KENNICOTT, Benjamin, geb. 4.4. 1718 in Totnes, Devonshire; gest. 18.9.
1783 in Oxford. Theologe und Bibliothekar, bekannt vor allem wegen
seiner Arbeiten zur Textgeschichte des hebräischen Alten Testaments.
- K. studierte in Oxford und wurde 1747 aufgrund seiner »Two Dissertations:
the First on the Tree of Life in Paradise, and the Second on the Observations
of Cain and Abel« zum Fellow of Exeter College gewählt, wo er vor
allem Hebräisch lehrte. 1753 wurde er Pfarrer in Culham (Oxfordshire),
1767 Konservator der Radcliffe-Bibliothek in Oxford und 1770 Domherr
an der Christ-Church in Oxford und Rektor (Pfarrherr) in Culham. 1761
erhielt er sein Doktorat. Der durch seine Studien zur hebräischen
Metrik und Poesie berühmte Erzbischof Robert Lowth zeigte K. die Probleme
der textlichen Überlieferung des Alten Testaments und die Möglichkeiten
der Textkritik, insbesondere durch Textvergleich. K. faßte den Plan
einer breit angelegten Aufarbeitung des handschriftlichen Materials.
Zur Propagierung seiner Ideen verfaßte er zwei Abhandlungen: »The
state of the Hebrew Text of the Old Testament considered« und »The
state of the printed Hebrew Text of the Old. Testament considered«
(1753). Beide wurden von W.A. Taller übersetzt und in Leipzig veröffentlicht,
die erste 1756 lateinisch, die zweite 1765 deutsch. Das Projekt und
die Arbeit von K. fand von Anfang an begeisterte Zustimmung und vehemente
Kritik. Könige stellten Manuskripte zur Verfügung oder unterstützten
K. und sein Projekt finanziell. Andererseits gab es eine breite Polemik,
die vor allem in England, Frankreich und Italien vorwiegend aus persönlichen
Angriffen bestand, während in Deutschland eine sachlich differenziertere
Diskussion geführt wurde (Michels, DB, 1888). - An der Sammlung
und Vergleichung der Texte beteiligten sich Mitarbeiter in vielen
Ländern. 1767 konnte er Prof. Paul Jakobus Bruns in Helmstädt für
das Projekt gewinnen. Dieser sammelte auf Reisen in Deutschland, Holland,
Frankreich und Italien die Varianten von ca. 250 Handschriften. Insgesamt
wurden 615 hebräische und 16 Handschriften des samaritanischen Pentateuch
und 52 Editionen kollationiert. In der Schrift »Methodus varias lectiones
notandi et res scitus necessarias describendi a singulis Hebraeorum
codicum manuscriptorum Veteris Testamenti collectoribus observanda«,
Oxford 1763, hatte K. das Programm und die Arbeitsmethode vorgelegt.
Von 1760 bis 1769 erschienen jährliche Arbeitsberichte, die 1776 unter
dem Titel »The ten annual accounts of the collation of the Old Testament« in Oxford erschienen. Nach intensiver umfangreicher
Arbeit konnte K. das Ergebnis publizieren: »Vetus Testamentum Hebraicum
cum variis lectionibus«, Oxford, Bd. I 1776; Bd. II 178O. Im Bd. II
war eine »Dissertatio generalis in Vetus Testamentum« vorangestellt,
die Prof. Bruns mit Ergänzungen versah und 1783 auch in Braunschweig
herausgab. Die Arbeit von K. stellt einen Meilenstein in der Erforschung
der hebräischen Textüberlieferung des Alten Testaments dar. Sie hat
aber auch gravierende zeitbedingte und methodische Mängel: Trotz der
großen Zahl handelt es sich durchwegs um eher junge Manuskripte, die
nicht weiter als ins 10. Jahrhundert n.Chr. zurückreichen (ältere
Manuskripte in nennenswertem Umfang wurden der Wissenschaft erst über
ein Jahrhundert später zugänglich) und die nur einen Sektcr der Textüberlieferung
repräsentieren; andererseits bringt K. nur den Konsonantenbestand,
wodurch die Aussagekraft der Varianten wesentlich eingeschränkt ist.
Während K. seiner Arbeit die van der Hooght'sche Bibelausgabe zugrundegelegt
hatte, wurden nun die wichtigsten Erkenntnisse K.'s in die Biblia
Hebraica von Doederlin, Leipzig 1783, und andere Drucke des hebräischen
Alten Testaments aufgenommen und fanden auch Berücksichtigung in den
Wörterbüchern. J.B. De Rossi, Varia lectiones Veteris Testamenti,
4 Bde. Parma 1784-88, Suppl.Bd. 1798, führte die textvergleichende
Forschung weiter und erhöhte die Gesamtzahl der kollationierten Manuskripte
auf ca. 1500. S. Davidson verwertete die Arbeiten von K. und de Rossi
in seiner Ausgabe »The Hebrew Text of the Old Testament from critical
sources«, London 1855. - Durch die wesentlich älteren Manuskripte
aus der Geniza von Kairo und vor allem auch aus Qumran haben die bei
K. erfaßten Texte nur mehr sekundäre Bedeutung, sie werden aber auch
in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (1967-77) noch teilweise angeführt.
Werke: Außer den im Text genannten Werken seien genannt:
Duty of thanksgiving for peace (1747); A critical dissertation on
Isaiah 7,13-16 (1757); Dissertation the second, wherein the samaritan
copy of the Pentateuch is vindicdated (1759); Observations on the
first book of Samuel 16,19 (1768); Critica sacra: Or a short introduction
to Hebrew Criticism (1774); Epistola at celebrem F.D. Michaelis: De
censura primi tomi Vet. Test. hebr. (1777); von Michaelis abgedruckt
in Orientalische und Exegetische Bibliothek, Bd. 12, 1778; - Für
weitere - vor allem die polemische - Literatur s. E. Michels in Dictionaire
de la Bible III, 1889.
Lit.: Ludwig Diestel, Geschichte des Alten Testaments in
der christlichen Kirche (1869) 591-594 (dort auch ältere Literatur);
- Ernst Würthwein, Der Text des Alten Testaments 41973,
43f.; - Religious Encyclopaedia..., II (1883) 1239f; - DNB
XXXI (1892) 10-12; - Dictionnaire de la Bible III (1903) 1887-1889;
- RGG III (1912) 1059.