KLEIST-RETZOW, Hans Hugo v.. Geboren wurde er am 25.11. 1814 zu Kieckow
(Kr.Belgard) in Pommern. Er besuchte die Fürstenschule Schulpforta,
ein humanistisches Gymnasium. Von 1835-1838 studierte er an den Universitäten
Berlin und Göttingen Jurisprudenz, war seit dem 24.9. 1838 Asculator
und seit 1840 Kammergerichtsreferendar am Kammergericht Berlin, vom
4.5. 1841 an am Oberlandesgericht Frankfurt/Oder. 1844 wurde er Gerichtsassessor;
am 20.8. 1844 erfolgte seine Ernennung zum Landrat von Belgard. 1848
organisierte er als Führer der hochkonservativen und hochkirchlichen
Richtung der preußischen Konservativen die Generalversammlung des
auf seine und Bismarcks Anregung hin gegründeten »Vereins zur Wahrung
der Interessen der Grundbesitzer und zur Beförderung des Wohlstands
der Volksklassen«, die vom 18.-20.8. 1848 in Berlin stattfand. v.K.-R.
gehörte ebenfalls zu den Mitbegründern der »Neuen Preußischen Zeitung«,
nach dem Eisenernen Kreuz im Titelkopf »Kreuzzeitung« genannt, die
am 10.4. 1848 erfolgte; sie war das Organ der preußischen Konservativen.
Von 1848 bis 1852 war er Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses,
in dem er der äußersten Rechten angehörte. Am 3.7. 1851 erfolgte
seine Berufung zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz. Sie wurde als
personalpolitische Sensation empfunden, da sie nicht nur direkt vom
Landratsamt aus erfolgte, sondern v.K.-R. auch erst 36 Jahre alt war
und keine Kenntnisse von den rheinischen Verhältnissen besaß. Als
Vorkämpfer der Reaktion, als Mitbegründer der Kreuzzeitung, als Protegée
der preußischen Konservativen um v. Gerlach, Stahl und v. Bismarck,
als Vorsitzender des Junkerparlaments, als Angehöriger eines pommerschen
Uradelsgeschlechts, als entschiedener Monarchist und strenger Protestant
galt er den Rheinländern als Repräsentant »eines weltfremden reaktionären
Systems«. Da er sämtliche Eigenschaften des rheinischen Klischeebildes
vom Preußentum verkörperte, stieß er im Rheinland auf entschiedene
Ablehnung. Trotz unbestreitbarer Verdienste um Meliorations- und Kultivierungsprojekte,
um den Wege - und Eisenbahnbau und um die Gewerbeförderung, die er
mit Eifer betrieb, mußte er scheitern, da die Amtsführung des preußisch-protestantischen
Konservativen v.K.-R. auf den entschiedenen Widerstand der weitgehend
katholischen Rheinländer stieß; sie wurde von ihnen quasi als Polizeiregiment
empfunden. Daher erfolgte am 17.11. 1858 seine Versetzung in den
einstweiligen Ruhestand. Sie ist allerdings auch im Zusammenhang mit
dem Beginn der »Neuen Ara«, dem 1858 einsetzenden, doch bereits 1861
durch die Konfliktszeit beendeten gemäßigten liberalen Kurs des preußischen
Prinzregenten Wilhelm zu sehen. - v.K.-R. zog sich auf seine Güter
zurück, blieb aber im Herrenhaus, dem er seit 1858 angehörte und in
dem er die Fraktion Stahl vertrat. Im Verfassungskonflikt an der Seite Bismarcks stehend, brach
er 1872 mit ihm, da er insbesondere dessen Kirchenpolitik ablehnte.
Von 1877 bis 1892 gehörte v.K.-R. dem Reichstag an, und zwar als Mitglied
der Deutschkonservativen, dessen äußerste Rechte er vertrat. Der hochkonservative
Repräsentant des altpreußischen Junkertums v.K.-R. war einer der entschiedensten
Verfechter des Sozialistengesetzes, gleichzeitig jedoch auch einer
auf die Lösung der sozialen Frage gerichteten Sozialpolitik. Sein
kirchenpolitisches Engagement war orientiert an den Vorstellungen
Johann Heinrich Wicherns bzw. der von ihm begründeten Inneren Mission.
v.K.-R. starb am 20.5. 1892 zu Kieckow.
Lit.: H. v. Peters, Kleist-Retzow. Ein Lebensbild (1907);
- A.O. Meyer, Hans von Kleist-Retzow (1814-1892), in. Pommersche
Lebensbilder II (Pommern des 19. und 20.Jahrhunderts), 1936, 122-143;
- ADB, Bd. LI, 191-197; - NDB, Bd. XII, 28 f.; - M. Wehrmann,
Hans-Hugo v.Kleist-Retzow, in: Unser Pommernland 14 (1929), 484 ff.;
- Th. Jungblut, Die altpreußischen höheren Regierungsbeamten und
Landräte in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier 1850 bis 1914
im Rahmen der preußischen Personalpolitik, phil. Diss. Mainz 1989,
32-34.