KNECHT, Justin Heinrich, Musikdirektor, Komponist und Musikschriftsteller,
* am 30. September 1752 in Biberach, + am 1. Dezember 1817 ebd.
- K. entstammte einer Musiker- und Lehrerfamilie. Sein Vater,
Kollaborator und Kantor in Biberach, erteilte dem begabten Knaben
den ersten Musikunterricht. Seit 1762 besuchte K. das Alumnat seiner
Heimatstadt, wo der ev.-luth. Musikdirektor Doll und der kath. Organist
Cramer seine weitere musikalische Ausbildung übernahmen. Ein früher
und nachhaltiger Einfluß ging auch von Christoph Martin Wieland (s.d.),
einem Freund der Familie, aus. Er regte K. an, die Musik zu einem
von ihm verfaßten Theaterstück zu schreiben und führte ihn auch in
das Haus des früheren Mainzer Ministers Friedrich Graf Stadion im
nördlich von Biberach gelegenen Warthausen ein. Die von der vorzüglichen
Hauskapelle des Grafen veranstalteten Konzerte vermittelten K. einen
guten Überblick über das zeitgenössische Musikschaffen und förderten
sein ohnehin schon bestehendes Interesse für Musik entscheidend. Zur
weiteren Ausbildung ging er nach dem Besuch der Lateinschule an das
Kollegiatsstift nach Esslingen. Dort bemühten sich der Musikdirektor
G. D. Schmid als Lehrer und Chr. F. D. Schubart als Freund um seine
weitere Entwicklung. Bereits 1771, also im Alter von noch nicht zwanzig
Jahren, wurde K. als Nachfolger seines ehemaligen Lehrers Doll zum
Musikdirektor nach Biberach berufen. Zu seinen Aufgaben gehörten das
Wirken als Organist und Lehrer, die Leitung von Aufführungen am Theater
und Veranstaltungen von Konzerten. In seinem Bemühen, das Musikleben
seiner Heimatstadt zu fördern, komponierte K. eine Reihe von Singspielen
und Opern. Darunter verdient die 1787 enstandene Bearbeitung der »Entführung
aus dem Serail« als interessante Parallele zu Mozarts fünf Jahre zuvor
aufgeführter bekannter Fassung besondere Erwähnung. Den von K. geleiteten
Konzerten kommt ebenfalls eine bestimmte Bedeutung zu. Für das Publikum
hat er, damals noch ungewöhnlich, kurze Erläuterungen zu den gespielten
Werken verfaßt. Im Jahre 1792 wurde er vom Lehramt befreit und konnte
sich zunehmend um sein eigenes Schaffen bemühen. Trotzdem empfand
er das musikalische Leben in Biberach als für ihn unzureichend und
drückend und er versuchte, von dort fortzukommen. Im Jahre 1806 gelang
es ihm schließlich, zweiter Musikdirektor am Stuttgarter Hof zu werden.
Diese Stellung mußte er aber aus weiter nicht bekannten Gründen schon
1808 wieder aufgeben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte K. wieder
in Biberach, seit 1814 durch einen Schlaganfall in seinem Schaffen
erheblich behindert. - Als Komponist steht K. in der Tradition
von Abbé Vogler und Johann Adam Hiller. Von Vogler hat er sich zur Komposition
von Werken mit programmatischer Absicht beeinflussen lassen, so z.B.
zu seiner Sinfonie »Portrait de la nature«, die später als Vorbild
zu Beethovens Pastoralsinfonie gerühmt wurde. Von Hiller dagegen übernahm
er die Form des dt. Singspiels. Die eigentliche Bedeutung K.s liegt
aber in seinem kirchenmusikalischen Schaffen und in seinem erzieherischen
Wirken. Als Kirchenmusiker hat er sich v.a. durch sein 1799 zum ersten
Mal erschienenes »Choralbuch für Württemberg« einen Namen gemacht.
Doch verdienen auch die Vertonungen von Psalmen und die zahlreichen
für den praktischen Gebrauch im Gottesdienst bestimmten Orgelstücke
Aufmerksamkeit. Sein Wirken als Lehrer wird durch die zu seiner Zeit
weit verbreiteten Unterrichtswerke für Klavier und Orgel erkennbar.
In die gleiche Richtung wies auch sein musiktheoretisches Schaffen.
Besonders erwähnenswert ist hier sein »Elementarwerk der Harmonielehre«.
Werke: 1. Kompositionen: Diverses Dances pour pianoforte
ou flûte & guitarre ad libitum, ca. 1780; Wechselgesang der Mirjam
und Debora, aus dem zehnten Gesange der Klopstokkischen Messiade,
1781; Neue Kirchenmusik, bestehend in dem drey und zwanzigsten Psalm,
mit vier Singstimmen, Orgel und einer willkührlichen Begleitung von
verschiedenen Instrumenten, 1783; Le portrait musical de la nature,
ou grande simphonie, 1784; Die 15., 16., 25. u. 26. Stanze des VIII.
Gesangs aus Wielands Oberon, f. Klavier, 1785; XII Variations pour
le clavecin ou pianoforte, 1785; Der Sechste Psalm Davids, nach Moses
Mendelssohns Uebersezzung, mit vier wesentlichen Singstimmen, Orgel
oder Clavicembal und Bässen, in einer abwechselnden Begleitung ...
gesezt, 1787; Religiöse Gesänge f. 4 Singstimmen, 2 Violinen und Orgel,
1788; Gesang zur Hl. Dreifaltigkeit, f. 1 Singstimme und Orgel, 1789;
3 leichte Duos f. 2 f.löten, 1791; Der 1. Psalm Davids, f. 1 Singstimme
und Orgel, in: Musikalische Realzeitung, 1791, 77; Magnificat, in:
Musikalische Realzeitung, 1792, 55; Sonate pour clavecin, violon et
violoncelle, 1792; Die durch ein Donnerwetter unterbrochne Hirtenwonne.
Eine musikalische Schilderung auf der Orgel, 1794; Hymne à Dieu, cantate
solenelle, f. 4 Singstimmen, 2 Violinen, Alt und Orgel, 1798; Hymnus,
Te Deum laudamus, octo vocibus humanis, in duos choros nunc alternantes,
nunc concertantes distributis, et sedecim instrumentis musicis canendus,
modos praescripsit, versionem germanicam addidit, 1801; IV Sonatines
pour le piano-forte, op. 6, 1802. - 2. Theoretische Schriften
und Unterrichtswerke: Erklärungen einiger von einem Rechtsgelehrten
A. in Erlangen angetasteten, aber mißverstandenen Grundsätze aus der
Voglerschen Theorie, 1785; Neue vollständige Sammlung aller Arten
von Vor- und Nachspielen, Fantasien, Versetten, Fugetten und Fugen.
Für geübtere und ungeübtere Klavier- und Orgelspieler, 1791 (-1800);
Gemeinnützliches Elementarwerk der Harmonie und des Generalbasses,
4 Bde., 1792. 1793. 1794. 1798; Neunzig kurze und leichte neue
Orgelstücke, bestehend aus Vorspielen, angenehmen Stücken, und Versetten,
durch die gebräuchlichste sowohl harte als weiche Tonarten, in der
Manier des berühmten Herrn Abt Voglers gesetzt, 1794; Kleines alphabetisches
Wörterbuch der vornehmsten und interessanten Artikel aus der musikalischen
Theorie, 1795; Vollständige Orgelschule für Anfänger und Geübtere,
3 Bde., 1795. 1796. 1798; Orgelstücke für Anfänger und Geübtere,
1. Heft, 1796; Vollständige Sammlung 4-st. Choralmelodien für das
neue wirtembergische Land-Gesangbuch (gemeinsam mit Christmann), 1799;
Kleine Clavierschule für die ersten Anfänger, worin die Anfangsgründe
sowohl der Musik überhaupt, als der Clavierspielens insbesondere auf
eine fassliche Weise gelehrt wird, 1. Teil (Theorie), 1800. 2. Teil
(Praxis), 1802; XLVIII Klavier-Vorspiele. Durch alle harte und weiche
Tonarten mit hin und wider angemerkten Fingersatze für Anfänger und
Geübtere, 1802; Allgemeiner musikalischer Katechismus oder kurzer Inbegriff der allgemeinen Musiklehre zum Behufe
der Musiklehrer und ihrer Zöglinge, 1803 (bis 1824 f. Auflagen!);
Kleine und leichte Übungsstücke zum Clavierspielen für den ersten
Anfänger, 1814/15; Luthers Verdienste um Musik und Poesie, 1817; Cäcilia.
Ein periodisches Werk für angehende und geübtere Orgelspieler. 3 Lieferungen,
1822; Bewährtes Methodenbuch beim ersten Clavierunterricht mit 50
Notentafeln, 1825; Theoretisch-praktische Generalbass-Schule, welche
in 90 Notentafeln nebst allen Intervallen, alle möglichen Accorde,
die verschiedenen Übergänge und das Ineinanderweben der Töne durch
alle gebräuchlichen Dur- und Moll-Tonarten enthält, 1825. - 3.
Unveröffentlichte Werke: a. Opern, Singspiele, u.ä.: Die treuen Köhler,
1772; Die Entführung aus dem Serail, 1787; Der Erntekranz, 1788; Der
Schulz im Dorf, 1789; Der Musenchor, 1791; Der lahme Husar, 1797;
Die Aeolsharfe, 1807; Fedora, 1812. b. Sonstiges: Magnificat, 1791;
Biberachisches Gesangbuch 4-st., 1802; Hymnen nach Texten von Wessenberg,
1810. 4. Werkverz.: FétisB V, 61-64; EitnerQ V, 390-392; RISM V,
57-59.
Lit.: Würdigung, in: Musikalische Realzeitung, 1790, Nr.
7; - E. Kauffmann, JHK, 1892; - Max Puttmann, JHK. Ein Gedenkblatt
zu seinem 150. Geb., in: Mk I, 1902, 2147 f; - Ders., JHK, in:
Bll. f. Haus- und Kirchenmusik, 1902, Nr. 12; - Max Vancsa, Zur
Gesch. d. Programmusik I, in: Mk II/23, 1903, 331. 333; - W.
Preibisch, Quellenstudien zu Mozarts Entführung aus dem Serail, in:
SIMG X, 1908, 430 ff.; - Otto Klauwell, Gesch. d. Programmusik
von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, 1910, 88; - A. Bopp, JHK.
Ein Bild seines Lebens und Schaffens, 1917; -- Ders., Das Musikleben
der freien Reichsstadt Biberach, 1930; - Adolf Sandberger, Zu
den gesch. Voraussetzungen der Pastoralsymphonie, in: Ausgewählte
Aufsätze zur MG II, 1924, 154. 170 f. 190 ff.; - Friedrich Blume,
Die ev. Kirchenmusik, 1931, 161; - Hans Joachim Moser, Die Musik
der dt. Stämme, 1957, 714 f; - Georg Schenk, JHK. Familie und
Vorfahren, in: Genealogie. Dt. Zeitschr. f. Familienkunde XI, 1973,
625-633; - E. Stiefel, JHK - schwäbischer Komponist und Musikgelehrter,
in: Schwäbische Heimat. Zeitschr. zur Pflege von Landschaft, Volkstum,
Kultur XXV, 1974, 197-200; - RE3 XIV, 435; - Riemann
I, 938 f; - MGG VII, 1266-1268; - ADB XVI, 278 f.