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Band IV (1992) Spalten 203-206 Autor: Jörg Metzinger

KOCH, David, ev. Theologe, Pfarrer, Kunsthistoriker, Schriftsteller und unermüdlicher Streiter für kirchliche Volkskunst, * 6.4. 1869 in Ulm, + 17.5. 1920 in Stuttgart. - K., Sohn eines (später geisteskranken) Kaufmanns, will eigentlich Maler werden, verzichtet darauf aber auf Wunsch der Mutter. Er besucht zunächst das Ulmer Gymnasium sowie die Klosterschulen von Maulbronn und Blaubeuren, studiert dann an den Universitäten Tübingen und Berlin Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte; es prägen ihn Hermann Grimm und Adolf Harnack (im Roman »Die Sonnenbrüder« greift K. dessen Idee eines protestantischen Mönchtums auf). Nach wechselnder Verwendung ab 1895 in Biberach und Bietigheim und der Heirat mit Emma Nusser-Wieland 1897 (fünf Kinder werden in der Folgezeit geboren) tritt K. im Jahr 1900 eine Pfarrstelle in Unterbalzheim a.d. Iller an. Die Gemeinde Balzheim verleiht ihm wegen seiner sozialen Verdienste das Ehrenbürgerrecht. K. beginnt hier mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit und knüpft erste Kontakte zu Künstlern, v.a. zum Maler Wilhelm Steinhausen, woraus 1902 K.s erste Monographie erwächst. K. übernimmt 1903 das »Christliche Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus« als Herausgeber (von 1904 bis zu dessen Einstellung 1919 infolge Verlagsschwierigkeiten); unter seiner Regie wird das Kunstblatt zu einer maßgeblichen Stimme in der zeitgenössischen Diskussion um kirchliche Kunst und Volkskunst. K. scheut nicht harte Auseinandersetzungen, so 1906 mit Friedrich Naumann in der Zeitschrift »Die Hilfe« wegen dessen Eintreten für die »Orientmalerei«, d.h. die historisch korrekte Darstellung Jesu und seiner Umwelt, dem K. das Bild eines deutschen Christus entgegenstellt. Seinem Engagement zollt die Heidelberger Fakultät Respekt und ernennt ihn 1909 zum Dr. theol. h.c., nachdem die philosophische Fakultät die Steinhausen-Monographie als Dissertation ablehnte. Das Jahr 1910 beginnt für K. mit Erfolgen: er gründet den »Bund der Freunde der Volkskunst« (eng verbunden mit dem Richard Keutel Verlag Stuttgart) und eine daran angeschlossene Beratungsstelle für kirchliche Kunstfragen, initiiert auch zwei große konstituierende Tagungen für religiöse Volkskunst in Chemnitz (für Sachsen) und Saarbrücken (für das Rheinland). Im Winter desselben Jahres dann eine herbe Enttäuschung: Es scheitert der Versuch, an der Berliner Universität über eine vom Oberkirchenrat und dem Kultusministerium neugeschaffene Stelle beim »Verein für religiöse Kunst in der evangelischen Kirche Preußens« Fuß zu fassen; K. tritt nach wenigen Monaten zurück. Auch muß er 1910 f. in der sog. »Burnand-Debatte« (Eugène Burnand, ein von K. favorisierter elsässischer Künstler) heftige Kritik einstecken. 1912 bis zu seinem 1917 aus gesundheitlichen Gründen erzwungenen Ruhestand ist K. Stadtpfarrer an der (Heslacher) Matthäuskirche in Stuttgart. In der Weltkriegszeit beginnt K. verstärkt, seine lyrischen und dramatischen Versuche zu publizieren (z.B. viele Gedichte in »Der Hilfe«, deren Mitarbeiter K. über lange Jahre war); sein Drama »Luther« wird zum Reformationsjubiläum 1917 am Stuttgarter Hoftheater uraufgeführt. Ein wohl als Zusammenbruch zu bezeichnender Vorfall im vorletzten Kriegsjahr (Gradmann spricht von einem »Nervenleiden«) zwingt den erst 48jährigen, das Pfarramt zunächst vorübergehend, dann auf Dauer aufzugeben. Der für den national Denkenden schmachvolle Ausgang des Krieges sowie das unrühmliche Ende seines Kunstblattes mögen dazu beigetragen haben, daß K. sich nicht mehr erholt: er stirbt 1920 im Alter von 51 Jahren. Der Roman »Paulus« und das Drama »Hiob«, weit fortgeschritten, bleiben unvollendet. Auch eine lange geplante »Lehre von der religiösen Volkskunst«, auf Konrad Langes »Wesen der Kunst« fußend, kommt über die Prolegomena nicht hinaus. - K.s bleibender Verdienst ist sein unermüdlicher und streitbarer Einsatz für von ihm als qualitätvoll erachtete Kunst seiner Zeit im kirchlichen Raum, die Sammlung gleichgesinnter Kräfte und deren Institutionalisierung. Soziales Engagement und Einsatz für qualitätvolle Kunst treffen sich in K.s Mühen im Bereich der Kunsterziehung, d.h., sein Adressatenkreis beschränkte sich nicht auf ein sog. »Bildungsbürgertum«: Sein Ziel war »Volkskunst«, die er mit Konfirmandenscheinen und preiswerten Drucken zu fördern suchte. Nationale bis chauvinistische und gelegentlich auch rassistische Töne (v.a. während des I. Weltkriegs) teilt K. mit einer ganzen Pfarrergeneration. Seine streng naturalistische Kunstauffassung versperrt ihm den Zugang zu den neuen expressionistischen Kunstströmungen. K.s eigene künstlerische Versuche zeigen mehr die schöpferische Kraft dieses Mannes als eine herausragende Begabung, eine Kraft, mit der er letztlich wohl zu verschwenderisch umgegangen ist.

Werke: Die christliche Kunst des 19. Jahrhunderts, in: Eugen Gradmann: Geschichte der christlichen Kunst, hrsg. v. Calwer Verlagsverein, Stuttgart 1902, 587-604 (ohne Namensnennung); Wilhelm Steinhausen, Ein deutscher Künstler, Heilbronn 1902 (19042); Ludwig Richter, Ein Künstler für das deutsche Volk, Stuttgart 1903; Peter Cornelius, Ein deutscher Maler, Stuttgart 1905; Theodor Schüz, Ein Maler für das deutsche Volk, Stuttgart 1905 (umgearb. 19082); Erste Flugschrift des Volkskunstbundes, Probleme theologischer und künstlerischer Schriftauslegung, Stuttgart 1911; Art. Kunst IV. Christliche Kunst im 19. Jhd. bis zur Gegenwart, in: RGG III, 1912, Sp. 1865-1898; Luther, Ein deutsches Schauspiel, In 5 Akten, Stuttgart 1917; Das neue Reich, Roman aus dem Lukas Cranach Haus, Stuttgart 19l8; Der Orden der Sonnenbrüder, Roman, Stuttgart 1919. - Gab heraus: Eduard von Gebhardt, Album religiöser Kunst I, München 1910; - Deutsche Meister christlicher Kunst, 1. Serie, Berlin 1910; - Eugène Burnand, Album religiöser Kunst II, Stuttgart 1910; - Die Gleichnisse Jesu, Illustriert v. Eugène Burnand, Stuttgart 1911 (19183); - Ludwig Richter, Album religiöser Kunst III, München 1911; - Stille zu Gott! Ein Trostbuch für Kriegsleidtragende, Stuttgart 1916 (Sämann-Bücher Bd. 14); - Bilderbuch aus Luthers Zeit, Stuttgart 1917.

Lit.: Karl Kühner, D. K. +, in: Evangelische Freiheit 20, 1920, 225; - Ders.: D. K. +, in: Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst 25, 1920, 184; - Ders., D. K. +, in: Christliche Welt 34, 1920, Sp. 447; - Ders., Ein Organisator religiöser Volkskunst, in: Die Hilfe 27, 1921, 90 f.; - Karl Röhrig, Max Klinger D. K. +, in: Religiöse Kunst 17, 1920, 61 f.; - Wilhelm Schubring, D. K. , in: Religiöse Kunst 17, 1920, 94-97; - Eugen Gradmann, D. D. K. , Stadtpfarrer a. D., Kunstschriftsteller, in: Württembergischer Nekrolog für die Jahre 1920 und 1921, Hrsg. v. Karl Weller, Viktor Ernst und Otto Leuze, 1928, 66-72.

Jörg Metzinger

Letzte Änderung: 09.06.1998