KINGSLEY, Charles (1819-1875). Charles Kingsley wurde am 12. Juni
1819 als Pfarrerssohn in Holne in der englischen Grafschaft Devonshire
geboren. Er studierte am King's College in London und am Magdalen
College in Cambridge. 1842 wurde er zum Vikar, 1844 zum Hauptpfarrer
der Gemeinde Erversley in Hampshire ernannt. Die sozialen Nöte dieser
Landpfarre, in der er 31 Jahre lang wirkte, ließen K. angestrengt
nach Möglichkeiten einer Reform suchen. Die Anregungen hierzu fand
er bei Thomas Carlyle und dessen religiösem Sozialismus. In der gerade
in diesem Jahren in der Gestalt der Oxford-Bewegung wieder auflebenden
hochkirchlichen Frömmigkeit sah K. nur ein reines Formenwesen, daß
den eigentlichen Nöten des Volkes keine Abhilfe bringen konnte. In
seiner Darstellung der Geschichte der heiligen Elisabeth (A Saint's
Tragedy - 1848) erhob er erstmals seine Stimme gegen die Oxford-Bewegung.
Seine in einer Besprechung von Froudes »History« (Macmillans Magazin
- Jan 1860) geäußerte Behauptung: »Truth, for its own sake, had never
been a virtue with the Roman clergy« veranlaßte er John Henry Newman
zu seiner »Apologia pro vita sua«. Schon 1848 war K. zum Professor
der englischen Literatur am Queen's College in London berufen worden.
Hier schrieb er unter dem Einfluß von F.D.Maurice seinen Roman »Yeast«(1848).
Mit ihm und dem darauf folgenden Roman »Alton Locke, Tailor and Poet«
(1850) stellte sich K. an die Spitze der sozialen Bewegung in England
und geißelte die Ausbeutung der niederen Schichten durch Hungerlöhne
und Überlastung. Mit einigen Freunden gab er vom November 1850 bis
Juli 1851 die Wochenschrift »The Christian Socialist« heraus, die
die Not des Volkes aufdecken sollte. In seinem Roman »Hypatia or,
New Foes with an old Face« (1853) zeichnete K. ein Bild seiner eigenen
Zeit in einer Darstellung des 5. Jahrhunderts, in dem der umstürzlerische
Pöbel genau so auftritt, wie die falschen Schriftgelehrten und die
Vertreter des schlichten Evangeliums Jesu Christi. Nach einer Predigt
während der Weltausstellung in der St. John's Church in London erteilte
der Bischof von London K. ein Predigtverbot. Dennoch wollte K. nicht
in einer freidenkerischen Versammlung oder in einer von der Staatskirche
abweichenden Freikirche predigen. Einen Vergleich seiner Gedanken
mit den Vorstellungen von David Friedrich Strauß lehnte er entrüstet
ab. K.s Theologie hielt sich im Rahmen der Lehrtraditionen der englischen
Staatskirche, seine besonderen Bemühungen galten dabei einer Verbindung
von Naturwissenschaft (Darwinismus) und Glaube. Politisch nahm er
eine konservative Haltung ein, die alles vom Oberhaus erwartete und
den Krieg als den Erzieher zur Männlichkeit pries. Königin Viktoria
ernannte ihn 1859 zu ihrem Hofkaplan, 1860 erhielt er eine Professur
für neuere Geschichte in Cambridge, die er bis zum Jahr 1869 innehatte.
Durch Gladstone erhielt er 1869 ein Kanonikat von Chester und 1873
ein Kanonikat an Westminster (London). Mehrere Erholungsreisen nach
Deutschland, Frankreich und Amerika konnten ihm die Kraft nicht zurückbringen,
die er in den schweren Jahren in Eversley verbraucht hatte. Charles
K. starb am 23. Januar 1875. Seine Witwe lehnte das Angebot ab, ihn
in der Westminster-Abtei bestatten zu lassen, und ließ ihn in seiner
alten Pfarrei Eversley begraben. Sein Grabkreuz trägt die Worte: »Amavimus,
Amamus, Amabimus«.
Quellen: Charles K., Works, 28 Bde. 1880-1885, 19 Bde.
1901-1903, 10 Bde. (Pocket-Edition) 1895/96; Mary Kingsley, Charles
Kingsley, His Letters and Memoires, ed. by his Wife, London 1877.
Lit.: L.Cazamian, Le roman social en Angleterre, 1900,
21904; - J.J.Ellis, Charles Kingsley, 1890; - ders.,
Men with a mission, 1890; - E.Groth, Charles Kingsley als Dichter
und Sozialreformer, 1893; - F.Harrison, Charles Kingsleys Place
in Literature, 1895; - Jacobsohn, Charles Kingsleys Beziehungen
zu Deutschland, 1917; - M. Kaufmann, Charles Kingsley, Christian
Socialist and social Reformer, 1892; - G.Kendall, Charles Kingsley
and his Ideas, 1947; - J.A.R.Marriott, Charles Kingsley, novelist,
1892; - Maria Meyer, Carlyles Einfluß auf Kingsley in sozialpolitischer
und religiös-ethischer Hinsicht, 1914; - U.Pope-Hennessy, Canon
Cahrles Kingsley, 1948; - M.Schmidt, Art. »Kingsley, Charles«,
in: RGG3 II, Sp. 1295f; - C.W.Stubbs, Charles Kingsley
and the Christian Socialist Movement, 1899; - M.F.Thorp, Charles
Kingsley, 1937; - L.Wiese, Charles Kingsley. Ein Charakterbild,
in: Daheim, Nr. 34 (1880).
Heiko Wulfert
Werkeergänzung:
1879
Kingsley, Charles, Briefe und Gedankenblätter, herausgegeben von seiner Gattin. Übers. v. M. Sell.
Gotha 1879.
Letzte Änderung: 06.11.2011