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Band III (1992) Spalten 1555-1564 Autor: Martin Arndt

KLAGES, Ludwig, Psychologe und Philosoph, * 10.12. 1872 in Hannover als Sohn des Kaufmanns Friedrich Klages und seiner Ehefrau Marie Helene, geb. Kloster, † 29.7. 1956 in Kilchberg / Schweiz. - Nach dem Besuch des Lyceums I (= Ratsgymnasium) in Hannover, das - vermittelt über die Dichtungen Wilhelm Jordans - sein Interesse für heidnische Mythologie weckt und auf dem er 1885 u.a. den Juden Theodor Lessing kennenlernt, beginnt K. 1891 in Leipzig das Studium der Chemie, Physik, Philosophie und Psychologie, hört u.a. Vorlesungen bei W. Wundt, arbeitet ein Zwischensemester am Polytechnikum in Hannover und wechselt 1893 nach München über, um hier 1900 in Chemie über den 'Versuch zu einer Synthese des Menthons' mit den Nebenfächern Physik und Philosophie zu promovieren. Gegen Ende des Jahrhunderts lernt K. in München die Philosophen Th. Lipps, M. Pal gyi, M. Scheler, den Graphologen H.H. Busse, Stefan George, Friedrich und Ricarda Huch, A. Schuler und K. Wolfskehl kennen. Innerhalb der sog. 'kosmischen Runde' (Kosmikerkreis) vertieft K. - durch Bachofen und Nietzsche angeregt - seine Kenntnisse der archaischen Mysterien - und Symbolwelt - und formuliert in der Sprache des paganen Pelasgertums seinen Zweifel an dem neuzeitlichen Progressismus, der als säkulares Derivat heilsgeschichtlichen Zukunftglaubens sich als 'Fortschritt' drapiert, um die Vernichtung des Lebens im Dienst des willensabhängigen Geistes zu betreiben. 1895 wird K. Mitglied des von Busse geschaffenen 'lnstituts für wissenschaftliche Graphologie', gründet 1896 die 'Deutsche Graphologische Gesellschaft', zu deren Teilnehmern u.a. Ludwig Curtius und Elisabeth Förster - Nietzsche zählen; von 1900 bis 1908 redigiert K. die 'Graphologischen Monatshefte': aus seinen als Aufsätzen geschriebenen Beiträgen gestaltet K. 1910 sein erstes graphologisches Buch unter dem Titel 'Die Probleme der Graphologie', ein Grundwerk der K.'schen Wissenschaft vom Ausdruck. Mit der um 1905 erfolgten Gründung des 'Psychodiagnostischen Seminars für Ausdruckskunde' verschafft K. sich ein Medium, seine graphologischen, charakterologischen, mythologischen und philosophiehistorischen Ergebnisse in Vorlesungen und Übungen zu vermitteln, die u.a. von E. Bertram, N. von Hellingrath, K. Jaspers, Walter F. Otto und H. Wölfflin besucht werden. Auf dem 'Dritten Internationalen Kongreß für Philosophie' in Heidelberg (September 1908) hält K. in Anwesenheit u.a. von B. Croce und E. Troeltsch den Vortrag 'Die psychodiagnostische Bedeutung der Handschrift', dessen Grundanschauungen in die Analyse der Handschriften u.a. von Beethoven, Bismarck, Kaspar Hauser, Karl May, Nietzsche, Schopenhauer und Wagner eingehen. Auf seinen Vortragsreisen in Deutschland und Österreich lernt K. 1909 Robert Musil und Walter Benjamin 1914 kennen, nachdem er 1912 anläßlich eines Vortrages vor der 'Wiener psychoanalytischen Vereinigung' S. Freud begegnete. Seine charakterkundlichen Ergebnisse systematisiert K. in seinen 1910 erschienenen 'Prinzipien der Charakterologie', in denen besonders des Romantikers Carus gedacht wird, der - in das Antlitz der Welt blickend - sich um eine 'Physiognomik des Universums' bemüht habe, die vor dem Zugriff einer reduzierten Dingwelt zu weichen hatte, während der dem Seher, Dichter und Wilden verwandte 'schauende' Psychologe im Sinn K.s' in den Erscheinungen den Ausdruckssinn zu sehen vermag, weil er - nicht auf Identität fixiert - sich den faszinierenden Lockungen hingeben und selbst - und besinnungslos im Anderen als einer verwandten Seele aufgehen kann. Der Wille - so wird K. in seinem Vortrag 'Zur Theorie und Symptomatologie des Willens' auf einem von Bleuler geleiteten Kongreß für medizinische Psychologie und Psychotherapie sagen - tendiere demgegenüber zur Fremd - und Selbstbeherrschung (sich vergessen gilt dann als zügellos) und benötige deswegen moralische und kognitive Regeln (der 'vernünftige' Mensch als Gesetzgeber). Unter Berufung auf Lavater rehabilitiert K. in seinem 1913 publizierten Buch 'Ausdrucksbewegung und Gestaltungskraft' die Physiognomik unter Betonung der 'pathischen' Fähigkeit des Deutenden, sich den sprechenden und bedeutenden Erscheinungen hinzugeben und aus seelischer Erlebnistiefe an der Seele des Erlebten zu partizipieren; da im Erleben der Mensch in der Wirklichkeit des Lebens steht, erschließt sich in ihm die Wirklichkeit in ihrer Bedeutsamkeitsfülle als beseeltes Leben: diesem zuzugehören, um es zu erleben und in einer biozentrischen Symbiose Leben aus Leben zu verstehen, macht die Überlegenheit des vorgeschichtlichen gegenüber dem geschichtlichen Menschen aus, der - naturentfremdet und seelenlos - sich mittels des logozentrischen Begriffs auf die Wirklichkeit richtet, diese vergegenständlichend vorstellt, um - wie ein Schütze abzielend - etwas zu erzielen und das strömende Leben sicherzustellen, zu berechnen und in der machinalen Technik herzustellen. Diese wissenschaftliche, ikonoklastische Entzauberung und Entseelung der Welt findet ihre Entsprechung in der die seelischen und chthonischen Mächte zerstörenden Apparatur des neuzeitlichen Staates, der - wie die Naturwissenschaften der Gesetzlichkeit verschrieben - alles unter seinen uniformierenden Willen zur Macht zwingt und das Eigenleben symbiotischer Verbände austilgt. Organisation ist ein Euphemismus für die mechanistische Repression der Natur. Diese ideologie - und wissenschaftskritischen Analysen formuliert K. 1913 für das Treffen der Freideutschen Jugend auf dem Hohen Meißner unter dem Titel 'Mensch und Erde'. K., selbst u.a. Mitglied des Heimatschutzbundes (seit 1916 auch des Schweizerischen Bundes für Naturschutz), entlarvt hinter der neuzeitlichen Trias von Fortschritt, Kultur und Persönlichkeit den weltgeschichhtlich gewordenen Willen einer seelenlosen Menschheit zum praktischen Nihilismus einer totalen 'Vernichtungsorgie', als deren Vehikel die 'Völker der Christenheit' dienen, deren Evangelium eine akosmische Anthropozentrik einleitet: die Uniformierung der Welt unter dem Banner von Weltgeschichte und Zivilisation (civis=Bürger) ist die Fortsetzung des monotheistischen Hasses auf eine polymorphe, archaische Welt. Das Mahnmal, das K. den Robben der Ost - und Nordsee, den Ureinwohnern Australiens und den Indianern errichtet, erinnert die modebewußten und buchkundigen Zivilisierten an die Schandtaten, deren Nutznießer sie sind. - Einige Zeit nach Beginn des 1. Weltkrieges, den K. als eine weitere Bewahrheitung seiner Untergangsprophetie erfährt, siedelt er (im August 1915) in die Schweiz (nach Zwischenstationen ab 1919 in Kilchberg bei Zürich, wo er ein 'Seminar für Ausdruckskunde' wiedereröffnet) über und widmet sich in vier Publikationen ('Vom Traumbewusstsein', 'Bewusstsein und Leben', 'Geist und Seele', 'Vom Wesen des Bewusstseins') der Natur und Entstehung des Bewußtseins unter Anknüpfung an die Forschungen des ungarischen Philosophen M. Pal gyi, um es als die dem Erleben gegenüberstehende Macht der Vergegenständlichung und Veräußerlichung des Lebens zu erweisen, die die Wirklichkeit nihilistisch entseelt, um sie als Objekt zählbar und beherrschbar zu machen. Der sog. 'Tatsachenwissenschaft' auch gerade in ihrer biologischen Variante des Darwinismus wird bewußtseinskritisch und naturgeschichtlich das Monopol der Wirklichkeitserfassung bestritten: die ganze Welt im Begriff zu ergreifen ist noch kein Ausweis für die 'Wahrheit' ('einen Adler töten zu können, heißt nicht, ihn zu verstehen'). Der 'Fortschritt' erweist sich in transzendentaler Einstellung als die Dialektik einer Bewegung, die unter dem Imperativ einer Freiheit von der Natur einer neuen Hörigkeit der geistigen und gesellschaftlichen Mechanik erliegt. - K., der wiederholt Angebote aus dem akademischen Raum ablehnt ('Waldvögel hängen nicht in Käfigen'), hält in der Schweiz Privatvorlesungen, lernt u.a. J.J. Bachofens Witwe kennen (1911) und (um 1919) den Herausgeber des Overbeck - Nachlasses, Carl Albrecht Bernouilli. Am 14. Mai 1919, 50 Jahre nach Nietzsches Antrittsrede 'Homer und die klassische Philologie', hält K. ebenfalls in der Universität zu Basel den Vortrag 'Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches', der dem gleichnamigen Buch aus dem Jahre 1926 zugrundeliegt. Nietzsche wird als der die kulturellen Phänomene am Maßstab eines vitalistisch - orgiastischen Lebensgefühles messende Psychologe gedeutet, in dem der Leib seinen Protest gegen das hypertrophierte Bewußtsein herausschreit. K. findet bei Nietzsche jedoch eine Fehldeutung des kosmischen Lebensgefühls als eines Willens zur Macht, während der Wille im Sinn des intentionalen Wollens und Bewirkens in Wahrheit das Indiz der Lebensarmut ist und Lebensfülle sich nur im überfließenden Sich - Verschenken äußert: der Wille ist eine vom lebensfeindlichen Geist durchgeführte Regulierung des unwillkürlichen Lebens. In der Ekstase dagegen - so K. in dem 1922 erschienenen Buch 'Vom Kosmogonischen Eros' - sucht sich das Leben von der Knechtschaft des Geistes zu befreien; während das ichbewußte Erfahren identische, beharrende Dinge fest - stellt, um aus intersubjektiv gültigen Urteilen eine Welt idealer Gesetzmäßigkeit zu konstruieren, wird der vom kosmischen Eros Ergriffene in eine andere Welt (Welt der Bilder) entrückt, in der ihm die Wirklichkeit in der Fülle des Nimbus erscheint. Die in der Kritik am mechanistischen Denken beruhende Affinität K.'s zur Romantik findet 1926 Ausdruck in der Herausgabe des Hauptwerkes 'Psyche' des von K. geschätzten Philosophen C.G. Carus. Den Höhepunkt und das wirkungsgeschichtliche Zentrum des K.'s Schaffens bildet das zwischen 1929 und 1932 erschienene Werk 'Der Geist als Widersacher der Seele', in dem die Rekonstruktion des weltgeschichtlichen Prozesses in der Prophetie des Unterganges der Menschheit kulminiert. Die in Sokrates aufbrechende, im Christentum fortgesetzte Emanzipation des Geistes vom Leben und die Vorherrschaft seiner im Sollen des Imperatives erschließbaren Wirklichkeit korrelieren mit der Verdrängung des orientalischen Naturdienstes durch den römischen Staatsgedanken, der sich in den römischen Papaismus transformierte und zur Austreibung der anschaulichen Götterwelt führte ('Wer Gott sucht, wird Götter niemals finden'). Während in der Welt des Pelasgertums sich der Mensch aus dem Kosmos verstand und als Autochthoner (= Erdgeborener) den Mikrokosmos als in das Reich des Vegetativen und Tellurischen aufgenommen erlebte, kristallisierte sich im Gesetzeswissen der Neuzeit eine imperiale Selbstermächtigung des Geistes heraus, deren paradigmatischer Sprechakt 'Urteilen' noch an das Erteilen von Richtersprüchen erinnert. Die Autonomisierung vereinsamt den Menschen in einer erstummten Welt, der sich nunmehr seine Surrogate im Rekordwahn, der Machtsucht und der emotionalisierenden Presse sucht. Am prä-apokalyptischen Ende des verheißungsvoll angetretenen Fortschritts steht die Borniertheit fremdbestimmter Marionetten, die auf den Befehl einer hergestellten Öffentlichkeit an das 'Phrasengeklingel eines sog. Pazifismus, an Völkerverbrüderungen und Völkerbünde' glauben soll, 'während rechts und links, zu Lande, zu Wasser und in den Lüften' gerüstet wird wie noch niemals zuvor 'seit fünftausend Jahren'. Gemäß seinen sprachphilosophischen Studien, nach denen vor allem die Metaphern als Ausdruck einer erlebten Ganzheit einen Weisheitsvorrat bewahren und die Sprache als 'Quellkunde der Seelenkunde' dienen kann, kann 'raumsymbolisch' der Spätling Mensch als der 'geschlossene' Typ bezeichnet werden, der von der Vitalität ausgeschlossen, deswegen verschlossen ist und aus Knappheit an Lebensreichtum ökonomisch rechnend mit der Welt und Zeit umgeht, ohne sich verschenken zu können. - Im Jahre 1932 erhält K. die Goethe - Medaille für Kunst und Wissenschaft, 1933/34 wird ihm eine Gastprofessur an der Universität Berlin übertragen, jedoch wird K. zusehends vor allem wegen seines Pessimismus zur Zielscheibe nationalsozialistischer Kritik (ab 1938). Nach vereinzelten öffentlichen Vorträgen (u.a. anläßlich des Nationalkongresses der Philosophie in Argentinien im April 1949) verstirbt K. am 29.7. 1956 in Kilchberg. 1960 wird im Deutschen Literaturarchiv in Marbach a.N. (= Schiller-Nationalmuseum) ein Klages-Archiv eingerichtet, dem 1963 die Gründung der Klages-Gesellshhaft u.a. durch H. Grundmann, H. Kasdorff und H.E. Schröder folgt. Philosophiehistorisch wird K. (z.B. von Bollnow) der von Dilthey und Nietzsche ausgehenden Lebensphilosophie zugerechnet, die gegenüber der verdinglichenden, technizistischen Verstandeserfahrung dem (schauenden) Erleben die höhere Wirklichkeitsnähe zuerkennt und deswegen zivilisationskritisch die Nähe zu unmittelbareren Lebensformen sucht, in denen der Mensch in einem pathisch erlebten Einklang mit dem übergreifenden Ganzen lebt. Die sich bei K. findende Skepsis gegenüber dem Geist und dem in seinem Namen betriebenen Fortschritt ist Anlaß für Kritiker des Werkes K.'s, ihn mehr oder weniger differenziert anzuklagen: er unterschätze bei allem Verlangen nach dem 'richtigen Leben' die Notwendigkeit der (geisthaften) Regelung und gelange nur zum Ideal des 'sich - gehen - lassenden Menschen' (K. Löwith); K. sieht - so C.H. Ratschow - die Tatsächlichkeit des - theologisch gesprochen-schuldigen, d.h. der Ganzheit entfremdeten Menschen, bietet aber bei Vernachlässigung der Unterschiede von Nus und Pneuma nur die Ekstase an, in der gerade nicht das lebendig machende, zur Antwort und Verantwortung aufrufende Du vernommen wird; oder - als Steigerung der Vorwürfe - der Expressionist K. (so. W. Sokel) vergöttlicht den Primitivismus aus Leiden am Intellekt oder - noch vehementer (so H.J. Baden) - die 'Gesetze des Fraßes, der Zeugung und der Überlegenheit des Stärkeren'; so daß dann die Vermutung vorgetragen wird, daß K. zu den anti-demokratischen oder gar prä-faschistischen Wegbereitern der Un-Kultur gerechnet werden muß (so G. Luk cs, K. Sontheimerr): wer also kritisch ist gegenüber dem Fortschrittsprozeß und mit Sympathie auf prä-logische und mythische Erlebnisweisen zurückblickt, widersetzt sich dem gestalterischen und politisch - praktischen Wollen der Menschheit - ein Vorwurf, den Alfred Baeumler bereits 1926 erhob: K., - gleichsam a-politisch - sei der Blick verschlossen für die weltgeschichtlichen Siege des Okzidents. Gegen eine Zuordnung K.'s zum (Prä-) Faschismus wehren sich z.B. H. Plessner , H. Mörchen und bes. H. Kasdorff u.a. mit dem Hinweis auf K.'s schon im Nietzsche - Buch erfolgte Absage an den 'Willen zur Macht'; auf die Angriffe K.'s durch die nationalsozialistische Presse und die Kritik auch von Klages-Schülern an dem Nationalsozialismus (z.B. Prinzhorns Wort von der 'Hitler-Farce'). lmmerhin forderte Walter Benjamin 1926 die notwendige und sachliche Auseinandersetzung mit K., Thomas Mann, u.a. mit K., A. Adler und Emil Brunner Mitherausgeber der 'Zeitschrift für Menschenkunde', rechnet 1929 K. zu den Vertretern der anti-aufklärerischen Reaktion, die aus Flucht vor dem 'Willen zur Zukunft' in den 'mythisch-romantischen Mutterschoß' regrediere; Mann beruft sich z.T. auf Max Scheler, der K. einer 'panromantischen Denkart' zuordnet, die auf einem irreduziblen Gegensatz von Leben und Geist beruht und wegen einer pragmatistisch-technizistischen Fehldeutung des Geistes als Intelligenz dessen wahre (ideierende) Hinordnung auf das Leben unterschlage. Geist - so z.B. auch A. Wellek - kann auch 'vital' sein. - K.'s Untergangsprophetie, deren Ähnlichkeit mit der von O. Spengler behauptet wird (z.B. Scheler, P. Edwards), erscheint als 'Geschäft mit dem Pessimismus' (H. Schoeck) oder als anthropofugale Résistance gegen den geschichtlich widerlegten 'humanistischen Popanz' eines sich über seinen Charakter täuschenden Un-Tiers (U. Horstmann); die bereits 1932 von C. Bernoulli bei K. festgestellte 'tragische Einsamkeit' scheint sich in der Wirkungsgeschichte zu bestätigen - entweder wird K. zur persona non grata erklärt oder man nähert sich ihm verstohlen und möglichst unentdeckt wie ein Räuber einem 'monumentalen Tempel' (R. Müller), der - so E. Rothacker - doch neben Nicolai Hartmann und Martin Heidegger die 'bedeutendste Leistung' der Gegenwart darstelle. - Nachweisbare, philologisch belegbare Spuren von K. gibt es in der Psychosomatik V. von Weizsäckers, der Biosemiotik F.S. Rotschilds, in der Medizin (v. Gebsattel), der Psychologie (W. Blasius, A. Adler, O. Rank, W. Metzger, A. Wellek), der Psychotherapie (K. Dürckheim), der Biologie (F. J. Buytendijk, A. Portmann), der Charakterologie (H. Prinzhorn), der Philosophie (E. Husserl, E. Rothacker, H. Plessner), der Ethnologie (W. Müller, A. Jensen) und der Pädagogik (R. Bode, A. L. Merz). - Die seit den 60-er Jahren geführte Diskussion über die globale Umweltzerstörung führt zu einem erneuten Interesse an K. und wirft neues Licht auf die Worte, die der Bundespräsident Th. Heuß an den 80-jährigen K. richtete: »Sie haben die Menschen gelehrt, den Menschen neu zu sehen.. das wird nicht bloß eine Notiz des geschichtlichen Termins bleiben, sondern eine bewegende, ja erregende Kraft.«

Werke: Versuch zu einer Synthese des Menthons (1901).- Stefan George (1902).- Die Probleme der Graphologie; Prinzipien der Charakterologie (1910).- Charakterologie des Verbrechers (1912).- Mensch und Erde (1913, 192o).- Vom Traumbewußtsein. Teil 1 (1914).- Bewußtsein und Leben (1915).- Über den Begriff der Persönlichkeit (1916).- Handschrift und Charakter (1917).- Vom Wesen des Bewusstseins (1921).- Vom Kosmogonischen Eros (1922).- Vom Wesen des Rhythmus (1923, 1934).- Die Grundlagen der Charakterkunde; Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches (1926).- Zur Ausdruckslehre und Charakterkunde (1927).- Der Geist als Widersacher der Seele (Bd. 1 u.2: 1929, Bd. 3: 1932).- Graphologisches Lesebuch (1930).- Goethe als Seelenforscher (1930).- Geist und Leben; Vom Wesen des Rhythmus (1934).- Grundlegung der Wissenschaft vom Ausdruck (1935).- Rhythmen und Runen (1944).- Die Sprache als Quell der Seelenkunde; Wie finden wir die Seele des Nebenmenschen (1948).- Sämtliche Werke (1964ff.);

Lit.: Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie (1913; - Walter Benjamin, Rez. von 'Carl Albrecht Bernouilli, Johann Jacob Bachofen und das Natursymbol. Ein Würdigungsversuch,' (1926), in: ders., Gesammelte Schriften, ed. H. Tiedemann-Bartels (1972); - Alfred Baeumler, Einleitung, Bachofen, ed. M. Schröter (1926); - Karl Löwith, Nietzsche im Lichte der Philosophie,in: ed. Erich Rothacker, Probleme der Weltanschauungslehre (1927) 283ff; - Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos (1927); - ders., Philosophische Weltanschauung (1928); - ders., Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs (1927), in: Gesammelte Werke IX; - Thomas Mann, Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte (1929),in: Gesammelte Werke X; - ders., Die Wiedergeburt der Anständigkeit (1931),in: GW XII; - Festsehrift, ed. H. Prinzhorn (1932); - Max Bense, Anti-Klages (1937); -C.H.Ratschow, Die Einheit der Person Eine theologische Studie zur Philosophie Ludwig Klages' (1938); - H.J.Baden, Mensch und Schicksal (1943,195o); - E. Bartels, Ludwig Klages (1953); - Georg Luk cs, Die Zerstörung der Vernunft (1954) 417ff; - H.Plessner, Zwischen Philosophie und Gesellschaft (1953); - W. Hager, Ludwig Klages in memoriam (1957, mit Bibliogr.); - Dieter Wyss, Viktor von Weizsäckers Stellung in Philosophie und Anthropologie der Neuzeit (1957) 239ff.; - ders., Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart (21966); - O. Fr. Bollnow, Die Lebensphilosophie (1988); - F. J. Buytendijk, Mensch und Tier (1958); - ders.,Prolegomena einer anthropologischem Physiologie (1967); - W. Sokel, The Writer in Extremis (1959); - Hestia. Ludwig Klages; - Jahrbücher (1960 ff. mit Bibliogr.); - K. Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik (1962); - Erich Rothacker, Zur Genealogie des menschlichen Bewusstseins (1966); - H. E. Schröder, Ludwig Klages. Die Geschichte seines Lebens (1966); - H. Kasdorff, Ludwig Klages: Werk und Wirkung (1969);- ders., Ludwig Klages im: Widerstreit der Meinungen (1978); - Ulrich Horstmann, Das Untier (1983).

Martin Arndt

Werkeergänzung:

2004

La nature du rythme. Trad. et présentation de Olivier Hanse. Paris 2004;

2008

Handschrift u. Charakter. 30. Aufl. Bonn 2008; Vom Wesen d. Bewußtseins. 4., verb. Aufl. Nach d. Aufl. [München], 1955, {5., unveränd. Aufl.]. Bonn 2008.

Literaturergänzung:

1986

Friedrich S. Rothschild, Die Evolution als innere Anpassung an Gott. Bonn 1986, S. 32-37; -

2007

Tommaso Tuppini, Ludwig Klages. Milano 2003 (=Filosofia; 150); - Baal Müller, Kosmik. Prozeßontologie u. temporale Poetik bei Ludwig Klages u. Alfred Schuler. München 2007; -

2010

Yotam Hotam, Moderne Gnosis u. Zionismus. Kulturkrise, Lebensphilos. u. nationaljüd. Denken. Göttingen 2010.

Letzte Änderung: 11.02.2010