Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XXI (2003) Spalten 759-763 Autor: Friedrich Wilhelm Riedel

KRAUS, Joseph Martin, Komponist, * 20.6. 1756 in Miltenberg am Main als Sohn des Amorbacher Stadtschreibers u. späteren kurf. mainzischen Beamten Joseph Bernhard Kraus, † 15.12. 1792 in Stockholm. - Nach den frühen Kindheits- u. Schuljahren in Amorbach, Osterburken u. Buchen (Odenwald), wurde K. 1768 als Stipendiat des Aloisianums in das Mannheimer Jesuitengymnasium aufgenommen, wo ihn Anton Klein in der lateinischen u. deutschen Literatur, P. Alexander Keck in der Musik u. Mitglieder der kurf.stlichen Hofkapelle im Instrumentalspiel unterrichteten u. der Knabe als Sänger b. Aufführungen im Gottesdienst und im Theater mitwirken mußte. Am 12.1. 1773 immatrikulierte K. sich an der Univ. Mainz f. das Studium der Philosophie u. der Rechte, am 18.11.desselben Jahres an der Univ. Erfurt f. das Jura-Studium. Musikalische Anregungen erhielt er dort durch den Musikdirektor Georg Peter Weimar u. den Organisten Johann Christian Kittel, einen Schüler J. S. Bachs. Im November 1777 setzte er das Jura-Studium an der Univ. Göttingen fort, wo er Kontakte z. Mitgliedern des Göttinger "Hain" bekam u. in freundschaftliche Verbindung z. den Brüdern Johann Friedrich Hugo u. Karl Theodor v. Dalberg trat. Hier fasste er den Entschluss, sich ganz der Musik z. widmen u. Dtld. z. verlassen. So reiste er 1778 mit einem schwed. Kommilitonen nach Stockholm, wo er nach ersten Erfolgen als Komp. im Juni 1781 z.m kgl. Kapellmeister ernannt wurde. Im Auftrag König Gustavs III. unternahm K. 1782-1786 eine Reise z. Studium der Musik- u. Theaterverhältnisse in mehreren europäischen Ländern. Wichtigste Stationen waren Stralsund, Berlin (Besuch b. dem Verleger Johann Julius Hummel), Dresden, Leipzig, Erfurt, Frankfurt, Mainz, Mannheim, Amorbach (Begegnung mit dem Komp. P. Roman Hoffstetter OSB), Regensburg (am Hof des Fürsten v. Thurn u. Taxis), Wien (sechsmonatiger Aufenthalt, Audienz b. Kaiser Joseph II., Treffen mit den Komp. Christoph Willibald Gluck, Johann Georg Albrechtsberger, Johann Baptist Vanhal, Antonio Salieri, Johann Friedrich Reichardt u. Paul Wranitzky), Esterháza (Zusammenkünfte mit Fürst Nikolaus Esterházy u. Joseph Haydn), Graz, Triest, Venedig, Florenz (Weiterreise mit Gustav III.), Bologna (Begegnung mit dem Komp. und Musiktheoretiker P. Giovanni Battista Martini OFMConv, Porträtierung durch Antonio Pomarolli), Florenz, Rom (Audienz b. Papst Pius VI.), Neapel. 1785 Rückreise über Rom, Livorno (Begegnung mit dem Komp. Johann Paul Schulthesius), Marseilles bis Paris (zweijähriger Aufenthalt gemeinsam mit dem König, Abstecher nach London z. den Händel-Säkularfeiern). Nach der Rückreise v. Paris über Frankfurt, Amorbach u. Stralsund widmete er sich in Stockholm der Neuorganisation des Musiklebens in der schwed. Metropole. Am 1.7.1787 folgte K. Francesco Uttini (1732-1795) als Ordinarie Capellmästare neben dem zeitweise verpflichteten Komp. Georg Joseph Vogler. Ferner übertrug ihm der König die Direktion der Lehranstalt der Kgl. Musikalischen Akademie. Als Gustav III. nach einem Attentat während eines Maskenballs am 29. 3.1792 starb, komp. der bereits schwer an der Lungenschwindsucht erkrankte K. die Symphonie funèbre f. die Aufbahrung des Leichnams u. die Trauerkantate f. die Beisetzung. Wenige Monate später folgte er dem Monarchen u. fand seine letzte Ruhestätte b. Brunsviken auf der Halbinsel Tivoli des kgl. Krongutes Bergshammra. Da seine Werke größtenteils in schwed. Arch. u. Bibl. verwahrt wurden, geriet K. während der nächsten hundert Jahre in Vergessenheit, bis Karl Friedrich Schreiber, ein Urenkel v. K.s Schwester Marianne durch eine Monographie u. ein Werkverzeichnis auf die Bedeutung des Komp. aufmerksam machte, dessen Schaffen heute angemessen gewürdigt u. aufgeführt wird. - Das kirchenmusikalische Schaffen v. K. erstreckte sich auf die frühe Zeit, vornehmlich den Aufenthalt in Buchen 1776/77 u. auf die letzten Lebensjahre. Bedeutendstes liturgisches Werk ist die 1783 f. die große Orgel der Gebrüder Stumm in der Abteikirche Amorbach (Odenwald) geschaffene Vertonung der Antiphon Stella cœli exstirpavit. K., der in seinem Traktat Etwas v. u. über Musik fürs Jahr 1777 kritisch z. Kirchenmusik seiner Zeit Stellung nimmt, gilt als musikalischer Repräsentant des Gustavianischen Klassizimus. Stilistisch ist er insbesondere v. Gluck beeinflußt worden. Dies kommt auch in den Trauerkomp. f. Gustav III. z. Ausdruck.

Werke: Miserere (1773), Requiem (1775), Te Deum laudamus (1776), Motette Fracto demum sacramento (1776), Aria Pro parvule (1776), Aria Parvum quando cerno Deum (1776), Motette Stella coeli exstirpavit (1783), Fragment eines Te Deum (ca. 1786), Requiem f. Kaiser Joseph II. (1790, verschollen), Oratorium Der Tod Jesu (1776, Text v. Kraus), 3 geistliche Kantaten u. Arien mit schwedischem Text (Den frid ett menlöst hjerta 1778/1781; Aria Mot en alsväldig magt, 1781; Kom din herdestaf att bära, 1790), Trauerkantate auf den Tod Gustavs III. (1792). - 5 Opern (darunter Aeneas i Carthago, 1781-1790); mehrerer Bühnenmusiken, Einlagearien u. Couplets; 4 Balletmusiken; 4 italienische Kantaten u. Arien mit Orchester (Texte v. Pietro Metastasio);18 italienische Arien mit Klavierbegleitung (Texte großenteils v. Pietro Metastasio); Chorgesänge u. Kanons mit dt., it. u. lat. Texten; Gratulationsmusiken mit schwed. Text; 13 Sinfonien, 4 Konzerte u. Konzertante Sinfonien; einige kleinere Orchesterwerke; 1 Flötenquintett, 10 Streichquartette, mehrere Trios u. Duos (die meisten mit Klavier); einige Sonaten, Variationen u. Stücke f. Klavier. - Literarische Werke: Versuch v. Schäfersgedichten (1773, verschollen), Tolon. Ein Trauerspiel in 3 Aufzügen (1776), Etwas v. u. über Musik fürs Jahr 1777 (1778), Musikalisches Lexikon (Manuskript, um 1787).

Ausgg.: Etwas v. u. über Musik fürs Jahr 1777, Faks. -Nachdruck der Ausg. Frankfurt 1778. Mit Kommentar u. Register hrsg. v. Friedrich W. Riedel, München-Salzburg 1977. Sorgemusik över Gustav III. Trauermusik f. Gustav III. Bisättningsmusik och Begravningskantat. Trauersinfonie u. Begräbniskantate, hrsg. v. Jan Olof Ruden, Stockholm 1979 (Monumenta Musicae Svecicae, Vol. 9); - Der Tod Jesu, hrsg, v, Bertil van Boer, Jr., Madison/Wisconsin 1984 (Recent Researches in the Music of the Classical Era, Vol. 27). - GA der musikalischen u. literarischen Werke in Vorbereitung.

Bibliographien u. Werkverzeichnisse: Karl Friedrich Schreiber, Verz. der musikalischen Werke v. J. M. K., in: Arch. f. Musikwissenschaft 7, 1925, 477-494 (Nachdr. in: Mitt. der Internat. J. M. K.-Ges. 4, 1988, 1-20; - Bertil H. Van Boer, J. M. K. A. Systematic Catalogue of his Muical Wortks and Source Study, Stuyvesant, NY 1998 - Gabriela Krombach, Kraus-Bibliogr., in: Mitt. der Internat. J. M. K.-Ges. 2, 1984, 7-9; 5/6, 1986, 36-43; 8, 1987, 12-18.

Monographische Darstellungen über Leben u. Werk: Carl Stridsberg, Åminnelse-Tal öfver Kongl. Svenska Musikaliska Akademiens Ledamot Framl. Kgl. Hof-Capellmästare Herr J. K., Stockholm 1798; - Frederik Samuel Silverstolpe, Biographie af K., med bilagor af femtio bref ifrån honom, Stockholm 1833; - Birger Anrep-Nordin, Studier över J. M. K., Stockholm 1924; - Karl Friedrich Schreiber, Biogr. über den Odenwälder Komp. J. M. K., Buchen 1928. - Stig Walin, Beitr. z. Gesch. der schwed. Sinfonik, Stockholm 1941. - Richard Engländer, J. M. K. u. die gustavianische Oper, Uppsala-Leipzig 1943. - Volker Bungardt, J. M. K. (1756-1792). Ein Meister des klass. Klavierliedes (Kölner Beitr. zur Musikwissenschaft 73), Regensburg 1973. - Irmgard Leux-Henschen, J. M. K. in seinen Briefen, Stockholm 1978. - Friedrich W. Riedel, Das Himmlische lebt in seinen Tönen. J. M. K. Ein Meister der Klassik, Mannheim 1992.

Sammelbände: J. M. K. Ein Meister im gustavianischen Kulturleben. Ber. v. einem K.-Symposion 1978, Stockholm 1980 (Publ. der Kgl. Schwed. Musikakademie); - J. M. K. in seiner Zeit. Referate des 2. internat. K.-Symposions in Buchen 1980, hrsg. v. Friedrich W. Riedel, München-Salzburg 1982 (Stud. z. Landes. u. Sozialgesch. der Musik 5); - K. u. das gustavianische Stockholm. Ber. v. dem K.-Symposion 1982, hrsg. v. Gunnar Larsson u. Hans Åstrand, Stockholm 1984 (Publ. der Kgl. Schwed. Musikakademie 45); - J. M. K. u. It. B.tr. z. Rezeption it. Kultur, Kunst u. Musik im späten 18. Jh., hrsg. v. Friedrich W. Riedel, München-Salzburg 1987 (Stud. z. Landes- u. Sozialgesch. d. Musik 8); - Geistl. Leben u. geistl. Musik im fränkischen Raum am Ende des alten Reiches. Untersuchungen z. Kirchenmusik v. J. M. K. u. ihrem geistl.-musikalischen Umfeld, hrsg. v. Friedrich W. Riedel, München-Salzburg 1990 (Stud. z. Landes- u. Sozialgesch. der Musik 9).

Aufsätze: Helmut Brosch, Die Jugendjahre des J. M. K. in Buchen, in: J. M. K. in seiner Zeit, München-Salzburg 1982, 16-27; - Ders., Quellen z. Biogr. v. J. M. K., in: Mitt. der Internat. J. M. K.-Gesellschaft, Band 1, 1982-1989, Heft 4, 5/6, 9/10; - Walter Michel, J. M. K. als Gymnasiast in Mannheim, in: Geistl. Leben u. geistl. Musik im fränkischen Raum, München-Salzburg 1990, 107-123; - Friedrich W. Riedel, K. in Wien 1783. Eindrücke u. Begegnungen. Der Einfluß auf den Stil der Stockholmer Spätwerke, in: K. u. das gustavianische Stockholm, Stockholm 1984, 12-25; - Wolfgang Sawodny, Einige Bemerkungen zur musikalischen Vorbildung v. J. M. K., in: J. M. K. in seiner Zeit, München-Salzburg 1982, 28-37. - Gabriela Krombach, Die lat. Motetten v. J. M. K. im Spiegel der Motettentradition im mainfränkischen Raum, in: Geistl. Leben u. geistl. Musik im fränkischen Raum, München-Salzburg 1990, 137-155; - Gunnar Larsson, K. u. die Kirchenmusik in Stockholm, in: K. u. das gustavianische Stockholm, Stockholm 1984, 78-80; - Ders., Die Musik v. K. zum Reichstag 1984, ib., 73-77; - Magda Marx, Typen süddeutscher Miserere-Vertonungen im 18. Jh. u. ihr Einfluß auf das Miserere v. J. M. K., in: Geistl. Leben u. geistl. Musik im fränkischen Raum, München-Salzburg 1990, 124-136; - Friedrich W. Riedel, Die Trauerkompositionen v. J. M. K.. Ihre geistes- u. musikgeschichtliche Stellung, in: J. M. K. in seiner Zeit, München-Salzburg 1982, 154-169; - Manfred Schuler, Zum Requiem v. J. M. K., in: Geistl. Leben u. geistl. Musik in fränkischen Raum, München-Salzburg 1990, 156-165.

Lex.: MGG VII, 1711 ff.; - Riemann I, 960 f.; - Brockhaus-Riemann II, 331 f.; - Grove XIII 875 ff.

Friedrich Wilhelm Riedel

Literaturergänzung:

Wolfgang Sandner, Türkische Putzhilfen für e. saubere Schweiz. Klingt wie M., ist aber von Joseph Martin Kraus: D. Opern "Zaide" u. "Soliman II." im ästhetischen Clinch, in: FAZ Nr. 34 vom 9.2.2006, S. 42.

Letzte Änderung: 11.02.2006