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Band III (1992) Spalten 1229-1236 Autor: Susanne Siebert

KATHARINA II, Zarin, * 2.5. 1729 in Stettin, † 17.11. 1796 in Zarskoje Selo. - K. wurde als Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst als erstes Kind des Fürsten Christian August u. der Johanna Elisabeth von Holstein-Gottorp in Stettin geboren. Der Vater, infolge der Erbregelung dieses Hauses ohne Fürstentum, diente als Generalmajor in der Armee des Preußenkönigs Friedrich II. Die Kindheit verbrachte K. in Stettin, unterbrochen von Besuchen bei der Verwandtschaft in Braunschweig, Zerbst, Berlin u. Varel. In ihren Memoiren schilderte K. ihr Verhältnis zur Mutter als von großer Distanz bestimmt, vom Vater sprach sie dagegen mit großer Anhänglichkeit. Sich selbst beschrieb sie als mit einem guten Gedächtnis begabt, mutwillig u. lebhaft und schon früh von dem Ehrgeiz nach einer Krone bestimmt. Seit 1739 war - noch ohne feste Absichten - Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp, Enkel Zar Peters I u. der spätere Zar Peter III, als Heiratskandidat für Sophie im Gespräch.1742 siedelte die Mutter mit Sophie u. dem jüngeren Bruder Wilhelm Christian Friedrich nach Dornburg um, wo dieser im selben Sommer im Alter von zwölf Jahren starb. Im Winter zog die Familie in das Schloß zu Zerbst ein, da Christian August seit November zusammen mit dem Vetter Johann Ludwig das Fürstentum regierte. Am 1. Januar 1744 traf ein Brief des Oberhofmarschalls der Zarin Elisabeth, Brümmer, mit der Einladung für Sophie und ihre Mutter nach Moskau ein. Elisabeth hatte, nachdem sie ihren Neffen Karl Peter Ulrich 1742 zum Großfürsten und ihrem offiziellen Nachfolger designiert hatte, auf Anraten Friedrichs II von Preußen Sophie als künftige Großfürstin ins Auge gefaßt. Am 10. Januar reiste die Familie unter Geheimhaltung des eigentlichen Zieles und Zweckes der Reise zunächst nach Berlin ab. Anfang Februar trafen Mutter und Tochter am Hof in Moskau ein. Am 28. Juni 1744 trat Sophie zum orthodoxen Glauben über und erhielt den Namen Katharina Alex-ejewna; am folgenden Tag wurde sie mit dem Großfürsten Peter Fjodorowitsch verlobt. Die Vermählung mit Peter, der sich bereits seiner Verlobten gegenüber brüskierend verhielt, erfolgte am 21. August 1745. Am 20. September 1754 wurde K.s erster Sohn Paul Petrowitsch geboren und, obwohl vermutlich der Verbindung K.s mit Sergej Saltykow entstammend, als ehelich anerkannt. Elisabeth nahm Paul sofort nach der Entbindung zu sich. - Zarin Elisabeth ergriff im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) Partei gegen Friedrich II von Preußen. - K. brachte am 9. Dezember 1757 die Tochter Anna zur Welt, deren Vater vermutlich Stanislaw Poniatowski ist. Anna starb am 8. März 1759. 1758 wurden Vertraute K.s, der Großkanzler Bestuschew-Rjumin und Feldmarschall Stephan Apraxin durch eine Intrige von Neidern aus ihren Machtpositionen verdrängt. K. geriet dadurch selbst für eine Zeit in Schwierigkeiten. Auf ihre Bitte an Elisabeth, sie zu ihrer Mutter zurückzuschicken, kam es endlich zu einer Aussprache zwischen ihr, der Zarin und dem Großfürsten, in der deutlich wurde , daß Elisabeth aus dynastischen Erwägungen gegen Peter zu K. hielt. Die Zarin starb am 25. Dezember 1761 und Peter III trat ihre Nachfolge an. Er rief die siegreiche russ. Armee aus Pommern und Ostpreußen zurück u. schloß Frieden mit Friedrich II. Eine Heeresreform nach preußischem Vorbild machte ihn trotz seines Manifestes über die Freiheit des Adels vom 18. Februar 1762 im aristokratischen Gardekorps vollends unbeliebt. Unter der Führung der Brüder Grigorij u. Alexej Orlow bahnte sich eine Verschwörung zugunsten K.s an. Die Großfürstin wurde am 11. April 1762 von einem Sohn Grigorij Orlows, Alexej entbunden. Nachdem am 27. Juni 1762 einer der Offiziersverschwörer verhaftet wurde, veranlaßte Alexej Orlow K., sich am Morgen des 28. Juni in Petersburg zur Zarin proklamieren u. die Regimenter auf ihren Namen vereidigen zu lassen. Am 29. Juni wurden die holsteinischen Truppen des überraschten Peter III von K.s Husaren entwaffnet u. Peter zur Unterzeichnung einer Verzichtsurkunde gezwungen. Peter III wird in Schlüsselburg in Haft gehalten u. dort am 6. Juli unter ungeklärten Umständen von Alexej Orlow ermordet. Am 22. September 1762 wird K. in Moskau gekrönt. Unter den ersten Regierungsmaßnahmen K.s war die Zurücknahme der extremsten Punkte des Religionsedikts Peters III, z.B. der Einrichtung des »Ökonomiekollegiums« zur Verwaltung des enteigneten Kirchenbesitzes. Im Frühjahr 1764 allerdings enteignete K. wiederum den kirchlichen Grundbesitz, erneuerte das staatliche Ökonomiekolleg, ließ neue Etats für geistliche Stellen, Schulen u. Invalidenhäuser aufstellen u. verminderte die Zahl der Klöster auf die Hälfte. Auch die Tolerierung des Raskol, des Schismas von russ. Staatskirche, deren Oberhaupt K. als Zarin war, und den sog. Altgläubigen, war ein Erbe der kurzen Regierung Peters III. Gegen diese Maßnahmen protestierte der Erzbischof von Rostow, Arsenij Mazewitsch als Vertreter der Altgläubigen u. griff K. persönlich an. Arsenij wurde verhaftet, von einem Synodalgericht am 12. April abgesetzt u. zuerst in ein Kloster verbannt, nach weiterer Kritik an K. in der Festung Reval inhaftiert, wo er 1772 starb. Seit 1763 entstanden auf Initiative K.s die deutschen Wolgakolonien. Seit Anfang 1765 beschäftigte sich K. mit der Abfassung der »Instruktion« einer gesetzgebenden Kommission unter Heranziehung der Ideen Montesquieus im Sinne eines »aufgeklärten Despotismus«. Da K. als Usurpatorin des Thrones auf das Wohlwollen des Adels, der ihr zur Macht verholfen hatte, angewiesen war, mußte sie in dessen Interesse auf einen Teil ihrer Reformpläne verzichten. 1767 berief K. die Kommission, die aus 600 Delegierten aller Stände mit Ausnahme der Leibeigenen bestand u. am 30. Juli desselben Jahres im Kreml zusammentrat. Der Ausbruch des Krieges im Sept. 1768 gegen die Türkei war ein willkommener Anlaß, das von Beginn an zum Scheitern verurteilte Unternehmen endgültig abzubrechen. Am 5. Aug. 1772 wurde in Petersburg der Vertrag zur ersten Teilung Polens zwischen Preußen, Österreich u. Rußland unterzeichnet. Diderot hielt sich fünf Monate bei K. in Petersburg auf u. führte mit ihr Diskussionen über die Rußland angemessene Regierungsform. Im Verlauf ihrer Herrschaft richtete sich K. immer stärker nach den Interessen der adligen Grundbesitzer, so daß sich die soziale Lage der leibeigenen Bauern zunehmend verschärfte. Während des türkischen Krieges kam es 1773 zum Aufstand und Bauernkrieg unter der Anführung des Don-Kosoken Jemeljan Pugatschow, der sich vor dem Volk als Zar Peter III ausgab. Nach der entscheidenden Niederlage der Aufrührer Ende Aug. 1774 wurde Pugatschow von seinen Anhängern am 14. Sept. 1774 ausgeliefert u. am 10. Jan. 1775 in Moskau öffentlich enthauptet. Nach Massenreppressalien erließ K. Ende 1775 eine Amnestie für seine Anhänger. Als Antwort auf die Pugatschowschina reorganisierte K. 1775 die Gouvernementsverwaltung. Mit der Niederschlagung dieses Aufstandes begann die reaktionäre Regierungszeit der Zarin. Im Bayerischen Erbfolgekrieg vermittelte K. 1779 den Friedensschluß von Teschen zwischen Preußen u. Österreich. Im Sinne der Legitimation ihrer Herrschaft stellte sich K. als Fortsetzerin der Politik Peters I dar, u.a. indem sie ihm 1782 in Petersburg ein Denkmal aus der Werkstatt von Etienne-Maurice Falconet setzen ließ.1783 wurden auch die Bauern der Ukraine, die bis dahin im russ. Reich einen Sonderstatus genossen, als Leibeigene adligen Grundbesitzern unterstellt. Im gleichen Jahr annektierte K. die Krim. 1785 bestätigte K. erneut in einer »Gnadenurkunde für den Adel« dessen Privilegien. Die Lage der Bauern spitzte sich weiter zu. Gleichzeitig sorgte K. für den Aufbau des Volksschulwesens. 1788-1790 führte sie einen Krieg gegen Schweden u. von 1787-1792 einen zweiten Krieg gegen das Osmanische Reich. Der Frieden von Jassy (29. Dez.1791) eröffnete Rußland den Zugang zum Schwarzen Meer u. den Zugang zum Mittelmeer. 1794 gründete K. die Hafenstadt Odessa. Unter dem Eindruck der Franz. Revolution von 1789 ging K., die selbst 1769 die Zeitschrift »Wskaja Wsjatschina« gegründet u. in den achtziger Jahren Gesellschaftskomödien verfaßt hatte, auch scharf gegen kritische russ. Autoren vor. So wurde Alexander Nikolajewitsch Radischtschew, der in seinem 1790 in Petersburg veröffentlichten Buch »Reise von St. Petersburg nach Moskau« an der Leibeigenschaft u. dem Mißbrauch der Leibeigenschaft unmißverständlich Kritik übte, am 24. Juli 1790 als Staatsverbrecher zum Tode verurteilt, aber schließlich von der Zarin zu einer zehnjährigen Verbannung nach Sibirien begnadigt. (Nach K.s Tod wurde er von Zar Paul I amnestiert.) Ähnlich erging es dem Verleger u. Publizisten Nikolaj Nowikov, der unter einem bloßen Verdacht im Apr. 1792 verhaftet u. in Schlüsselburg als Staatsgefangener eingekerkert u. erst nach ihrem Tod freigelassen wurde. 1793 bemächtigte sich K. in der zweiten Teilung Polens mit Preußen der größten Teile von Weißrußland u. der Ukraine. Durch die dritte Teilung Polens zwischen Österreich, Preußen u. Rußland im Okt. 1795 wurde Polen als Staat nach seiner achthundert Jahre langen Geschichte ausgelöscht. Am 17. November 1796 starb K. II in der Residenz Zarskoje Selo.

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Susanne Siebert

Literaturergänzung:

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2005

Christoph Garstka, Das Herrscherlob in Rußland. Katharina II., Lenin und Stalin im russischen Gedicht. Heidelberg 2005 (=Beiträge zur slavischen Philologie; 11); -

2006

Vincent Cronin, K. die Gr. Ungekürzte Taschenbuchausg. München 2006; - Isabel De Madariaga, K. die Gr. Kreuzlingen 2006; -

2007

Schattenspiel d. K. dr. Großen. [Bad Breisig] [2007?]; - Erinnerungen der Kaiserin Katharina II. Nach Alexander Herzens Ausg. neu hrsg. von G. Kuntze. Halle 2007; -

2008

Reinhold Neumann-Hoditz, Katharina II. die Große. 9. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2008; - Brigitte Hamann, Wolfgang Amadeus Mozart. Nichts als Musik im Kopf. Katharina die Große / Vincent Cronin. Kurzfassung. Stuttgart 2008.

Letzte Änderung: 17.01.2010