KLOSTERMANN, August, evangelischer Theologe (Altes Testament), * 16.5.
1837 in Steinhude (Schaumburg-Lippe), + 11.2. 1915 in Kiel.
- K. studierte von 1855 bis 1858 in Berlin und bei J. Chr. K.
von Hofmann in Erlangen, dessen theologischer Ansatz bei K. später
noch gelegentlich sichtbar war; mehr jedoch wandte sich K. den Texten
zu. Er wirkte von 1859 bis 1864 als Kollaborateur (Gymnasiallehrer)
in Bückeburg und 1864 bis 1868 als Repetent und Privatdozent an der
theologischen Fakultät in Göttingen. Er veröffentlichte in dieser
Zeit Arbeiten zu Texten sowohl des Neuen als auch des Alten Testaments.
Schon hierbei war sein starkes Interesse für die Erforschung alter
Kulturen und Gedanken aufgrund von genauen Textanalysen und Sprachvergleichungen
von Urtext und Übersetzungen zutage getreten. 1868 folgte er einem
Ruf als ordentlicher Professor für Altes Testament an die theologische
Fakultät der Universität Kiel, wo er bis zu seinem Tode blieb. 1885
und 1898 bekleidete er das Amt des Rektors dieser Universität. -
K. vertrat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rahmen der
literarkritischen Forschung am Pentateuch eine selbständige Haltung,
die ihn in manchen Punkten von der herrschenden Auffassung (gegen
Dillmann, Wellhausen u. a.) trennte. So betonte er deutlich das Vorhandensein
eines Mosaischen Grundgesetzes als Kern des Pentateuchs, um den sich
die weiteren Überlieferungen legten. Dabei geht er von II Reg 22 aus,
indem er von diesem Geschehen her zurückfragen kann auf den ursprünglichen
Werdeprozeß des Pentateuchs, aus der Niederschrift von mündlichen
Vorträgen entstanden (Deuteronomium und Grágás, 1900, 20). Auf K.
geht die Erkenntnis von der Sonderstellung der Kapitel Lev 17-26 zurück,
die er als selbständige Quelle H (Heiligkeitsgesetz) nach ihrer Hauptforderung
im Rahmen der priesterlichen Gesetzgebung bezeichnete (1877). -
Seine Textuntersuchungen dehnte er auch auf die historischen Bücher
des Alten Testaments aus. Ein Meisterwerk der Textkritik stellt sein
Kommentar zu den Büchern Samuelis und Könige (1887) dar, bei dem er
in genauester Weise die Septuagintaüberlieferung befragte und für
das Verständnis und die Auslegung fruchtbar machte.
Werke: Vindiciae Lucanae, 1866; Das Markusevangelium nach
seinem Quellenwerthe für die evangelische Geschichte, Göttingen 1867;
Untersuchungen zur alttestamentlichen Theologie, 1868; Die Hoffnung
künftiger Erlösung aus dem Todeszustande bei den Frommen des Alten
Testaments, Gotha 1869; Korrekturen zur bisherigen Erklärung des Römerbriefes,
Gotha 1881; Die Gemüthstimmung des Christen in Röm 5, 1-11, Kiel 1881;
Probleme im Aposteltexte neu erörtert, Gotha 1883; Über deutsche Art
bei Martin Luther, 1884; Die Gottesfurcht als Hauptstück der Weisheit,
Kiel 1885; Die Bücher Samuelis und der Könige ausgelegt, Nördlingen
1887, in: Kurzgefaßter Kommentar zu den heiligen Schriften Alten und
Neuen Testaments sowie zu den Apokryphen. Unter Mitwirkung von K.
herausgegeben von Hermann Strack und Otto Zöckler. A. Altes Testament,
3. Abteilung; Zur Theorie der biblischen Weissagung und zur Charakteristik
des Hebräerbriefes, Nördlingen 1889; Deuterojesaja, hebräisch und
deutsch, 1892; Der Pentateuch, 1. Teil, Leipzig 1893, Neue Folge 1907;
Das chronologische System des P, NKZ 1894; Geschichte des Volkes Israel,
München 1896; Die Heiligtums- und Lagerordnung, NKZ 1897; Ein diplomatischer
Briefwechsel aus dem 2. Jahrtausend vor Christo, Kiel 1898, 2. Auflage
Leipzig 1902; Deuteronomium und Grágás, Kiel 1900; Das deuteronomische
Gesetzbuch, NKZ 1902 f.; Über die Zuverlässigkeit der alttestamentlichen
Berichterstattung, in: Die Bibelfrage in der Gegenwart, Fünf Vorträge
von K. u.a., Berlin 1905, 5-32.
Lit.: RE3 XV 1904, 118-122 passim; - XX, 1908,
331; - Meyers großes Konversationslexikon, 6. Auflage, XI, 1905,
157; - RGG1, III, 1912, 1530 f.; - RGG2, III,
1929, 1097; - DBV Suppl., V, 1957, 188; - EKL Reg., 1961,
577.
Georg Sauer
Letzte Änderung: 06.11.2011