KERINTH wirkte Anfang des 2. Jahrhunderts in Kleinasien. Charakteristisch
für seine Lehre ist die Trennung zwischen oberstem Gott und dem Weltschöpfer
sowie eine doketische Christologie: der himmlische Christus sei bei
der Taufe auf Jesus, den Sohn Josefs und Marias herabgestiegen, habe
ihn zur Verkündigung des unbekannten Vaters und zu Wundertaten ermächtigt
und vor der Passion wieder verlassen (Iren. adv. haer. I, 26, 1; vgl.
III, 11, 1.7; 16,5 f.; legendarisch ist die Notiz des Kampfes des
Apostels Joh. gegen K., III, 3,4; 11,1; vgl. Hier. vir. inl. 9). Nach
Hipp. ref. VII, 33,1; X, 21 wurde K. in Ägypten ausgebildet, ansonsten
wiederholt Hipp. die von Iren. genannten zwei Charakteristika (VII,
33; 34; 35;X, 21), ebenso wie spätere Autoren, die zum Teil stark
ausschmücken (Epiph. pan. XXVIII; LI u. a.). Unhistorisch ist sicher
die Auffassung, K. sei Chiliast (Gaius von Rom bei Eus. HE III, 28,2
u. a.) oder Judaist gewesen (Epiph. pan. XXVIII, 2 ff. u. a.), bzw.
er habe die ApkJoh (Gaius bei Eus. HE III, 28,2) oder die kanon. joh.
Lit. überhaupt verfaßt (Aloger bei Epiph. pan. LI,3). Eine gewisse
Nähe hat. K. zu den Gegnern des 1. Joh. Gegen K. tritt Epist. Apost.
1 f. u. ö. auf; K. ist möglicherweise der Adressat der Epist. Jac.
Apocr. (NHC I,2).
Lit.: Heinrich Eberhard Gottlob Paulus, Commentationes
theologicae potissimum historiam Cerinthi Iudaeochristiani ac Iudaeognostici
atque finem Iohanneorum in N. T. libellorum illustrature, 1795; -
Adolf Hilgenfeld, Die Ketzergeschichte des Urchristenthums, 1884,
408-421 u. passim; - Theodor Zahn, Geschichte des neutest. Kanons
I, 1, 1888, 220-262; II, 2, 1892, 973-991. 1021 f.; - Adolf Harnack,
Lehrbuch der Dogmengeschichte I, 1894
3, 234 f.; - Alois
Wurm, Cerinth, ein Gnostiker oder Judaist, ThQ 86, 1904, 20-38; -
Otto Bardenhewer, Geschichte der altkirchl. Lit. I, 1913
2 (Nachdr.
1962), 345 f.;- Eduard Schwartz, Johannes und Kerinthos, ZNW 15,
1914, 210-219 (jetzt in: Ges. Schr. V, 1963, 170-182); - Gustave
Bardy, C‚rinthe, RB 30, 1921, 344-373; - Reinhold Seeberg, Lehrbuch
der Dogmengeschichte I, 1953
4, 107 f.; - Albertus Frederik
Johannes Klijn/G. J. Reinink, Patristic Evidence for Jewish-Christian
Sects, NT.S 36, 1973, 3-19. 74-77; - Hans-Martin Schenke, Der
Jakobusbrief aus dem Codex Jung, OLZ 66, 1971, 117-130; - Rudolf
Schnackenburg, Die Johannesbriefe, HThK 13, 3, 1979
6, 19 f.;
- H.-C. Puech/ B. Blatz, Andere gnostische Evangelien und verwandte
Literatur, in: W. Schneemelcher (ed.), Neutestamentliche Apokryphen
in deutscher šbersetzung I, 1987
5, 317; - RE
3 III,
777; - RGG
3 I, 1632; - LThK
2 VI, 120; -
Der Kl. Pauly III, 199; - Weitere Lit. s. David M. Scholer, Nag
Hammadi Bibliography. 1948-1969, NHS 1, 1971, 56-58; - Jährlich
fortgesetzt in NT.
Wilhelm Pratscher
Letzte Änderung: 06.11.2011