KISSLING, Georg Adam, Missionar in Afrika und in Neuseeland, wurde
am 2. April 1805 in Murr (Württemberg) geboren und starb am 10.11.
1865 hochangesehen als Stellvertreter des Bischofs der Anglikanischen
Kirche in Neuseeland. Nach seiner Lehre als Bäcker arbeitete K. einige
Jahre in Korntal, wo er bleibende Eindrücke empfing und studierte
von 1823-1827 im Missionsseminar der Basler Mission und an der Basler
Universität. Nach seiner Ordination in Baden 1827 wurde K. mit dem
Segen des württembergischen Erweckungspredigers Ludwig Hoffacker als
einer der ersten Missionare im Dienst der Basler Mission mit folgender
»Wegleitung« nach Liberia ausgesandt: »Wiedergutmachung des von Europäern
an Afrikanern begangenen Unrechts« zu leisten. Während seines durch
Krankheit und viele Entbehrungen gekennzeichneten Dienstes 1828-1832
gründete er die erste Schule für Afrikaner. Zwei seiner Schüler, Jakob
von Brunn und Georg Thomson, der erste in Basel ausgebildete Missionar,
wurden später bekannte afrikanische Pfarrer. K. verließ am 3.1. 1832
Liberia. Die Arbeit in Liberia wurde von amerikanischen Missionaren
weitergeführt. Mit knapper Not dem Tod durch Schiffbruch entronnen,
erreichte K. England und wurde von der Church Missionary Society (CMS)
in deren Dienst übernommen. K. heiratete Karoline, die Tochter des
Gallerie-Inspektors Tanner aus Ludwigsburg am 7.8. 1832 und reiste
mit dieser als Missionar der CMS nach Sierra Leone in Afrika (1832-1837).
Dort übernahm er als Disktriktsmissionar zusätzlich noch die Leitung
einer großen Schule. Seine Arbeit charakterisierte er so: »es ist
Waizen da, aber auch viel Unkraut.« Seine Frau Karoline starb am 25.2.
1834 zusammen mit ihrem ersten Kind bei der Geburt mit den Worten:
»Ich bereue es ganz und gar nicht, in die Mission eingetreten zu sein,
lobe vielmehr den Herrn, der mich gewürdigt hat, diesen Gang zu gehen«.
In Sierra Leone widmete K. sich ganz der Leitung des Predigerseminars
in Fourahbai. Einer seiner engsten Mitarbeiter war der von Missionar
Schön freigekaufte Sklave Samuel Crowther, der über diese Zeit bekannte:
»Seit meinem zweiten Eintritt in die Anstalt sehe ich mich viel mehr
als Zögling, denn als Lehrer an; und ich darf wohl in aller Demuth
sagen, daß ich nun vorwärts komme, Dank der treuen Hilfe Herrn Kißling's.
Ich war noch über so vieles im Unklaren, was mir jetzt ins Licht gestellt
wird; macht mir etwas in meinenm Studien Schwierigkeiten, so wende
ich mich am liebsten an den lebendigen Lehrer, ja überlaufe ihn manchmal
mit meinem Geilen...außerdem weiß mir mein väterlicher Freund immer
die besten Hilfsmittel zu rathen«. K. war der Überzeugung, daß die
europäischen Missionare als Mitarbeiter der Afrikaner sich der afrikanischen
Leitung zu unterstellen hätten. Ziel der Missionsarbeit müsse die
baldmöglichste Selbstverwaltung, Selbstfinanzierung und Selbstausbreitung
der Kirche sein. Zum Missionsdienst gehört nach K. auch die wirtschaftliche
Entwicklungshilfe. Samuel Adlai Crowther (1809-1891), im Dienste der
CMS als erster 1864 konsekrierter afrikanischer Bischof der Anglikanischen
Kirche am Niger, führte die Ziegelfabrikation ein. Am 2.5. 1837 kehrte
K. aus Gesundheitsgründen wieder nach England zurück und heiratete dort Margaret geb. Hull, mit der er nach einem
kurzen Zwischenaufenthalt in Basel, bei dem er sich von seinem verehrten
Lehrer C.G. Blumhardt verabschiedete, zum zweiten Aufenthalt in Sierra
Leone (1837-1841) als Sekretär der Mission und Leiter des Pfarrseminars
ausreiste. K. studierte intensiv Timneh und widmete sich der Ausbildung
afrikanischer Pfarrer, mußte jedoch aus Gesundheitsgründen 1841 Afrika
verlassen. Nach längerem Krankheitsurlaub in England bestimmte ihn
die CMS als Missionar für die Maori in Neuseeeland. K. schrieb: »Ich
gleiche einem Baum, der mit tausend abgerissenen Wurzelfäden aus dem
Boden gehoben und verpflanzt wird... nach allen diesen Prüfungen,
Leiden und Freuden habe ich noch nicht ausgelernt; ich muß aufs Neue
eingeschrieben werden in das Lehrlingsbuch der Neuseeländer«. K. reiste
mit seiner Frau am 5.1. 1842 nach Neuseeland aus, nachdem er vorher
als anglikanischer Pfarrer ordiniert worden war, und arbeitete in
Kauakaua in Neuseeland als Missionar und Stellvertretender Bischof
unter den Maori bis zu seinem Tod 1865. Im Gegensatz zu anderen Missionaren
in Neuseeland lehnte K. den Kauf von Grund und Boden für seine 5 Söhne
strikt ab und konnte deshalb im Landstreit zwischen den Maori und
der (weißen) Regierung vermitteln. K. erlernte die Sprache der Maori
und wurde von diesen als »Vater« verehrt. Er wollte nach seinem eigenen
Bekenntnis »nichts Anderes als Christus den Gekreuzigten meinen Hörern
anzupreisen. Christi Liebe zeugt Liebe.« In den letzten Jahren seines
Lebens widmete K. sich seit 1852 ganz der Ausbildung der maorischen
Pfarrer, von denen er am 18.7. 1853 nach elfjährigem Unterricht trotz
großen Bedenkens des englischen Bischofs den ersten ordinieren konnte.
Nach einem Schlaganfall 1861 konnte K. seinen Dienst nur noch beschränkt
ausüben. Reisende berichteten 1849 über K.s Arbeit unter den Maori:
»Wo vor neun Jahren nur 20 lesen und schreiben konnten, wohnten nach
einem knappen Jahrzehnt 6-7000 Maori, davon ein starkes Drittel Alphabeten.
Der Dschungel war Kulturland geworden; er hat den Weizen eingeführt
und wohl 3000 Morgen damit besät. Sie haben sich 30 Küstenschiffe,
beinahe 100000 fl. im Wert angeschafft. Ihre schönen Heerden und die
200 Mühlen sind alle in diesen neun Jahren zu Stande gekommen und
zwar nicht durch Geschenke, sondem durch ihre eigene Anstrengung«.
Die Maorikirche war unter K.s Leitung unabhängig von jeder finanziellen
Unterstützung aus England geworden.
Werke: Kißling, G.: Beleuchtungen der Missionssache, Mai
1847; Briefe, Berichte, Artikel von K. im Fazikel »Kißling« im Archiv
der Basler Mission.
Lit.: Gundert, Herrmann: Georg Adam Kißling. Evangelisches
Missionsmagazin 1867, S. 305-360; 390-461; - Schlatter, Wilhelm:
Geschichte der Basler Mission 1916, Band 3; - Rennstich, Karl:
Handwerker-Theologen und Industrie-Brüder als Botschafter des Friedens.
Entwicklungshilfe der Basler Mission im 19. Jahrhundert, 1985.