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Band III (1992) Spalten 1403-1407 Autor: Roland Böhm

KERNER, Justinus Andreas Christian, Dichter und Arzt, * 18.9. 1786 in Ludwigsburg, † 21.2. 1862 in Weinsberg. - K. stammte aus einer altwürttembergischen Beamtenfamilie. Seine Kinderjahre verlebte er in Ludwigsburg. Mit der Versetzung des Vaters nach Maulbronn 1795 als Leiter der dortigen Oberamtei zog die ganze Familie dorthin um. Hier zog sich K. ein nervöses Magenleiden zu, das sich durch falsche ärztliche Behandlung verschlimmerte. Aus der nach fast einem Jahr Krankheit erfolgten Heilung durch den Magnetiseur Eberhard Gmelin hat K. sein späteres Interesse an Parapsychologie und Okkultismus abgeleitet. Schon 1799, nach dem Tod des Vaters, kehrte die Familie nach Ludwigsburg zurück, wo K. zunächst das Gymnasium besuchte, nachdem er bis dahin nur privat unterrichtet worden war. Aus wirtschaftlichen Gründen mußte er 1802 die Schule abbrechen und eine Kaufmannslehre in der mit Gefängnis und Irrenanstalt verbundenen herzoglichen Tuchfabrik anfangen. In dieser Zeit begann er mit Verseschreiben. Im Herbst 1804 erhielt er die Erlaubnis zum Medizinstudium in Tübingen, während dieser Ausbildung wurde ihm zeitweilig Hölderlin als Patient zur Beobachtung und Behandlung zugewiesen. Parallel zu seinem Studium ging, basierend auf seiner Freundschaft mit Ludwig Uhland, der Aufbau eines schwäbischen Romantikerkreises, dem 1808/09 auch K. A. Varnhagen v. Ense beitrat. Gleichzeitig erschienen seine ersten gedruckten Gedichte und Ende 1808 schloß er sein Studium mit der Promotion ab. Im Frühjahr 1809 begann er zu reisen. Über Hamburg und Berlin kam er nach Wien, wo er im Winter 1809/10 u. a. mit Schlegel und Beethoven zusammentraf. Seine ärztliche Tätigkeit begann er 1810 in Dürrmenz bei Mühlacker. Schon im nächsten Jahr wechselte er als Badearzt nach Wildbad, 1812 wurde er Unteramtsarzt in Welzheim und 1815 Oberamtsarzt in Gaildorf. Auf Dauer ließ er sich 1819 in Weinsberg nieder, wo er bis zu seinem Tod in seinem 1822 erbauten Haus »jene spätromantisch-biedermeierliche, halb idyllische, halb weltschmerzlerische Gastlichkeit (pflegte), die ihn berühmter gemacht hat als seine Dichtungen« (Elschenbroich, NDB). Er beherbergte neben Dichtern - u. a. Tieck, Arnim, G. Schwab, Mörike - und Adligen wie Graf Alexander von Württemberg genauso selbstverständlich wandernde Handwerksburschen, Patienten und Flüchtlinge. Auch die »Seherin von Prevorst«, Friederike Hauffe, wohnte jahrelang bei ihm. Ermöglicht wurde K. dieses Leben nur durch die Tatkraft seiner Frau Friederike, geb. Ehemann, welche er 1813 geheiratet hatte. Als sie 1854 starb, verstärkte sich sein Hang zu Depressionen und bestimmte zusammen mit seiner Furcht vor Erblindung - er litt an Grauem Star - seine letzten Lebensjahre. - K. bildete mit seinem »Kernerhaus« den Mittelpunkt der Schwäbischen Dichterschule. Darin und in der Erhaltung der Burgruine Weibertreu liegen seine eigentlichen Verdienste, die eigenen Veröffentlichungen treten demgegenüber zurück. Er gilt als spätromantischer Lyriker, Balladendichter und stimmungsvoller Erzähler, dessen Ausdrucksverlangen aber anspruchslose Reime und unmittelbar verständliche Bilder genügten. Neben medizinischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen bildeten Forschungen über Spiritismus, Okkultismus und Somnambulismus den zweiten Schwerpunkt seiner Schriften. Sein Glaube an die Realität dieser Phänomene - als Erscheinungsformen des höheren inneren Lebens - brachte ihn in einen unlösbaren Konflikt mit seinem ärztlichen Ethos, welchen er in dem Bild vom aufgespießten Schmetterling zum Ausdruck brachte.

Werke: De functione singularum partium auris, Diss., 1808; Einige Bemerkungen über Wien im Winter 1810, in: Nordische Miszellen 32, 1810, 121-128 u. ebd. 33, 1810, 141-148; Reiseschatten. Von dem Schattenspieler Luchs, 1811 (Ndr. 1964); Das Wildbad im Königreich Württemberg, 1813; Über die Besetzung der Physikate durch die Wahlen der Amtsversammlungen, in: Für und Wider 6, 1817, 121-134; Der rasende Sandler. Ein polit. dramat. Inpromptu, mit Marionetten aufzuführen, 1817; Neue Beobachtungen über die in Württemberg so häufig vorfallenden tödtlichen Vergiftungen durch den Genuß geräucherter Würste, 1820; Die Bestürmung der württemberg. Stadt Weinsberg durch den hellen christl. Haufen im J. 1525 und deren Folge für die Stadt. Aus hss. Überlieferungen der damaligen Zeit dargest., 1821 (18482); Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkung auf den thierischen Organismus. Ein Beytrag zur Unters. des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes, 1822; Gesch. zweyer Somnambülen nebst einigen anderen Denkwürdigkeiten aus dem Gebiete der magischen Heilkunde und der Psychologie, 1824; Die neuesten Vergiftungen durch verdorbene Würste, 1824; Gedichte, 1826; Die Seherin von Prevorst. Eröffnungen über das innere Leben der Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere, 1829 (Ndr. 19733); Des ungar. Arztes Harst, eines Württembergers erprobte Behandlung der Cholera, seinen Landsleuten zugesandt, 1831; Einige Worte in Betreff der uns drohenden Cholera, vorgetr. in der Amtsversammlung zu Weinsberg am 28. Sept. 1831, 1831; Die Dichtungen, 1834; Gesch. des Mädchens von Orlach, 1834 (Ndr. 1922); Geschichten Besessener neuerer Zeit. Beobachtungen aus dem Gebiete kakodämonisch-magnetischer Erscheinungen, 1834; Gesichte des Thomas Ignatz Martin, Landsmanns zu Gallardon, über Frankreich und dessen Zukunft, im Jahr 1816 geschaut, 1835; Nachricht von dem Vorkommen des Besessenseyns, eines dämonisch-magnetischen Leidens und seiner schon im Alterthum bekannten Heilung durch magisch-magnetisches Einwirken, 1836; Eine Erscheinung aus dem Machtgebiete der Natur durch eine Reihe von Zeugen gerichtl. bestätigt und den Naturforschern zu bedenken mitgetheilt, 1836; Der Bärenhäuter im Salzbade. Ein Schattenspiel, 1837; Die Dichtungen, 2 Bde., 1841; Einige Worte über die Wirkungen des Rieslings auf das Nervensystems, 1847; Über die außergewöhnlichen Erscheinungen, welche an bestimmten Orten und Häusern haften, in: Jh. des Vereins für vaterländ. Naturkunde in Württemberg 3, 1847, 178-184; Lyrische Gedichte, 1848; Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Erinnerungen aus den Jahren 1786-1804, 1849 (Ndr. 1978); Der letzte Blüthenstrauß, 1852; Die somnambülen Tische. Zur Gesch. und Erklärung dieser Erscheinung, 1853; Franz Anton Mesmer aus Schwaben. Entdecker des thierischen Magnetismus, 1856; Kleksographien, 1857; Winterblüten, 1858. - Gab heraus: Poetischer Almanach für das Jahr 1812, 1812; Deutscher Dichterwald, 1813; Herzog Christophs Leben, geschr. von seinem Beichtvater, 1817; Gedichte des Leinewebers Johann Lämmerer, vom Lämmerhof bei Gschwend, 1819; Blätter aus Prevorst, 1. - 12. Slg., 1831-1839; Magikon. Archiv für Beobachtungen aus dem Gebiete der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens, nebst anderen Zugaben für Freunde des Inneren, 5 Bde., 1840-1856. - Briefe: Briefwechsel mit seinen Freunden, hrsg. v. Theobald Kerner und Ernst Müller, 2 Bde., 1897; Briefwechsel zw. K. und Ottilie Wildermuth 1853-1862, hrsg. v. Adelheid Wildermuth, 1927 (19602); K. und sein Münchener Freundeskreis. Eine Slg. v. Briefen, hrsg. v. Franz Pocci, 1928; Heinz Otto Burger, Aus dem Kreise der schwäb. Romantik: Unveröff. Briefe von K., in: Euphorion 30, 1929, 332-365; Letters of K. to Graf Alexander von Württemberg, ed. by Leonard A. Willoughby, 1938. - Werkausgaben: Sämtliche Werke, hrsg. v. W. Heichen, 8 Bde., 1903; Sämtl. poet. Werke, hrsg. v. Josef Gaismaier, 4 Bde., 1905; Sämt. Werke, 6 Teile in 2 Bd.n, hrsg. v. Raimund Pissin, 1914 (Ndr. 1974); Ausgewählte Werke, hrsg. v. G. Grimm, 1981; Briefe und Klecksographien, hrsg. v. Andrea Berger-Fix, 1986.

Lit.: Marie Niethammer, J. K.s Jugendliebe und mein Vaterhaus, 1877; - Dies., Das Leben des J. K. erzählt von ihm und seiner Tochter Marie, hrsg. v. Karl Pörnbacher, 1967; - Aimé Reinhard, J. K. und das Kernerhaus zu Weinsberg, 18862; - Theobald Kerner, Das Kernerhaus und seine Gäste, 18972 (Repr. 1978); - Josef Gaismaier, Über J. K.s Reiseschatten, in: Zschr. f. vergleichende Literaturgesch. N.F. 13, 1899, 492-513 und 14, 1900, 76-148; - Ludwig Geiger, J. K.s Briefwechsel mit Varnhagen von Ense, in: ZdPh 31, 1899, 371-384; Ders., Briefe von J. K. an Varnhagen von Ense, in: Nord und Süd 92, 1900, 51-80; - Ders., Polit. Briefe J. K.s an Varnhagen von Ense, in: Studien zur vergleichenden Lit.gesch. 9, 1909, 1-21; - Franz Heinzmann, J. K. als Romantiker, 1908; - Heinrich Straumann, J. K. und der Okkultismus in der dt. Romantik, 1928; - Heinz Otto Burger, Schwäb. Romantik, 1928, 49-75, 138-154; - Gustav Ströhmfeld, Zwei Dichter-Lebensbilder vom Welzheimer Wald: J. K., Johannes Lämmerer, 1932; - Burkhard Grell, Medizingeschichtliches bei J. K., 1939; - Heinz Büttiker, J. K.: Ein Beitrag zur Gesch. der Spätromantik, 1952; - David Fr. Strauß, J. K.: Zwei Lebensbilder aus den Jahren 1839 und 1862, Erl. u. Nachw. v. H. Niethammer, 1953; - Heino Gehrts, J. K.s Forschungsgegenstand, in: Neue Wissenschaft 10, 1961/1962, 130-143; - Ders., Das Mädchen von Orlach. Erlebnisse einer Besessenen, 1966; - Ders., Märchenwelt und Kernerzeit, in: Antaios 10, 1968, 155-183; - Ders., Die hss. Tagebücher zur Gesch. des Mädchens von Orlach, in: Württembergisch Franken 53, 1969, 93-108; - Walter Hagen, J. K.: Arzt und Dichter 1786-1862, in: Lebensbilder aus Schwaben und Franken 9, 1963, 145-173; - Ders., J. K. als Ludwigsburger im polit. Geschehen der Jahre 1817 und 1848, in: Ludwigsburger Gesch.bll. 16, 1964, 127-134; - Alan P. Cottrell, J. K.: Der Grundton der Natur, in: The German Quaterly 39, 1966, 173-186; - Peter Lahnstein, J. K., in: Ders., Bürger und Poet. Dichter aus Schwaben als Menschen ihrer Zeit, 1966, 117-152; - Lee B. Jennings, J. K. und die Geisterwelt, in: Neue Wissenschaft 14, 1966, 75-95; - Ders., Der aufgespießte Schmetterling. J. K. und die Frage der psychischen Entwicklung, in: Antaios 10, 1968, 109-131; - ders., Probleme um J.K.s »Seherin von Prevorst«, in: ebd., 132-138; - Ders., Geister und Germanisten: Literarisch-parapsychologische Betrachtungen zum Fall Kerner-Mörike, in: Psi und Psyche. Neue Forschungen zur Parapsychologie. Festschr. für Hans Bender, 1974, 95-109; - Ders., Kerner, Lenau und der amerikanische Dämon, in: Beitrr. zur schwäb. Literatur- und Geistesgesch. 1, 1981, 96-106; - Ders., J. K.s Weg nach Weinsberg (1809-1819), 1982 (Studies in German literature, linguistics and culture 3); - Wolfgang Kretschmer, Rationale und myst. Züge bei J. K., in: Antaios 10, 1968, 139-154; - Kurt Seeber, J. K.s Humor, in: Jb. für schwäb.-fränk. Gesch. 26, 1969, 199-210; - Heinz Rölleke, J. K., Ludwig Uhland und »Des Knaben Wunderhorn«, in: Zeiten und Formen in Sprache und Dichtung. Festschr. für Fritz Tschirch, hrsg. v. Karl-Heinz Schirmer und Bernhard Sowinski, 1972, 278-289; - Hartmut Fröschle, J. K. und Ludwig Uhland. Gesch. einer Dichterfreundschaft, 1972 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 66); - Ders., Ein Dokument der Spätromantik. Der Briefwechsel zwischen J. K. und Johann Friedrich von Meyer, in: Jb. des Wiener Goethe-Vereins 80, 1976, 75-88; - Hans Körner, J. K. und der bayer. Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst (1853/1854), in: Jb. für schwäb.-fränk. Gesch. 31, 1986, 199-204; - Dorothea Rapp, »den Geist üben, daß er hinginge, wo man wollte ...«. Zum 200. Geburtstag von J. K., in: Die Drei. Zschr. für Wissenschaft, Kunst und soziales Leben, H. 11, 1986, 858 f.; - Friedrich Pfäfflin/Reinhard Tgahrt, J. K. Dichter und Arzt 1786-1862, 1986; - Otto-Joachim Grüsser, J. K. 1786-1862. Arzt - Poet - Geisterseher, 1987; - M. Ciesla, J. K. und die Polen, in: Kwartalnik historyczny 34, 1987, 189-197; - ADB XV, 643; - RGG III, 1249; - Kosch II, 1255 f.; - Goedecke VIII, 197-213; - Mitteilungen des J. K.-Vereins, 1964 ff.; - NDB XI, 524-527; - Brockhaus X, 107; - DLL VIII, 1087-1090; - Metzeler Autoren Lex., 347; - Wilpert I, 787 f.

Roland Böhm

Letzte Änderung: 29.12.2009