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Band III (1992) Spalten 1487-1490 Autor: Hans-Josef Olszewsky

KINDERMANN, Johann Erasmus, Komponist und Organist, * 29.3. 1616 in Nürnberg, † 14.4. 1655 ebd. - K. entstammte einer in Nürnberg alteingesessenen Kammacherfamilie. Er hat vermutlich die Pfarrschule von St. Sebald besucht. Sein Musiklehrer war der damals an der Kirche von St. Sebald tätige Johann Staden. Bereits 1631, also im Alter von erst fünfzehn Jahren, wurde er als Musiker an der Frauenkirche angestellt. Im Herbst 1634 oder im Frühjahr 1635 reiste er zu einem etwa einjährigen Studienaufenthalt nach Italien, wozu ihm der Rat der Stadt Nürnberg eine finanzielle Unterstützung gewährte. Dort hielt er sich vermutlich in Venedig, vielleicht auch in Rom auf. Welche Musiker K. in Italien aufsuchte, ist nicht mehr feststellbar. Möglicherweise sah er noch Monteverdi und hatte persönliche Kontakte zu Cavalli, Carissimi und Frescobaldi. Im Januar 1636 kehrte er auf Weisung des Nürnberger Rates in seine Heimatstadt zurück und wurde als zweiter Organist an der Frauenkirche angestellt. Im Jahre 1637 heiratete er Susanne Ditzlin, mit der er neun Kinder hatte. Da in Nürnberg die angesehensten und daher auch begehrtesten Organistenstellen von St. Sebald und St. Lorenz besetzt waren, versuchte K., in anderen Städten eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stelle zu bekommen. So bewarb er sich 1637 und 1640, allerdings ohne Erfolg, um eine Anstellung an der Barfüßerkirche in Frankfurt am Main. Am 5. August 1640 bemühte er sich um eine Organistenstelle in Schwäbisch Hall. Mit dieser Bewerbung hatte er Erfolg. Er trat diese Stelle dann auch bereits im September an. Im gleichen Monat schon trat er wieder von dieser Position zurück und schlug den Nürnberger Organisten Georg Dretzel als Vertreter und Nachfolger vor, der dann auch angenommen wurde. K. selbst aber bewarb sich noch im gleichen Jahr um die Organistenstelle an der Egidienkirche in Nürnberg, die er dann bis zu seinem Tode innehatte. - Als Komponist bewies K. eine ungewöhnliche Vielseitigkeit. Neben zahlreichen, für den liturgischen Gebrauch bestimmten Choralvorspielen und Choralbearbeitungen und weiteren selbständigen Orgelkompositionen schrieb er viele Orchesterstücke und Lieder für die Musikpflege im Nürnberger Patriziat. Er stand auch den Dichtern des Pegnesischen Blumenordens nahe, deren Werke er musikalisch umrahmte und ausgestaltete. Unter den Nürnberger Komponisten seiner Zeit zählte er zu den herausragendsten Begabungen.

Werke: Cantiones pathetikaˇ, 1639; 3 Motetten, in: Friedens-Clag, 1640; Deliciae studiosorum, 4 Tle., 1640, 1642, 1643 (Instrumentalstücke, nur teilw. erhalten); Concentus Saomonis, 1642; Dialogus, Mosis Plag, Sünders Klag, Christi Abtrag, 1642; Mus. Friedens Seuffzer, 1642; Opitianischer Orpheus, 1642; Dess Erlösers Christi und sündigen Menschens heylsames Gespräch, 1643; 1 Lied, in: Intermedium Musico-Politicum, 1643; Musica Catechetica, 1643; Mus. Felder- und Wälderfreund, 1643; Mus. Herzentrost-Blümlein, 1643; Frühlings und Sommer freud, 1645; Harmonia organica, 5 Tle., 1645; Lobgesang. Über den Freudenreichen Geb. unseres Herrn und Heylandes Jesu Christi, 1647; Weihnachtsgesang, 1647; 14 Lieder, in: Mus. Friedens Freud, 1650; 22 Lieder, in: Göttliche Liebesflamme, 1651; 64 Lieder, in: ErsterTeil Herrn J. M. Dilherrns Evangelischer Schlußreimen der Predigen, 1652; 56 Lieder, in: Zweiter Teil ... der Predigen, 1652; 57 Lieder, in: Dritter Teil ... der Predigen, 1652; Neu-verstimmte Violen Lust, 1652; Canzoni. Sonatae, 2 Tle., 1653; 3 Stücke, in: Mus. Zeitvertreiber, 1655; Zahlr. Gelegenheitskompositionen. - Neuere Ausgaben: Ausgew. Werke, in: DTB XIII, 1913 (hrsg. v. F. Schreiber); Ausgew. Werke, in: DTB XXI-XXIV, 1924 (hrsg. v. B. A. Wallner); Einzelne Stücke in vielen Sammelwerken. - Bibliogr.: Wilhelm Dupont, Werkausgaben Nürnberger Komponisten in Vergangenheit und Ggw., 1971, 126-136.

Lit.: C. à Beughem, Bibliographia mathematica et artificiosa, 1688; - W.C. Printz, Hist. Beschreibung der edlen Sing- und Kling Kunst, 1690; - J. G. Doppelmayr, Hist. Nachr. von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern, 1730, 225; - J. Mattheson, Grundlage einer Ehrenpforte, 1740, 259, 391; - C. v. Winterfeld, Der ev. Kirchengesang II, 1845; - C. F. Becker, Die Tonwerke des 16. und 17. Jh.s, 1855; - Robert Eitner, J. E. K., in: MfM XV, 1883, 37, 81, 137; - A. G. Ritter, Zur Gesch. des Orgelspiels, 1884; - J. Zahn, Die Melodien der dt. ev. Kirchenlieder, 1888-1893; - E. Bohn, Die musik. Hss. des 16. und 17. Jh.s in der Stadtbibliothek zu Breslau, 1890; - G. Caspari, Catalogo della Biblioteca del Liceo Musicale di Bologna, 1890-1905 (Bd. IV); - R. Vollhardt, Bibliogr. der Musik-Werke in der Ratsschulbibliothek zu Zwickau, in: MfM XXVIII, 1896, Beil.; - Adolf Sandberger, Einl. zu DTB II/1, 1901; - A. Göhler, Verzeichnis der in den Frankfurter und Leipziger Meßkatalogen der Jahre 1564-1759 angezeigten Musikalien, 1902; - Max Seiffert, Einl. zu DTB VI/1, 1905; - Ders., Die Chorbibliothek der St. Michaelisschule in Lüneburg zu S. Bach's Zeit, in: SIMG IX, 1907/1908, 593; - T. Norlind, Ein Musikfest zu Nürnberg im Jahre 1649, in: SIMG VII, 1905/1906, 111-113; - Ders., Vor 1700 gedruckte Musikalien in den schwed. Bibliotheken, in: SIMG IX, 1907/1808, 196; - C. Valentin, Gesch. der Musik in Frankfurt a. M., 1906; - H. Kretzschmar, Gesch. des neuen dt. Liedes, 1911; - R. Mitjana, Catalogue critique et descriptif des imprimés de musique des 16. et 17. siŠcles conservés à la Bibliotheque de l'Université Royale d'Upsala I, 1911, III, 1951; - W. B. Squire, Catalogue of Printed Music Published Between 1487 and 1800, I, 1912; - Felix Schreiber, J. E. K., Diss. München, 1913 (abgedr. in: DTB XIII, 1913, Einl.); - E. A. Krückeberg, Ein hist. Konzert zu Nürnberg im Jahre 1643, in: AfMw I, 1918/1919, 590-593; - Arnold Schering, Die alte Chorbibliothek der Thomasschule in Leipzig, in: AfMw I, 1918/1919, 275; - P. Epstein, Das Musikwesen der Satdt Frankfurt a. M. zur Zeit des J. A. Herbst von 1623-1666, Diss. Breslau, 1923; - A. Moser, Gesch. des Violin-Spiels, 1923; - Bertha Antonia Wallner, Einl. zu DTB XXI-XXIV, 1924; - E. Schmidt, Die Gesch. des ev. Gesangbuchs der ehemaligen freien Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber, 1928; - G. Kinsky, Die Gesch. der Musik in Bildern, 1929; - Hans Joachim Moser, Gesch. der dt. Musik, 1930; - Ders., Corydon, 1933; - Ders., Die ev. Kirchenmusik in Dtld., 1954; - F. Blume, Die ev. Kirchenmusik, 1931; - E. H. Meyer, Die mehrstimmige Spielmusik des 17. Jh.s, 1934; - G. Frotscher, Gesch. des Orgelspiels und der Orgelkomposition, 1935; - A. Werner, Die fürstl. Leichenpredigtensammlung zu Stollberg, in: AfMf I, 1936, 293; - Edith von Rumohr, Der Nürnbergische Tasteninstrumentalstil im 17. Jh., Diss. Münster, 1938; - A. Nausch, Augustin Pfleger, Leben und Werke, 1954; - C. Engelbrecht, Ein Fund aus der Kasseler Landesbibliothek, in: Mf IX, 1956, 195; - H. H. Eggebrecht, Zwei Nürnberger Orgel-Allegorien des 17. Jh.s, in: MuK XXVII, 1957, 170; - Harold E. Samuel, The Cantata in Nuremberg During the 17th Century, Diss. Cornell Univ., 1963; - Anton Würz, Ein Nürnberger Meister des 17. Jh.s. Vor 350 Jahren wurde der Komponist J. E. K. geboren, in: Unser Bayern XV, 1966, Nr. 3, 20-22; - ADB XV, 762; - NDB XI, 617 f.; - MGG VII, 907-917.

Hans-Josef Olszewsky

Letzte Änderung: 29.12.2009