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Verlag Traugott Bautz
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KLAUSENER, Erich, Politiker und Leiter der Katholischen Aktion in Berlin, * 25.1. 1885 in Düsseldorf als Sohn des Geheimen Regierungsrates Peter K. und der Elisabeth Biesenbach, † (ermordet) 30.6. 1934 in angeblichem Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch in Berlin. - K. stammte aus einer streng katholischen Familie, erhielt die etwas individualistisch-abgeschlossene Erziehung der wohlhabenden und gesicherten bürgerlichen Kreise des kaiserlichen Deutschlands und legte 1903 die Reifeprüfung in Düsseldorf ab. Das anschließende juristische Studium in Bonn, Berlin und Kiel beschloß er 1906 mit dem Referendar-Examen, das Assessor-Examen bestand er im Jahre 1910. 1911 promovierte er in Würzburg mit der Arbeit »Das Koalitionsrecht der Arbeiter« und schlug die Verwaltungslaufbahn ein (1911 beim Landratsamt im oberschlesischen Neustadt, 1913 als Regierungsassessor im preußischen Handelsministerium in Berlin tätig). Am 1. Weltkrieg nahm K. als Ordonnanzoffizier in Belgien, Frankreich und an der Ostfront teil. 1914 wurde er mit dem Eisernen Kreuz II., 1917 mit dem der I. Klasse ausgezeichnet. Nach der Entlassung aus dem Heeresdienst 1917 erhielt er seine Ernennung zum Landrat des ganz ländlich strukturierten, ärmlichen Kreises Adenau in der Eifel. Kaum zwei Jahre später wurde er zum Landrat des größten preußischen und vornehmlich industriell strukturierten Kreises Recklinghausen ernannt. Der dezidiert katholisch und sozial denkende K. erhielt wegen seiner Kontakte zur Arbeiterschaft bald den Namen »roter Landrat« und zog sich den Boykott rechtsstehender Kreise zu. K. wurde während der Ruhrbesetzung 1923 zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt und kurzzeitig aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Er knüpfte während seiner Zeit in Recklinghausen enge Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus, so zu Abt Ildephons Herwegen von Maria Laach, zu dem Religionsphilosophen P. Erich Przywara und zu Prälat Franz Xaver Münch, dem Generalsekretär des Katholischen Akademikerverbandes, in dessen Zentralvorstand K. gewählt wurde. 1924 erhielt er die Berufung zum Ministerialdirektor und Leiter der Abteilung für Jugend- und Erwerbslosenfürsorge im preußischen Wohlfahrtsministerium und wechselte im Jahre 1926 in das vom Zentrum zu besetzende Amt des Leiters der Polizeiabteilung im preußischen Innenministerium. Dort leitete er u. a. energisch den Kampf der Polizei gegen Ausschreitungen der Nationalsozialisten vor 1933. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde er ins Reichsverkehrsministerium als Leiter der Schiffahrtsabteilung abgeschoben. Seit 1928 war K., der sich eines glänzenden Rufes als Redner erfreute, Leiter der Katholischen Aktion in Berlin und organisierte katholische Großkundgebungen, die sich u. a. gegen antikirchliche und -religiöse Gruppen und Bestrebungen wandten. Den Nationalsozialisten waren vor allem ein Dorn im Auge der Berliner Katholikentag am 25. 6. 1933, die Papstkrönungsfeier am 11.2. 1934 und der Katholikentag im Hoppegarten am 24.6. 1934 mit 60.000 Menschen, deren kirchliches Treuebekenntnis als ausdrückliche Provokation des nationalsozialistischen Regimes gewertet wurde. K. hatte auf diesem Katholikentag eine improvisierte, leidenschaftliche Rede gehalten und wurde sechs Tage später, am 30. Juni 1934, in angeblichem Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch in seinem Dienstzimmer auf Befehl Görings und Heydrichs von der SS heimtückisch erschossen. Der Mord, der sowohl dem für das Regime gefährlichen Katholikenführer als auch dem ehemaligen Leiter der Polizeiabteilung galt, wurde als Selbstmord hingestellt (von Göring in seiner Pressekonferenz nach dem 30.6. aber in entlarvender Weise zu den »bedauerlichen Irrtümern« bei der Aktion gezählt) und rief Erbitterung und Zorn sowie öffentliche Stellungnahmen (Pfarrer Albert Coppenrath, Bischof Clemens August v. Galen von Münster), Interventionen bei Hitler und Göring (Frau Hedwig Klausener, Bischof Nikolaus Bares von Berlin), eine mit Repressalien der Gestapo endende Schadensersatzklage gegen das Deutsche Reich und Preußen (längere Schutzhaft für die Rechtsanwälte Dr. Werner Pünder und Dr. Erich Wedell) und schließlich eine Verschärfung des Kirchenkampfes hervor. - K. war zusammen mit dem ebenfalls am 30.6. 1934 ermordeten Reichsführer der Deutschen Jugendkraft (DJK), Adalbert Probst, der erste katholische Märtyrer unter dem NS-Regime. Ein besonderes Grabdenkmal für ihn verhinderten die Nationalsozialisten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der Kirche Maria Regina Martyrum in Berlin ein Mahnmal für ihn errichtet. Das Staatliche Gymnasium in Adenau trägt seinen Namen. Otto B. Roegele hat jüngst (1988) darauf hingewiesen, daß K. zu den Laien zählt, die ein heiligmäßiges Leben geführt und sich um die deutsche katholische Kirche sehr verdient gemacht haben, und die Frage aufgeworfen, ob K. nicht unter die Kandidaten für eine Seligsprechung durch die katholische Kirche zu zählen sei.
Lit.: Katholisches Kirchenblatt für das Bistum Berlin 30, 1934, Ausg. Nr. 28 vom 15.7. 1934; - Albert Coppenrath, Der westf. Dickkopf am Winterfeldtplatz. Meine Kanzelvermeldungen und Erlebnisse im Dritten Reich, 21948, 42-77; - Hildegard Springer, Es sprach Hans Fritzsche, 1949, 171; - Heinz Kühn, Blutzeugen des Bistums Berlin, 1950; - Annedore Leber, Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933-1945, 1954, 171-173; - Walter Adolph, Zwanzig Jahre später. Zum Gedenken an Erich Klausener, in: Wichmann Jahrbuch 8, 1954, 138-160; - Ders., E. K., 1955; - Robert M. W. Kempner, SS im Kreuzverhör, 1964; - Ders., Mutig und unverblümt. Erinnerungen an Dr. E. K., einen großen Beamten und kämpferischen Katholiken, in: Paulinus. Trierer Bistumsblatt 110, 1984, Ausg. Nr. 27 vom 1.7. 1984, 22; - Friedrich Zipfel, Kirchenkampf in Deutschland 1933-1945. Religionsverfolgung und Selbstbehauptung der Kirchen in der nationalsozialistischen Zeit, 1965, 61-66; - Wolfgang Runge, Politik und Beamtentum im Parteienstaat 1918-1933, 1965, 166; - Stefan Baur, Leben und Wirken des Landrats des ehemaligen Kreises Adenau, des späteren Ministerialdirektors Dr. E. K., in: Heimat-Jahrbuch für den Landkreis Ahrweiler 19 (1962), 54-57; - Ders., E. K., in: Kurzbiographien vom Mittelrhein und Moselland, 1967-75, 123 f.; - Kurt Broicher u. a., Heimatchronik des Kreises Ahrweiler, 1968, 253; - Bernhard Stasiewski (Bearb.), Akten dt. Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945. Bd. I: 1933-1934, 1968, 753-754; - Jakob Rausch, Warum E. K. ermordet wurde, in: Heimatjahrbuch für den Landkreis Ahrweiler 26, (1969), 108; - Lothar Gruchmann, Erlebnisbericht Werner Pünders über die Ermordung K.s am 30. Juni 1934 und ihre Folgen, in: Vierteljahreshefte für Zeitgesch. 19, 1971, 404-431; - Albert Mirgeler, Heinrich Brüning. Briefe und Gespräche 1934-1945, in: Intern. kath. Zeitschrift 4, 1975, 59-75, 169-180 u. Stellungnahme: ebd. 286-288; - Walther Hubatsch (Hrsg.), Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945. Reihe A: Preußen. Bd. 7: Rheinland, bearb. von Rüdiger Schütz, 1978, 100; - Otto B. Roegele, Seligsprechungen. Laien-Gedanken zur Praxis des Pontifikats Johannes Pauls II., in: Intern. kath. Zeitschrift 17, 1988, 41-49, 49; - Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, 1930, 935; - Kosch, Biogr. Staatshandbuch II, 664; - Ulrich Schoe, E. K. (1885-1934), in: Miterbauer des Bistums Berlin. 50 Jahre Geschichte in Charakterbildern. Hrsg. von Wolfgang Knauft, Berlin 1979, 35-54; - LThK 2VI, 321; - NDB XII, 715 f.
Martin Persch
Literaturergänzung:
2001
Tilman Pünder, Erich Klausener (1885-1934), in: J. Aretz/R. Morsey/A. Rauscher (Hrsg.), Zeitgeschichte in Lebensbildern Bd. 10. Münster 2001. 43ff.; -
2010
Georg Möllers und Richard Voigt, Dr. E.K. (1885-1934). Überzeugter Christ - engagierter Demokrat. 4., neu überarb. u. erg. Aufl. Recklinghausen 2010
Letzte Änderung: 11.02.2010