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Band III (1992) Spalten 1497-1499 Autor: Heiko Wulfert

KINGSLEY, Charles (1819-1875). Charles Kingsley wurde am 12. Juni 1819 als Pfarrerssohn in Holne in der englischen Grafschaft Devonshire geboren. Er studierte am King's College in London und am Magdalen College in Cambridge. 1842 wurde er zum Vikar, 1844 zum Hauptpfarrer der Gemeinde Erversley in Hampshire ernannt. Die sozialen Nöte dieser Landpfarre, in der er 31 Jahre lang wirkte, ließen K. angestrengt nach Möglichkeiten einer Reform suchen. Die Anregungen hierzu fand er bei Thomas Carlyle und dessen religiösem Sozialismus. In der gerade in diesem Jahren in der Gestalt der Oxford-Bewegung wieder auflebenden hochkirchlichen Frömmigkeit sah K. nur ein reines Formenwesen, daß den eigentlichen Nöten des Volkes keine Abhilfe bringen konnte. In seiner Darstellung der Geschichte der heiligen Elisabeth (A Saint's Tragedy - 1848) erhob er erstmals seine Stimme gegen die Oxford-Bewegung. Seine in einer Besprechung von Froudes »History« (Macmillans Magazin - Jan 1860) geäußerte Behauptung: »Truth, for its own sake, had never been a virtue with the Roman clergy« veranlaßte er John Henry Newman zu seiner »Apologia pro vita sua«. Schon 1848 war K. zum Professor der englischen Literatur am Queen's College in London berufen worden. Hier schrieb er unter dem Einfluß von F.D.Maurice seinen Roman »Yeast«(1848). Mit ihm und dem darauf folgenden Roman »Alton Locke, Tailor and Poet« (1850) stellte sich K. an die Spitze der sozialen Bewegung in England und geißelte die Ausbeutung der niederen Schichten durch Hungerlöhne und Überlastung. Mit einigen Freunden gab er vom November 1850 bis Juli 1851 die Wochenschrift »The Christian Socialist« heraus, die die Not des Volkes aufdecken sollte. In seinem Roman »Hypatia or, New Foes with an old Face« (1853) zeichnete K. ein Bild seiner eigenen Zeit in einer Darstellung des 5. Jahrhunderts, in dem der umstürzlerische Pöbel genau so auftritt, wie die falschen Schriftgelehrten und die Vertreter des schlichten Evangeliums Jesu Christi. Nach einer Predigt während der Weltausstellung in der St. John's Church in London erteilte der Bischof von London K. ein Predigtverbot. Dennoch wollte K. nicht in einer freidenkerischen Versammlung oder in einer von der Staatskirche abweichenden Freikirche predigen. Einen Vergleich seiner Gedanken mit den Vorstellungen von David Friedrich Strauß lehnte er entrüstet ab. K.s Theologie hielt sich im Rahmen der Lehrtraditionen der englischen Staatskirche, seine besonderen Bemühungen galten dabei einer Verbindung von Naturwissenschaft (Darwinismus) und Glaube. Politisch nahm er eine konservative Haltung ein, die alles vom Oberhaus erwartete und den Krieg als den Erzieher zur Männlichkeit pries. Königin Viktoria ernannte ihn 1859 zu ihrem Hofkaplan, 1860 erhielt er eine Professur für neuere Geschichte in Cambridge, die er bis zum Jahr 1869 innehatte. Durch Gladstone erhielt er 1869 ein Kanonikat von Chester und 1873 ein Kanonikat an Westminster (London). Mehrere Erholungsreisen nach Deutschland, Frankreich und Amerika konnten ihm die Kraft nicht zurückbringen, die er in den schweren Jahren in Eversley verbraucht hatte. Charles K. starb am 23. Januar 1875. Seine Witwe lehnte das Angebot ab, ihn in der Westminster-Abtei bestatten zu lassen, und ließ ihn in seiner alten Pfarrei Eversley begraben. Sein Grabkreuz trägt die Worte: »Amavimus, Amamus, Amabimus«.

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Quellen: Charles K., Works, 28 Bde. 1880-1885, 19 Bde. 1901-1903, 10 Bde. (Pocket-Edition) 1895/96; Mary Kingsley, Charles Kingsley, His Letters and Memoires, ed. by his Wife, London 1877.

Lit.: L.Cazamian, Le roman social en Angleterre, 1900, 21904; - J.J.Ellis, Charles Kingsley, 1890; - ders., Men with a mission, 1890; - E.Groth, Charles Kingsley als Dichter und Sozialreformer, 1893; - F.Harrison, Charles Kingsleys Place in Literature, 1895; - Jacobsohn, Charles Kingsleys Beziehungen zu Deutschland, 1917; - M. Kaufmann, Charles Kingsley, Christian Socialist and social Reformer, 1892; - G.Kendall, Charles Kingsley and his Ideas, 1947; - J.A.R.Marriott, Charles Kingsley, novelist, 1892; - Maria Meyer, Carlyles Einfluß auf Kingsley in sozialpolitischer und religiös-ethischer Hinsicht, 1914; - U.Pope-Hennessy, Canon Cahrles Kingsley, 1948; - M.Schmidt, Art. »Kingsley, Charles«, in: RGG3 II, Sp. 1295f; - C.W.Stubbs, Charles Kingsley and the Christian Socialist Movement, 1899; - M.F.Thorp, Charles Kingsley, 1937; - L.Wiese, Charles Kingsley. Ein Charakterbild, in: Daheim, Nr. 34 (1880).

Heiko Wulfert

Werkeergänzung:

1879

Kingsley, Charles, Briefe und Gedankenblätter, herausgegeben von seiner Gattin. Übers. v. M. Sell. Gotha 1879.

Letzte Änderung: 06.11.2011