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Band III (1992) Spalten 1198-1202 Autor: Wolfdietrich von Kloeden

KASCHNITZ, Marie Luise (eig. Freifrau von Kaschnitz-Weinberg), * 31.1. 1901 in Karlsruhe, † 10.10. 1974 in Rom. - K. schuf in knapper, doch eindringlicher Sprache bedeutende Prosawerke und lyrische Gedichte. Sie wuchs als Tochter eines Offiziers (von Holzing-Berstett) in Potsdam und Berlin auf. Nach dem Lyzeumbesuch wurde sie Buchhändlerin in Weimar, dann in München und schließlich in Rom. Hier lernte sie auch ihren künftigen Mann kennen, der als Archäologe tätig war. Nach der Heirat 1925 lebte sie als Frau des Guido v. Kaschnitz-Weinberg dort, wo er lehrte, nämlich in Königsberg 1932-1937, dann in Marburg 1937-1941, dann in Frankfurt und Rom, 1953-1958. Nach dem Tode ihres Mannes lebte K. in Frankfurt, wo sie 1960 Vorlesungen über Poetik halten konnte. Sie begleitete ihren Mann auf den verschiedenen Studienreisen durch Griechenland, den Orient und durch Nordafrika. Die Begegnung mit der Antike wurde wesentlich für ihr literarisches Schaffen (vgl. »Griechische Mythen«, 1941, »Die Umgebung von Rom«, 1960, u. a.!). - Autobiographisch war der erste Roman »Liebe beginnt«, der 1933 veröffentlicht wurde. Das Schicksal eines Mädchens in der Pubertät wurde 1937 in »Elissa« dargestellt. Diese Werke sind heute ziemlich vergessen. 1945 begann - unter dem Eindruck des Endes des zweiten Weltkrieges - mit der Essaysammlung »Menschen und Dinge« der eigentliche Durchbruch. Diese zwölf Essays erschienen 1946 und erregten wegen ihrer Eindringlichkeit großes Aufsehen. 1947 erschienen mit noch größerer Wirkung zwei Lyrikbände »Gedichte« und »Totentanz und Gedichte«. Gleichnishaft und klar werden tiefe Eindrücke aus dem Krieg wiedergegeben. K. wagte es, die Schrecken, aber auch die Hoffnung in einer Zeit aufklingen zu lassen, wo man nur vergessen wollte. Damit wird auch das religiös gestimmte »Dennoch« geschenkt. Einen Höhepunkt auf dieser Linie war das Requiem »Rückkehr nach Frankfurt« (1947). Wesentlich für die Ausdruckskraft der Dichterin wurde die Prosasprache: Essays und kürzere Geschichten verweisen eindringlich auf hintergründige, menschliche Schicksale. Zu erinnern sei an die Betrachtungen »Engelsbrücke« (1955) und an die Sammlung mit einundzwanzig Erzählungen »Lange Schatten« (1960). Der Tod des Mannes konnte nur bewältigt werden durch die Vergegenwärtigung des Leidens: »Dein Schweigen - meine Stimme« von 1962 ist bis heute ein oft gelesener Lyrikband. Dabei wird das Leiden der gesamten Kreatur mit einbezogen - eine biblische Grundeinsicht (vgl. Röm. 8, 19)! Die Gegenwart wurde aber nie ausgeklammert, sondern hintergründig durchleuchtet, wie es in der äußeren Form eines Tagebuches in »Tage, Tage, Jahre« (1968) besonders klar zum Ausdruck kommt. Hinter persönlichen Notierungen erscheinen weltpolitische Bezüge. Zeitkritisches vermengt sich wohlgezielt mit persönlichen Erinnerungen. Solche Notizen überzeugen (vgl. die Auflagenziffer von 5 in zehn Jahren!). Derartige stilistische Meisterleistungen wurden vorbereitet mit der Durchdringung einer kürzeren Lebensepoche der Dichterin wie in den »Aufzeichnungen«, »Wohin denn ich« (1963). Die Synthese von sparsamen Ausdrucksmitteln in der Prosa mit der Analyse menschlichen Seins und Zusammenlebens zeigt sich besonders eindringlich in der »Beschreibung eines Dorfes« (1966). Von hier wird eine Brücke geschlagen zu den Spätaufzeichnungen (zum Teil Nachlaßpapiere) »Orte und Menschen«, ein Werk, das mit authentischer Anordnung der Aufzeichnungen posthum 1986 herausgegeben wurde. In den späteren Gedichten »Kein Zauberspruch« (Sammlung von 1962-1972) dient verdichtete Sprache zur Anklage gegen die Bedrohung der Menschheit durch Technisierung und Vermassung (vgl. das gegenwärtige Los im »Spital« - im gleichnamigen Gedicht). Hineingewobene christlich-religiöse Elemente spiegeln das Suchen und Hoffen der Dichterin wider, was auch besonders in den Hörspielen zum Ausdruck kommt (vgl. »Der Zöllner Matthäus«, 1956). - K. erhielt zahlreiche Ehrungen. 1955 bekam sie den Georg-Büchner-Preis, 1957 den Immermann-Preis. Mit der Friedensklasse des Ordens Pour le Mérite wurde sie 1967, mit der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt 1968 ausgezeichnet. 1970 bekam sie den Hebel-Preis. K. war Mitglied des PEN, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste wie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1960 hatte sie auch die Professur für Poetik an der Universität Frankfurt inne. Sie starb im Oktober 1974.

Werke: Erste Erzählungen, in: Bruno Cassirer (Hg.), Vorstoß, 1928; Liebe beginnt, Roman, 1933, 19842; Elissa, Roman, 1937, 19842; Griech. Mythen, 1943, 19462, TB dtv, Nr. 1079; Totentanz, Spiel, 1946, auch enth. in: Totentanz und Gedichte zur Zeit, 1947; Menschen und Dinge, Zwölf Essays, 1946; Theatrum sanitatis, Kunstbetrachtung, 1947; Gedichte, 1947; Totentanz und Gedichte zur Zeit (s. o.), 1947; Rückkehr nach Frankfurt, Requiem, 1947; Gustave Courbet, Roman, 1949 (als: Die Wahrheit nicht der Traum. Das Leben des Malers Courbet, 19672, 19783, 19894); Vom Wortschatz der Poesie, in: Wandlung, 4, 1949; Zukunftsmusik, Gedichte, 1950; Dämon und Engel. Über Goethes Lieblingsgestalt Mignon, in: Lit. Dtld. 1951, Nr. 19, 8; Ewige Stadt, Gedichte, 1952; Das dicke Kind und andere Erzählungen, 1952, 19762 (mit Zeichnungen von Sascha Juritz); Das Spiel vom Kreuz, Hörspiel, 1953; Was sind denn sieben Jahre, Hörspiel, 1953; Engelsbrücke, Röm. Betrr., 1955, 19752 (TB), 19763 (TB); Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises, in: Veröffentlichungen der Dt. Akad. für Sprache und Dichtung, Jb. 1955, 48-53; Das Haus der Kindheit. Autobiogr. Erzählung, 1956, 19622 (TB), 19863; Neue Gedichte, 1957; Der Zöllner Matthäus, Laienspiel, 1958; Die Umgebung von Rom, Kunstbetr., 1960; Lange Schatten, Erzählungen, 1960, (TB) 19642; Der Georg-Büchner-Preis. Rede auf den Preisträger Paul Celan, in: Veröffentl. der Dt. Akad. für Sprache und Dichtung, Jb. 1960, 65-88 (aufg. in: Zwischen Immer und Nie, 1971, 19802, 304 ff.); Ein Gartenfest, Hörspiel, 1961; Liebeslyrik heute. Essay in: Akad. der Wiss. und der Lit. in Mainz. Abhandlungen der Klasse Lit., Jg. 1962, Nr. 3 (aufg. in: Zwischen Immer und Nie, 1971, 19802, 221 ff.); Dein Schweigen - meine Stimme, Gedichte, 1962 (TB; Heyne-Lyrik Nr. 14), 19702, 19813; Hörspiele (darin: Jasons letzte Nacht, Caterina Cornaro u. a.), 1962; Ich lebte, Verse mit Lithographien von Henry Gowa, 1963; Wohin denn ich, Aufzeichnungen, 1963, TB dtv 455, 19672, TB Fischer 5814; Ein Wort weiter, Gedichte, 1965; Überall Nie, Ausgewählte Gedichte, 1965; Tagebuch des Schriftstellers. Akad. der Wiss. und der Lit. in Mainz, Abhandlungen der Klasse Lit., 1965, Nr. 1; Das Tagebuch. Gedächtnis, Zuchtrute, Kunstform, in: Das Tagebuch und der mod. Autor, München 1965; auch aufg. in: Zwischen Immer und Nie, 1971, 19802, 246-263; Guido v. Kaschnitz-Weinberg, Ausgewählte Schrf. mit einer Biogr. des Verf.s, hg. von K., 1965; K. liest, Schpl. 1965; K. spricht, Schpl. 1966; E. Grillparzer, Medea, hg. u. erläutert von K., 1966; Beschreibung eines Dorfes, 1966, 19672, 19793 (mit zwölf farbigen Bildern von Monika Wurmdobler); gr. Ausgabe mit 16 Farbfotos von Michael Grünwald, 1983, 19862; Ferngespräche, 1966; Tage, Tage, Jahre, Aufzeichnungen, 1968, (TB) 19712, 19743, 19754, 19775; Die fremde Stimme, Hörspiel, 1969; Vogel Rock, Unheiml. Gesch.n, 1969; Steht noch dahin (Betrn.), 1970 (TB) 19722; (Hg.), Dt. Erzähler, Bd. II, 1971; Gespräche im All, Hörspiele, 1971; Zwischen Immer und Nie. Gestalten und Themen der Dichtung, 1971, 19802; Nicht nur von hier und heute. Ausgew. Prosa und Lyrik, 1971, 19842; Eisbären, Erzählungen, 1972, 19862; Kein Zauberspruch, Gedichte, 1972, 19862; Gesang vom Menschenleben, Gedichte, 1974; Der alte Garten, Ein mod. Märchen, 1975, 19835; Der Tulpenmann, Erzählung, o. J.; Der Deserteur (Sammelwerk), o. J.; K. - Ein Lesebuch 1964-1974, 1975; Gedichte, Auswahl und Nachwort von Peter Huchel, 1975; Orte (Autobiogr.), Aufzeichnungen, 1976; Seid nicht so sicher, Auswahl, 1979; (Hg.), Dt. Erzähler, 1979; Die drei Wanderer, Erzählungen, 1980; Ges. Werke, 7 Bde., 1981 ff-1987; Eines Mittags, Mitte Juni, Ausgew. Erzählungen, 1983; Jennifers Träume, Unheiml. Gesch., 1984; Notizen der Hoffnung, 1984; Florens, Eichendorffs Jugend, 1984; Orte und Menschen, Aufzeichnungen, 1986; Menschen und Dinge, Aufzeichnungen, 1986; Liebesgeschichten (Hg. E. Borchers), 1986. - K.-Bibliogr.: Sigrid Jauker, K. Monogr. und Versuch einer Deutung, Phil. Diss. Graz, 1966 (Masch.), 264-273; K., Beschreibung eines Dorfes, 1966, Anhang von H. Fritz, 69-74; Elsbet Linpinsel, K.-Bibliogr., 1971 (ausf. mit Sek.-Lit.); (Hg.) H. Bender, Für K. 1970 (ausf. mit 6 Tafeln) - Inselalmanach auf das Jahr 1971; K., Materialien, Suhrkamp (TB) st. 2047.

Lit.: Hannsludwig Geiger, K., in: Neue Lit. Welt, 25.8. 1952; - Theodor Heuss, Dank an K. Ansprache bei der Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt, 1955; Veröffentlichungen der Dt. Akad. für Sprache und Dichtung, Jb. 1955; - Wolfgang Hildesheimer, Ein Haus der Kindheit, in: Merkur, 1957, Nr. 12; - Fritz Usinger, Die Dichterin K., in: Dt. Rundschau 1959, H. 6; - Ders., K., in: Welt ohne Klassik. Essays, 1960; - Bonaventura Tecchi, Scittori tedeschi moderni, (Roma) 1959; - Heinz Enke, K., in: Hessenjournal, 2. Jg., 1960, Nr. 2; - W. E. Zimmermann, Dt. Prosadichtungen der Ggw. W. Z., 1960, III, 281-288; - Adolph Meurer, K. - der geglückte Versuch, in: Hessenjournal, 2. Jg., 1960, Nr. 7; - H. Bieneck, Werkstattgespräche mit Schriftstellern, 1962, 33-46; - Erich Hock, Zeitgenössische Lyrik im Unterricht der Oberstufe. K. und Hans Egon Holthusen, in: Wirkendes Wort. Sammelbd. 4, 1962; - S. Jauker, K. Monographie und Versuch einer Deutung, Diss. Graz 1966; - Marcel Reich-Ranicki,... die uns überleben werden. K.s Erzählungssammlung, in: Die Zeit, 23.9. 1966; - Interpretationen zu K. Verfaßt von einem Arbeitskreis. Erzählungen, 1969 (Interpretationen zum Deutschunterricht 10); - A. Baus, Standortbestimmung als Prozeß. Unterss. zur Prosa der K., 1973; - Peter Wapnewski, Gebuchte Zeit. Zu den Aufzeichnungen der K., Merkur 28, 1974, 381-384, aufgen. in Zumutungen. Essays zur Lit. des 20. Jh.s, 1979, (TB) 19822, 255-262; - Walter Schönau, Zum Geschwistermotiv im Werk der K., 1982; - KLL (So) VI, 5493; - (H. Kunisch, Hg.), Kl. Handb. der dt. Ggw.lit., 1969, 356-363; - Kindler Lit.Gesch. der Ggw. in 12 Bd.n: Die BRD, 16, 25, 29, 46, 99, 321, 365 ff.; - (M. Brauneck, Hg.), Weltlit. im 20. Jh. - Autorenlex. 3, 1981 (rororo-Hb. 6267), 674; - (F. Lennartz), Dt. Schriftsteller des 20. Jh.s im Spiegel der Kritik, II, 894 ff.; - (M. Brauneck, Hg.), Autorenlex. dt.sprach. Lit. des 20. Jh.s, 1984, 19882 (rororo-Hb. 6302), 346-347; - Lex.Lit.Geg., 1987, 310 ff.

Wolfdietrich v. Kloeden

Literaturergänzung:

1998

Petra Wagner, Jesus als Spiegelbild d. conditio humana. Zum Jesusbild im Werk von M.L.K., in: Auf dem Weg zu e. theol. Ästhetik. Münster 1998, S. 57-72; -

2007

Andrea Kreutzwald, Das Unsagbare zum Ausdruck bringen. Die Sprache d. mytholog. Bilder, Motive u. Figuren im Werk von M.L.K. Trier 2007.

Letzte Änderung: 29.12.2009