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Band III (1992) Spalten 1429-1431 Autor: Friedrich Bernward Fahlbusch

KETTLER, Gotthard, letzter Meister des Deutschen Ordens in Livland, erster Herzog von Kurland und Semgallen. * 1517 (nach gängiger Ansicht auf Burg Eggeringhausen, bei Soest, Westfalen), † 17. Mai 1587 in Mitau (Kurland), begr. ebd. 2. Juli 1587. Sein gleichnamiger Vater entstammte dem westfälischen Niederadel, seine Mutter war Sibylle von Nesselrode. K. war seit dem 11. März 1566 verheiratet mit Anna von Mecklenburg-Güstrow († 1602). Von seinen sieben Kindern starben drei in frühem Alter; die Söhne Friedrich († 1642) und Wilhelm († 1640) traten die Nachfolge K.s an, die Tochter Anna († 1592) heiratete Johann Albert Radziwiłł, die Tochter Elisabeth († 1601 ) Herzog Adam Wenzel von Teschen. Sein Bruder Wilhelm war 1553-1557 Bischof von Münster. K. trat wohl um 1537/38 dem livländischen Zweig des Deutschen Ordens bei, nachdem er vorher als Hofjunker des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied († 1547) gedient hatte. 1551/52 wurde K. Schaffer in Wenden, 1554 Komtur von Dünaburg, in welcher Funktion er enge Kontakte zum litauischen Adel pflog und den Orden häufiger auf diplomatischen Missionen im Reich vertrat. 1558 zum Komtur von Fellin ernannt, wurde er im selben Jahr auch zum Koadjutor des Ordensmeisters Wilhelm von Fürstenberg gewählt. Hintergrund dieser Wahl war der im Januar 1558 mit dem russischen Einfall begonnene Livländische Krieg, der den Orden in eine bedrängte Lage brachte und 1561 zur Auflösung der alt-livländischen Staatenwelt führte. K. trat bereits im folgenden Jahr die Nachfolge des zurückgetretenen Wilhelm von Fürstenberg als Ordensmeister an und betrieb eine Politik der Anlehnung an Polen-Litauen. Da Reichshilfe für das vom Zaren bedrohte Livland nicht in Sicht, der Orden aus eigener Kraft nach einer vernichtenden Niederlage am 2. August 1560 aber nicht mehr in der Lage war, den russischen Truppen Stand zu halten, unterstellte sich K. am 28. November 1561 im Vertrag von Wilna dem polnischen König (pacta subjectionis). Die südlich der Düna gelegenen Teile des Ordensbesitzes wurden K. als erbliches Herzogtum Kurland und Semgallen unter der Lehnshoheit des Königs von Polen-Litauen zugesprochen. Am 5. März 1562 wurde er als Herzog ausgerufen; gleichzeitig erlosch der Ordensstaat. Die nördlich der Düna gelegenen Ordensbesitzungen hingegen fielen an Litauen und wurden bis 1566 von K. im Auftrage des polnischen Königs verwaltet. Die bisherigen Bistümer Ösel und Kurland waren bereits vorher von Dänemark erkauft, das Bistum Dorpat vom Moskauer Zaren erobert worden, Reval mit den Landschaften Harrien und Wierland hatte sich Schweden unterstellt. K. schuf in der Folgezeit im Sinne moderner Territorialstaatlichkeit einen festen Staatsverband, der sich an den Gegebenheiten der Ordenzeit, dem Vorbild des Herzogtums Preußen, aber auch den Einflüssen, die K. am Kölner Hof erhalten hatte, orientierte, und in dem das ständische Element eine gewichtige Position innehatte (Provisio ducalis 1562 und Priviliegium Gotthardinum für den Adel 1570). Hervorzuheben sind insbesondere der Ausbau des nun nach der Augsburgischen Konfession ausgerichteten Kirchenwesens einerseits (1570 Kirchenreformation und Kirchenordnung), K.s Bemühungen um die lettische Sprache andererseits. Beurteilte die ältere Historiographie K. recht negativ, so betont die Forschung inzwischen mehr die politischen Zwänge, denen K. ausgesetzt war; seine Leistung bei der Ausformung des Herzogtums Kurland wird im wesentlichen positiv bewertet. 1737 starb das Haus K. in männlicher Linie aus.

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Lit.: Eine Monographie über Kettler liegt nicht vor. Friedrich von Klocke, Gotthard Kettler (um 1517-1587), in: Westfälische Lebensbilder..., hg. von Aloys Bömer und Otto Leunenschloß, Hauptreihe Band II, 1931, 411-438 [dort 436ff.: Quellen und ältere Literatur]; - Herta Frielinghaus, Unbekannte Bildnisse Wolters von Plettenberg und Gotthard Kettlers, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 25, 1940, 66-70; - Sture Arnell, Die Auflösung des Livländischen Ordensstaates. Das schwedische Eingreifen und die Heirat Herzog Johans von Finnland 1558-1562 (Diss. Lund) 1937; - Klaus Dietrich Staemmler, Preußen und Livland in ihrem Verhältnis zur Krone Polen 1561 bis 1586, 1953 (= Wiss. Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, Nr. 8); - Eberhard Treulieb, Die Reformation der kurländischen Kirche unter Gotthard Kettler, in: Baltische Kirchengeschichte, hg. Von Reinhard Wittram, 1956, 77-86, 313f.; - Erich Donnert, Der livländische Ordensritterstaat und Rußland. Der Livländische Krieg und die baltische Frage in der europäischen Politik 1558-1583, 1963; - Norbert Angermann, Studien zur Livlandpolitik Ivan Groznyjs (Diss. Hamburg 1971) 1972 (= Marburger Ostforschungen Bd. 32); - Ders., Gotthard Kettler, Ordensmeister in Livland und Herzog von Kurland, 1987 (= Arbeitshilfe Nr. 52/1987, hg. vom Bund der Vertriebenen) [dort weitere Schrifttumsangaben]; - Ders., Das letzte Testament des Herzogs Gotthard von Kurland († 1587), in: Nordost-Archiv 21, Heft 90, 1988, 81-100 [dort weitere Hinweise auf ungedruckte Quellen; Karte!]; - Knud Rasmussen, Die livländische Krise 1554-1561 (Diss. København 1972), 1973 [dort 231ff. auch die ältere dänische Literatur]; - Heinz Mattiesen, Gotthard Kettler und die Entstehung des Herzogtums Kurland, in: Baltic History, hg. von Arvids Ziedonis u.a., Columbus (Ohio) 1974, 49-59; - William Urban, The Livonian Crusade, Washington D.C. 1981; - Erik Tiberg, Zur Vorgeschichte des Livländischen Krieges. Die Beziehungen zwischen Moskau und Litauen 1549-1562, 1984 (= Acta Universitatis Upsaliensis. Studia Historica Upsaliensia 134); - Manfred Hellmann, Der Deutsche Orden in Livland, in: Die Rolle der Ritterorden in der mittelalterlichen Kultur, hg. von Zenon Hubert Nowak, 1985 (= Universitas Nicolai Copernici, Ordines militares. Colloquia Torunensia Historica 3), 105-116 [Forschungsüberblick]; - Doris Marszk, Polen-Litauen und der Untergang Alt-Livlands, in: Nordost-Archiv 21, Heft 90, 1988, S. 57-80; - ADB XV, 680-685; - NDB VI, 678f.; - Biographisches Wörterbuch zur Deutschen Geschichte II, 1480ff.; - Europäische Stammtafeln [ISENBURG], Bd. II, verb. Aufl. 1975, Tafel 88; - Weitere Hinweise: Baltische Bibliographie (erscheint seit 1954ff. in der Zeitschrift für Ostforschung [zuerst von Hellmuth Weiss, dann von Paul Kaegbein bearbeitet].

Friedrich Bernward Fahlbusch

Letzte Änderung: 06.11.2011