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Band IV (1992) Spalten 42-45 Autor: Hugo Altmann

KLESL (Cleselius, Khlesl, Klesel), Melchior, Kardinal, * 19.2. 1552 in Wien als Sohn eines lutherischen Bäckermeisters, + 18.9. 1630 in Wiener Neustadt. - Zunächst von evangelischen Lehrern in Wien und in Wels unterrichtet, bezog er mit etwa 14 Jahren die Universität Wien zum Studium der Philosophie. Unter dem Einfluß des Jesuiten Georg Scherer wurde er katholisch, verließ die Universität und trat mit 18 Jahren in das Wiener Jesuitenkolleg ein, wo er Philosophie und Theologie studierte. An die bayerische Universität Ingolstadt übergewechselt, erwarb er dort 1579 den Grad eines Lizentiaten der Theologie. Im gleichen Jahr wurde er in Wien zum Priester geweiht, zum Dompropst von St. Stephan und zum Kanzler der Universität Wien ernannt. Für den niederösterreichischen Teil der Diözese Passau, die sich bis über Wien hinaus erstreckte, wurde er 1580 zum Offizial (kirchlicher Richter), 1581 zum Generalvikar (allgemeiner Vertreter des Bischofs) mit dem Sitz in Wien ernannt. Beide Ämter sowie das des Universitätskanzlers übte er entschlossen und erfolgreich im Sinne der katholischen Reform aus. Auf Grund seiner Rednergabe 1588 Hofprediger, wurde ihm im gleichen Jahr von Kaiser Rudolf II. die Administration (Verwaltung) des Bistums Wiener Neustadt übertragen. Nachdem er 1590 von Kaiser und Papst zum Generalreformator für das Erzherzogtum Österreich ernannt worden war, wirkte er noch intensiver für die Rückgewinnung des Landes für die katholische Kirche; dabei war er kein Fanatiker, sondern legte das Hauptgewicht auf die Überzeugung durch Predigt und Unterricht. 1598 (nach Hammer-Purgstall schon 1595) übertrug ihm der Kaiser auch die Administration des Bistums Wien, doch konnte er das Amt auf Grund politischer Intrigen erst 1602 antreten. - Der Wandel von K., dem Kirchenmann, zu K., dem Politiker, begann im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. So verbrachte er 1590-1601 einen Großteil seiner Zeit als kaiserlicher Geheimer Rat am Hofe Rudolfs II. in Prag. Aber bereits 1598/99 trat er in den Dienst des Kaiserbruders Erzherzog Matthias, der seit 1593 kaiserlicher Statthalter in Österreich war, und wurde bald - vor allem nachdem er 1600 die Ämter des Passauer Offizials und Generalvikars niedergelegt hatte - dessen wichtigster Berater und unterstützte ihn auch im sog. Bruderzwist gegen den Kaiser. Als Matthias dann 1612 selber Kaiser geworden war, ernannte er K. zum Direktor des Geheimen Rates, wodurch sein Einfluß auf die Politik des immer mehr der Passivität verfallenden Matthias noch größer wurde. Dieser neuen Stellung und dem Einfluß seines kaiserlichen Gönners verdankte er es denn auch, daß er 1613 vom Papst, unter Beibehaltung der Administration von Wiener Neustadt, zum Bischof von Wien ernannt wurde (die Bischofsweihe erfolgte 1614). Nachdem die Reichstage von 1608 und 1613 aus konfessionspolitischen Gründen weitgehend gescheitert waren, und insbesondere eine gemeinsame Türkenhilfe aller (d.h. auch der protestantischen) Reichsstände nicht zustandegekommen war, befürwortete K. - der noch 1609 gegen die Religionskonzessionen Matthias' in Österreich protestiert hatte - nunmehr aus realpolitischen Gründen eine Ausgleichspolitik (sog. Komposition), d.h. vor allem konfessionspolitische Zugeständnisse, gegenüber den protestantischen Fürsten. Dadurch machte er sich bei Freund und Feind gleichermaßen unbeliebt bzw. verdächtig - bei den katholischen Reichsständen (in erster Linie Erzherzog Ferdinand III. von Innerösterreich und Herzog Maximilian I. von Bayern), weil er ihnen zu weit ging, bei den protestantischen, weil sie ihm als katholischem Kirchenmann nicht trauten; auch der Papst stand seinem Tun mit Skepsis gegenüber. Trotzdem wurde er, dem 1615 in dem Friedensschluß mit den Türken ein großer außenpolitischer Erfolg beschieden war, im gleichen Jahr auf kaiserlichen Vorschlag vom Papst zum Kardinal ernannt (in petto, 1616 publiziert). Wegen seiner Opposition gegen die Nachfolge (Sukzession) Erzherzog Ferdinands im Reich bzw. weil er zunächst den Ausgleich mit den protestantischen Ständen, dann erst die Regelung der Nachfolgefrage des kinderlosen Matthias wollte, wurde er - zumal er auch nach dem Prager Fenstersturz im Mai 1618 noch zur Verständigung riet - am 20. Juli 1618 auf Befehl des Kaiserbruders Erzherzog Maximilian III. von Tirol und Erzherzog Ferdinands in der Wiener Hofburg verhaftet (die beiden zogen sich damit den Kirchenbann zu) und nach Schloß Ambras bei Innsbruck verbracht. Nachdem der Papst im Sommer 1619 den gegen K. in Wien eröffneten Prozeß an sich gezogen hatte (Kaiser Matthias war bereits im März verstorben), wurde dieser als päpstlicher Gefangener in das abgelegene Kloster Georgenberg bei Schwaz (Tirol) überführt. Im November 1622 erwirkte Papst Gregor XV. seine Überstellung nach Rom, wo er noch ein Jahr lang in der Engelsburg gefangengehalten wurde. Nach weiteren vier Jahren freien Aufenthaltes in Rom, während denen er u.a. an der Papstwahl Urbans VIII. (1623) und an der Einweihung des Petersdomes (1626) teilnahm, konnte er 1627 in die Heimat zurückkehren, wo er sich nur noch kirchlichen Aufgaben in Wien und Wiener Neustadt widmete. - Die Frage, ob K., wäre er nicht verhaftet worden, mit seiner Ausgleichspolitik Erfolg gehabt hätte und so der Dreißigjährige Krieg vermieden worden wäre (wie einige Historiker behaupten), muß m.E. verneint werden.

Lit: Josef Frhr. v. Hammer-Purgstall, Khlesl's, des Cardinals... Leben. Mit der Sammlung von Khlesl's Briefen... und anderen Urkunden..., 4 Bände, 1847-1851 (noch immer unentbehrlich); - Anton Kerschbaumer, Cardinal Klesel..., 1865; - Andreas Räß, Melchior Khlesl..., in: ders., Die Convertiten, II, 1866, 297-337; - Briefe und Akten zur Geschichte des dreißigjährigen Krieges in den Zeiten des vorwaltenden Einflusses der Wittelsbacher, 11 Bände, 1870-1909; - Franz Méštan, Regesten zur Geschichte des Kardinals Melchior Klesl, Bischofs von Wien. 1598-1630, in: Regesten zur Geschichte der Erzdiözese Wien, II: Regesten zur Geschichte der Bischöfe und Erzbischöfe Wiens, 1894, 160-289; - Adalbert Wahl, Compositions- und Successions-Verhandlungen unter Kaiser Matthias während der Jahre 1613-1615. (Diss. Bonn), 1895; - Wilhelm Meier, Compositions- und Successionsverhandlungen... 1615-1618. (Diss. Bonn), 1895; - Viktor Bibl, Briefe Melchior Klesls an Herzog Wilhelm V. von Baiern, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 21, 1900, 640-673; - Johannes Müller, Die Vermittlungspolitik Klesls von 1613 bis 1616 im Lichte des gleichzeitig zwischen Klesl und Zacharias Geizkofler geführten Briefwechsels, in: ebd., 5. Ergänzungsband, 1903, 604-690; - Ant. Kerschbaumer, Kardinal Klesl..., 2., umgearb. Auf., 1905; - Konrad Eubel, Hierarchia catholica medii et recentioris aevi..., IV. von Patritius Gauchat, 1935, 13, 256, 366; - Hans-Günther Erdmann, Melchior Khlesl und die niederösterreichischen Stände, Diss. Wien (masch.), 1948; - Anton Kummerer, Kardinal Khlesls Stellung zur Kirche, Diss. Wien (masch.), 1948; - Rudolf Neck, Österreichs Türkenpolitik unter Melchior Klesl, Diss. Wien (masch.), 1948; - Magdalena Lohn, Melchior Khlesl und die Gegenreformation in Niederösterreich, Diss. Wien (masch.), 1949; - Karl Reimund Müller, Die publizistische Situation z. Z. des Kardinals Khlesl (1553-1630), Diss. Leipzig (masch.), 1949; - Alois Eder, Kardinal Klesl und sein Werk, Diss. Wien, 1950; - Johann Rainer, Der Prozeß gegen Kardinal Klesl, in: Römische Historische Mitteilungen 5, 1961/62, 35-163 (ausführliches Lit.-Verzeichnis); - Ferdinand Krones, Kardinal Melchior Klesl, in: Gestalter der Geschicke Österreichs, 1962; - Joh. Rainer, Kardinal Melchior Klesl (1552-1630). Vom »Generalreformator« zum »Ausgleichspolitiker«, in: Römische Quartalschrift 59, 1964, 14-35; - Monika Berthold, Kardinal Khlesl als Publizist und in der Publizistik seiner Zeit, Diss. Wien (masch.), 1966; - Rud. Neck, Konfessionalismus und Säkularismus in der österreichischen Politik des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Bericht über den neunten österreichischen Historikertag in Linz... vom 5. bis 8. September 1967, 1968; - Franziska Neuer-Landfried, Die Katholische Liga... 1608-1620. (Diss. Mainz), 1968; - Elisabeth Schimka, Die Bibliothek Melchior Klesls, Diss. Wien (masch.), 1968; - Anna Coreth, Melchior Klesl und das päpstliche Alumnat bei den Jesuiten in Wien (1574-1585), in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25, 1972, 341-358; - J. P. Franzl, Studien zur Geschichte des Protestantismus in Wiener Neustadt, Diss. Wien, 1974; - Hugo Altmann, Die Reichspolitik Maximilians I. von Bayern 1613-1618. (Diss. Regensburg, 1975), 1978; - Georg May, Die deutschen Bischöfe angesichts der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts, 1983, 534-537, 542; - Moritz Ritter, in: ADB XVI, 1882, 167-178; - LThK2 VI, 1961, 339-340; - Joh. Rainer, in: NDB XII, 1980, 51-52 (Stand: 1964).

Hugo Altmann

Literaturergänzung:

1993

Heinz Angermeier: Politik, Religion und Reich bei Kardinal Melchior Khlesl - In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung, 110. Band (1993) S. 249-330; -

2008

Rotraud Becker, Die Wiener Nuntiatur um 1630. Spannungen in d. Beziehungen zwischen Kardinal K. u. Nuntius Pallotto, in: Kirchengeschichte - alte und neue Wege. Frankfurt a.M. [u.a.] 2008, S. 215-245.

Letzte Änderung: 16.11.2008