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Band IV (1992) Spalten 728-732 Autor: Kay Heymer

KUBIN, Alfred Leopold Isidor, Zeichner, IIlustrator und Schriftsteller, * am 10.4. 1877 in Leitmeritz, Böhmen, als Sohn des k.k. Hofgeometers und ehemaligen Jägeroffiziers Friedrich Franz Kubin und seiner Ehefrau Johanna (Jenny), geb. Kletzl, einer Pianistin, † am 20.8. 1959 in Zwickledt bei Schärding am Inn, Oberösterreich. - K. wuchs in Salzburg und Zell am See auf. Kindheit und Jugend sind geprägt durch die ländliche Umgebung von Zell am See, aber auch durch so bedrückende Erlebnisse wie eine nächtliche Rauferei mit tödlichem Ausgang, die K. als 3-jähriger gesehen zu haben meinte, den vorzeitigen Tod der über alles geliebten Mutter, der K. im Alter von 10 Jahren trifft, und die Verführung durch eine ältere, schwangere Frau, die den elfjährigen Schüler psychisch erschüttert. Die Ausbildungszeit verläuft unstet; nach dem Besuch des Salzburger Gymnasiums 1887-88 und einer abgebrochenen Lehre zum Stukkateur bzw Holzschnitzer an der Gewerbeschule in Salzburg trat K. eine Lehre beim Landschaftsphotographen Beer in Klagenfurt an, die er ebenfalls nicht beendete (1892-96). Ende 1896 bewirkte die Begegnung mit einem reisenden Hypnotiseur, dem er sich als Medium zur Verfügung stellte, eine schwere seelische Krise, die K. in einen Selbstmordversuch am Grab seiner Mutter trieb. Seine Militärdienstzeit endete 1897 nach wenigen Monaten mit einer Nervenkrise, ausgelöst durch das Erlebnis der Beerdigung eines hohen Offiziers. Auf den Rat eines Freundes der Familie schickte der Vater K. 1898 zu einer künstlerischen Ausbildung nach München, wo K. zunächst die Privatschule des Malers Ludwig Schmidt-Reutte besuchte, um ab 1899 in der Zeichenklasse von Nikolaus Gysis an der Münchener Akademie zu arbeiten. Weit mehr beeindruckt zeigte sich K. jedoch von der Gemäldesammlung der Alten Pinakothek, außerdem lernte er die Werke von Max Klinger, Francisco de Goya, Odilon Redon, Felicien Rops, James Ensor, Edvard Munch u.a. kennen und schloß Freundschaft mit dem Dichter Max Dauthendey und dem Sammler Hans von Weber, der 1903 seine erste Graphikmappe edierte (1901/02). 1902 fand in der Galerie Bruno Cassirer, Berlin, seine erste Einzelausstellung statt. 1903 reiste K. erstmals in den Balkan, dessen Wildheit ihn weit mehr anzieht als Italien; am 1. Dezember stirbt völlig unerwartet seine Braut Emmy Bayer. Die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Oscar A.H. Schmitz und dessen Schwester Hedwig, die K. im März 1904 heiratete, führte seine Leben in geordnetere Bahnen. 1905 reiste K. nach Paris, um Odilon Redon kennenzulernen. Im Jahr 1906 verließ K. die Großstadt München und übersiedelte nach Zwickledt bei Schärding am Inn, wo er sich einen Landsitz kaufte, den er bis zu seinem Lebensende bewohnte. 1908 schrieb er seinen Roman »Die andere Seite«, das erste seiner zahlreichen, meist autobiographisch geprägten Bücher. Er unterhielt weiterhin seine Beziehungen zur Münchner Avantgarde, wurde 1909 Mitglied der »Neuen Künstlervereinigung München« und verließ diese 1912 gemeinsam mit Franz Marc und Wassili Kandinsky, deren Künstlerbund »Der Blaue Reiter« er beitrat. Zu Künstlern wie Paul Klee und Lyonel Feininger hatte er freundschaftlichen Kontakt. In Zwickledt baute K. eine umfangreiche Bibliothek auf und lebte dort in ländlicher Abgeschiedenheit bis zu seinem Tode im Jahr 1959. - K. gehört zu den wichtigsten Zeichnern und Illustratoren des 20. Jahrhunderts und schuf einige Tausend Einzelblätter, Buchillustrationen zu über 140 Werken sowie zahlreiche Mappenwerke und Einzelgraphiken. Daneben entstand ein umfangreiches literarisches Werk aus einigen Büchern, einer Reihe von Erzählungen und einer sehr reichen Korrespondenz. Das pessimistisch gestimmte zeichnerische Frühwerk, in dem sich die schlimmen Kindheits- und Jugenderlebnisse mit der Lektüre von Schopenhauers »Welt als Wille und Vorstellung« gemischt auffinden lassen, ist insbesondere den dunklen Mächten gewidmet, die das menschliche Leben zu bestimmen scheinen. Personifikationen übermächtiger Gewalten (Der Krieg, Parade, Eingang zur Hölle) symbolisieren das Böse, den Tod, exotisch-animalische Wildheit (Afrika, 1902) oder eine abgründige Erotik (Die Spinne, 1901/02). Formal sind diese Arbeiten geprägt von ihrer deutlichen Inhaltsbezogenheit, die eine sachlich-düstere Darstellungsweise hervorbringt, zumeist als Federzeichnung mit Spritztechnik. 1904-1906 ist für K. eine Zeit formaler Experimente, in denen er andere Medien wie Temperafarbe oder Kleisterfarbe (auf Anregung des österreichischen Künstlers Kolo Moser) erprobte, wobei er sich mitunter sehr weit vom Gegenständlichen entfernt und sein Interesse für Jugendstilornamentik und die Münchner Akademielehrer und Künstler Hermann Obrist sowie Fritz und August Endell bekundete. Seit etwa 1909 wurde die - mitunter aquarellierte - Federzeichnung seine bevorzugte Technik. Mit der Niederschrift seines Romans »Die andere Seite« (1908) faßte K. für sich die Erforschung der »Ausschließlichkeit des Unwirklichen« (Hans Bisanz) zusammen und öffnete seine Arbeit nun auch konkreten zeitgeschichtlichen Bezügen, wobei er sich von einer grundlegenden Antinomie zwischen dem Sein (»Chaos«) und dem Ichbewußtsein (»Selbst«) leiten ließ, die seine Zeichenkunst seither bestimmte. - »Mir eignet ein Blick für das Elementar-Lebendige, dessen Treiben ich durchforsche und so, gleichsam in Schlünde hineinschauend, schaffe, wo andere längst vor dem grauenhaften Glanz die Lider erschreckt senken.«

Werke: 1. Einzelblätter: Parade, 1897, OÖ Landesmus. Linz; Die Jagd, 1900/0l, Albertina, Wien; Höllenszenen, 1900, Albertina, Wien; Aus meinem Reich, 1900/01, Slg. Morat, Freiburg; Eingang zur Hölle, 1900/01, Albertina, Wien; Anatomie, 1901/02, Albertina, Wien; Todessprung, um 1901/02, Priv.Slg; Die Spinne, 1901/02, Albertina, Wien; Die Geilheit, 1900/01, Slg. Morat, Freiburg; Gefahr, 1901/02, Slg. Morat, Freiburg; Der Krieg, 1901/02, verschollen; Hiob, um 1905; 0Ö Landesmus. Linz; Sumpfpflanzen, 1903/06, OÖ Landesmus. Linz; Die Ahnung, 1906, Kubin-Archiv, Hamburg; Kristalle, 1906, Albertina, Wien; Der Eremit, 1906/08, OÖ Landesmus. Linz; Das Fahnden nach dem Zentrum, 1908/10, Albertina, Wien; Das Irrenhaus, 1909/10, OÖ Landesmus. Linz; Lebhafter Disput, um 1912, OÖ Landesmus. Linz; Frau Welt, 1912/16, Priv.Slg.; Astarte, 1916, OÖ Landesmus. Linz; Die Schieber, um 1920, OÖ Landesmus. Linz; »Madame-Mors«, um 1930, OÖ Landesmus. Linz; Der verlassene Pförtner, 1937, OÖ Landesmus. Linz; Sprengunfall, um 1940, Albertina, Wien; Rassenblatt, 1941, Albertina, Wien; Waterloo, 1946, OÖ Landesmus. Linz; Die Grenze, 1951, OÖ Landesmus. Linz. - 2. Mappenwerke: Facsimiledrucke nach Kunstblättern, 1903; Sansara, 1911; Blätter mit dem Tod, 1918 (1925, 1938); Kritiker, 1920; Wilde Tiere, 1920 (1947); Am Rande des Lebens, 1921; 20 Bilder zur Bibel, 1924; Heimliche Welt, 1927; Orbis pictus, 1930 (1948); Die Planeten, 1943; Ein neuer Totentanz, 1947; Ein Bilder-ABC, 1948; Vermischte Blätter, 1950; Der Tümpel von Zwickledt, 1952. - 3. Buchillustrationen: Thomas Mann, Tristan, 1903 (Umschlag); Novellen von Edgar Allan Poe: Das schwatzende Herz u.a., 1909; Das Feuerpferd u.a., 1910; Der Goldkäfer u.a., 1910; König Pest u.a., 1911; Nebelmeer, 1914; Ligeia u.a., 1920; Hans Pfaalls Mondreise u.a., 1920; Gerard de Nerval, Aurelia oder der Traum und das Leben, 1910; Wilhelm Hauffs Märchen, 1911; Fjodor M. Dostojewski, Der Doppelgänger, 1913; E.T.A. Hoffmann, Nachtstücke, 1913; Ders., Märchen, 1947; Oskar Panizza, Das Liebeskonzil, 1913; Paul Scheerbart, Lesabèndio, 1913; Der Prophet Daniel (Testamentum vetus. Ausz. deutsch), 1918; Gustave Flaubert, Der Büchernarr, 1921; Hans Christian Andersen, Die Nachtigall - Die kleine Seejungfrau - Der Reisekamerad, 1922; Voltaire, Candide, 1922; Annette v. Droste-Hülshoff, Die Judenbuche, 1924; Gerhart Hauptmann, Fasching, 1925; Ders., Das Meerwunder, 1934; Hugo v. Hofmannsthal, Drei Erzählungen, 1927; Franz Werfel, Der Tod des Kleinbürgers, 1928; August Strindberg, Tschandala, 1937; Franz Kafka, Der Landarzt, (1932) unveröffentlicht; Wolfgang Weyrauch, Der Main. Eine Legende, 1934; Elias Canetti, Die Blendung, 1936 (Deckelzeichnung); Gottfried August Bürger, Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer..., 1947; Georg Trakl, Offenbarung und Untergang. Die Prosadichtungen, 1947. - 4.Schriften: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman, 1909 (erw. 19172, viele weitere Aufl.); Von verschiedenen Ebenen, 1922; Dämonen und Nachtgesichte. Eine Autobiographie, 1926 (erw. 19312); Vom Schreibtisch eines Zeichners, 1939; Aus meiner Werkstatt. Gesammelte Prosa, Hrsg. Ulrich Riemerschmidt, 1973; Aus meinem Leben. Gesammelte Prosa, Hrsg. Ulrich Riemerschmidt, 1977; - 5. Briefausgaben: A.K., Briefe an eine Freundin, Hrsg. Helga de Gironcoli, 1965; Ludwig Rosenberger, Wanderungen zu A.K. Aus dem Briefwechsel, 1969; Walter Boll, Hrsg., Die wilde Rast. A.K. in Waldhäuser. Briefe an Reinhold und Hanne Koeppel, 1972; Ernst Jünger, A.K., Eine Begegnung, 1975; Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Der Briefwechsel mit A.K. 1903 bis 1952, Hrsg. Michael Klein, 1988.

Lit.: 1. Ausstellungskataloge: Die A.K. - Stiftung, Albertina, Wien 1961; - Die A.K.-Stiftung, OÖ Landesmus. Linz 1962; - A.K. 1877-1959. Handzeichnungen und Originalillustrationen, Kunstmus. Luzern 1963; - Gedächtnisausstellung A.K., Kunstverein München 1964; - A.K., Kestner-Ges. Hannover 1964; - Handzeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von A.K. aus d. Slg. F.-J. Kohl-Weigand, Ges. f. bild. Kunst, Mainz 1964; - A.K. zum 90. Geburtstag, Gal. Welz, Salzburg 1967; - Aus der Bilderwelt des Zeichners A.K. (...), OÖ Landesmus. Linz 1969; - A.K., Handzeichnungen aus d. Slg. R. Graf Faber-Castell, Albrecht Dürer-Ges., Nürnberg 1970; - A.K. 1877-1959, Serge Sabarsky Gal., New York 1970; - A.K. 1877-1959, Piccadilly Gal., London 1972; - A.K. 1877-1959, Gal. Ariadne, Wien 1973; - K., Gal. J.-C. Gaubert, Paris 1974; - A.K., Gal. im Taxispalais, Innsbruck 1975 (auch 1977); - A.K., Aquarelle, Zeichnungen, Graphik, Karl & Faber, München 1977; - A.K. Das zeichnerische Frühwerk bis 1904, Kunsthalle Baden-Baden 1977; - A.K. Mappenwerke, Bücher, Einzelblätter aus d. Slg. H. und H. Goedeckemeyer, Kunstgesch. Seminar d. Universität Göttingen 1980; - Aus der Neuen Galerie der Stadt Linz: A.K., Ulmer Mus., Ulm 1983; - A.K. Leben, ein Abgrund, OÖ Landesmus. Linz 1985; - A.K., Kunstmus. Winterthur 1986; - A.K. Späte Werke, Albertina, Wien 1987. - 2. Monographien: Hermann Esswein, A.K. Der Künstler u. sein Werk, o.J.; - James Huneker, K., Munch, and Gauguin: Masters of Hallucination, in: J.H., Ivory Apes and Peacocks, New York 1916; - Ernst Willy Bredt, A.K., 1922; - Oscar A.H. Schmitz, Die Beschwörung der Dämonen oder A.K., der magische Mensch, in: O.A.H. Schmitz, Brevier für Einsame, 1923; - Paul Ferdinand Schmidt, A.K., 1924; - Abraham Horodisch, A.K. als Buchillustrator, 1949; - Ders., A.K. - Ex Libris, 1958; - Ders., Taschenbibliographie, 1962; - Wolfgang Schneditz, A.K., 1956; - Ders., A.K., 1958; - Paul Raabe, A.K. Leben, Werk, Wirkung (... ), 1957; - Erwin Mitsch, A.K., Zeichnungen, 1967; - Wieland Schmied, Der Zeichner A.K.(... ), 1967; - Anneliese Hewig, Phantastische Wirklichkeit. Interpretationsstudie zu A.K.s Roman »Die andere Seite«, 1967; - Wolfgang K. Müller-Thalheim, Erotik und Dämonie im Werk A.K.s Eine psychopathologische Studie, 1970; - Christoph Brockhaus, Rezeption und Stilpluralismus. Zur Bildgestaltung in A.K.s Roman »Die andere Seite«, Pantheon XXXII. Jg., 1974, 271-288; - Hans Bisanz, A.K., Zeichner, Schriftsteller und Philosoph, 1977 (19802); - Alfred Marks, Der Illustrator A.K. Gesamtkatalog seiner Illustrationen u. buchkünstlerischen Arbeiten, 1977; - Gunhild Roggenbuck, Das Groteske im Werk A.K.s, (1877-1959), 1979 (Diss., Hamburg); - Jürgen Glaesemer, Paul Klees persönliche u. künstlerische Begegnung mit A.K., in: Ausst.-Kat Paul Klee. Das Frühwerk 1883-1922, Städt. Gal. im Lenbachhaus, München 1980, 63-97; - Wilfried Seipel, A.K. Der Zeichner (1877-1969), 1988; - Erich Arp, A.K. in Hamburg, 1989; - dt Thieme-Becker XXII, 34 ff.; - Vollmer III, 130 f.; - Kindler IX, 2448 f.; - Neue dt. Bibliographie, XIII, 158 ff.

Kay Heymer

Werkeergänzung:

2008

Hannes Obermüller, A.K. u.d. Jahreszeiten. Aus seinen Briefen. Weitra 2008.

Literaturergänzung:

2005

A.K. (1877-1959). Katalogred.: Peter Assmann u. Monika Oberschristl. Weitra [2005]; -

2007

A.K. Souvenirs d'un pays à moitié oublié. Èd. Anne-Julie Esparceil. Paris 2007; -

2008

Franz Tumler, Der Mantel. Nachw. von Wendelin Schmidt-Dengler. Mit Zeichn. von A.K. Frankfurt/M. 2008; - A.K. in Zwickledt. Text: Bernd Erhard Fischer. Photogr.: Angelika Fischer. Berlin 2008; -

2009

Thomas Theodor Heine, Du nimmst das alles viel zu tragisch. Briefe von Th. Th. Heine an A.K., 1912-1947. Hrsg. u. kommentiert von Thomas Raff. München 2009; - Curt Kubin. Eine Fact-Fiction-Comic-Biographie über A.K. Zeichn. Christoph Raffetseder, Zeichn. Herbert Christian Stöger, Text. Weitra 2009; - Traumbilder - Bilderträume. A.K., Caspar Walter Rauh, Stephan Klenner-Otto. Drei Generationen phantast. Kunst. Hrsg. von Wolfram Benda. Hannover 2009.

Letzte Änderung: 03.03.2010