Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band IV (1992) Spalten 616-620 Autor: Martin Persch

KREMENTZ, Philipp, Bischof von Ermland, Erzbischof von Köln, * 1.12. 1819 in Koblenz, + 6.5. 1899 in Köln. - K. stammte aus bürgerlichen Verhältnissen und besuchte die Volksschule sowie das Gymnasium seiner von sehr divergierenden katholischen Strömungen (»Aufklärung und Orthodoxie«) bestimmten Vaterstadt Koblenz. Er hatte sowohl zu ultramontanen wie zu liberalen Geistlichen (Karl Joseph Holzer, später Dompropst in Trier) gute Kontakte. Nach bestandener Reifeprüfung studierte er seit dem Wintersemester 1837/38 katholische Theologie an der Universität Bonn, wo er sich dem antirationalistischen Exegeten und Dogmatiker Heinrich Klee anschloß, aber auch bei August Wilhelm v. Schlegel hörte. Im Sommersemester 1839 setzte K. seine Studien in München fort und hörte bzw. trat in Kontakt mit Ignaz Döllinger, Friedrich Windischmann, Georg Philipps, Joseph von Görres, Clemens Brentano, Daniel Haneberg und Paulus Melchers. Sein Blick wurde dadurch geschärft für »das große Thema der Katholischen Bewegung des 19. Jahrhunderts« (Erwin Gatz), der Forderung nach der Kirchenfreiheit. Im Jahre 1840 trat er in das Priesterseminar seiner Heimatdiözese Trier ein und empfing am 27.8. 1842 die Priesterweihe. Als erste Seelsorgsstelle erhielt er eine Kaplanei zu Koblenz-St. Kastor zugewiesen, wo auch sein Freund Philipp de Lorenzi, unter Bischof Matthias Eberhard (1867-1876) Generalvikar des Bistums, als Kaplan fungierte. Bereits in jungen Kaplansjahren fiel sein gutes Predigttalent auf. 1846 wurde er auf Empfehlung von Bischof Wilhelm Arnoldi zum Religionslehrer der 1841 gegründeten Erziehungsanstalt für Söhne das katholischen Adels, der Rheinischen Ritterakademie zu Bedburg, ernannt. Doch nach kaum eineinhalbjähriger Tätigkeit dort erreichte ihn der Ruf seines Bischofs als Pfarrer von Koblenz-St. Kastor. Am 6.1. 1848 nahm der gerade 29-Jährige Besitz von dieser großen Pfarrei (6.000 Kommunikanten), in deren Gebiet eine Reihe hoher Staatsbehörden angesiedelt waren und das königliche Schloß lag, welche Umstände zahlreiche gesellschaftliche Verpflichtungen nach sich zogen. Philipp de Lorenzi amtierte seit 1849 als Pfarrer der zweiten Koblenzer Hauptkirche (Unsere Liebe Frau), und die beiden Freunde trafen sich in gemeinsamer Freude an geistlicher Kooperation und Unterstützung karitativen Engagements. Zu nennen sei hier nur Peter Friedhofen (1987 Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II.), der 1851 mit seinen ersten Gefährten nach Koblenz kam und später die Gemeinschaft der »Barmherzigen Brüder« gründete. Seit 1853 Dechant des Dekanates Koblenz, knüpfte K. vertrauensvoll Kontakte zu der die katholische Sozialarbeit engagiert fördernden Kronprinzessin Augusta (1811-1890) an, die von 1850 bis 1857 mit ihrem Mann, dem Militärgouverneur von Rheinland-Westfalen und späteren Kaiser Wilhelm I., im Koblenzer Schloß residierte. K. interessierte sich auch lebhaft für kunsthistorische Fragen und publizierte seit dieser Zeit exegetische Darstellungen, bei denen er eine schon damals umstrittene, heute gegenstandslose typologische Exegese vertrat. Am 21.6. 1859 wurde der von Kirche und preußischem Staat gleichermaßen Geschätzte zum Ehrendomherrn (landesherrliche Nomination) an der Trierer Kathedrale ernannt, und die Kölner wie die Trierer Bischofswahlen 1864 sahen ihn als Kandidaten, wie er auch als möglicher Koadjutor des kränkelnden Limburger Bischofs Peter Joseph Blum genannt wurde. Bei den Trierer Bischofswahlen von 1864 und 1867 erreichte er aber nicht die notwendige Mehrzahl der Stimmen. Eine ihm seitens des Staates wie des Trierer Bischofs angebotene Domherrenstelle lehnte er im Jahre 1865 ab. - Am 22.10. 1867 wählte das Frauenburger Domkapitel K. zum Bischof von Ermland. Hinter dieser Wahl dürften einflußreiche Kreise am Berliner Hof wie bei der preußischen Regierung gestanden haben. Am 3.5. 1868 wurde K. vom Kölner Erzbischof Paulus Melchers zum Bischof geweiht; Mitkonsekratoren waren Bischof Matthias Eberhard von Trier und Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler (Mainz). Am 24. des gleichen Monats nahm er von seinem Bistum Besitz und war in den Folgejahren vor allem pastoral tätig. Sein Interesse galt namentlich dem Gottesdienst. Zu nennen sind u. a. die Herausgabe eines Diözesangesangbuches, eines Diözesanrituales, die Gründung des Diözesan-Cäcilienvereins, Anordnungen über Levitenämter an kirchlichen Hochfesten und die Förderung der Maiandacht. Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil blieb K. Infallibilitätsgegner und nahm an der feierlichen Abstimmung vom 18. Juli 1870 nicht mehr teil, denn er war tags zuvor mit 54 anderen Minoritätsbischöfen von Rom abgereist. Allerdings war er zur Annahme der Konzilsentscheidung bereit (am 17.9. 1870 publizierte er die umstrittene »Constitutio dogmatica de Ecclesia Christi« und drei Tage später einen Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz zur Frage der Unfehlbarkeit) und ging gegen die Opponenten in seinem Bistum dergestalt vor, daß er fünf Priester exkommunizierte. Diese besaßen als Professoren und Religionslehrer jedoch einen Doppelstatus, insofern sie als Geistliche K., als Staatsbeamte jedoch der preußischen Regierung Gehorsam schuldeten. Der so vorprogrammierte Konflikt entlud sich dann in der Suspendierung des Religionslehrers und Gegner der Infallibilität Dr. Paul Wollmann (Braunsberg) am 3.4. 1871 durch K., woraufhin das Provinzialschulkollegium den Lehrer zur Fortsetzung des Unterrichts verpflichtete. Es folgten die Verhängung der Großen Exkommunikation, eine Beschäftigung der Fuldaer Bischofskonferenz mit der Angelegenheit und schließlich als Reaktion unter nachdrücklicher Aufgabe der bislang geübten Zurückhaltung seitens des preußischen Staates am 1.10. 1871 die Verhängung der Temporaliensperre über den Bischof. Im folgenden Kulturkampf war er den Staatsbehörden nach der Einschätzung von Günter Dettmer taktisch eindeutig überlegen, wurde zwar wie die anderen preußischen Bischöfe wegen Übertretung der Maigesetze zu beträchtlichen Geldstrafen verurteilt, aber nicht abgesetzt und auch zu keiner Gefängnisstrafte verurteilt, wobei die Protektion der Kaiserin eine Rolle gespielt haben mag. - Im März 1885 einigten sich der Vatikan und die preußische Staatsregierung auf die Neubesetzung des Kölner Erzbischofsstuhls in Gestalt des ermländischen Bischofs, der sich im Kulturkampf nach der Einschätzung Bismarcks relativ zurückgehalten hatte und deshalb als genehm galt. Papst Leo XIII. präkonisierte den zunächst widerstrebenden K. am 30.7. 1885 zum Kölner Erzbischof. Am 15.12. 1885 wurde er inthronisiert. Sogleich reorganisierte er die durch den Kulturkampf brachliegende Seelsorge, baute die Diözesanverwaltung wieder auf und besetzte zahlreiche nur provisorisch verwaltete Pfarreien definitiv. Er unternahm häufig Visitationsreisen, richtete 62 neue Pfarreien ein und ordnete die Theologenausbildung durch die Gründung des Collegium Albertinum in Bonn neu. Seit 1886 war er Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz und am 16.1. 1893 wurde er zum Kardinal ernannt. Kirchenpolitisch bewegte er sich auf der Linie des ihm befreundeten Trierer Oberhirten Michael Felix Korum (1881-1921); er verfolgte mit ihm den Kurs des Zentrums, d. h. beide bestanden auf der vollständigen Zurücknahme der Maigesetze. - Seit der Kulturkampfzeit war K. durch die vielfältigen Belastungen nicht mehr im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte. Gegenüber Bischof Korum bekannte er einmal, daß er wegen seines bei festlichen Veranstaltungen »gewöhnlich auftretenden Kopfleidens« nicht wage, an allen teilzunehmen. Seit 1896 war seine Arbeitsfähigkeit infolge Altersbeschwerden empfindlich eingeschränkt. Vor seinem Tod blieb er siebzehn Monate an sein Haus gefesselt. Er wurde am 12. Mai 1899 im Kölner Dom beigesetzt.

Werke: Das Haus Gottes. Eine Predigt gehalten am 22. Dezember 1853 bei der Einweihung der hiesigen Karmelitenkirche, Koblenz 1854; Israel, Vorbild der Kirche. Versuch einer Beleuchtung der Christenheit durch die vorbildliche Geschichte Israels, Mainz 1858, 21865; Die Stadt auf dem Berge oder Offenbarung und Abfall. Eine apologetische Skizze, Koblenz 1861; Das Evangelium im Buche Genesis oder das Leben Jesu vorbildlich dargest. durch die Gemeinde der Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob und Joseph. Nebst einer Antwort auf Nr. 7 des Theol. Literaturblattes, Koblenz 1867; Hirtenbrief vom 24. Mai 1868 (an die Ermländer Diözesanen), Koblenz o. J.; Das Leben Jesu, die Prophetie der Geschichte seiner Kirche, Freiburg 1869; Fastenhirtenbrief 1869, Braunsberg o. J.; Zahlreiche kleinere Beiträge in: Pastoralblatt für die Diözese Ermland, 1869 ff.; Fastenhirtenbrief 1873, Braunsberg o. J.; Desgl. 1874, Braunsberg o. J.; Grundlinien zur Geschichtstypik der hl. Schrift. Ein Beitrag zum Verständnis der hl. Geschichte und der Weltgeschichte. Nebst einem Anh. über die Typik des Buches Ruth, Freiburg 1875; Die Standesregister Gottes. Bischöfl. Hirtenschreiben für die Diöcese Ermland beim Beginn der hl. Fastenzeit 1875, Braunsberg o. J.; Die Leiden der Kirche und deren Urbild. Hirtenschreiben für die Diöcese Ermland beim Beginn der hl. Fastenzeit 1877, Braunsberg o. J.; Hirtenschreiben des Bischofs von Ermland für die hl. Fastenzeit 1881 über die Geduld Christi, Braunsberg 1881; Die Offenbarung des hl. Johannes im Lichte des Evangeliums nach Johannes. Eine Skizze der königl. Herrschaft Jesu Christi, Freiburg 1883; Fastenhirtenbrief 1883, Braunsberg 1883; Desgl. 1884, Braunsberg 1884; Desgl. 1885, Braunsberg 1885; Hirtenbrief vom 15. Dez. 1885, an die hochwürdigste Geistlichkeit und die Gläubigen des Erzbisthums Köln, Köln 1886; Fasten-Hirtenbrief. Erlasssen an die Hochwürdige Geistlichkeit und die Gläubigen des Erzbisthums Köln zur Fastenzeit 1886, Köln o. J.; Desgl. 1887, 1888 u. 1889, Köln o. J.

Lit.: Eucharius. Sonntagsblatt für die Diöcese Trier 7 (1867) 189, 399, 465 u. 8, 1868, 182 f.; - Sanct-Paulinus-Blatt für das dt. Volk 11, 1885, 597; - Jakob N. Knopp, Dr.P.K., Erzbischof von Köln, 1885; - Dr.P.K., Erzbischof von Köln. Ein Lebensbild, 1885; - P. Cardinal K., Erzbischof von Köln. Ein Lebensbild. Festschr. zur Cardinals- Erhebung sowie zum 50jährigen Priester- und 25jährigen Bischofs- Jubiläum, 1893; - Ernst von Ernsthausen. Erinnerungen eines preußischen Beamten, 1894; - Peter Höveler, Kardinal Erzbischof P.K., 1899; - Ludwig Fränkel, Art. P.K., in: Biograph. Jahrb. und Dt. Nekrolog 4, 1900, 277-278; - Heinrich Schroers, Kirche und Wissenschaft, 1907; - Franz Dittrich, Der Kulturkampf in Ermland, 1913; - Eugen Hoewer, Ein Lebensbild aus schwerer Zeit, in: Paulinus-Kalender 11, 1933, 85-87; - Matthäus Bernards, Zur Gesch. des Theol. Konvikts in Bonn 1827-1875, in: AHVNrh 153/154, 1953, 201-235; - Handb. des Erzbistums Köln XXIV, 1954, 46 f.; - Adelheid Constabel, Die Vorgesch. des Kulturkampfes. Quellenveröffentl. aus dem Dt. Zentralarchiv, 1956; - Günter Dettmer, Die ost- und westpreußischen Verwaltungsbehörden im Kulturkampf, 1958; - Erwin Gatz, Rhein. Volksmission im 19. Jh., 1963; - Ders., Kirche und Krankenpflege im 19. Jh., 1971; - Ders., Erzbischof P.K. und die Rezeption des Ersten Vatikanischen Konzils im Bistum Ermland, in: Annuarium Historiae Conciliorum 4, 1972, 106-187; - Ders., Zur Neubesetzung der (Erz)Bistümer Köln, Ermland und Gnesen-Posen 1885/1886, in: Rhein. Vierteljahrsblätter 37, 1973, 207-243; - Ders., Zur Problematik der Sukkursalpfarreien in den linksrhein. Gebieten des preußischen Staates (1802-1888), in: AHVNrh 175, 1973, 161-191; - Ders., P.K., 1819-1899, in: Rhein. Lebensbilder 6, 1975, 121-147; - Ders. (Bearb.), Akten der Fuldaer Bischofskonferenz, Bd. 1-2, 1871-1899, 1977-1979; - Ders., Art. P.K., in: Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803-1945. Ein biograph. Lexikon, hrsg. von Erwin Gatz, 1983, 411-415; - Ders., Pfarr- und Gemeindeorganisation, 1987, 87-98; - Bernhard Stasiewski, Die geistesgeschichtl. Stellung der Kathol. Akademie Braunsberg 1568-1945, in: Wissenschaftl. Abhandlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Bd. 30, 1964, 41-58; - Eduard Hegel, Dompropst Karl Joseph Holzer (1800-1885). Beiträge zu seiner Charakteristik, in: Festschrift für Alois Thomas, 1967, 151-162; - J. Schuth/P. Kämpchen, Art. P.K., in: Kurzbiographien vom Mittelrhein und Moselland, 1967-1975, 337; - Christoph Weber, Das Pfarrsystem und die kirchl. Mittelbehörden in Koblenz im 19. Jh., in: AmrhKG 20, 1968, 103-140; - Ders., Kirchl. Politik zwischen Rom, Berlin und Trier 1876-1888. Die Beilegung des preußischen Kulturkampfes, 1970; - Ders., Aufklärung und Orthodoxie am Mittelrhein 1820-1850, 1973; - Rudolf Lill, Vatikanische Akten zur Gesch. des dt. Kulturkampfes, Bd. I, 1970; - Klaus Ganzer, Bischof Matthias Eberhard von Trier und das 1. Vatikanische Konzil, in: Trierer Theol. Zeitschrift 79, 1970, 208-229; - Norbert Trippen, Das Domkapitel und die Erzbischofswahlen in Köln 1821-1929, 1972; - Ders., Zur Gesch. des Collegium Albertinum in Bonn 1885-1903, in: AHVNrh 176, 1974, 172-227; - Klaus Schatz, Kirchenbild und päpstl. Unfehlbarkeit bei den deutschsprachigen Minoritätsbischöfen auf dem 1. Vatikanum, 1975; - Norbert Schlossmacher, Erzbischof P.K. und die Septennatskatholiken, in: AHVNrh 189, 1986, 127-154; - Kurt Küppers, Diözesan- Gesang- und Gebetbücher des dt. Sprachgebietes im 19. und 20. Jh. Geschichte, Bibliographie, 1987, 15 u. 79; - Altpreußische Biographie I, 364; - Der Weltklerus der Diözese Trier seit 1800, 1941, 194 u. 413; - Kurt Küppers, Marienfrömmigkeit zwischen Barock und Industriezeitalter. Untersuchungen zur Geschichte und Feier der Maiandacht in Deutschland und im deutschen Sprachgebiet (= Münchener Theologische Studien I 27), St. Ottilien 1987; - Eduard Hegel, Geschichte des Erzbistums Köln, Bd. 5, Köln 1987, 85-90; - Kosch, Biograph. Staatshandbuch, 707; - Kosch, KD 2351 f.; - Buchberger, Kirchl. Handlex. II, 496; - LThK 1VI, 237; - LThK 2VI, 601 f.; - RGG 2III, 1284; - RGG 3IV, 42; - NDB XIII, 4-5.

Martin Persch

Letzte Änderung: 09.06.1998