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Verlag Traugott Bautz
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KEYSERLNG, Hermann Graf, * 20.7. 1880 in Könno in Livland, † 26.4. 1946 in Innsbruck, war als Philosoph Brückenbauer zwischen Ost und West. - K. stammte aus baltischem Uradel. Er studierte die Naturwissenschaften in Genf, Dorpat, Heidelberg und Wien und versuchte sich dann, mit einer philosophischen Arbeit an der Berliner Universität zu habilitieren. Als dieser Plan scheiterte, begann er seinen eigenen Weg als philosophischer Essayist und Privatgelehrter. Leidenschaft und intuitives Denken erschlossen ihm einen breit gefächerten Leserkreis. Dem baltischen Erbe verdankte er den Hang zur religiösen Tiefenintuition. Dadurch konnte er dem Westen östliches Denken erschließen, was den Reiz seiner zahlreichen Abhandlungen und Bücher ausmachte. Er bekannte selbst, wie er in seiner Studienzeit vom »Kraftmenschen« zum »Geistesmenschen« wurde. Ab 1900 begann für K. eine Periode wissenschaftlicher Analysen, die vor allem die eigene Offenheit gegenüber allen Eindrücken bewahren helfen sollte. Unter dieser Voraussetzung konnte der Dreiundzwanzigjährige dann das »Gefüge der Welt« (1905) schreiben. Hier lag der Durchbruch zum kritischen Denken. Zutiefst fühlte sich der junge Philosoph I. Kant verpflichtet. So reifte das Hauptwerk dieser »kritischen Periode«, nämlich die »Prolegomena zur Naturphilosophie« (1907) heran. Das Werk setzte sich aus sieben in Hamburg gehaltenen Vorträgen zusammen. K. nahm außerdem - neben weiteren gehaltenen Vorträgen - einen umfangreichen Briefwechsel mit zahlreichen Gelehrten des geistigen Europas auf. Zur Besinnung lud das väterliche Gut im Baltikum ein, das er verwalten mußte. Die bisherige kritische Besinnung befriedigte den baltischen Denker nicht. Er wollte die Selbstvollendung durch wesentliche Eindrücke einer Weltreise (1911-1912) bewirken. Das Ergebnis war das berühmte »Reisetagebuch eines Philosophen« (1919), das bereits 1922 die sechste Auflage erlebte. K. wurde durch dieses Werk einem sehr breiten Publikum bekannt. Das Motto des Reisetagebuches wurde quasi zum Geflügelten Wort und drückte die eigene Sinnfindung aus: »Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum«. Aber immer noch war es die Beobachtung, die Aufnahmewilligkeit fremder Welten, die der Selbstvertiefung dienen sollte. Erst die radikalen Wirkungen des Umbruchs nach dem 1. Weltkrieg führten zum fordernden Handeln des Philosophen: Philosophie kann nicht nur kritische Beobachtung oder Aufnahmewilligkeit von Sinneindrücken aller Art sein! Philosophie ist künstlerische Lebensgestaltung. Sie ist Kunst. Diese neue, grundlegende Einstellung wurde auch durch die eigene Erfahrung begründet, die er mit der Aufgabe seiner baltischen Heimat machen mußte. Es kam darauf an, sich eine neue Heimstatt zu schaffen - eine geistige Heimat. Er gründete die »Schule der Weisheit« in Darmstadt 1920, eine Wirkungsstätte, die durch die Gunst des Großherzogs von Hessen gefördert wurde. Ihren literarischen Ausdruck fanden die Inhalte der Tagungszyklen im jeweiligen Jahrbuch »Der Leuchter« (1919-1927, Otto Reichl Verlag in Darmstadt). Darüber hinaus wurden Anliegen der »Schule der Weisheit« in »Der Weg der Vollendung« mit jährlich zwei bis drei Heften und in den »Leuchterbüchern« publiziert. Der Einfluß dieser »Schule« des Grafen auf das europäische Geistesleben der »Zwanziger Jahre« war groß. Dem Wirkungskreis gehörten Psychoanalytiker wie C. G. Jung und E. Kretschmer, Philosophen wie N. Berdjajew und M. Scheler, der Sinologe R. Wilhelm, der indische Dichter R. Tagore wie der Religionsphilosoph E. Troeltsch zeitweilig an. Über den französischen Philosophen H. Bergson wurde K. auch in Frankreich sehr bekannt. - Kritisch wandte sich K. ab 1919 gegen den sogenannten »intellektualen Fortschritt« innerhalb Europas. Dieser »hat allgemein auf Kosten des Seelenlebens stattgefunden« (Was uns not tut, was ich will, 1919, 19202, S. 3). Vom Kosmos, der großen seelisch-geistigen Harmonie, sinkt die Menschheit ins »Chaos« zurück (ebenda, S. 8). Programmatisch wurde die neue Aufgabe der Philosophie beschrieben: »Die Philosophie muß von der Sonderwissenschaft, vom geistigen Sport aufs neue zur Weisheit werden« (ebenda, S. 25). Der Philosoph muß sich »vom Ideal der vollkommenen Wissenschaftlichkeit zu dem der Weisheit ... hinanwenden« (ebenda, S. 32). Neben der Kirche und der Universität ist es die »Schule der Weisheit«, die nun maßgeblich den Menschen bilden soll. Hier liegt das Einfallstor für die Öffnung gegenüber der asiatischen Weisheit. Die Relation »Ost-West« speist die Erkenntnis des Weisen. Diese schöpferische Erkenntnis öffnet dem Menschen die Eigengesetzlichkeit des Ichs. Es geht nicht um ethische Werte, wie sie im Christentum verankert sind, sondern um eine pantheistische Sinnerfassung des Lebens, eine Auffassung, die seitens der Kirchen und der - vor allem deutschen - Schulphilosophie deutlicher Kritik unterlag. Von 1920-1921 unternahm er - außer der regelmäßigen Leitung der Tagungen in Darmstadt - zahlreiche Vortragsreisen in Europa, Nord- und Südamerika. Der Nationalsozialismus hatte ihn seit 1933 geächtet. Sein Schrifttum wurde unterdrückt, seine weitere Vortragstätigkeit in Deutschland wurde untersagt. 1935 konnte er nur noch zur Teilnahme an Tagungen nach Spanien reisen. Ab 1939 lebte er völlig zurückgezogen und notvoll in Schönhausen an der Elbe, ab 1942 in Aurach/Tirol. In der Zurückgezogenheit und existentiell schwierigen Situation schrieb er u. a. seine Lebenserinnerungen »Reise durch die Zeit«, die erst aus dem Nachlaß 1948 herausgegeben wurden. In diesen vertiefte er mit dem Kapitel »Kosmopathische Seelen« seine Lehre: Von der Ganzheit des eigenen Wesens her nur kann ich den anderen Menschen wie auch die Erscheinungen überhaupt in der Totalität wahrnehmen! Von der Ganzheitsschau her sind Mensch und Kosmos sinnvoll aufeinander bezogen. Kosmopathen sind für K. jeder große Arzt wie jede große, einfühlsame Seele. Als Beispiel dafür dient ihm u. a. der bedeutende Sinologe Richard Wilhelm, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. 1945 wurde K. zur Wiedereröffnung der »Schule der Weisheit« nach Innsbruck berufen, die er ja zusammen mit der »Gesellschaft für freie Philosophie« in Darmstadt einst 1920 gegründet hatte. Am 16. April 1946 ist er daselbst verstorben.
Werke: Das Gefüge der Welt, 1906, 19223, franz. 1907; Unsterblichkeit, 1907, 19203; Individuum und Zeitgeist, 1909; Entwicklungshemmungen. Ein Mahnwort an die Zeit, 1909; Prolegomena zur Naturphilosophie, 1910; Schopenhauer als Verbilder, 1910; Romanische und germanische Kultur. Vom Interesse der Gesch. Zwei Reden, 1911; The East und the West, and their search for the common truth, Shanghai 1912, dt. 1913, aufgen. in: Die Tat, 4. Jg., Heft 10, 1913, 519 ff., aufgen. weiter in: Philosophie als Kunst (s. u.), Kap. 8; Some Suggestions Concerning Theosophy, Madras 1912 (Zeitschr.: The Theophist), aufgen. in Philosphie als Kunst (s. u.), Kap. 14,1; Europas Zukunft, 1913; Über die inneren Beziehungen zw. den Kulturproblemen des Orients und des Okzidents. Eine Botschaft an die Völker des Ostens, 1913; Was uns not tut, was ich will, 1919, 19202, auch aufgen. in Philosophie als Kunst (s. u.), Kap. 15; Dtld.s wahre polit. Mission, 1919; Das Reisetagebuch eines Philosophen, 1919, 19192, 19204, 19226, 19237, engl. 1925; (Hg.), Der Leuchter. Weltanschauung und Lebensgestaltung. Jb. der »Schule der Weisheit«, ab 1919, darin: (wichtig) Jg. I: Unser Beruf in der veränderten Welt, 1919; Philosophie als Kunst (s. o.), 1920, 19222, engl. 1937; (Hg.), Der Weg der Vollendung, jew. Sammelbd. Mitteilungen der »Schule der Weisheit«, ab 1920 ff.; Politik, Wirtschaft, Weisheit, 1921; Schöpferische Erkenntnis, 1922, engl. 1929; Die Philosophie der Ggw. in Selbstdarstellungen, hg. von P. K. Schmidt, Bd. IV, 1923; Die neu entstehende Welt. Eine Vision der kommenden Weltordnung, 1923; Menschen als Sinnbilder, 1925, 19262; Werden und Vergehen (wichtiger Vortrag, Der Leuchter, Bd. VI), 1925, 5-24; Schlußvortrag zum Tagungsthema »Werden und Vergehen« (Tagung 1924), Der Leuchter, Bd. VI, 1925, 249-289; (Hg.), Das Ehebuch. Eine neue Sinngebung im Zusammenklang der Stimmen führender Zeitgenossen, 1925; Auszug in Philosophie und Leben, 4. Jg., 1928, 279-283; Wiedergeburt, 1927, engl. 1928; Das Spektrum Europas, 1928, 19315; America set free, 1929 (dt.: Amerika, der Aufgang einer neuen Welt, 1929); Südamerikanische Meditationen, 1932; La Vie Intime (nur franz.), 1933; La Révolution Mondiale et la Responsabilité d l'Esprit (nur franz.), 1934; Sur l'Art de la Vie (nur franz.), 1935; De la Souffrance à la Plénitude (nur franz.), 1938 (allesamt erschienen bei Editions Stock Paris, dort auch die Übersetzungen der wichtigsten dt. Werke); Das Buch vom persönl. Leben, 1936; Das Buch vom Ursprung, 1947; Reise durch die Zeit, vollst. 1948, Teilabdr. in Mensch und Kosmos, Jb. der Keyserling Gesellsch. für freie Philos., 1949, 15-64; Kritik des Denkens. Die erkenntniskrit. Grundlagen der Sinnesprobleme, 1948; Ges. Werke, 1956 ff.
Bibliographie: rororo-Autorenlex., 19883.
Lit.: (O. N.), Der Weg zur Vollendung. Des Grafen K. s philos. Schaffen, 1919; - Paul Feldkeller, K.s Erkenntnisweg zum Übersinnlichen. Die Erkenntnisgrundlage des Reisetagebuches eines Philosphen, 1922; - Renatus Hupfeld, K. Ein Vortrag, 1922; - O. A. H. Schmitz, Brevier für Einsame: K. im Abschn.: »Das Mysterium der Einweihung«, 1923; - Willem Vollrath, K. und seine Schule, 1923; - Heinrich Adolph, Die Philosophie des Grafen K., 1927 (Lit.); - M. Boucher, La Philosophie de K., 1927 (franz. Lit.); - Hans Christiansen, Über Mann und Weib, 2: Gegen K., 1928; - G. Parks, Introduction to K., 1934; - R. Röhrs, K.s magische Geschichtsphilosophie, 1939; - K. - Ein Gedächtnisbuch mit 4 Bildern, hg. vom Keyserling-Archiv Innsbruck, 1948; - V. N. Ortiz, K. y la escuela de la sabiduria, (Mexiko) 1948; - Hans Joachim Störig, Kleine Weltgesch. der Philosophie, 1950, 489 ff.; - N. Noack, K., Zschr. für phil. Froschung 7, 1953, 592-597; - E. P. Sandvoss, Gesch. der Philos. 2, 1989, 478; - Philos. Lex. (1949) I, 656-659; - LThK VI, 137; - KLL (So.) IX, 8095 f. (Lit.); - KLL (So.) X, 9079 f. (Lit.); - Colliers Enc. 14, 61; - (M. Brauneck, Hg.), Weltlit. im 20. Jh. - Autorenlex. rororo-Hb. Nr. 6267, 3, 690; - (M. Brauneck, Hg.), rororo-Autorenlex. (Nr. 6302), 358 f.
Wolfdietrich von Kloeden
Werkeergänzung:
2009
Das Reisetagebuch eines Philosophen. Nachdr. d. 5. Aufl., Darmstadt 1921. 2 Bde. St. Goar 2009.
Literaturergänzung:
2004
Diario di viaggio di un filosofo. Cina, Giappone, America. Trad. e cura di Giovanni Gurisatti. Vicenza 2004; -
2007
Baltisches Welterlebnis. Die kulturgeschichtl. Bedeutung von Alexander, Eduard u. Hermann K. Hrsg. von Michael Schwidtal; Jaan Undusk unter Mitw. von Liina Lukas. Heidelberg 2007.
Letzte Änderung: 03.03.2010