern. Eine jüngere Schwester des Königs, Margarite, wurde dem
neuen Führer der Hugenotten Heinrich von Navarra (später Heinrich
IV., siehe dort) anvertraut. Heinrich oder im Notfall Franz [d.J.],
also einer der beiden Brüder, sollte Gemahl Queen Elisabeths werden.
Unter dem Einfluß des hugenottischen Admirals von Frankreich Kaspar
(Gaspard) von Coligny begann der König jetzt aber, sich mit dem Projekt eines Krieges gegen Spanien in
den Niederlanden anzufreunden. Dieser Krieg, der auch dazu gedacht
war, die inneren Widersprüche Frankreichs nach außen abzulenken, stand
im Gegensatz zur friedlichen Stabilisierungspolitik der Königsmutter.
Katharina versuchte daher, nachdem Bitten und Mahnungen nichts halfen,
sondern im Gegenteil erste bewaffnete Geplänkel ausbrachen, den eigentlichen
Kriegstreiber Coligny beseitigen zu lassen. Die Verantwortung für
den Anschlag sollte den Guise zugeschoben worden, um auf diese Weise
die beiden fanatischen Faktionen aufeinanderzuhetzen, was nach dieser
Vorstellung unvermeidlich eine Stärkung der königlichen Partei bedeutet
hätte. Als das Attentat mißlang und gefährliche Gerüchte über seine
Hintergründe aufkamen, sahen sich seine Urheber zur Flucht nach vorne
veranlaßt. Unter Hinweis auf einen angeblich zu erwartenden umfassenden
Gegenschlag der Hugenotten, welcher das Land in einen neuen Bürgerkrieg
gestürzt hätte, überzeugte Katharina ihren Sohn von der Notwendigkeit
der Beseitigung fast der gesamten hugenottischen Führungsspitze (23.
August 1572). Diese Führung hatte sich mittlerweile zur Feier der
Hochzeit Heinrichs von Navarra mit der Tochter Katharinas in Paris
eingefunden. K. ordnete die notwendigen Maßnahmen zur Durchführung
der Tötungen und zur Isolierung derjenigen Hugenotten an, die verschont
bleiben sollten. Das waren neben dem Bräutigam und weiteren einzelnen
Personen die gesamten übrigen, zum Gefolge der Hugenottenführer zählenden
Hochzeitsgäste. Die zur Absperrung der Quartiere dieser Gäste mobilisierte
Pariser Miliz schloß sich jedoch, teilweise ermuntert durch ihre Führer,
gewalttätigen antihugenottischen Demonstranten an. So mündete die
geplante begrenzte Aktion in das Massaker der Bartholomäusnacht ein
(24. August), welchem damit drei Motive zugrundelagen: Erstens politisches
Kalkül, zweitens konfessioneller Eifer und drittens die Angst vieler
durch die Beschlagnahme hugenottischen Besitzes aus der Armut emporgestiegener
oder reich gewordener katholischer Pariser, das erst unlängst Gewonnene
im Zuge der hugenottischen Rekonstituierung wieder zu verlieren, obwohl
die naturgemäß in ihren prächtigsten Gewändern angereisten Gäste diesen
Besitz augenscheinlich garnicht mehr nötig hatten. Die unvermeidliche
Folge des blutigen Ereignisses war der Ausbruch des vierten Religionskrieges,
in dessen Verlauf sich jedoch neue Entwicklungen ergaben. In ihrer
Existenz bedroht, organisierten sich die Hugenotten besser und begannen
nun wirklich einen Staat im Staate zu bilden, der trotz einiger Niederlagen
(Ende 1572 Verlust von La Rochelle) einen bedeutenden politischen
Faktor darstellte. Diesen Sachverhalt versuchten Mitglieder des Hochadels
innerhalb und außerhalb der hugenottischen Gemeinschaft zunehmend
für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Der konfessionelle Zusammenhang
begann an Bedeutung zu verlieren, neue politisch-soziale Konflikte
brachen auf, schließlich nahm der Krieg anarchische Züge an. Im Laufe
des Jahres 1573, in welchem auch die ersten systematisch königsfeindlichen
(monarchomachischen) polemisch-politischen Pamphlete Europas entstanden,
bildete sich ein neues Konfliktmuster aus. Sowohl katholische als
auch hugenottische Führer stellten sich auf die Seite des jüngsten
Bruders des Königs, welcher selbst nach der Krone strebte und seinen
Parteigängern (den »Unzufriedenen«) für den Fall der Thronübernahme
wesentlich erweiterte Privilegien in Aussicht stellte. Zunächst hatten
sich diese Bestrebungen auf die Ausschaltung des präsumptiven Thronfolgers
Heinrich gerichtet. Als dieser König von Polen wurde und damit als
Erbe K.s IX. in den Hintergrund trat, wandte sich Franz von Alencon
direkt seinem ältesten Bruder, dem König, zu. K. wurde zum Objekt
verschiedener mehr oder weniger gefährlicher politischer Verschwörungen
und Anschläge. Selbst der unerwartete Ausbruch lebensbedrohlicher
Krankheit (Tuberkulose und Nervenfieber) bei ihm ließ diese Versuche
nicht abklingen. Der von Franz in Absprache mit Hewinrich von Navarra
geplante Staatsstreich von Saint-Germain, der durch einen landesweiten
Aufstand ergänzt werden sollte, scheiterte indessen. Die Mutter des
Königs konnte ihren bereits todkranken Sohn in die Festung von Vincennes
schaffen und einige Aufrührer verhaften bzw. hinrichten lassen. Schon
wenige Wochen später, am 30. Mai 1574, verstarb K. IX. jedoch. Er
hinterließ eine legitime Tochter und einen illegitimen Sohn.
Lit.: L. Romier: Le Royaume de Catherine de Médicis, Paris
19222; - P. Champion: Charles IX, la France et le controle
de l'Espagne, 2 Bde., Paris 1939; - ders., Paris sous les derniers
Valois, Paris 19427; - N.M. Sutherland: The Massacre of
St. Bartholomew and the European Conflict 1559-1577, London 1973;
- A. Soman (Hg.): The Massacre of St. Bartholomew. Reappraisals
and Documents, Den Haag 1974; - W. Reinhard: Glaube, Geld, Diplomatie.
Die Rahmenbedigungen des Religionsgesprächs von Poissy im Herbst 1561,
in: G. Müller (Hg.): Die Religionsgespräche der Reformationszeit,
Gütersloh 1980, 89-116; - N. M. Sutherland: Princes, Politics,
and Religion 1547-1589, London 1984; - J. Bouthier et al.: Un
Tour de France Royal Le Voyage de Charles IX. (1564-1566), Paris 1984
(mit weiteren Literaturverweisen).