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Verlag Traugott Bautz
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KARL THEODOR von Pfalz-Bayern, seit 1742 Kurfürst der Pfalz und seit 1777 auch Kurfürst von Bayern, * 11.12. 1724 auf Schloß Droogenbosch b. Brüssel als ältestes Kind des Pfalzgrafen Johann Christian v. Sulzbach und seiner Gemahlin Maria Anna Henriette de la Tour d'Auvergne, † 16.2. 1799 in Schloß Nymphenburg/München, bestattet in der Theatinerkirche (St. Cajetan) in München. - Ursprünglich nicht zur Thronfolge bestimmt, verbrachte K.Th. die ersten neun Jahre seines Lebens überwiegend in der Obhut seiner Urgroßmutter in Brüssel. Durch den frühen Tod seines Onkels wie auch seines Vaters zum Erben der Kurpfalz aufgerückt, ließ ihn sein Vormund, Kfst Karl Philipp von der Pfalz, 1734 nach Mannheim holen und ihn von Jesuiten sorgfältig für seine zukünftigen herrscherlichen Aufgaben erziehen. Zur Vervollständigung seiner Ausbildung wurde er zu einem 2-jährigen Studium der Rechts-Staats- und Geschichtswissenschaft an die Universitäten von Löwen und Leiden geschickt. Nach seiner Rückkehr 1741 vorzeitig für volljährig erklärt, konnte K. Th. durch die Regierungsübernahme in den ihm von seinen Eltern vererbten Ländern Sulzbach und Bergen-op-Zoom erste praktische Erfahrungen in der Regierungsarbeit sammeln. Dazu trat nun ergänzend der - von ihm zeitlebens nicht geschätzte - Militärdienst. 1742 heiratete er seine Kusine Elisabeth Auguste, älteste Enkelin des Kfst. Karl Philipp v. d. Pfalz. Als dieser Ende 1742 starb, trat K. Th. gut vorbereitet die Regierungsnachfolge an. Außenpolitisch dem von seinem Vorgänger eingeschlagenen frankophilen Kurs folgend, gelang es K. Th. durch vorsichtiges Lavieren zwischen den Mächten, die Pfalz weitgehend aus den Kriegshandlungen im Österreichischen Erbfolgekrieg wie auch im Siebenjährigen Krieg herauszuhalten und dem wirtschaftlich stark geschwächten Land zur dringend benötigten Ruhepause für eine Neuorientierung zu verhelfen. Die innenpolitischen Bemühungen K. Th.'s galten einer gründlichen Reform der Pfalz und der niederrhein. Besitzungen im Sinne des aufgeklärten Absolutismus. Sein Konzept umfaßte nicht nur Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Leistungskraft des Landes, zur Verbesserung von Justiz und Verwaltung, zur Neuordnung des Sozialwesens, zur Abschaffung des Ämterkaufes, sondern ebenso die gezielte Förderung öffentlicher Bildungseinrichtungen, die staatliche Zusicherung des freien Religionsexercitium für die überwiegend protestantische Mehrheit seiner Untertanen und ein engagiertes großzügiges Mäzenatentum gegenüber Wissenschaft und Künsten. Dauernder Erfolg war nur dem kulturpolitischen Teil dieses Reformprogramms beschieden, mit dessen Verwirklichung die bedeutendsten Leistungen K. Th.'s verbunden sind, u.a. Gründung der Mannheimer Akademie der Wissenschaften 1763 mit dem Gelehrten J. D. Schöpflin an der Spitze und Voltaire unter den Ehrenmitgliedern, die Einrichtung einer öffentlichen wissenschaftlichen Bibliothek und des Collegium Anatomico-Chirurgicum in Düsseldorf, Förderung der 1775 gegründeten »Deutschen Gesellschaft« für deutsche Sprache und Literatur, Neudotierung der Heidelberger Universität sowie erstmalig die Gründung eines deutschen Nationaltheaters in Mannheim. Alle Bereiche der bildenden Kunst profitierten von seinem fürstl. Repräsentationsbedürfnis, das sich in prachtvollen Schloßbauten und Gartenanlagen (Schwetzingen, Mannheim, Benrath und Schloß Jägerhof b. Düsseldorf), einer intensiven eigenen Sammlungstätigkeit (Aufbau einer Hofbibliothek, Begründung eines Kupferstich- und Zeichnungskabinettes, eines Antikensaals, Erweiterung des Gemäldebestandes) und der Schaffung eines weithin berühmten Hoforchesters manifestierte und Mannheim zum Mittelpunkt einer glanzvollen Hofhaltung und, überregional zu einem der bedeutenderen kulturellen Zentren des 18. Jhs. aufstiegen ließ. - 1777 starb Kfst. Max III. Joseph von Bayern ohne direkten Erben, und K. Th. trat - entsprechend der für diesen Erbfall schon früher geschlossenen wittelsbachischen Hausverträge - nun auch die Regierungsnachfolge in Bayern an, mit München als neuer Residenz des gesamten niederrhein.-pfälz.-bayr. Territorienkomplexes. Wie bereits vorher in der Pfalz, versuchte K. Th. in seinen ersten bayr. Regierungsjahren mit weitreichenden und umfassenden Reformen den Bedürfnissen des relativ rückständigen und hoch verschuldeten Landes gerecht zu werden und seine Entwicklung in zukunftsorientierte neue Bahnen zu lenken. Doch scheiterte die Realisierung vieler Maßnahmen am heftigen Widerstand der jeweils davon betroffenen Stände und zwang K. Th. zu Abstrichen und Kompromissen. Was dennoch an Erfolgen erreicht werden konnte, wie z.B. in der Landwirtschafts- und Zollpolitik, der Infrastruktur und Urbanistik, war durchaus beachtenswert und schuf vielfach die Voraussetzungen für die Gestaltung des modernen Bayerns unter K. Th.'s Nachfolger König Max I. Joseph. Große Verdienste erwarb sich K. Th. wiederum durch Förderung und Pflege von Wissenschaften - speziell der Kameralwissenschaft wie auch aller sonstigen praktischen Wissenszweige - und Künsten, die zu einem neuen Aufschwung des geistigen Lebens führten. In der Kirchenpolitik verfolgte er - beraten von K. v. Häffelin und dem Marchese T. Antici - einen eigenständigen Kurs, der die Ausweitung der Hoheitsrechte des Staates gegenüber der Kirche und deren Unterordnung unter den Staat zum Ziel hatte. Trotz vehementer Opposition des Pfälzisch-bayrischen Klerus konnte K. Th. mit Unterstützung der römischen Kurie und des ihm persönlich bekannten Papstes Pius VI (s.d.), der ihn 1782 in Anschluß an eine Reise zu Kaiser Joseph II (s.d.) nach Wien sogar in München besuchte, die wichtigsten Vorhaben durchsetzen: 1781 Gründung des Malteserordens bayr. Zunge, 1785 Errichtung einer Nuntiatur in München, 1789 Einrichtung eines eigenen Münchner Hofbistums. Weiterreichende, schon auf eine Teilsäkularisation hinauslaufende und ebenfalls mit päpstlicher Billigung erfolgte Maßnahmen waren die Aufhebung der Klöster Indersdorf und Osterhofen, die zweimalige Dezimation der Geistlichkeit und 1798 die, allerdings nicht konsequent durchgeführte, Einziehung des 7. Teils des gesamten bayr. Kirchenvermögens zur Kostendeckung der Kriegslasten. Eine von ihm auch schon geplante völlige Säkularisation des Klosterbesitzes wurde durch seinen Tod und die Koalitionskriege mit Frankreich verhindert. - Das letzte Jahrzehnt seiner Regierung war außenpolitisch durch die Auseinandersetzungen mit dem revolutionären Frankreich bestimmt. K. Th. versuchte zwar, durch neutrale Haltung seinen Herrschaftsbereich aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten, konnte aber nicht verhindern, daß sich die Kampfhandlungen auch auf Süddeutschland ausdehnten und die linksrheinischen pfälzischen Besitzungen an Frankreich verlorengingen. Den Eintritt Pfalz-Bayerns in den 2. Koalitionskrieg 1799 auf Seiten Österreichs, Rußlands und Englands erlebte der Kfst. nicht mehr. - Die außerordentlich ungünstige Beurteilung, die K. Th. in der Geschichtsschreibung erfahren hat, gründete sich zu einem nicht geringen Teil auf seine charakterlichen wie auch menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten, die seine offenkundigen Erfolge oftmals als vergleichsweise unbedeutend erscheinen ließen. Zu seinen hervorragendsten Eigenschaften gehörte das überaus generöse Engagement den Wissenschaften und Künsten gegenüber, in das er nicht nur die entsprechenden finanziellen Mittel mit einbrachte, sondern ebenso eigenes sensibles künstlerisches Empfinden und Verständnis, einen kultivierten Geschmack. Er war umfassend gebildet, hatte größere mathematische und sprachliche Kenntnisse und spielte ausgezeichnet Flöte. Die zunächst gute Ehe mit Elisabeth Auguste blieb kinderlos und führte später zur Entfremdung beider Ehegatten. Nach dem Tod der Kfstin 1794 heiratete K. Th. die 19-jährige österr. Erzherzogin Maria Leopoldine von Modena-Este in der - allerdings vergeblichen - Hoffnung auf legitime Nachkommenschaft. Fest im katholischen Glauben wurzelnd, suchte er diesen bei seinen Untertanen nach Kräften zu fördern, wobei er aber jede religiöse Verfolgung und Gewaltanwendung ablehnte. Seine »Toleranz« gegenüber den Protestanten war von strenger Rechtlichkeit bestimmt, doch blieben sie auch weiterhin benachteiligt durch ihre fast völlige Ausschließung von allen höheren Staatsämtern. K. Th. hatte sein Herrscheramt voll Dynamik, Aufgeschlossenheit und Reformfreude angetreten, ohne sich dabei auf Dauer mit starkem Willen und Durchsetzungsvermögen behaupten zu können. Im Laufe seiner langen Regierungszeit machte sich bei ihm eine zunehmende Resignation und politisches Desinteresse bemerkbar, das ihn in immer stärkere Abhängigkeit zu seinen Beratern brachte. Nach der Aufdeckung des Geheimbundes der Illuminaten 1784 steigerte sich K. Th. in maßlose Furcht vor Verschwörungen, Existenzangst und Mißtrauen hinein und leitete mit der übertriebenen Verfolgung der Mitglieder des Bundes sowie anderer reaktionärer Maßnahmen eine Phase ein, an deren Ende sich ein Klima der Stagnation, Korruption und Ineffizienz in allen Ebenen der Regierungsarbeit ausgebreitet hatte.
Lit.: Hermann Weber, Die Politik des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz während des Österreichischen Erbfolgekrieges (1742-1748), 1956 (Bonner hist. Forschungen, Bd. 6); - Karl Otmar v. Aretin, Kurfürst Karl Theodor und das bayrische Tauschprojekt, in: ZBLG 25, 1962, 745 ff.; - Meinhard Olbrich, Die Politik des Kurfürsten Karl Theodor zwischen den Kriegen (1748-1756), 1966 (Bonner hist. Forschungen, Bd 27); - Ludwig Hammermayer, Das Ende des Alten Bayern. Die Zeit des Kurfürsten Max III. Joseph (1745-1777) und des Kurfürsten Karl Theodor (1777-1799), in: Handbuch der Bayerischen Geschichte (Hrsg. v. Max Spindler) II, 1969, 985 ff.; - Peter Volk, Peter Anton Verschaffelts Bildnisbüsten des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, in: Pantheon 31, 1973, 412 ff.; - Ders., Der Bildhauer Giuseppe Ceracchi und Kurfürst Karl Theodor, in: Pantheon 36, 1980, 68 ff.; - Stephan Pflicht, Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz und seine Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Theaters. Die Begründung des Mannheimer und des Münchner Nationaltheaters im Zusammenhang wittelsbachischer Kultur- und Bildungspolitik im Zeitalter der Aufklärung, 1976. (Rez. v. Ludwig Hüttl, in: ZBLG 42, 1979, 206 f.; v. Peter Fuchs, in: HZ 230, 1980, 186); - Peter Fuchs, Kurfürst Karl Theodor von Pfalzbayern (1724-1799), in: Pfälzer Lebensbilder (Hrsg. Kurt Baumann) 3, 1977, 65 ff.; - Gerhart Nebinger, Die Nachkommen des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz und Bayern (Pfalzbayern), in: Blätter des Bayer. Landesvereins für Familienkunde, Jg. 42, 1979, 352 ff.; - Hans Schmidt, Die Politik des Kurfürsten Carl Theodor, in: Carl Theodor und Elisabeth Auguste. Höfische Kunst und Kultur in der Kurpfalz. Ausstellung Heidelberg 1979, 9 ff.; - Henry A. Stavan, Voltaire und Kurfürst Karl Theodor, Freundschaft oder Opportunismus?, in: Voltaire und Deutschland. Quellen und Untersuchungen zur Rezeption der Franz. Aufklärung. Internat. Kolloquium der Uni Mannheim zum 200. Todestag Voltaires. Hrsg. v. Peter Brockmeier, Roland Desne, Jürgen Voss, 1979, 3 ff. (Rez. v. Heribert Raab, in: ZBLG 43, 1980, 270 f.; v. Ulrich Muhlack, in: HZ 235, 1982, 192 f.) - Hermann Bauer, Kunstanschauung und Kunstpflege in Bayern von Karl Theodor bis Ludwig I, in: (Hrsg. v. Hubert Glaser) Wittelsbach und Bayern. Ausstellung München 1980, Katalog Bd. III/1 Krone und Verfassung. König Max I Joseph und der neue Staat, 345 ff., s.a. III/2, besonders 12 f., 27 f.; - Dietmar Stutzer, Das Generalmandat von Kurfürst Karl Theodor zum bäuerlichen Besitzrecht vom 3.5. 1779. Eine Analyse seiner wirtschafts- und agrarpolitischen Ziele und seiner verfassungsrechtlichen Probleme, in: ZBLG 43, 1980, 355 ff.; - Jürgen Voss, Die Mannheimer Akademie als Zentrum kurpfälzischer Wissenschaftspflege im Zeitalter Karl Theodors. Der Antikensaal in der Mannheimer Zeichnungsakademie 1769-1803, Schriften d. Ges. der Freunde Mannheims und der ehem. Kurpfalz/Mannheimer Altertumsverein von 1859, Heft 17, 1984, 32 ff.; - Günter Ebersold, Rokoko, Reform und Revolution. Ein politisches Lebensbild des Kurfürsten Karl Theodor, 1985 (Rez. v. Hans Fenske, in: Pfälzer Heimat 36, 1985, 143.; v. Egon Johannes Greipl, in: ZBLG 49, 1986, 228f.).; - Stefan Mörz, Kurfürst Karl Theodor - ein toleranter Herrscher? Katholischer Fürst in protestantischem Land, in: Pfälzer Heimat 37, 1986, 68 ff.; - Ders., Kurfürst Karl Theodor, Persönlichkeit und Regierungsweise. Die Pfälzer Zeit (1742-77), (Diss. Masch. Mainz) 1988; - Carl Theodor und Elisabeth Auguste. Höfische Kunst und Kultur in der Kurpfalz. Ausstellung Heidelberg 1979.; - Kurfürst Carl Theodor zu Pfalz, der Erbauer von Schloß Benrath. Ausst.Kat. des Stadtgeschichtl. Museums Düsseldorf 1979/ 80; - Zeichnungen aus der Sammlung des Kurfürsten Carl Theodor. Staatl. Graphische Sammlung München, Ausstellung 1983. - ADB XV, 250 ff.; - NDB XI, 252 ff.; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch. II, 1435 f.; - LThK V, 1364 f; - Kosch, KD II, 2013 f.
Ingrid Münch
Literaturergänzung:
2007
Der Pfälzer Apoll. Kurfürst Carl Theodor u.d. Antike an Rhein u. Neckar. Hrsg. von Max Kunze. Ruhpolding 2007; -
2009
Carola Kupfer ; Wolfgang Schröck-Schmidt, "Nichts ist eine Kleinigkeit bei Hofe". Gefährl. Intrigen im Mannheimer Schloss. Ein hist. Roman. Mannheim 2009.
Letzte Änderung: 28.01.2010