KITTEL, Rudolf, ev. Alttestamentler, * 28.3. 1853 in Eningen (Württemberg)
als Sohn eines Realschullehrers, † 20.10. 1929 in Leipzig. -
K., der aus einer pietistisch geprägten schwäbischen Lehrerfamilie
stammte, verlor bereits im achten Lebensjahr den Vater. Bleibenden
Einfluß übten daher neben der Mutter zwei seiner akademischen Lehrer
in Tübingen auf ihn aus, der Theologe Johann Tobias Beck (s.d.) und
der Historiker Karl Weizsäcker. Nach dem Studium (1871-1876), das
er mit der theol. und der philos. Promotion abschloß, wirkte er vorübergehend
als Geistlicher, ab 1879 als Repetent für Philosophie am Tübinger
Stift und ab 1881 als Lehrer für Religion und Hebräisch am Karlsgymnasium
in Stuttgart. In dieser Zeit arbeitete er an seiner »Geschichte der
Hebräer« (1887 abgeschlossen), die ihm den Ruf auf die Professur für
Altes Testament in Breslau eintrug (1888). Sein weiteres Wirken wurde
maßgeblich beeinflußt durch die Begegnung mit Eduard Meyer, der ihn
auf das altorientalische Umfeld Israels hinwies und damit die at.
Forschung K.s in eine neue Richtung lenkte. Seit 1898 Prof. in Leipzig,
bemühte er sich um die Einbeziehung archäologischer Ergebnisse (Amarna-Texte,
Codex Hammurabi) in seine Arbeit. Zwischen 1902 und 1906 widmete er
sich der Erstausgabe der Biblia Hebraica. 1907 gewann K. auf einer
Palästinareise neue und tiefe Eindrücke. Zahlreiche Veröffentlichungen,
auch zwischen 1914 und 1919, als er zeitweise das Rektorat der Univ.
Leipzig innehatte, belegen seine fundierte Sachkenntnis. Zu seinem
wiss. Vermächtnis gestaltete sich die Rede vor dem Ersten dt. Orientalistentag,
Sondertagung der at. Forscher, am 29.9. 1921 in Leipzig. -K.s
Verdienst liegt in der fruchtbringenden Heranziehung von archäologischen
Erkenntnissen für die at. Exegese. Trotz mancher fachlicher Kontroversen,
so mit Julius Wellhausen (s.d.) und Friedrich Delitzsch (s.d.), gab
er sich persönlich liebenswürdig. Für das hohe Ansehen, das er im
In- und Ausland genoß, sprechen die Verleihung der Würde eines Domherrn
des Hochstiftes Meißen und des Ehrendoktortitels der Univ. Groningen.
Er selbst sah »in Wissenschaft und Frömmigkeit nie Gegensätze« (Autobiographie,
3). Bis heute bewahrt die »Biblia Hebraica Kittel« seinen Namen.
Werke (in Auswahl): Die neueste Wendung der pentateuchischen
Frage. Theol. Stud. aus Württemberg, 1881; Sittliche Fragen, 1885;
Geschichte der Hebräer, I/II, 1888-1892, ab 2. Aufl. (1909-1912) Geschichte
des Volkes Israel, I, 1923
6, II, 1925
7, III 1/2, 1927-1929;
Die Bücher Ri und Sam, in: Kautzsch, HSAT, 1924
4; Aus dem Leben
des Propheten Jesaia. Predigten, 1894; Die Anfänge der hebr. Geschichtsschreibung
im AT, 1896; Komm. zu Jes, 1898
6; Die Psalmen Salomos, in:
Kautzsch, AP, 1898, Neudr. 1929
2, Nachdr. 1975; Cyrus u. Deutero-Jesaja,
in: ZAW 18, 1898, 149-162; Zur Theologie des AT, 1899; Prophetie u.
Weissagung, 1899; Komm. zu den Büchern der Kön, 1900; Über die Möglichkeit
u. Notwendigkeit einer neuen Ausgabe der hebr. Bibel, 1902; Komm.
zu den Büchern der Chr, 1902; Die babyl. (5. Aufl.: orient.) Ausgrabungen
u. die ältere bibl. Geschichte, 1903, 1908
5; Der Babel-Bibel-Streit
u. die Offenbarungsfrage, 1903; Biblia Hebraica I/II, 1905-1906, 1937
3
(= Biblia Hebraica Kittel, BHK; seit 1968 ff. neu hrsg. v. K. Elliger
u.a. als Biblia Hebraica Stuttgartensia, BHS); Stud. zur hebr. Archäologie
u. Religionsgeschichte, 1908; Die at. Wiss. in ihren wichtigsten Ergebnissen,
1910, 1929
5 (auch engl., tsch. u. hebr.); Komm. zu den Pss,
1922
4; Gotteslästerung oder Judenhaß? Ein gerichtliches Obergutachten,
1914; Das AT u. unser Krieg, 2 Bde., 1916; Martin Luther, Leipziger
Rektoratsrede, 1917; Krieg in bibl. Landen, 1918; Leipzig als Stätte
der Bildung, 1918; Leipziger akademische Reden zum Kriegsende, 1919;
Die Religion des Volkes Israel von der Urzeit bis zu Christus, 1920
(schwed. 1920, engl. 1925); Die Zukunft der at. Wiss., in: ZAW 39,
1921, 84-99; Die hellenistischen Mysterienreligionen u. das AT, 1924;
Die Univ. Leipzig in ihrer Bedeutung für das Kulturleben, 1924; Autobiographie,
in: Erich Stange (Hrsg.), Die Religionswissenschaft der Gegenwart
in Selbstdarstellungen, 1925, 113-144 (in sich von 1 bis 32 durchpaginiert,
mit Porträt u. ausführlichem Werkverzeichnis); Die Univ. Leipzig im
Jahr der Revolution 1918/1919. Rektoratserinnerungen, 1930.
Lit.: Johannes Hempel, R. K.†, in: ZDMG 84, 1930,
78-93 (enthält Würdigung des Lehrers u. Menschen R. K.); - RGG
III, 1626 f.; - LThK VI, 310 f.; - NDB XI, 692 f.
Christof Dahm
Literaturergänzung:
2008
Andreas Scherer, Zu R.K.: alttestamentl. Kriegskonzepte im Spiegel d. Zeitgeschichte, in: Kontexte. Neukirchen-Vluyn 2008, S. 115-130.
Letzte Änderung: 06.11.2011