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Band III (1992) Spalten 1392-1397 Autor: Hans-Josef Olszewsky

KERLL, Johann Kaspar, Komponist, * am 9. April 1627 in Adorf (Vogtland), † am 13. Februar 1693 in München. - Als Schreibformen seines Namens kommen vor: Kerll, Kerl, Cherl. - K. entstammte einer ev.-luth. Musikerfamilie. Sein Vater war der aus Joachimstal (Böhmen) vertriebene Organist und Orgelbauer Kaspar K., der seinem Sohn vermutlich auch den ersten Musikunterricht erteilt hat. In jungen Jahren bereits kam K. nach Wien und fand in dem Erzherzog Leopold Wilhelm, dem Bruder des Kaisers Ferdinand II., einen einflußreichen Gönner und Freund. Dieser veranlaßte zunächst K.s Ausbildung bei dem Hofkapellmeister Valentini und schickte ihn dann zu weiteren Studien nach Rom, wo er von Carissimi, vielleicht auch von Frescobaldi, unterrichtet wurde. In die römische Studienzeit fällt auch die erste Veröffentlichung einer Komposition K.s, einer »Toccata sive Ricercata«, in der von Athanasius Kircher 1650 herausgegebenen Sammlung »Musurgia universalis«. Die Echtheit dieser Komposition ist allerdings umstritten. Spätestens in dieser Zeit ist K. auch zum kath. Glauben übergetreten, unabdingbare Voraussetzung für seine weitere Karriere im süddt.-österreichischen Raum. Erzherzog Leopold Wilhelm, seit 1647 Statthalter der Niederlande, gewährte K. eine Stelle als Organist der Brüsseler Hofkapelle, wobei es fraglich ist, ob er diese Stelle überhaupt je angetreten hat, da die Kapelle schon 1656 aufgelöst worden ist. Seit diesem Jahr aber ist K. nachweislich in München anzutreffen, wo er am bayerischen Hof zuerst als Vizekapellmeister, nach dem Tode des Hofkapellmeisters J. J. Porro als dessen Nachfolger angestellt war. In dieser Position hatte er vielfältige Aufgaben zu bewältigen. Da die Kurfürstin der noch jungen Kunstgattung Oper sehr viel Interesse und Aufmerksamkeit entgegenbrachte, 1653 war in München das erste Mal eine Oper, »L'arpa festante« von G. B. Maccioni, zur Aufführung gelangt, bekam er den Auftrag, Opern zu komponieren. Im Jahre 1657 wurde seine erste Oper, »Oronte«, anläßlich der Eröfnung des neuen Residenztheaters aufgeführt. Die Musik zu dieser sowie zu neun weiteren von ihm stammenden Opern hat sich nicht erhalten. Lediglich die Textbücher zu vier seiner Opern sind bekannt. Daneben schrieb K. Musikstücke zu Jesuitendramen, ein Genre, das sich damals großer Beliebtheit erfreute. Von diesen hat sich ein einziges Werk, das 1677 in Wien entstandene Werk »Pia et fortis mulier«, erhalten. Weiters hatte er Festmusiken und Ballette für die verschiedensten Gelegenheiten und Anlässe zu schreiben und zu leiten. Neben diesen weltlichen Verpflichtungen galt das Hauptinteresse K.s der Kirchenmusik. Er machte München mit dem in Italien zuerst entwickelten »stile concertato« bekannt und komponierte Messen, geistliche Konzerte u.v.a. Die 1669 in München gedruckte Sammlung »Delectus sacrarum cantionum« gibt einen guten Überblick über diese Richtung seines Schaffens. Während eines Aufenthaltes in Regensburg wurde er von dem dort anwesenden Kaiser Leopold I., der seine Kunst bewunderte, in den Adelsstand erhoben. Da K. neben seiner künstlerischen Fertigkeit auch gute organisatorische Fähigkeiten besaß, hatte er in seinem Amt viele Freiheiten. Trotz der hervorragenden und gut bezahlten Stellung und des hohen Ansehens, das K. in München genoß, gab er diese Position im Jahre 1673 überraschend auf und ging nach Wien. Man nimmt an, daß K. auf diese Weise die Konsequenz aus Intrigen durch italienische Musiker in der Hofkapelle gezogen hat. In Wien scheint er zunächst ohne feste Anstellung gewesen zu sein, doch bezog er seit 1675 eine kaiserliche Pension und wurde 1677 (definitiv erst ab 1680) Hoforganist neben A. Poglietti. K.s Orgelspiel, besonders die Orgelimprovisation, wurde weithin gerühmt. Auch als Lehrer für Tasteninstrumente besaß er, schon seit seiner Münchner Zeit, einen guten Ruf. Bedeutende Schüler in München waren A. Steffani und F. X. A. Murschhauser. Daß J. Pachelbel, J. J. Fux und G. Reutter d.Ä. zu seinen Schülern in Wien gehört haben sollen, ist bloße Vermutung. Im Jahre 1679 hielt sich K. wegen der in Wien grassierenden Pest zusammen mit der kaiserlichen Kapelle in Prag auf. Dort ist vermutlich seine Frau gestorben. Zum glücklichen Ausgang der Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683 komponierte K. die Gedenkmesse »In fletu solatium«. Bald danach kehrte er nach München zurück. Über das letzte Lebensjahrzehnt ist nichts weiter bekannt. Sein Grab befand sich in der Augustinerkirche in München. - Das Schaffen K.s weist zwei Schwerpunkte auf. Seine Bedeutung gründet sich zunächst auf sein Wirken als Lehrer für Tasteninstrumente und als Komponist von Stücken für diese Gattung. Die 1686 in München erschienene Sammlung »Modulatio organica« wurde zum Vorbild für eine ganze Reihe ähnlicher Veröffentlichungen durch J. Speth, F. X. A. Murschhauser, Th. Muffat u.a. Die Quellenlage in diesem Bereich erweist sich aber als äußerst schwierig, da K. mit dem gleichzeitig in Wien als Hoforganist wirkenden A. Poglietti freundschaftlich verbunden war und daher gemeinsam mit diesem Werkausgaben veranstaltete, wobei vielfach nicht mehr festzustellen ist, welche der darin enthaltenen Werke nun tatsächlich von K. stammen. Wohl aus diesem Grund hat er später, als einer der ersten Komponisten überhaupt, ein thematisches Werkverzeichnis seiner Kompositionen für Tasteninstrumente angelegt. Trotzdem lassen sich die originalen Fassungen zahlreicher Werke nicht mehr mit Sicherheit ermitteln. Die Anregungen, die von K.s Kompositionen für diese Werkgattung ausgingen, waren bedeutend. Ihre Wirkung reichte bis G. F. Händel und J. S. Bach. Der zweite Schwerpunkt seines Schaffens lag auf dem Gebiet der Kirchenmusik. In diesem Bereich gehörte K. zu den Vertretern der süddt.-österreichischen Richtung, die ihre Anfänge in den Werken der Komponisten Johann Stadlmayr, Christoph Straus und Giovanni Valentini, einem Lehrer K.s, hatte und in gerader Linie bis hin zu Joseph Hadyn und W. A. Mozart führte. Hauptkennzeichen dieser Richtung sind die Verwendung eines Orchesters in den Meßkompositionen, das meist noch parallel zu den Singstimmen geführt ist, 4-st. Satz, stärkeres Hervortreten der Soli gegenüber den Tuttistellen und deutlichere Gliederung der einzelnen Satzteile. K. nimmt in dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle ein, da er Anregungen der italienischen Musiktradition mit aufgenommen und verarbeitet hat. So ist ihm v. a. die Bereicherung der Kirchenmusik durch die Einführung der »Geistlichen Konzerte« zu verdanken. Insgesamt ist das kirchenmusikalische Schaffen K.s durch einen freieren Ton bestimmt, der das liturgische Geschehen feierlicher und zugleich persönlicher gestaltet. Bereits im 18. Jh. geriet das Werk K.s in Vergessenheit.

Werke: 1. Zeitgenössische Druckausgaben: Toccata sive Ricercata in Cylindrum phonotacticum transferenda, in: Athanasius Kircher, Musurgia Universalis II, 1650, 316 ff; Delectus sacrarum cantionum a II. III. IV. V. vocibus, cum adjunctis instrumentis, opus primum, 1669; Modulatio organica super Magnificat octo ecclesiasticis tonis respondens, 1686 (Reprint, 1956, hrsg. von R. Walter); Missae sex a IV. V. VI. vocibus, cum instrumentis concertantibus, vocibus in ripieno adjuncta una pro defunctis, cum seq: Dies irae, 1689. - 2. Neue Ausgaben: 1 Orgelcanzone, in: Ecole classique de l'Orgue, H. 12, hrsg. v. A. Guilmant, 1900; Ausgewählte Werke I, in: DTB II/2, 1901, hrsg. v. Adolf Sandberger; Missa cujus toni und Missa à 3 cori, in: DTÖ XXV/1, 1918, hrsg. v. Guido Adler; Missa pro defunctis, in: DTÖ XXX/1, 1923, hrsg. v. Guido Adler; 2 Orgelstücke, in: Alte Meister des Orgelspieles N.F., 1929, hrsg. v. K. Straube; Ausgewählte Klavierstücke, in: Stücke für Tasteninstrumente. NMA LXXXVII, 1956, hrsg. v. H. Hillemann; 9 Klavierstücke, in: G. Tagliapietra, Antologia di musica antica e moderna per il pianoforte VII. - 3. Werkverz.: EitnerQ V, 349-352; RISM V, 27 f; DTB II/2; MGG VII.

Lit.: J. Mattheson, Critica Musica I, 1722, 22; - Ders., Grundlage einer Ehrenpforte, 1740, 135 ff; - R. Rudhart, Gesch. d. Oper am Hofe zu München, 1865, 33 f; - Ludwig von Köchel, Die kaiserliche Hof-Musikkapelle in Wien von 1543-1867, 1869, 640; - A. G. Ritter, Zur Gesch. d. Orgelspiels, 1884, 157 f; - Weitzmann-Seiffert, Gesch. d. Klaviermusik, 1899, 185 ff; - Adolf Sandberger, Einführung zu: JKK. Ausgewählte Werke I, in: DTB II/2, 1901; - Ders., JKK, in: Ausgewählte Aufsätze zur MG, 1921, 181 ff; - Ludwig Schiedermair, Künstlerische Bestrebungen am Hofe des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern, in: FGB X, H. 1/2 (auch als Separatdruck erschienen); - Hugo Botstiber, Ein Beitrag zu JKK.s Biographie, in: SIMG VII, 1905/06, 634 ff; - M. Seiffert, Händels Verhältnis zu Tonwerken älterer dt. Meister, in: JbP XIV, 1907, 41 ff; - Guido Adler, Zur Gesch. d. Wiener Meßkomposition in der 2. Hälfte des 17. Jhs., in: StMw IV, 1916, 5 ff; - Ders., Einführung zu: DTÖ XXV/1, 1918; - Hermann Kretschmar, Führer durch den Konzertsaal II/1, 19215; - Paul Nettl, Weltliche Musik des Stiftes Osseg (Böhmen) im 17. Jh., in: ZfMw IV, 1921/22, 351 ff; - M. Zenger, Gesch. d. Münchner Oper (bearb. v. Th. Kroyer), 1923; - A. Pirro, L'Art des Organistes, in: Lavignac E II/2, 1926, 1321 ff; - R. Haas, Musik des Barocks, 1928; - E. Valentin, Die Entwicklung der Tokkate, 1930; - Otto Ursprung, Kath. Kirchenmusik, 1931, 212 ff; - E. H. Meyer, Die mehrstimmige Spielmusik des 17. Jhs. in Nord- und Mitteleuropa, 1934, 218 f; - G. Frotscher, Gesch. d. Orgelspiels und der Orgelkomposition I, 1935, 484 ff; - M. Bukofzer, Music in the Baroque Era, 1947; - E, Flade, Gottfried Silbermann, 19532, 147 f; - Alfred Orel, Die Kontrapunkt-Lehren von Poglietti und Bertali, in: Kongress-Bericht Bamberg 1953, 1954, 140 ff; - A. C. Giebler, The masses of JCK, 2 Bde., Diss. Univ. of Michigam, 1956; - Hans Joachim Moser, Die Musik der dt. Stämme, 1957, 776 f; - Friedrich Wilhelm Riedel, Quellenkundliche Beiträge zur Gesch. d. Musik für Tasteninstrumente in der 2. Hälfte des 17. Jhs., Diss. Kiel, 1957; - Ders., Eine unbekannte Quelle zu JKK.s Musik für Tasteninstrumente, in: MF XIII, 1960; - Ders., Neue Mitteilungen zur Lebensgesch. von Alessandro Poglietti und JKK, in: AfMw XIX/XX, 1962/63, 111-140; - H. Federhofer, Zur hs. Überlieferung der Musiktheorie in Österreich in der 2. Hälfte des 17. Jhs., in: Mf XI, 1958; - H. Schmid, Una nuova fonte di musica organistica del s. XVII, in: L'organo I, 1960; - H. Th. David, A Lesser Seret of J. S. Bach Uncovered, in: JAMS XIV, 1961 (dt. Übersetzung unter dem Titel: Zur Entstehungsgesch. des Sanctus BWV 241, in: W. Blankenburg (Hrsg.), J. S. Bach, 1970); - W. Kramer, Die Musik im Wiener Jesuitendrama von 1677-1711, Diss. Wien 1961; - Richard Schaal, Quellen zu JKK, in: AnzAW XCIX, 1962, 15-27; - L. F. Tagliavini, Un 'importante fonte per la musica cembalistica-organistica di JKK. Il ms. DD/53 della Bibl. mus. »G. B. Martini« di Bologna, in: CHM IV, 1966; - W. Apel, Gesch. d. Orgel- und Klaviermusik bis 1700, 1967; - H. Knaus, Die Musiker in Archivbestand des kaiserlichen Obersthofmeisteramtes (1637-1705) II, 1968, 35. 37. 40. 95; - E. Ritter, Musiker am kur-bayerischen Hof zu München (1650-1730), in: Archiv für Sippenforschung XXXIV, 1968, 617; - W. D. Gudger, A Borrowing from K. in Messiah, in: MT CXVIII, 1977, 1038; - Zedler XV, 1757, 484; - FétisB V, 17-19; - MGG VII, 851-859; - Riemann I, 916 f; - LThK2 VI, 122.

Hans-Josef Olszewsky

Letzte Änderung: 29.12.2009