KELLNER von Zinnendorf, Johann Wilhelm, * 15. Januar 1665, + 1738, Erbherr auf Obergurck und Sora, entstammte einer alten Adelsfamilie in Franken oder Schwaben; sein Vater Matthias sollte im Kloster Huseburg bey Halberstadt erzogen werden. Er weigerte sich, katholisch zu werden. In seiner Notsituation nahm er in Ackendorf bei Magdeburg eine Schullehrerstelle an. Hier wurde Joh. Wilh. K. 1665 geboren. Er besuchte die Schule in Quedlinburg und studierte dann in Leipzig Theologie.
In der Universitätsstadt schloß er sich pietistischen Kreisen an. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch die Unterweisung vornehmer Kinder. Dadurch erhielt er die Möglichkeit, nach Dänemark und England zu reisen. Im Jahre 1691 wurde er Gräflich Calenbergischer Hauslehrer in Muskau. Im Anschluß diente er für kurze Zeit als Feldprediger dem kursächsichen Generalfeldmarschall Hans Adam von Schöning(en), der 1692 in Teplitz überfallen und nach Brünn ins Gefängnis verbracht wurde. Joh. Wilh. K. wurde 1795 bei Friedrich August dem Starken Generalstabsprediger. Mit der sächsischen Armee zog er nach Ungarn. Nachdem er wichtige Ämter innegehabt hatte, schlug er dann aber Berufungen selbst in hohe militärische Positionen - u.a. die Ernennung zum Generalquartiermeister (1694) - aus. Stattdessen bemühte er sich nach seiner Rückkehr um die Pfarre zu Kieslingswalde in der Oberlausitz, die er 1699 auch erhielt. Der Flecken gehörte zum Herrschaftsbereich eines Herrn von Tschirnhausen. In Kieslingswalde predigte er neun Jahre und erwies sich als unbequemer Kritiker seiner Gemeinde. Von der Kanzel aus wandte er sich Mißbräuche, die bei den sogenannten Bierzügen eingerissen waren. Wegen der damit verbundenen Ausschreitungen erklärte er das Tanzen selbst für Sünde und verweigerte denen, die es nicht aufgeben wollten, die Absolution. Nachdem er in seiner Gemeinde die Abstellung dieser Tanzvergnügungen durchgesetzt hatte, kam es zu Auseinandersetzungen mit seinem Patron, dem Mathematiker Ehrenfried Walther von Tschirnhausen; dieser erkannte in Joh. Wilh. K.s Vorgehen einen Angriff auf seine eigenen Rechte. Aus diesem Grund gab er einen Erlaß heraus, demzufolge den Großknechten des Ortes Strafgelder in Höhe von 20 Thaler und der Verlust der Stelle für den Fall angedroht wurden, daß sie bei Hochzeiten auf Musik und Tanz verzichteten. Joh. Wilh. K. holte sich ein Responsum in Halle, das sein Verfahren billigte. Sein Vorgehen wurde noch rigoroser. Er wollte die Beichte abgeschafft wissen, reichte sich selbst das hl. Abendmahl und änderte das Kirchengebet. Das eigenmächtige Handeln zog eine Klage beim Konsistorium durch Tschirnhausen nach sich. Das Verfahren, das gegen Joh. Wilh. K. eingeleitet wurde, zog sich in die Länge, endete aber mit einschneidenden Konsequenzen für Joh. Wilh. K.: aufgrund eines landesherrlichen Reskripts vom 9.4.1709 wurde er des Amts enthoben und des Ortes Kieslingswalde verwiesen. Nach seinem überstürzten Weggang mußte mit seiner Familie vorübergehend um ein Unterkommen in dem benachbarten Görlitz bitten. Nach der Remotion erwarb er die Güter Obergurck und Sorau bei Bautzen, verkaufte sie aber wieder und übersiedelte nach Halle, wo er königlicher preußischer Hofrat und Pfaenner wurde. Dort starb er im November 1738 (weitere Angaben gehen vom Jahr 1731 aus). Seiner vorigen Pfarrgemeinde hatte er noch hundert Taler zur jährlichen Austeilung der Zinsen unter die Hausarmen vermacht.
Die Geschichte seiner Streitigkeiten mit Tschirnhausen über das Tanzen veröffentlichte 1715 in einer anonymen Schrift (»Tanzgreuel«), die bei Drachstädt in Bautzen erschien. Um sich gegen Angriffe in den »Unschuldigen Nachrichten vom J. 1716« zur Wehr zu setzen, ließ er in Frankfurt und Leipzig einen Anhang im J. 1718 erscheinen. Neben den Streitschriften veröffentlichte er noch einige erbauliche Schriften. Im »Tanzgreuel« hat er auch einige eigne geistliche Lieder erscheinen lassen; das bekannteste unter diesen, das Lied »Christe, mein Leben,mein Hoffen,
mein Glauben, mein Wollen« findet sich schon im ersten Freylinghausenschen Gesangbuch (1704) und hat von hier aus große Verbreitung gefunden.
Werke: Tanzgreuel, d.i. Vollkommene Acta publica was mit dem beruehmten Mathematico Herr Ehrenfr. Walth. von Tschirnhausen - und dessen Pfarrern des Tanzens wegen, binnen fuenf Jahren gestritten worden, auf Kosten guter Freunde Angstburg, druckts Jeremias Klagezeit. 1716.<|>8.<|>1. Alph. 181/2 Bogen; - Gerichte Gottes an Hans Titzmann, Innwohnern in Kieslingswalde, welcher ueber ein halb Jahr von h. Abendmahl Tanzens halber geblieben und sich d. 20. Julii 1705. selber ertraenket. Leipzig 1715.<|>4. Diese Schrift wurde in Dresden conficirt, und in Stolpen, wohin sein Rittergut gehoerte, eine Commission angestellet; Anhang zu seinem Tanzgreuel. Frankf. und Leipz. 1718.<|>8. Mit einer Widerlegung der unschuld. Nachrichten 1716. 356. folgg.; Evangelisches Jubeljahr in 3 Ristischen Liedern, welche M. Tobias Petermann Rector zu Pirnau in lateinische Rythmos uebersetzt hat 1717.<|>8; Heilsame Worte und Lehre von der Gottseligkeit des A. und N. T. Budissin 1728.<|>8; Einige Lieder die im Tanzgreuel stehen: als Bräutigam zu mein Leben u.s.w. Jesus ist des Lebens Leben u.s.w. Wen Gott liebt, den mag gleich hassen, u.s.w. Im ersten Theil des hallischen gesangbuches, stehet sein erbaulicher gesang, Christe, mein Leben, mein Hoffen, mein Glauben u.s.w. ein Acrostichon auf den Curt Reinecke, Reichsgrafen von Calenberg.
Lit.: Johann Kaspar Wetzel, Historische Lebensbeschreibung der berühmtesten Liederdichter, 4. Theil, Nürnberg 1728,
265-270; - Fortsetzung und Ergaenzungen zu Christian Gottlieb Joechers allgemeinem Gelehrten=Lexiko, worin die Schriftsteller aller Staende nach ihren vornehmsten Lebensumstaenden und Schriften beschrieben werden, Angefangen von Johann Christoph Adelung und vom Buchstaben K fortgesetzet von Heinrich Wilhelm Rotermund, Bd. 3, Delmenhorst 1810, Sp. 192<|>f.; -
Otto, Lexikon der oberlausitzischen Schriftsteller, 2. Bd., 1. Abt., Görlitz 1802, S. 260 (hier das Todesjahr 1731 angegeben); - Koch, IV. Bd., Stuttgart 1868, 3. Aufl., 396<|>ff.; - Reinhard Zöllner, Das deutsche Kirchenlied in der Oberlausitz, Dresden 1871, 75; - Fischer, Kirchenliederlexikon, 1. Hälfte, S. 71<|>f.; - Weller, Die falschen und maskirten Druckorte, Leipzig 1858, 44.
Rainer Sabelleck
Letzte Änderung: 06.11.2011