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Band IV (1992) Spalten 46-48 Autor: Horst Fassel

KLETKE, Hermann, Schriftsteller und Publizist, * am 14. März 1813 in Breslau, + am 2. Mai 1886 in Berlin. Der Sohn eines Rechtsanwalts besuchte das Gymnasium in seiner Heimatstadt, studierte ebendort und schloß seine Ausbildung mit der Promotion zum Dr. phil ab. 1837 hielt sich K. in Wien auf, wo er zum Freundeskreis von Nikolaus Lenau gehörte. Die österreichische Zensur vertieb ihn, und seit 1837 wird K.s Daueraufenthalt Berlin, wo ihn Eduard Hitzig zunächst in die sog. Montags-Gesellschaft einführt. Im Jahre 1838 empfiehlt der namhafte Musikkritiker Ludwig Rellstab K. bei der »Vossischen Zeitung«, und bei diesem wohl wichtigsten Blatt des Berliner Bürgertums wird K. zunächst Redakteur, seit 1849 zusammen mit Dr. Otto Lindner Gestalter des politischen Hauptteils der Zeitung. Von 1867-1880 ist K. Chefredakteur der »Vossischen Zeitung«; danach übergibt er die Leitung an Friedrich Stephany, bleibt aber bis einen Tag vor seinem Ableben am 2. Mai 1886 nominell Redaktionsmitglied. In seinen letzten Arbeitsjahren hat sich K. vor allem der Sonntagsbeilage gewidmet. Schon als Gymnasiast dichtete K. und war gelegentlicher Mitarbeiter Breslauer Zeitungen. 1836 erschien sein Debütband »Gedichte«, dem 1862, 1873, 1876 weitere Auflagen folgten, bis 1881 ein Gesamtausgabe der traditionellen Verse herausgebracht wurde, die sich ihre Modelle in der Romantik suchte. Als Jugendschriftsteller sorgte K. vor allem dafür, daß ältere Stoffe der deutschen und der klassischen Dichtung den jungen Lesern in Prosafassungen wieder zugänglich gemacht wurden. Vor allem seine Märchensammlungen fanden Beachtung. Mit seinen »Märchen am Kamin« lieferte er ein Pendant zu der damals erfolgreichsten Märchensammlung von Richard Volkmann-Leander »Träumereien an französischen Kaminen« (1871). In der Herderschen Tradition steht K.s Sammlung »Märchensaal der Völker« (1844/45), die ebenso wie seine Bearbeitung der Rübezahl-Sagen (1882) regionale Eigenarten der näheren Heimat von K. festhält. Eine vielsprachige Kulturenmischung war K.s Wunschbild. Als Herausgeber hat K. vieles und Unterschiedliches auf den Markt gebracht. Ins Gewicht fielen vor allem seine »Geistliche Blumenlese aus deutschen Dichtern« (1839), sein »Buch der Reisen« (1852), seine Sammlung von »Natur- und Sittenbildern« (1861). Von seinen eigenen Versuchen verdienen auch einige Erzählungen zumindest eine Erwähnung. Das gilt für die historischen Erzählungen »Die drei Könige von Jerusalem« (1868) und von »Kreuz und Halbmond« (1868). Für den Tag geschrieben waren die literaturgeschichtlichen Versuche, K.s »Alexander von Humboldt. Reisen in Amerika und Asien. Eine Darstellung seiner wichtigsten Forschungen« (1854-1856), sein »Handbuch zur Geschichte der neueren deutschen Literatur« (1845). - Als liberaler Denker, als aktiver Gestalter einer öffentlichen Meinung, für die Kultur und Geschichte neben der Aktualität nicht zu kurz kamen, war K. ein beliebter Ansprechpartner für viele Berliner Persönlichkeiten. Vor allem sein langjähriger Kontakt zu Theodor Fontane ist aufgrund der Herausgabe ihrer Korrespondenz (1969) als Zeitdokument von Bedeutung. Der Elan der sich ankündigenden Gründerzeit läßt allerdings auch die Hektik anklingen, die für den Vielbeschäftigten und seinen äußerst großen Interessenkreis sicherlich ein Problem blieb.

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Werke: Gedichte, 1836; Geistliche Blumenlese aus deutschen Dichtern, 1839; Die Fabeln des 18. und 19. Jahrhunderts, 1841; Märchensaal aller Völker, 1844/1845; Handbuch zur Geschichte der neueren deutschen Literatur, 1845; Kinderlieder, 1848; Märchen meiner Großmutter, 1851; Lied und Spruch. Neue Gedichte, 1853; Deutschlands Dichterinnen, 1854; Alexander von Humboldt. Reisen in Amerika und Asien. Eine Darstellung seiner wichtigsten Forschungen, 1854-56; Ein Märchenbuch, 1854; Die drei Könige von Jerusalem, E., 1868; Kreuz und Halbmond, E., 1868; Ein neues Märchenbuch, 1869; Märchen am Kamin, 1871; Buntes Leben, gesammelte Erzählungen für die Jugend 1878; Die Kinderwelt in Märchen und Liedern, 1881.

Lit.: L. Fränkel, in: ADB, Bd. LI, 213-216, 518; - K.L. Leimbach: Die deutschen Dichter der Neuzeit und Gegenwart, 1889, 481-490; - Arend Buchholtz: Die Vössische Zeitung. Geschichtlicher Rückblick auf drei Jahrzehnte, 1904; - H. Sommerfeld: Theodor Fontane und H.K., in: Zschr. Ver. f.d. Geschichte Berlins 57, 1940; - Kosch, LL. Bd. 8, Sp. 1319-1320.

Horst Fassel

Letzte Änderung: 06.11.2011