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Band IV (1992) Spalten 703-706 Autor: Günter Wirth

KRÜGER, Herman Anders, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und demokratischer Politiker, wurde am 11. August 1871 in Dorpat geboren. Verstorben ist H.A.K am 10. Dezember 1945 in Neudietendorf. Er entstammt einer alten herrnhutischen Familie, studierte ursprünglich Theologie am brüderkirchlichen Seminar im schlesischen Gnadenfeld, um dann allerdings nach dem ersten Examen (nicht ohne Erscheinungen einer religiösen Krise, die erst viel später überwunden wurde) an die Leipziger Universität zu wechseln (Geschichte, Nationalökonomie, Geographie, Germanistik und Bibliothekswissenschaft). Nach der Leipziger Promotion (1898) war H.A.K. im Schuldienst sowie in Bibliotheken und Museen, zumal in Dresden, tätig; er beteiligte sich hier auch an öffentlichen Theaterdebatten. 1905 habilitierte er sich an der Technischen Hochschule in Hannover, wurde dort Privatdozent und (1909) Professor. Entsprechend dieser beruflichen Entwicklungen war in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg Literaturwissenschaftliches ein Schwerpunkt von H.A.K.s Publikationen. Zusammen mit Adolf Stern gab er das »Deutsche Literaturlexikon« heraus. K.s Name hatte früh seinen eigenen Wert. Er wurde zu Vorlesungen in die USA eingeladen, wirkte in der Deutschen Schiller-Stiftung und hielt eine Ansprache anläßlich der Beisetzung Wilhelm Raabes, mit dem er befreundet gewesen war. Allerdings war H.A.K. schon in dieser Zeit vor dem ersten Weltkrieg nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Schriftsteller bekannt. Sein Hauptwerk, das sein umfangreiches literarisches Œuvre (Dramen, Erzählungen, Essays) überdauert hat, ist bereits 1904 erschienen, der »herrnhutische Bubenroman« »Gottfried Kämpfer«, der einerseits den vielen Schulromanen in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zuzuordnen ist, andererseits in die Reihe jener Erziehungsromane gehört, die das im engeren Sinne Schulische übergreifen und eine »pädagogische Provinz« im goetheschen Sinne beschreiben. Unter diesen Erziehungsromanen hat »Gottfried Kämpfer« insofern einen eigenen Rang, als er ein (durchaus nicht apologetischer) christlicher Erziehungsroman, im engeren Sinne eben ein herrnhutischer ist. Nach dem ersten Weltkrieg, den er von Anfang August 1914 bis Ende November 1918 (lange Zeit vor Verdun) als Soldat erlebte, verlagerten sich die Interessen H.A.K.s aufs Wissenschaftsorganisatorische (zunächst als Direktor der berühmten Gothaer Bibliothek) und Politische (ohne daß er seine schriftstellerischen Neigungen aufgab, geschweige denn seine Hobbies, u.a. der Koniferenzucht und des Grafiksammelns). So finden wir H.A.K., der schon seit 1904 der Nationalliberalen Partei angehört hatte, 1918/19 beim Aufbau der Deutschen Demokratischen Partei im noch zersplitterten Thüringen, 1919 als Mitglied der Gemeinschaftlichen Landesversammlung Koburg/Gotha, 1920 als Abgeordneten des Landtages des neu organisierten Landes Thüringen. Er gehörte kurzzeitig der ersten Landesregierung (Staatsrat) an und wäre 1928 (er war auch Fraktionsvorsitzender der DDP) beinahe thüringischer Ministerpräsident geworden. Im Landtag ist K. wiederholt als Redner nicht nur in landes (zumal kultur-) politischen, sondern auch in prinzipiellen Fragen aufgetreten, so etwa in der Polemik mit dem völkisch-rassistischen Abgeordneten Dinter. 1925 unternahm H.A.K. im Rahmen einer Delegation von Pädagogen eine damals und auch noch später viel beachtete Reise in die UdSSR; gleichzeitig hatte er wie viele andere bürgerlich-demokratische Politiker in der Frage der sog. Fürstenenteignung eine ziemlich radikale Position eingenommen. Diese Ereignisse führten zur Versetzung des Gothaer Bibliotheksdirektors in den Wartestand, wobei wohl stärker der Einspruch des Hauses Sachsen-Koburg-Gotha gegen ihn in Sachen Fürstenenteignung wirksam war (hierzu war die Veröffentlichung einer später auch dramatisierten Erzählung »Verjagtes Volk« getreten, die einen antifeudalen Akzent trug). Nachdem sich H.A.K. seit 1928 mehr aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, übernahm er die Leitung der Altenburger Landesbibliothek. Neben der Weiterverfolgung literarischer Pläne widmete er sich in dieser Zeit insbesondere bibliothekswissenschaftlichen Untersuchungen, so über die Atltenburger Linck- und Lutherdrucke. Der Entfernung aus diesem Amt gingen 1934 zahlreiche demagogische publizistische Äußerungen gegen H.A.K. voraus. In den letzten zehn Jahren seines Lebens in Neudietendorf nahm K. literarische und wisssenschaftliche Themen früherer Jahre wieder auf (so schrieb er neuerlich über Raabe), und er arbeitete auch an der Fortsetzung seiner 1922 erschienenen »Jugendrechenschaft«; diese unveröffentlichten Erinnerungen stehen unter dem Titel »Mannesrechenschaft«. In H.A.K. haben wir den seltenen Fall eines protestantischen, noch dazu aus einer pietistisch geprägten Umgebung gekommenen Intellektuellen im frühen 20. Jahrhundert vor uns, der den Weg zu einer konsequent demokratischen Haltung, fern sozial retrograder und nationalistischer Positionen, gefunden und diese unter je schwierigen gesellschaftlichen Verhältnissen, zumal gegenüber dem NS-Regime, bewahrt hat. Zugleich gelang es H.A.K., solche Haltung wissenschaftlich zu reflektieren, sie als Parlamentarier politikfähig zu machen, ihr publizistisch Ausdruck zu verleihen und sie literarisch zu gestalten. H.A.K.s bedeutendstes Werk »Gottfried Kämpfer« ist zu einem Begriff geworden, der sich oft genug von seinem Schöpfer abgetrennt hat (Titel und Gestalt haben sich gleichsam verselbständigt). Dieser Roman gestaltet eine protestantische Existenz, die von Glaubenskämpfen, von Schuld und Buße ebenso geprägt ist wie von der Erfahrung der Freudenbotschaft, vom Dienst an den anderen und (um auch das Pädagogische zu betonen) von einer Erziehung, die Glaubensernst mit der Entfaltung aller schöpferischen Kräfte des Menschen (auch der sportlichen und musischen) verbindet. Im Gegensatz zur Fortsetzung des »Gottfried Kämpfer«, dem Roman »Kaspar Krumbholtz«, lebt das Hauptwerk H.A.K.s gerade auch davon, wie die Glaubenszweifel seines Verfassers zur Sprache gebracht und in einer lebendig durchgestalteten Handlung überwunden werden. So hat dieser Roman im Laufe des Jahrhunderts immer wieder Neuauflagen erlebt und seine Leser/innen gefunden.

Werke: Herman Anders Krüger, Vermächtnis des Tacitus, 1895; Ders., Waldhüters Weihnacht (Festspiel), 1897; Ders., Ritter Hans (Schauspiel), 1897; Ders., Sirenenliebe (Roman), 1897; Ders., Weg ins Tal (Roman), 1903; Ders., Der junge Eichendorff, 1898 und 1903; Ders., Gottfried Kämpfer, 1904; Ders., Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater, 1904; Ders., Pseudoromantik (Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis), 1904; Ders., Der Kronprinz (Schauspiel), 1907; Ders., Der Graf von Gleichen (Schauspiel), 1908; Ders., Kaspar Krumbholtz (Roman), 1909/10; Ders., Der junge Raabe, 191l; Ders., Die Pelzmütze (Lustspiel), 1913; Adolf Stern und Ders., Deutsches Literaturlexikon, 1914; Ders., Sohn und Vater, 1922; Ders., Verjagtes Volk (Erzählung), 1924; Ders.,: Barmherzigkeit (Novellenkranz), 1925; Ders., Die sieben Räudel (Roman), 1927; Ders., Die Maulschelle (Erzählung), 1931; Ders., Neudietendorf und seine merkwürdige Geschichte, 1943.

Lit.: Ernst Kammerhoff, (Herman Anders Krüger), 1910; - Ludwig Bäte, Herman Anders Krüger, 1941; - Ders., Herman Anders Krüger, 1958; - Gerhard Pachnick, Gothaer Bibliothekare, Dreißig Kurzbiographien in chronologischer Folge, 1958; - Günter Wirth, Nachwort zu Gottfried Kämpfer, 1979.

Günter Wirth

Letzte Änderung: 09.06.1998