KLETKE, Hermann, Schriftsteller und Publizist, * am 14. März 1813
in Breslau, + am 2. Mai 1886 in Berlin. Der Sohn eines Rechtsanwalts
besuchte das Gymnasium in seiner Heimatstadt, studierte ebendort und
schloß seine Ausbildung mit der Promotion zum Dr. phil ab. 1837 hielt
sich K. in Wien auf, wo er zum Freundeskreis von Nikolaus Lenau gehörte.
Die österreichische Zensur vertieb ihn, und seit 1837 wird K.s Daueraufenthalt
Berlin, wo ihn Eduard Hitzig zunächst in die sog. Montags-Gesellschaft
einführt. Im Jahre 1838 empfiehlt der namhafte Musikkritiker Ludwig
Rellstab K. bei der »Vossischen Zeitung«, und bei diesem wohl wichtigsten
Blatt des Berliner Bürgertums wird K. zunächst Redakteur, seit 1849
zusammen mit Dr. Otto Lindner Gestalter des politischen Hauptteils
der Zeitung. Von 1867-1880 ist K. Chefredakteur der »Vossischen Zeitung«;
danach übergibt er die Leitung an Friedrich Stephany, bleibt aber
bis einen Tag vor seinem Ableben am 2. Mai 1886 nominell Redaktionsmitglied.
In seinen letzten Arbeitsjahren hat sich K. vor allem der Sonntagsbeilage
gewidmet. Schon als Gymnasiast dichtete K. und war gelegentlicher
Mitarbeiter Breslauer Zeitungen. 1836 erschien sein Debütband »Gedichte«,
dem 1862, 1873, 1876 weitere Auflagen folgten, bis 1881 ein Gesamtausgabe
der traditionellen Verse herausgebracht wurde, die sich ihre Modelle
in der Romantik suchte. Als Jugendschriftsteller sorgte K. vor allem
dafür, daß ältere Stoffe der deutschen und der klassischen Dichtung
den jungen Lesern in Prosafassungen wieder zugänglich gemacht wurden.
Vor allem seine Märchensammlungen fanden Beachtung. Mit seinen »Märchen
am Kamin« lieferte er ein Pendant zu der damals erfolgreichsten Märchensammlung
von Richard Volkmann-Leander »Träumereien an französischen Kaminen«
(1871). In der Herderschen Tradition steht K.s Sammlung »Märchensaal
der Völker« (1844/45), die ebenso wie seine Bearbeitung der Rübezahl-Sagen
(1882) regionale Eigenarten der näheren Heimat von K. festhält. Eine
vielsprachige Kulturenmischung war K.s Wunschbild. Als Herausgeber
hat K. vieles und Unterschiedliches auf den Markt gebracht. Ins Gewicht
fielen vor allem seine »Geistliche Blumenlese aus deutschen Dichtern«
(1839), sein »Buch der Reisen« (1852), seine Sammlung von »Natur-
und Sittenbildern« (1861). Von seinen eigenen Versuchen verdienen
auch einige Erzählungen zumindest eine Erwähnung. Das gilt für die
historischen Erzählungen »Die drei Könige von Jerusalem« (1868) und
von »Kreuz und Halbmond« (1868). Für den Tag geschrieben waren die
literaturgeschichtlichen Versuche, K.s »Alexander von Humboldt. Reisen
in Amerika und Asien. Eine Darstellung seiner wichtigsten Forschungen«
(1854-1856), sein »Handbuch zur Geschichte der neueren deutschen Literatur«
(1845). - Als liberaler Denker, als aktiver Gestalter einer öffentlichen
Meinung, für die Kultur und Geschichte neben der Aktualität nicht
zu kurz kamen, war K. ein beliebter Ansprechpartner für viele Berliner
Persönlichkeiten. Vor allem sein langjähriger Kontakt zu Theodor Fontane
ist aufgrund der Herausgabe ihrer Korrespondenz (1969) als Zeitdokument
von Bedeutung. Der Elan der sich ankündigenden Gründerzeit läßt allerdings
auch die Hektik anklingen, die für den Vielbeschäftigten und seinen
äußerst großen Interessenkreis sicherlich ein Problem blieb.
Werke: Gedichte, 1836; Geistliche Blumenlese aus deutschen
Dichtern, 1839; Die Fabeln des 18. und 19. Jahrhunderts, 1841; Märchensaal
aller Völker, 1844/1845; Handbuch zur Geschichte der neueren deutschen
Literatur, 1845; Kinderlieder, 1848; Märchen meiner Großmutter, 1851;
Lied und Spruch. Neue Gedichte, 1853; Deutschlands Dichterinnen, 1854;
Alexander von Humboldt. Reisen in Amerika und Asien. Eine Darstellung
seiner wichtigsten Forschungen, 1854-56; Ein Märchenbuch, 1854; Die
drei Könige von Jerusalem, E., 1868; Kreuz und Halbmond, E., 1868;
Ein neues Märchenbuch, 1869; Märchen am Kamin, 1871; Buntes Leben,
gesammelte Erzählungen für die Jugend 1878; Die Kinderwelt in Märchen
und Liedern, 1881.
Lit.: L. Fränkel, in: ADB, Bd. LI, 213-216, 518; -
K.L. Leimbach: Die deutschen Dichter der Neuzeit und Gegenwart, 1889,
481-490; - Arend Buchholtz: Die Vössische Zeitung. Geschichtlicher
Rückblick auf drei Jahrzehnte, 1904; - H. Sommerfeld: Theodor
Fontane und H.K., in: Zschr. Ver. f.d. Geschichte Berlins 57, 1940;
- Kosch, LL. Bd. 8, Sp. 1319-1320.