KNUD LAVARD, Jarl in Schleswig, Sohn des dänischen Königs Erich, *
1096, + 1131 bei Haraldstedt nahe Ringstedt. - Da K. bei dem
Tod seines Vaters im Jahr 1103 noch minderjährig war, erhielt sein
Onkel Niels die Nachfolge im Reich. K., dem keine besonderen Aufgaben
zugeteilt werden, ging an den Hof des Herzogs von Sachsen, Lothar
von Supplinburg, dem späteren deutschen König. Diese Jahre legten
den Grundstein für ein gutes Verhältnis und ein später fruchtbares
Miteinander zwischen K. und Lothar. Um 1115 wurde K. angesichts der
Slawengefahr von seiner Familie in der Funktion des Jarl (gleichen
sprachgeschichtlichen Ursprung wie engl. »earl«) von Schleswig an
die Grenze des dänischen Territoriums bestimmt, besaß fortan als eine
Art Markgraf die Kommandogewalt am Dannewerk und beendete erfolgreich
die Einfälle der Abotriten. Der dänische Chronist Saxo Grammaticus
faßte die Bestellung mit der Präfektur von Schleswig als eine Art
Abfindung auf, womit K. auf Anspruch bezüglich der Krone seines Onkels
verzichtete. Innerhalb seines neuen Wirkungsbereiches zeichnete K.
sich nun durch weitreichende Aktivitäten aus. Da er die große Bedeutung
des andernorts aufblühenden Handels erkannt hatte, förderte er diesen
entschieden, indem er die Kaufleute in seinen Schutz nahm, Handelswege
sicherte, städtische Befestigungsanlagen bauen ließ und die planmäßige
Befriedung des Landes vorantrieb. Hierbei nutzte er die Erfahrungen
der Jahre am Hofe Lothars und übernahm das Beispiel der unter handelspolitischen
Gesichtspunkten geschaffenen Verwaltungsformen des sächsischen Reiches
in den nordischen Bezirk. Zur Festigung seiner Politik wurde Knud,
wie die Seeländischen Chronik für das Jahr 1130 überliefert, nicht
nur Mitglied einer Kaufmannsgilde, sondern fungierte sogar Ältermann
und Schutzherr derselben. Im kirchlichen Bereich wurde er mittels
der Unterstützung Vicelins, der Wiederherstellung einer Kirche in
Alt-Lübeck und der Förderung der Mönche in Vicelins Kloster Faldera
(Neumünster) tätig. Durch diesen breiten Maßnahmenskatalog gelang
es Knud, von ursprünglich schmaler Machtgrundlage aus zu Eigenherrschaft
zu kommen. Gefestigt wurde seine Macht durch die Begabung mit dem
Königtum der Abotriten um 1128/29 durch König Lothar III., unter dessen
Schutz K. als dessen Lehnsmann fortan stehen sollte. Entsprechend
trat K. 1129/30 auf dem Reichstag zu Schleswig gegenüber seinem Onkel
als gleichberechtigter Herrscher auf und verweigerte ihm die schuldige
Ehrerbietung. Zwar wurde diese feindliche Spannung beglichen, doch
nährte der Machtzuwachs K.s, der seine Chancen als Thronfolger vermehrte,
den Groll seines Vetters Magnus. Dieser wollte die eigene Thronfolge
zu seines Vaters Lebzeiten gesichert sehen und verbündete sich u.a.
mit Heinrich Skadelaar, einem weiteren Vetter K.s, um K. am 7.1.1131
schließlich auf Seeland, in der Nähe von Ringstedt, wo gemeinschaftlich
das Weihnachtsfest gefeiert wurde, zu erschlagen. Der erboßte dt.
König verlangte und erhielt zur Sühne für den Mord eine Buße und feierliche
Huldigung des dänischen Prinzen. Weitere Eingriffe von seiten Lothars
wendete Magnus dadurch ab, daß er 1134 auf einem Hoftag von Halberstadt
dessen Lehnsmann wurde und ihm seine Reich zu Lehen gab. Trotz dieses
geschickten Schachzugs fiel Magnus jedoch im Kampf gegen Erich, der
damit seinen älteren Bruder rächte. König Niels wurde in Schleswig
von den Kaufgildemitgliedern erschlagen, die damit ihren Oldermann
rächten. Erich begann nun - zur Rechtfertigung des Thronkampfes oder
Festigung der Königsfolge - planvoll einen Heiligenkult für seinen
Bruder zu begründen. Er stiftete 1135 zu dessen Andenken in Ringstedt
ein Kloster, wo der Mönch Robert von Ely eine leider nur noch in Exerpten
erhaltene dreibändige Vita des zukünftigen Heiligen abfaßte. In der
Heiligentradition des Olaf von Norwegen und Knud IV. von Dänemark
wurde K. in Anlehnung an deren Viten als rex iustus, Förderer wie
Schützer der Kirche sowie als Verteidiger gegen die heidnischen Wenden
und Märtyrer verehrt und 1169 von der Kirche heilig gesprochen. Zu
Kultzwecken wurde im Auftrag König Waldemars, dem Sohn K.s, nun auch
eine kurze Vita Kanuti abgefaßt, die das historische Leben K.s mit
hagiographischen Motiven ergänzte. In späteren Quellen über K. gehen
hagiographische Züge dann eher zurück. Den Beinamen Lavard erhielt
Knud in der Knytlingasaga (Kap. 85), die von ihm erzählt; er bedeutet
Herr und entspricht dem engl. Lord. Die durch Waldemar beim Papst
erwirkte Translation der Reliquien am 25.6.1170 machte das Kloster
zum Pilgerzentrum und Hauskloster der Königsfamilie. Hier wurde nun
auch ein Verzeichnis über die Wunder des Heiligen angelegt, wo vor
allem Krankenheilungen an Blinden, Stummen und Lahmen aufgeführt wurden.
Die Kultstätte wurde zum Zentrum für die Kaufmannsgilden der neugegründeten
dänischen Städte. Nachdem sich die Schleswiger Gilde zum Gedenken
an K. nach ihm benannt hatte, standen die Knudsgilden fortan unter
dem Schutz der dänischen Könige, welche als Nachkommen des Gildeheiligen
stets selbst Gildemitglieder waren.
Lit.: Georg Waitz (Hrsg.), Vita Canuti ducis (Abhandl.
der Göttinger Societät der Wiss.), 1858; - Usinger (Hrsg.), Vita
Canuti ducis (Qsmlg. d. Ges. f. Schleswig-Holstein-Lauenburgische
Geschichte IV); - Hermann Reich, Knud Lavard, Herzog von Schleswig.
In: Jbb f.d. Landeskunde der Herzogthümer Schleswig, Holstein und
Lauenburg X, 1869, 203-254; - Paul Hasse, Das Schleswiger Stadtrecht,
Kiel 1880, 113-119;- Hans Olrik, Knud Lavards Liv og Gaerning, Kopenhagen
1888; - Horst Windmann, Schleswig als Territorium (Qu. u. Forsch.
z. Gesch. Schleswig-Holsteins XXX), 1954, 19-50; - Tue Gad, Legenden
in dansk Middelalder, Kopenhagen 1961, 162 ff.; - Alfred Otto,
Knud Lavard. In: Catholica XXVII, 1970, 54 ff.; - Erich Hoffmann,
Die heiligen Könige bei den Angelsachsen und den skandinavischen Völkern
(Qu. u. Forsch. z. Gesch. Schleswig-Holsteins LXIX) 1975, bes. 139-175;
- Ders., Königserhebung und Thronfolge in Dänemark bis zum Ausgang
des Mittelalters (Beitrr. zur Gesch. u. Quellenk. d. MA V), Berlin
1976, bes. 67-81; - Ders., Beiträge zur Geschichte der Stadt Schleswig
und des westlichen Ostseeraums im 12. und 13. Jh. In: Zs. d. Ges.
f. Schleswig-Holsteinische Gesch. CV, 1980, 27-76, bes. 32-40; -
Ders., Knutsgilde und Königshaus. In: Stadtherrschaft und Bürgertum,
S.7 f.; - Walther Lammers, Das Hochmittelalter bis zur Schlacht
von Bornhöved. In: Gesch. Schleswig-Holsteins IV,1, 1981, 237-51;
- Tore S. Nyberg, Die Kirche in Skandinavien (Beitrr. z. Gesch.
u. Qkde. d. MA X) Sigmaringen 1986; - ADB XVI, 328-330.