KREMENTZ, Philipp, Bischof von Ermland, Erzbischof von Köln, * 1.12. 1819
in Koblenz, + 6.5. 1899 in Köln. - K. stammte aus bürgerlichen
Verhältnissen und besuchte die Volksschule sowie das Gymnasium seiner
von sehr divergierenden katholischen Strömungen (»Aufklärung und Orthodoxie«)
bestimmten Vaterstadt Koblenz. Er hatte sowohl zu ultramontanen wie
zu liberalen Geistlichen (Karl Joseph Holzer, später Dompropst in
Trier) gute Kontakte. Nach bestandener Reifeprüfung studierte er seit
dem Wintersemester 1837/38 katholische Theologie an der Universität
Bonn, wo er sich dem antirationalistischen Exegeten und Dogmatiker
Heinrich Klee anschloß, aber auch bei August Wilhelm v. Schlegel hörte.
Im Sommersemester 1839 setzte K. seine Studien in München fort und
hörte bzw. trat in Kontakt mit Ignaz Döllinger, Friedrich Windischmann,
Georg Philipps, Joseph von Görres, Clemens Brentano, Daniel Haneberg
und Paulus Melchers. Sein Blick wurde dadurch geschärft für »das große
Thema der Katholischen Bewegung des 19. Jahrhunderts« (Erwin Gatz),
der Forderung nach der Kirchenfreiheit. Im Jahre 1840 trat er in das
Priesterseminar seiner Heimatdiözese Trier ein und empfing am 27.8.
1842 die Priesterweihe. Als erste Seelsorgsstelle erhielt er eine
Kaplanei zu Koblenz-St. Kastor zugewiesen, wo auch sein Freund Philipp
de Lorenzi, unter Bischof Matthias Eberhard (1867-1876) Generalvikar
des Bistums, als Kaplan fungierte. Bereits in jungen Kaplansjahren
fiel sein gutes Predigttalent auf. 1846 wurde er auf Empfehlung von
Bischof Wilhelm Arnoldi zum Religionslehrer der 1841 gegründeten Erziehungsanstalt
für Söhne das katholischen Adels, der Rheinischen Ritterakademie zu
Bedburg, ernannt. Doch nach kaum eineinhalbjähriger Tätigkeit dort
erreichte ihn der Ruf seines Bischofs als Pfarrer von Koblenz-St.
Kastor. Am 6.1. 1848 nahm der gerade 29-Jährige Besitz von dieser
großen Pfarrei (6.000 Kommunikanten), in deren Gebiet eine Reihe hoher
Staatsbehörden angesiedelt waren und das königliche Schloß lag, welche
Umstände zahlreiche gesellschaftliche Verpflichtungen nach sich zogen.
Philipp de Lorenzi amtierte seit 1849 als Pfarrer der zweiten Koblenzer
Hauptkirche (Unsere Liebe Frau), und die beiden Freunde trafen sich
in gemeinsamer Freude an geistlicher Kooperation und Unterstützung
karitativen Engagements. Zu nennen sei hier nur Peter Friedhofen (1987
Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II.), der 1851 mit seinen
ersten Gefährten nach Koblenz kam und später die Gemeinschaft der
»Barmherzigen Brüder« gründete. Seit 1853 Dechant des Dekanates Koblenz,
knüpfte K. vertrauensvoll Kontakte zu der die katholische Sozialarbeit
engagiert fördernden Kronprinzessin Augusta (1811-1890) an, die von
1850 bis 1857 mit ihrem Mann, dem Militärgouverneur von Rheinland-Westfalen
und späteren Kaiser Wilhelm I., im Koblenzer Schloß residierte. K.
interessierte sich auch lebhaft für kunsthistorische Fragen und publizierte
seit dieser Zeit exegetische Darstellungen, bei denen er eine schon
damals umstrittene, heute gegenstandslose typologische Exegese vertrat.
Am 21.6. 1859 wurde der von Kirche und preußischem Staat gleichermaßen
Geschätzte zum Ehrendomherrn (landesherrliche Nomination) an der Trierer
Kathedrale ernannt, und die Kölner wie die Trierer Bischofswahlen
1864 sahen ihn als Kandidaten, wie er auch als möglicher Koadjutor des kränkelnden Limburger Bischofs Peter Joseph Blum genannt
wurde. Bei den Trierer Bischofswahlen von 1864 und 1867 erreichte
er aber nicht die notwendige Mehrzahl der Stimmen. Eine ihm seitens
des Staates wie des Trierer Bischofs angebotene Domherrenstelle lehnte
er im Jahre 1865 ab. - Am 22.10. 1867 wählte das Frauenburger
Domkapitel K. zum Bischof von Ermland. Hinter dieser Wahl dürften
einflußreiche Kreise am Berliner Hof wie bei der preußischen Regierung
gestanden haben. Am 3.5. 1868 wurde K. vom Kölner Erzbischof Paulus
Melchers zum Bischof geweiht; Mitkonsekratoren waren Bischof Matthias
Eberhard von Trier und Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler
(Mainz). Am 24. des gleichen Monats nahm er von seinem Bistum Besitz
und war in den Folgejahren vor allem pastoral tätig. Sein Interesse
galt namentlich dem Gottesdienst. Zu nennen sind u. a. die Herausgabe
eines Diözesangesangbuches, eines Diözesanrituales, die Gründung des
Diözesan-Cäcilienvereins, Anordnungen über Levitenämter an kirchlichen
Hochfesten und die Förderung der Maiandacht. Auf dem Ersten Vatikanischen
Konzil blieb K. Infallibilitätsgegner und nahm an der feierlichen
Abstimmung vom 18. Juli 1870 nicht mehr teil, denn er war tags zuvor
mit 54 anderen Minoritätsbischöfen von Rom abgereist. Allerdings war
er zur Annahme der Konzilsentscheidung bereit (am 17.9. 1870 publizierte
er die umstrittene »Constitutio dogmatica de Ecclesia Christi« und
drei Tage später einen Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz zur
Frage der Unfehlbarkeit) und ging gegen die Opponenten in seinem Bistum
dergestalt vor, daß er fünf Priester exkommunizierte. Diese besaßen
als Professoren und Religionslehrer jedoch einen Doppelstatus, insofern
sie als Geistliche K., als Staatsbeamte jedoch der preußischen Regierung
Gehorsam schuldeten. Der so vorprogrammierte Konflikt entlud sich
dann in der Suspendierung des Religionslehrers und Gegner der Infallibilität
Dr. Paul Wollmann (Braunsberg) am 3.4. 1871 durch K., woraufhin das
Provinzialschulkollegium den Lehrer zur Fortsetzung des Unterrichts
verpflichtete. Es folgten die Verhängung der Großen Exkommunikation,
eine Beschäftigung der Fuldaer Bischofskonferenz mit der Angelegenheit
und schließlich als Reaktion unter nachdrücklicher Aufgabe der bislang
geübten Zurückhaltung seitens des preußischen Staates am 1.10. 1871
die Verhängung der Temporaliensperre über den Bischof. Im folgenden
Kulturkampf war er den Staatsbehörden nach der Einschätzung von Günter
Dettmer taktisch eindeutig überlegen, wurde zwar wie die anderen preußischen
Bischöfe wegen Übertretung der Maigesetze zu beträchtlichen Geldstrafen
verurteilt, aber nicht abgesetzt und auch zu keiner Gefängnisstrafte
verurteilt, wobei die Protektion der Kaiserin eine Rolle gespielt
haben mag. - Im März 1885 einigten sich der Vatikan und die preußische
Staatsregierung auf die Neubesetzung des Kölner Erzbischofsstuhls
in Gestalt des ermländischen Bischofs, der sich im Kulturkampf nach
der Einschätzung Bismarcks relativ zurückgehalten hatte und deshalb als genehm
galt. Papst Leo XIII. präkonisierte den zunächst widerstrebenden K.
am 30.7. 1885 zum Kölner Erzbischof. Am 15.12. 1885 wurde er inthronisiert.
Sogleich reorganisierte er die durch den Kulturkampf brachliegende
Seelsorge, baute die Diözesanverwaltung wieder auf und besetzte zahlreiche
nur provisorisch verwaltete Pfarreien definitiv. Er unternahm häufig
Visitationsreisen, richtete 62 neue Pfarreien ein und ordnete die
Theologenausbildung durch die Gründung des Collegium Albertinum in
Bonn neu. Seit 1886 war er Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz
und am 16.1. 1893 wurde er zum Kardinal ernannt. Kirchenpolitisch
bewegte er sich auf der Linie des ihm befreundeten Trierer Oberhirten
Michael Felix Korum (1881-1921); er verfolgte mit ihm den Kurs des
Zentrums, d. h. beide bestanden auf der vollständigen Zurücknahme
der Maigesetze. - Seit der Kulturkampfzeit war K. durch die vielfältigen
Belastungen nicht mehr im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte. Gegenüber
Bischof Korum bekannte er einmal, daß er wegen seines bei festlichen
Veranstaltungen »gewöhnlich auftretenden Kopfleidens« nicht wage,
an allen teilzunehmen. Seit 1896 war seine Arbeitsfähigkeit infolge
Altersbeschwerden empfindlich eingeschränkt. Vor seinem Tod blieb
er siebzehn Monate an sein Haus gefesselt. Er wurde am 12. Mai 1899
im Kölner Dom beigesetzt.
Werke: Das Haus Gottes. Eine Predigt gehalten am 22. Dezember
1853 bei der Einweihung der hiesigen Karmelitenkirche, Koblenz 1854;
Israel, Vorbild der Kirche. Versuch einer Beleuchtung der Christenheit
durch die vorbildliche Geschichte Israels, Mainz 1858, 21865;
Die Stadt auf dem Berge oder Offenbarung und Abfall. Eine apologetische
Skizze, Koblenz 1861; Das Evangelium im Buche Genesis oder das Leben
Jesu vorbildlich dargest. durch die Gemeinde der Patriarchen Abraham,
Isaak, Jakob und Joseph. Nebst einer Antwort auf Nr. 7 des Theol.
Literaturblattes, Koblenz 1867; Hirtenbrief vom 24. Mai 1868 (an die
Ermländer Diözesanen), Koblenz o. J.; Das Leben Jesu, die Prophetie
der Geschichte seiner Kirche, Freiburg 1869; Fastenhirtenbrief 1869,
Braunsberg o. J.; Zahlreiche kleinere Beiträge in: Pastoralblatt für
die Diözese Ermland, 1869 ff.; Fastenhirtenbrief 1873, Braunsberg
o. J.; Desgl. 1874, Braunsberg o. J.; Grundlinien zur Geschichtstypik
der hl. Schrift. Ein Beitrag zum Verständnis der hl. Geschichte und
der Weltgeschichte. Nebst einem Anh. über die Typik des Buches Ruth,
Freiburg 1875; Die Standesregister Gottes. Bischöfl. Hirtenschreiben
für die Diöcese Ermland beim Beginn der hl. Fastenzeit 1875, Braunsberg
o. J.; Die Leiden der Kirche und deren Urbild. Hirtenschreiben für
die Diöcese Ermland beim Beginn der hl. Fastenzeit 1877, Braunsberg
o. J.; Hirtenschreiben des Bischofs von Ermland für die hl. Fastenzeit
1881 über die Geduld Christi, Braunsberg 1881; Die Offenbarung des
hl. Johannes im Lichte des Evangeliums nach Johannes. Eine Skizze
der königl. Herrschaft Jesu Christi, Freiburg 1883; Fastenhirtenbrief
1883, Braunsberg 1883; Desgl. 1884, Braunsberg 1884; Desgl. 1885,
Braunsberg 1885; Hirtenbrief vom 15. Dez. 1885, an die hochwürdigste
Geistlichkeit und die Gläubigen des Erzbisthums Köln, Köln 1886; Fasten-Hirtenbrief.
Erlasssen an die Hochwürdige Geistlichkeit und die Gläubigen des Erzbisthums
Köln zur Fastenzeit 1886, Köln o. J.; Desgl. 1887, 1888 u. 1889, Köln
o. J.
Lit.: Eucharius. Sonntagsblatt für die Diöcese Trier 7
(1867) 189, 399, 465 u. 8, 1868, 182 f.; - Sanct-Paulinus-Blatt
für das dt. Volk 11, 1885, 597; - Jakob N. Knopp, Dr.P.K., Erzbischof
von Köln, 1885; - Dr.P.K., Erzbischof von Köln. Ein Lebensbild,
1885; - P. Cardinal K., Erzbischof von Köln. Ein Lebensbild. Festschr.
zur Cardinals- Erhebung sowie zum 50jährigen Priester- und 25jährigen
Bischofs- Jubiläum, 1893; - Ernst von Ernsthausen. Erinnerungen
eines preußischen Beamten, 1894; - Peter Höveler, Kardinal Erzbischof
P.K., 1899; - Ludwig Fränkel, Art. P.K., in: Biograph. Jahrb.
und Dt. Nekrolog 4, 1900, 277-278; - Heinrich Schroers, Kirche
und Wissenschaft, 1907; - Franz Dittrich, Der Kulturkampf in Ermland,
1913; - Eugen Hoewer, Ein Lebensbild aus schwerer Zeit, in: Paulinus-Kalender
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Trier seit 1800, 1941, 194 u. 413; - Kurt Küppers, Marienfrömmigkeit
zwischen Barock und Industriezeitalter. Untersuchungen zur Geschichte
und Feier der Maiandacht in Deutschland und im deutschen Sprachgebiet
(= Münchener Theologische Studien I 27), St. Ottilien 1987; -
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