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Band III (1992) Spalten 1244-1248 Autor: Ingrid Münch

KAUFFMANN, Angelika, Malerin, * 30.10. 1741 in Chur (Schweiz) als einziges Kind des Malers Joseph Kauffmann und der Cleophea Kauffmann, geb. Lutz, † 5.11. 1807 in Rom, bestattet in der Kirche S. Andrea delle Fratte. - Den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte A. K. am bzw. in der Nähe des Comer Sees, wohin Malaufträge J. K. und seine Familie geführt hatten: zunächst - bis 1752 - Morbegno, danach - von 1752 bis 1754 - Como. Bereits in dieser Zeit zeigte sich A.s außerordentliche Begabung für die Malerei, gepaart mit einem ebenso großen Talent für die Musik, was ihr lange die Entscheidung erschwerte, welcher Begabung sie beruflich den Vorzug geben sollte. Das früheste von ihr erhaltene und signierte Gemälde datiert aus ihrem 13. Lebensjahr und ist - wohl Teil eines Familienbildes - als Selbstbildnis in Morbegno entstanden. Nur wenig später porträtierte sie in Como den dortigen Bischof, Monsignore Nevroni, dessen Bild sie ebenso wie die ab 1754 von ihr in Mailand gemalten Adelsporträts in Pastell fertigte und damit an das Werk der venezianischen Pastellmalerin Rosalba Carriera anknüpfte. In Mailand wurde K.s Ausbildung intensiviert: Sie übte sich im Kopieren alter Meister und nahm eifrig Gesang- und Cembalounterricht. Der Tod der Mutter 1757 unterbrach die Studien. Vater und Tochter verließen Mailand und begaben sich nach Schwarzenberg/Bregenzer Wald, dem Heimatort der Familie Kauffmann väterlicherseits, von wo der Auftrag an sie ergangen war, die dortige durch Brand zerstörte Pfarrkirche neu auszumalen. K.s Arbeitsanteil am malerischen Ausstattungsprogramm umfaßte die Darstellung der 12 Apostel über den Kreuzwegstationen der Langhauswände, die sie nach Kupferstichvorlagen des venezianischen Malers G. B. Piazzetta in Freskotechnik ausführte. Dem Aufenthalt in Schwarzenberg folgten weitere Auftragsreisen nach Meersburg und Tettnang, in deren Verlauf sie u. a. den Fürstbischof von Konstanz, Franz Konrad von Rodt sowie Mitglieder der gräflichen Familie von Montfort porträtierte. Für kurze Zeit kehrten die K.s nach Mailand zurück, um dann ab 1762/3 eine längere Italienreise anzutreten, die der Weiterbildung K.s dienen sollte. Der Schwerpunkt ihrer Studien lag dabei auf dem Kopieren berühmter Altmeistergemälde in den Museen von Parma, Bologna, Florenz, Rom und Neapel. Daneben nahm sie aber auch Unterricht an den Akademien von Bologna und Florenz und ließ sich 1763/64 in Neapel von Clérisseau in die Architekturmalerei und das Perspektivezeichnen einführen. Großen Einfluß auf ihren Malstil wie auf ihre Kunstauffassung hatte die Bekanntschaft mit dem deutschen Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann in Rom. Winckelmanns Vorstellungen von einer an den Werken der (antiken) griechischen Klassik orientierten zeitgenössischen Kunst fanden nachhaltigen Eingang in das Œuvre der A. K.: Zu ihren bedeutendsten Bildern überhaupt wird das berühmte Porträt Winckelmanns gezählt, das K. 1764 im Auftrag des Schweizers Joh. Heinrich Füssli bzw. dessen Vater Caspar in Rom malte. Mit K.s Aufnahme als Mitglied in die römische Accademia di San Lucca 1765 erfuhren ihre bis dahin erbrachten künstlerischen Leistungen nun erstmals auch offizielle Anerkennung seitens der »Fachkollegen«. Im gleichen Jahr reisten K. und ihr Vater über Bologna nach Venedig, um auch hier die großen Meister des Cinque- und Seicento im Original zu studieren. Entscheidend für K.s weiteren beruflichen Werdegang wurde aber die Begegnung mit Lady Wentworth, der Gattin des englischen Gesandten, die K. 1766 bewog, mit ihr zusammen London zu besuchen. Der sich anschließende, insgesamt 15 Jahre dauernde Aufenthalt in England gestaltete sich für K. zu einer Periode breitester künstlerischer Produktivität wie auch großer gesellschaftlicher und materieller Erfolge, die sie zu einem nicht geringen Teil der freundschaftlichen Protektion des einflußreichen Malers Joshua Reynolds - den sie 1767 porträtierte - zu verdanken hatte. Neben den damals sehr gefragten mythologischen und historischen Sujets malte sie Allegorien und Themen aus der zeitgenössischen Literatur. Besonders brillierte sie aber in der Gattung der Porträtmalerei, die ihren internationalen Ruhm begründete. Darüber hinaus wurde sie vom Architekten Robert Adam wiederholt mit der malerischen Ausführung von Wand-, Decken- und Kamindekorationen betraut, entwarf Bildvorlagen für Porzellan und bemalte auch Fächer. Zu ihrem Œuvre gehörten ferner Radierungen, von denen die meisten - wie die 1779 als Gegenstücke geschaffenen - L'Allegra und La Pensierosa - während ihres Englandaufenthaltes entstanden sind. Dem geistigen Leben ihrer Zeit gegenüber aufgeschlossen, stand sie mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten, vor allem aus den Bereichen der Kunst und der Literatur in schriftlichem oder persönlichem Kontakt und zählte 1768 zu den 22 Gründungsmitgliedern der Royal Academy in London. 1781 heiratete sie nach einer gescheiterten ersten Ehe den venezianischen Maler Antonio Zucchi und verließ bald darauf mit ihm und ihrem Vater endgültig England. Sie ließ sich zunächst in Venedig nieder, übersiedelte aber nach dem 1782 erfolgten Tod des Vaters nach Rom. Ihr Haus auf dem Pincio, das vor ihr der Maler Anton Raphael Mengs bewohnt hatte, wurde zum Treffpunkt gebildeter europäischer Kunstliebhaber, die sich in der Wertschätzung klassischer Ideale mit K. geistig verbunden fühlten. Zahlreiche berühmte Besucher ließen sich von ihr malen, wie z. B. 1783 der Herzog von Chartres, 1787 Goethe, 1805 Kronprinz Ludwig von Bayern, oder gaben andere Bildthemen in Auftrag, so daß sie am Ende ihres Lebens ein umfangreiches Werk von über 600 Gemälden geschaffen hatte und dadurch zu großem Vermögen gelangt war. 1795 starb ihr Mann, sie überlebte ihn um 12 Jahre. Ihr Leichenbegängnis wurde vom Bildhauer Antonio Canova zu einem prunkvollen Trauerzug gestaltet, an dem die bedeutendsten Persönlichkeiten Roms teilnahmen. Später wurde auch ihre Büste im Pantheon aufgestellt. - Allen ihren Bildern ist ein zartes Empfinden, weiche Formenbildung und feine Farbgebung eigen.

Werkliste - Gemälde: Selbstbildnis mit 13 Jahren, 1753/54 (Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum); Der Vater der Künstlerin, Joseph Johann Kauffmann, um 1760 (Innsbruck, Tiroler Landesmus. Ferdinandeum); Bacchus und Ariadne, 1764 (Bregenz, Rathaus); Der dt. Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann, 1764 (Zürich, Kunsthaus); Der englische Maler Joshua Reynolds, 1767 (Plymouth, The National Trust, Saltram Collection); Herzogin Augusta v. Braunschweig mit ihrem ältesten Sohn, 1767 (London, Buckingham Palace); »Die Stickerin«, 1773 (Moskau, Puschkin-Museum); »Hektor erblickt Paris in der Schlacht«, 1775 (Leningrad, Staatl. Eremitage); König Ferdinand IV. v. Neapel und seine Familie, wohl 1783 (Neapel, Museo di Capodimonte); Selbstbildnis, 1784 (München, Neue Pinakothek); Der Ehemann der Künstlerin, Antonio Zucchi, um 1784 (Kilchberg, Slg. Robert Winkler); Karl v. Leberecht, 1785 (Leningrad, Staatl. Eremitage); Graf Pawel Skawronski, 1786 (Moskau, Puschkin-Museum); Baronin Krüdener mit ihrem Sohn, 1786 (Paris, Musée National du Louvre); Kinderbild des William Frederick Prinz von Gloucester und seiner Schwester Sophia Matilda, 1787 (Bath, Slg. des Earl Waldegrave in Chewton Mendip); Johann Wolfgang v. Goethe, 1787 (Weimar, Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klass. dt. Literatur); Selbstbildnis, 1787 (Florenz, Galleria degli Uffizi); Prinz Stanislaus Poniatowski, 1788 (Rom, Slg. Andrea Busiri Vici); Die heilige Familie, 1789 (Bergamo, Cappella Colleoni); Der Architekt Michael Novosielski, 1791 (Edinburgh, National Gallery of Scotland); Fortunata Fantastici, 1792 (Florenz, Galleria degli Uffizi); Cornelia Knight, 1793 (Manchester, City of Manchester Art Galleries); »Junge Dame am Putztisch«, 1795 (Budapest, Magyar Szépmüvészeti Múzeum); Maddalena Riggi, 1795 (Frankfurt, Goethemuseum); »Christus und die Samariterin am Brunnen«, 1796 (München, Neue Pinakothek); Marienkrönung, 1800 (Hauptaltarbild der Pfarrkirche in Schwarzenberg); Kronprinz Ludwig von Bayern, 1807 (München, Neue Pinakothek). - Fresken: 12 Apostelfiguren, 1757 (Pfarrkirche in Schwarzenberg). - Radierungen: Mutter mit Kind, das einen Apfel hält, 1763; Halbfigur des Hofrates Johann Friedrich Reiffenstein, 1763 auf Ischia entstanden; Juno mit dem Pfau, 1770; L'Allegra und La Pensierosa, 1779.

Lit.: Adeline Hartcup, Angelica. The portrait of an eighteenthcentury artist, London 1954; - Dies., El arte de A. K., in: Goya 18, 1957, 407; - Exhibition of Paintings by A. K. at the Iveagh Bequest, Kenwood, May to September 1955, London (1955); - Andrea Busiri Vici, A. K. and the Bariatinskis, in: Apollo 77, 1963, 201-208; - Ders., I Poniatowski e Roma, Firenze 1971, bes. Kap. 4 (I soggiorni a Roma di Stanislao Poniatowski dal 1785 al `95), 144-216; - Michael Liebmann, Gemälde der A. K. im Staatl. Puschkin-Museum der bildenden Künste in Moskau, in: Jahrb. des Vorarlberger Landesmuseumvereins 1963, 55-63; - Ders., Zwei unbekannte Werke von A. K. im Kunsthaus zu Talinn, in: Jb. des Vorarlberger Landesmuseumvereins 1970, 59-64; - Claudia Helbok, Shakespeare-Themen im Œuvre von A. K., in: Jb. des Vorarlberger Landesmuseumvereins 1966, 22-37; - dies., Miss Angel, A. K. Eine Biographie, Wien (1968); - Magdalena Pawlowska, A propos de deux portraits féminins d' A. K., in: Bulletin du Musée national de Varsovie 8, 1967, 72-80; - Dies., O portretach polskich A. K., in: Rocznik Muzeum Narodowego w Warszawie 13.2, 1969, 73-144; - A. K. und ihre Zeitgenossen. Ausst. Kat. Vorarlberger Landesmuseum Bregenz/Österr. Museum für Angewandte Kunst Wien 1968/69; - Steffi Röttgen, »I ritratti di Onorato Caetani dipinti da Mengs, Batoni e A. K.«, in: Paragone 19, 1968, Nr. 221 Luglio, 52-71; - Stanislaus Szymanski, Die Polonica der A. K., in: Jb. des Vorarlberger Landesmuseumvereins 1968/69, 39-65; - Peter A. Tomory, A. K. - »Sappho«, in: The Burlington Magazine 113, 1971, 275 f.; - Dorothy Moulton Mayer, A. K., R. A. 1741-1807, Gerrards Cross 1972; - Georg Poensgen, Christoph Heinrich Kniep? Ein Künstlerbildnis von A. K., in: Pantheon 31, 1973, 294-305; - Frederick den Broeder, A weeping heroine and a mourning enchantress by A. K., in: Bulletin. - The William Benton Museum of Art. The University of Connecticut. 1. 1974, 3, 19-28; - Linda R. Eddy, An antique model for K.'s »Venus persuading Helen to love Paris«, in: The Art Bulletin 58, 1976, 569-573; - Ulrich Schulte-Wülwer, Gräfin Catherine Skavronska und Fürst Grigori Alexandrowitsch Potemkin. Biograph. Anmerkungen zu einem bislang unbekannten Porträt von A. K., in: Nordelbingen 45, 1976, 54-66; - Peter Walch, An early neoclassical sketchbook by A. K., in: The Burlington Magazine 119, 1977,98-111; - A. K. und ihre Zeit. Graphik und Zeichnungen von 1760-1810. (1.9.-22.9. 1979) Düsseldorf 1979. Galerie Börner (Neue Lagerliste 70); - Arthur S. Marks, A. K. and some Americans on the grand tour, in: The American Art Journal 12, 1980, 2, 4-24; - Claudia Maué, A. K. Invenit-Bildvorlagen für Wiener Porzellane, in: Keramos 90, 1980, 9-38; - Günther Rehbein, Ruth-Maria Muthmann, Die graph. Arbeiten von A. K., in: Die Kunst und das schöne Heim 93, 1981, 405-412; - Wendy Wassyng Roworth, The gentle art of persuasion, A. K.'s Praxiteles and Phryne, in: The Art Bulletin 65, 1983, 488-492; Dies., A. K.'s »Memorandum of paintings«, in: The Burlington Magazine 126, 1984, 629 f.; - Gisold Lammel, A.K., Dresden 1987; - Sarah Morian Wadstrom, A. K.s »Ariadne Abandoned by Theseus on Naxos«, Ann Arbor 1988; - Bettina Baumgärtel, A.K. (1741-1807). Bedingungen weibl. Kreativität in der Malerei des 18. Jhs., Weinheim 1990 (Ergebnisse d. Frauenforschung, 20); - Walter Hugelshofer, A. K. und Goethe in Rom, in: Pantheon 20, 1962, 109-116; - Eugen Thurnher, A. K. und die dt. Dichtung, Bregenz 1966; - Irmgard Smidt-Dörrenberg, A. K., Goethes Freundin in Rom, Wien 1968; - Siegfried Obermeier, Die Muse von Rom. A. K. und ihre Zeit, Frankfurt 1987; - ADB XV, 466 ff.; - NDB XI, 340 ff.; - Thieme-Becker XV, 1 ff.; - Kindlers Malerei Lexikon III, 546 ff.; - Kosch, KD II, 2027 ff.; - EC VII, 661; - EItal XX, 138 f.; - LThK VI, 94; - Bénézit VI, 172 f.

Ingrid Münch

Literaturergänzung:

2007

A.K. Ein Weib von ungeheurem Talent. Tobias G. Natter (Hrsg.). Ostfildern 2007; -

2008

Giuseppe Ardolino, Angelica Kauffmann (1746-1807) (Roman), Mailand 2008; - Waltraud Maierhofer, A.K. Orig,-Ausg., 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2008.

Letzte Änderung: 29.12.2009