KOCH, David, ev. Theologe, Pfarrer, Kunsthistoriker, Schriftsteller
und unermüdlicher Streiter für kirchliche Volkskunst, * 6.4. 1869
in Ulm, + 17.5. 1920 in Stuttgart. - K., Sohn eines (später
geisteskranken) Kaufmanns, will eigentlich Maler werden, verzichtet
darauf aber auf Wunsch der Mutter. Er besucht zunächst das Ulmer Gymnasium
sowie die Klosterschulen von Maulbronn und Blaubeuren, studiert dann
an den Universitäten Tübingen und Berlin Theologie, Philosophie und
Kunstgeschichte; es prägen ihn Hermann Grimm und Adolf Harnack (im
Roman »Die Sonnenbrüder« greift K. dessen Idee eines protestantischen
Mönchtums auf). Nach wechselnder Verwendung ab 1895 in Biberach und
Bietigheim und der Heirat mit Emma Nusser-Wieland 1897 (fünf Kinder
werden in der Folgezeit geboren) tritt K. im Jahr 1900 eine Pfarrstelle
in Unterbalzheim a.d. Iller an. Die Gemeinde Balzheim verleiht ihm
wegen seiner sozialen Verdienste das Ehrenbürgerrecht. K. beginnt
hier mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit und knüpft erste Kontakte
zu Künstlern, v.a. zum Maler Wilhelm Steinhausen, woraus 1902 K.s
erste Monographie erwächst. K. übernimmt 1903 das »Christliche Kunstblatt
für Kirche, Schule und Haus« als Herausgeber (von 1904 bis zu dessen
Einstellung 1919 infolge Verlagsschwierigkeiten); unter seiner Regie
wird das Kunstblatt zu einer maßgeblichen Stimme in der zeitgenössischen
Diskussion um kirchliche Kunst und Volkskunst. K. scheut nicht harte
Auseinandersetzungen, so 1906 mit Friedrich Naumann in der Zeitschrift
»Die Hilfe« wegen dessen Eintreten für die »Orientmalerei«, d.h. die
historisch korrekte Darstellung Jesu und seiner Umwelt, dem K. das
Bild eines deutschen Christus entgegenstellt. Seinem Engagement zollt
die Heidelberger Fakultät Respekt und ernennt ihn 1909 zum Dr. theol.
h.c., nachdem die philosophische Fakultät die Steinhausen-Monographie
als Dissertation ablehnte. Das Jahr 1910 beginnt für K. mit Erfolgen:
er gründet den »Bund der Freunde der Volkskunst« (eng verbunden mit
dem Richard Keutel Verlag Stuttgart) und eine daran angeschlossene
Beratungsstelle für kirchliche Kunstfragen, initiiert auch zwei große
konstituierende Tagungen für religiöse Volkskunst in Chemnitz (für
Sachsen) und Saarbrücken (für das Rheinland). Im Winter desselben
Jahres dann eine herbe Enttäuschung: Es scheitert der Versuch, an
der Berliner Universität über eine vom Oberkirchenrat und dem Kultusministerium
neugeschaffene Stelle beim »Verein für religiöse Kunst in der evangelischen
Kirche Preußens« Fuß zu fassen; K. tritt nach wenigen Monaten zurück.
Auch muß er 1910 f. in der sog. »Burnand-Debatte« (Eugène Burnand,
ein von K. favorisierter elsässischer Künstler) heftige Kritik einstecken.
1912 bis zu seinem 1917 aus gesundheitlichen Gründen erzwungenen Ruhestand
ist K. Stadtpfarrer an der (Heslacher) Matthäuskirche in Stuttgart.
In der Weltkriegszeit beginnt K. verstärkt, seine lyrischen und dramatischen
Versuche zu publizieren (z.B. viele Gedichte in »Der Hilfe«, deren
Mitarbeiter K. über lange Jahre war); sein Drama »Luther« wird zum
Reformationsjubiläum 1917 am Stuttgarter Hoftheater uraufgeführt.
Ein wohl als Zusammenbruch zu bezeichnender Vorfall im vorletzten
Kriegsjahr (Gradmann spricht von einem »Nervenleiden«) zwingt den
erst 48jährigen, das Pfarramt zunächst vorübergehend, dann auf Dauer
aufzugeben. Der für den national Denkenden schmachvolle Ausgang des
Krieges sowie das unrühmliche Ende seines Kunstblattes mögen dazu
beigetragen haben, daß K. sich nicht mehr erholt: er stirbt 1920 im
Alter von 51 Jahren. Der Roman »Paulus« und das Drama »Hiob«, weit
fortgeschritten, bleiben unvollendet. Auch eine lange geplante »Lehre
von der religiösen Volkskunst«, auf Konrad Langes »Wesen der Kunst« fußend, kommt über die Prolegomena nicht hinaus. - K.s
bleibender Verdienst ist sein unermüdlicher und streitbarer Einsatz
für von ihm als qualitätvoll erachtete Kunst seiner Zeit im kirchlichen
Raum, die Sammlung gleichgesinnter Kräfte und deren Institutionalisierung.
Soziales Engagement und Einsatz für qualitätvolle Kunst treffen sich
in K.s Mühen im Bereich der Kunsterziehung, d.h., sein Adressatenkreis
beschränkte sich nicht auf ein sog. »Bildungsbürgertum«: Sein Ziel
war »Volkskunst«, die er mit Konfirmandenscheinen und preiswerten
Drucken zu fördern suchte. Nationale bis chauvinistische und gelegentlich
auch rassistische Töne (v.a. während des I. Weltkriegs) teilt K. mit
einer ganzen Pfarrergeneration. Seine streng naturalistische Kunstauffassung
versperrt ihm den Zugang zu den neuen expressionistischen Kunstströmungen.
K.s eigene künstlerische Versuche zeigen mehr die schöpferische Kraft
dieses Mannes als eine herausragende Begabung, eine Kraft, mit der
er letztlich wohl zu verschwenderisch umgegangen ist.
Werke: Die christliche Kunst des 19. Jahrhunderts, in:
Eugen Gradmann: Geschichte der christlichen Kunst, hrsg. v. Calwer
Verlagsverein, Stuttgart 1902, 587-604 (ohne Namensnennung); Wilhelm
Steinhausen, Ein deutscher Künstler, Heilbronn 1902 (19042);
Ludwig Richter, Ein Künstler für das deutsche Volk, Stuttgart 1903;
Peter Cornelius, Ein deutscher Maler, Stuttgart 1905; Theodor Schüz,
Ein Maler für das deutsche Volk, Stuttgart 1905 (umgearb. 19082);
Erste Flugschrift des Volkskunstbundes, Probleme theologischer und
künstlerischer Schriftauslegung, Stuttgart 1911; Art. Kunst IV. Christliche
Kunst im 19. Jhd. bis zur Gegenwart, in: RGG III, 1912, Sp. 1865-1898;
Luther, Ein deutsches Schauspiel, In 5 Akten, Stuttgart 1917; Das
neue Reich, Roman aus dem Lukas Cranach Haus, Stuttgart 19l8; Der
Orden der Sonnenbrüder, Roman, Stuttgart 1919. - Gab heraus: Eduard
von Gebhardt, Album religiöser Kunst I, München 1910; - Deutsche
Meister christlicher Kunst, 1. Serie, Berlin 1910; - Eugène Burnand,
Album religiöser Kunst II, Stuttgart 1910; - Die Gleichnisse Jesu,
Illustriert v. Eugène Burnand, Stuttgart 1911 (19183); -
Ludwig Richter, Album religiöser Kunst III, München 1911; - Stille
zu Gott! Ein Trostbuch für Kriegsleidtragende, Stuttgart 1916 (Sämann-Bücher
Bd. 14); - Bilderbuch aus Luthers Zeit, Stuttgart 1917.
Lit.: Karl Kühner, D. K. +, in: Evangelische Freiheit
20, 1920, 225; - Ders.: D. K. +, in: Monatsschrift für Gottesdienst
und kirchliche Kunst 25, 1920, 184; - Ders., D. K. +, in:
Christliche Welt 34, 1920, Sp. 447; - Ders., Ein Organisator religiöser
Volkskunst, in: Die Hilfe 27, 1921, 90 f.; - Karl Röhrig, Max
Klinger D. K. +, in: Religiöse Kunst 17, 1920, 61 f.; - Wilhelm
Schubring, D. K. , in: Religiöse Kunst 17, 1920, 94-97; - Eugen
Gradmann, D. D. K. , Stadtpfarrer a. D., Kunstschriftsteller, in:
Württembergischer Nekrolog für die Jahre 1920 und 1921, Hrsg. v. Karl
Weller, Viktor Ernst und Otto Leuze, 1928, 66-72.