KERLL, Johann Kaspar, Komponist, * am 9. April 1627 in Adorf (Vogtland),
† am 13. Februar 1693 in München. - Als Schreibformen seines
Namens kommen vor: Kerll, Kerl, Cherl. - K. entstammte einer ev.-luth.
Musikerfamilie. Sein Vater war der aus Joachimstal (Böhmen) vertriebene
Organist und Orgelbauer Kaspar K., der seinem Sohn vermutlich auch
den ersten Musikunterricht erteilt hat. In jungen Jahren bereits kam
K. nach Wien und fand in dem Erzherzog Leopold Wilhelm, dem Bruder
des Kaisers Ferdinand II., einen einflußreichen Gönner und Freund.
Dieser veranlaßte zunächst K.s Ausbildung bei dem Hofkapellmeister
Valentini und schickte ihn dann zu weiteren Studien nach Rom, wo er
von Carissimi, vielleicht auch von Frescobaldi, unterrichtet wurde.
In die römische Studienzeit fällt auch die erste Veröffentlichung
einer Komposition K.s, einer »Toccata sive Ricercata«, in der von
Athanasius Kircher 1650 herausgegebenen Sammlung »Musurgia universalis«.
Die Echtheit dieser Komposition ist allerdings umstritten. Spätestens
in dieser Zeit ist K. auch zum kath. Glauben übergetreten, unabdingbare
Voraussetzung für seine weitere Karriere im süddt.-österreichischen
Raum. Erzherzog Leopold Wilhelm, seit 1647 Statthalter der Niederlande,
gewährte K. eine Stelle als Organist der Brüsseler Hofkapelle, wobei
es fraglich ist, ob er diese Stelle überhaupt je angetreten hat, da
die Kapelle schon 1656 aufgelöst worden ist. Seit diesem Jahr aber
ist K. nachweislich in München anzutreffen, wo er am bayerischen Hof
zuerst als Vizekapellmeister, nach dem Tode des Hofkapellmeisters
J. J. Porro als dessen Nachfolger angestellt war. In dieser Position
hatte er vielfältige Aufgaben zu bewältigen. Da die Kurfürstin der
noch jungen Kunstgattung Oper sehr viel Interesse und Aufmerksamkeit
entgegenbrachte, 1653 war in München das erste Mal eine Oper, »L'arpa
festante« von G. B. Maccioni, zur Aufführung gelangt, bekam er den
Auftrag, Opern zu komponieren. Im Jahre 1657 wurde seine erste Oper,
»Oronte«, anläßlich der Eröfnung des neuen Residenztheaters aufgeführt.
Die Musik zu dieser sowie zu neun weiteren von ihm stammenden Opern
hat sich nicht erhalten. Lediglich die Textbücher zu vier seiner Opern
sind bekannt. Daneben schrieb K. Musikstücke zu Jesuitendramen, ein
Genre, das sich damals großer Beliebtheit erfreute. Von diesen hat
sich ein einziges Werk, das 1677 in Wien entstandene Werk »Pia et
fortis mulier«, erhalten. Weiters hatte er Festmusiken und Ballette für die verschiedensten Gelegenheiten und Anlässe zu schreiben
und zu leiten. Neben diesen weltlichen Verpflichtungen galt das Hauptinteresse
K.s der Kirchenmusik. Er machte München mit dem in Italien zuerst
entwickelten »stile concertato« bekannt und komponierte Messen, geistliche
Konzerte u.v.a. Die 1669 in München gedruckte Sammlung »Delectus sacrarum
cantionum« gibt einen guten Überblick über diese Richtung seines Schaffens.
Während eines Aufenthaltes in Regensburg wurde er von dem dort anwesenden
Kaiser Leopold I., der seine Kunst bewunderte, in den Adelsstand erhoben.
Da K. neben seiner künstlerischen Fertigkeit auch gute organisatorische
Fähigkeiten besaß, hatte er in seinem Amt viele Freiheiten. Trotz
der hervorragenden und gut bezahlten Stellung und des hohen Ansehens,
das K. in München genoß, gab er diese Position im Jahre 1673 überraschend
auf und ging nach Wien. Man nimmt an, daß K. auf diese Weise die Konsequenz
aus Intrigen durch italienische Musiker in der Hofkapelle gezogen
hat. In Wien scheint er zunächst ohne feste Anstellung gewesen zu
sein, doch bezog er seit 1675 eine kaiserliche Pension und wurde 1677
(definitiv erst ab 1680) Hoforganist neben A. Poglietti. K.s Orgelspiel,
besonders die Orgelimprovisation, wurde weithin gerühmt. Auch als
Lehrer für Tasteninstrumente besaß er, schon seit seiner Münchner
Zeit, einen guten Ruf. Bedeutende Schüler in München waren A. Steffani
und F. X. A. Murschhauser. Daß J. Pachelbel, J. J. Fux und G. Reutter
d.Ä. zu seinen Schülern in Wien gehört haben sollen, ist bloße Vermutung.
Im Jahre 1679 hielt sich K. wegen der in Wien grassierenden Pest zusammen
mit der kaiserlichen Kapelle in Prag auf. Dort ist vermutlich seine
Frau gestorben. Zum glücklichen Ausgang der Belagerung Wiens durch
die Türken im Jahre 1683 komponierte K. die Gedenkmesse »In fletu
solatium«. Bald danach kehrte er nach München zurück. Über das letzte
Lebensjahrzehnt ist nichts weiter bekannt. Sein Grab befand sich in
der Augustinerkirche in München. - Das Schaffen K.s weist zwei
Schwerpunkte auf. Seine Bedeutung gründet sich zunächst auf sein Wirken
als Lehrer für Tasteninstrumente und als Komponist von Stücken für
diese Gattung. Die 1686 in München erschienene Sammlung »Modulatio
organica« wurde zum Vorbild für eine ganze Reihe ähnlicher Veröffentlichungen
durch J. Speth, F. X. A. Murschhauser, Th. Muffat u.a. Die Quellenlage
in diesem Bereich erweist sich aber als äußerst schwierig, da K. mit
dem gleichzeitig in Wien als Hoforganist wirkenden A. Poglietti freundschaftlich
verbunden war und daher gemeinsam mit diesem Werkausgaben veranstaltete,
wobei vielfach nicht mehr festzustellen ist, welche der darin enthaltenen
Werke nun tatsächlich von K. stammen. Wohl aus diesem Grund hat er
später, als einer der ersten Komponisten überhaupt, ein thematisches
Werkverzeichnis seiner Kompositionen für Tasteninstrumente angelegt.
Trotzdem lassen sich die originalen Fassungen zahlreicher Werke nicht
mehr mit Sicherheit ermitteln. Die Anregungen, die von K.s Kompositionen
für diese Werkgattung ausgingen, waren bedeutend. Ihre Wirkung reichte
bis G. F. Händel und J. S. Bach. Der zweite Schwerpunkt seines Schaffens
lag auf dem Gebiet der Kirchenmusik. In diesem Bereich gehörte K.
zu den Vertretern der süddt.-österreichischen Richtung, die ihre Anfänge
in den Werken der Komponisten Johann Stadlmayr, Christoph Straus und
Giovanni Valentini, einem Lehrer K.s, hatte und in gerader Linie bis hin zu Joseph Hadyn und W. A. Mozart führte. Hauptkennzeichen
dieser Richtung sind die Verwendung eines Orchesters in den Meßkompositionen,
das meist noch parallel zu den Singstimmen geführt ist, 4-st. Satz,
stärkeres Hervortreten der Soli gegenüber den Tuttistellen und deutlichere
Gliederung der einzelnen Satzteile. K. nimmt in dieser Entwicklung
eine Schlüsselrolle ein, da er Anregungen der italienischen Musiktradition
mit aufgenommen und verarbeitet hat. So ist ihm v. a. die Bereicherung
der Kirchenmusik durch die Einführung der »Geistlichen Konzerte« zu
verdanken. Insgesamt ist das kirchenmusikalische Schaffen K.s durch
einen freieren Ton bestimmt, der das liturgische Geschehen feierlicher
und zugleich persönlicher gestaltet. Bereits im 18. Jh. geriet das
Werk K.s in Vergessenheit.
Werke: 1. Zeitgenössische Druckausgaben: Toccata sive
Ricercata in Cylindrum phonotacticum transferenda, in: Athanasius
Kircher, Musurgia Universalis II, 1650, 316 ff; Delectus sacrarum
cantionum a II. III. IV. V. vocibus, cum adjunctis instrumentis, opus
primum, 1669; Modulatio organica super Magnificat octo ecclesiasticis
tonis respondens, 1686 (Reprint, 1956, hrsg. von R. Walter); Missae
sex a IV. V. VI. vocibus, cum instrumentis concertantibus, vocibus
in ripieno adjuncta una pro defunctis, cum seq: Dies irae, 1689. -
2. Neue Ausgaben: 1 Orgelcanzone, in: Ecole classique de l'Orgue,
H. 12, hrsg. v. A. Guilmant, 1900; Ausgewählte Werke I, in: DTB II/2,
1901, hrsg. v. Adolf Sandberger; Missa cujus toni und Missa à 3 cori,
in: DTÖ XXV/1, 1918, hrsg. v. Guido Adler; Missa pro defunctis, in:
DTÖ XXX/1, 1923, hrsg. v. Guido Adler; 2 Orgelstücke, in: Alte Meister
des Orgelspieles N.F., 1929, hrsg. v. K. Straube; Ausgewählte Klavierstücke,
in: Stücke für Tasteninstrumente. NMA LXXXVII, 1956, hrsg. v. H. Hillemann;
9 Klavierstücke, in: G. Tagliapietra, Antologia di musica antica e
moderna per il pianoforte VII. - 3. Werkverz.: EitnerQ V, 349-352;
RISM V, 27 f; DTB II/2; MGG VII.
Lit.: J. Mattheson, Critica Musica I, 1722, 22; -
Ders., Grundlage einer Ehrenpforte, 1740, 135 ff; - R. Rudhart,
Gesch. d. Oper am Hofe zu München, 1865, 33 f; - Ludwig von Köchel,
Die kaiserliche Hof-Musikkapelle in Wien von 1543-1867, 1869, 640;
- A. G. Ritter, Zur Gesch. d. Orgelspiels, 1884, 157 f; -
Weitzmann-Seiffert, Gesch. d. Klaviermusik, 1899, 185 ff; - Adolf
Sandberger, Einführung zu: JKK. Ausgewählte Werke I, in: DTB II/2,
1901; - Ders., JKK, in: Ausgewählte Aufsätze zur MG, 1921, 181
ff; - Ludwig Schiedermair, Künstlerische Bestrebungen am Hofe
des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern, in: FGB X, H. 1/2 (auch
als Separatdruck erschienen); - Hugo Botstiber, Ein Beitrag zu
JKK.s Biographie, in: SIMG VII, 1905/06, 634 ff; - M. Seiffert,
Händels Verhältnis zu Tonwerken älterer dt. Meister, in: JbP XIV,
1907, 41 ff; - Guido Adler, Zur Gesch. d. Wiener Meßkomposition
in der 2. Hälfte des 17. Jhs., in: StMw IV, 1916, 5 ff; - Ders.,
Einführung zu: DTÖ XXV/1, 1918; - Hermann Kretschmar, Führer durch
den Konzertsaal II/1, 19215; - Paul Nettl, Weltliche Musik
des Stiftes Osseg (Böhmen) im 17. Jh., in: ZfMw IV, 1921/22, 351 ff;
- M. Zenger, Gesch. d. Münchner Oper (bearb. v. Th. Kroyer), 1923;
- A. Pirro, L'Art des Organistes, in: Lavignac E II/2, 1926, 1321
ff; - R. Haas, Musik des Barocks, 1928; - E. Valentin, Die
Entwicklung der Tokkate, 1930; - Otto Ursprung, Kath. Kirchenmusik, 1931, 212 ff; - E. H. Meyer,
Die mehrstimmige Spielmusik des 17. Jhs. in Nord- und Mitteleuropa,
1934, 218 f; - G. Frotscher, Gesch. d. Orgelspiels und der Orgelkomposition
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- E, Flade, Gottfried Silbermann, 19532, 147 f; - Alfred
Orel, Die Kontrapunkt-Lehren von Poglietti und Bertali, in: Kongress-Bericht
Bamberg 1953, 1954, 140 ff; - A. C. Giebler, The masses of JCK,
2 Bde., Diss. Univ. of Michigam, 1956; - Hans Joachim Moser, Die
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Quellenkundliche Beiträge zur Gesch. d. Musik für Tasteninstrumente
in der 2. Hälfte des 17. Jhs., Diss. Kiel, 1957; - Ders., Eine
unbekannte Quelle zu JKK.s Musik für Tasteninstrumente, in: MF XIII,
1960; - Ders., Neue Mitteilungen zur Lebensgesch. von Alessandro
Poglietti und JKK, in: AfMw XIX/XX, 1962/63, 111-140; - H. Federhofer,
Zur hs. Überlieferung der Musiktheorie in Österreich in der 2. Hälfte
des 17. Jhs., in: Mf XI, 1958; - H. Schmid, Una nuova fonte di
musica organistica del s. XVII, in: L'organo I, 1960; - H. Th.
David, A Lesser Seret of J. S. Bach Uncovered, in: JAMS XIV, 1961
(dt. Übersetzung unter dem Titel: Zur Entstehungsgesch. des Sanctus
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Die Musik im Wiener Jesuitendrama von 1677-1711, Diss. Wien 1961;
- Richard Schaal, Quellen zu JKK, in: AnzAW XCIX, 1962, 15-27;
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in: CHM IV, 1966; - W. Apel, Gesch. d. Orgel- und Klaviermusik
bis 1700, 1967; - H. Knaus, Die Musiker in Archivbestand des kaiserlichen
Obersthofmeisteramtes (1637-1705) II, 1968, 35. 37. 40. 95; -
E. Ritter, Musiker am kur-bayerischen Hof zu München (1650-1730),
in: Archiv für Sippenforschung XXXIV, 1968, 617; - W. D. Gudger,
A Borrowing from K. in Messiah, in: MT CXVIII, 1977, 1038; - Zedler
XV, 1757, 484; - FétisB V, 17-19; - MGG VII, 851-859; -
Riemann I, 916 f; - LThK2 VI, 122.