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Verlag Traugott Bautz
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KRAUSE, Reinhold, Dr. phil., Obmann der Glaubensbewegung Deutsche Christen im Gau Groß-Berlin, * 22. Oktober 1893 in Berlin, † 24. April 1980 in Konstanz. - K. wuchs in dem Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg auf, sein Vater war Drucker, die Mutter verstarb, als K. neun Jahre alt war. K. besuchte die Bismarck-Realschule in Berlin Mitte, ein Gymnasium mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Während seiner Schulzeit war K. sportbegeistert, literarisch ambitioniert und vertrat - ähnlich wie sein Vater - linkspolitische Überzeugungen. Die Schule verließ K. 1911, allerdings ohne Abschluß und ohne genaue Vorstellung über seine berufliche Zukunft. Zeitweilig besuchte er als Gasthörer Universitätsvorlesungen, zeitweilig überlegte er, das Abitur nachzuholen. Diese Unbestimmtheit fand ein Ende, als der Erste Weltkrieg ausbrach. K. meldete sich freiwillig zum Heeresdienst, wurde an der Ostfront eingesetzt, war aber verletzungsbedingt nur wenige Monate bei seiner Einheit. Den größeren Teil des Krieges verbrachte K. zunächst in Lazaretten, dann in der Garnisonsverwaltung in Berlin, schließlich bei der damals neu geschaffenen Militärischen Stelle beim Auswärtigen Amt, die Bild- und Filmaufnahmen für propagandistische Zwecke herstellte. In den letzten Kriegsjahren wurde K. nicht nur zum Militärbeamten im Offiziersrang befördert, sondern er bereitete sich auch abermals auf die Reifeprüfung vor, die er diesmal mit Erfolg bestand. Dieser beruflichen Konsolidierung voran ging K.s politischer Gesinnungswandel. Bereits zu Beginn des Krieges hatte sich K. von der vermeintlichen Richtigkeit der völkischen Weltanschauung überzeugen lassen und sich die in diesen Kreisen üblichen antijüdischen Ressentiments zu eigen gemacht. K. nahm im Wintersemester 1917/18 sein Studium für das Lehramt an Höheren Schulen an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität auf. Ein enges Verhältnis entwickelte sich dabei insbesondere zu dem Germanistikprofessor Gustav Roethe, der aus der damals fast durchweg nationalistischen deutschen Professorenschaft noch durch besonders schroffe konservative und antisemitische Positionen hervorstach. Im Vorfeld der Wahlen zur deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 begann K. sich überdies in der rechtsradikalen DNVP zu engagieren. K. war an der Gründung der Pankower DNVP-Ortsgruppe beteiligt, war deren Schriftführer und trat für seine Partei auch häufig als Redner auf. Zum Wintersemester 1919 unterbrach K. allerdings sein politisches Engagement: Er wechselte ins ruhigere Marburg, weil er meinte, dort zügiger promovieren und sein Studium abschließen zu können. Tatsächlich bestand K., nachdem er Mitte 1920 bereits seine Dissertation abgeschlossen hatte, im Dezember 1920 die wissenschaftliche Staatsprüfung für das höhere Lehramt in den Fächern Deutsch, Geschichte und Erdkunde, worauf er im Januar 1921 am Pankower Realgymnasium in den Vorbereitungsdienst trat. K. konnte, da ihm wegen seiner Kriegsteilnahme ein Ausbildungsjahr erlassen worden war, bereits im Dezember 1921 das Zweite Staatsexamen ablegen, fand anschließend allerdings keine reguläre Anstellung, worauf er sich über Jahre als Studienassessor mit wechselnden Lehraufträgen verdingen mußte. Parteipolitisch engagierte sich K. in den 20er Jahren nicht mehr. Die DNVP war für ihn unattraktiv geworden, weil diese sich seit dem Sommer 1922 stärker als zuvor von völkisch-antisemitischen Positionen abzugrenzen suchte. Ein neues, nunmehr kirchenpolitisches Betätigungsfeld fand K. indes im Bund für deutsche Kirche, einem 1921 gegründeten Zusammenschluß von Intellektuellen, die eine deutsche (das hieß: von allem Jüdischen befreite) Kirche schaffen wollten. K. fungierte in diesem Bund zeitweilig als Pressechef, vor allem aber übernahm er die Leitung der deutschkirchlichen Ortsgruppe seiner Heimatgemeinde Niederschönhausen, die K. - in Zusammenarbeit mit dem gleichgesinnten Ortspfarrer Karl Fangauf - zur deutschkirchlichen Vorzeigegemeinde Berlins ausbaute. Anfang der 30er Jahre gehörte K. bereits zu den aktivsten Mitgliedern des Bundes: K. hielt Vorträge, leitete Schulungen, übernahm die Schriftleitung eines religionspädagogischen Periodikums und wurde schließlich sogar zweiter Hauptgeschäftsführer des Bundes. Sein Engagement im Bund für deutsche Kirche fand allerdings ein jähes Ende zum Jahreswechsel 1932/33. Im November 1932 hatte die wenige Monate zuvor gegründete und von den Nationalsozialisten massiv unterstützte Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC) bei den Preußischen Kirchenwahlen ein so beeindruckendes Ergebnis erzielt, daß K. zu der Überzeugung gelangte, daß er in dieser Organisation seine völkischen Reformideen mit größerem Erfolg durchsetzen könne. K. wurde Mitglied der Glaubensbewegung Deutsche Christen - und vermochte über diese Organisation innerhalb weniger Monate tatsächlich eine erstaunliche Fülle von einflußreichen Posten einzunehmen: So wurde K., der bis dahin lediglich Mitglied im Kirchenrat seiner Heimatgemeinde gewesen war, nun in die Kreissynode gewählt und gelangte von dort aus nicht nur in die Provinzial-, sondern schließlich auch in die preußische Generalsynode. Darüber hinaus wurde K. von der Generalsynode Anfang September 1933 zum Mitglied des Kirchensenats gewählt. Berücksichtigt man, daß die preußische Generalsynode in gleicher Sitzung ihre Rechte auf eben den Kirchensenat übertragen hatte, so daß diesem fortan die Führung der gesamten Altpreußischen Union oblag, geht man nicht fehl, K. zu den damals einflußreichsten Personen der preußischen Kirchenhierarchie zu zählen. Daneben stieg K. auch innerhalb der Glaubensbewegung Deutsche Christen auf: Seit dem Frühjahr 1933 war K. stellvertretender Leiter des DC-Gaues Groß-Berlin, im August 1933 übernahm er sogar die Leitung dieses wichtigen Bezirkes, da der bisherige Amtsinhaber, Kurt Freitag, wegen Ämterhäufung von diesem Posten hatte zurücktreten müssen. Schließlich gelangte K. auch innerhalb der NSDAP zu einigem Einfluß. Dieser war K. im April 1932 beigetreten; nun - ein gutes Jahr später - wurde K. einer der Berliner NS-Gauhauptstellenleiter und zudem Parteiredner für evangelisch-kirchenpolitische Fragen. K. nutzte seinen beträchtlichen Einfluß, um seine alten völkisch-religiösen Ideen umzusetzen. So brachte er noch im August 1933 auf der Brandenburgischen Provinzialsynode den Antrag ein, Nichtarier vom Pfarrdienst auszuschließen. Der Antrag wurde an die dafür zuständige Generalsynode weitergeleitet, die ihn auf ihrer Septembersitzung mit breiter (deutschchristlicher) Mehrheit erwartungsgemäß auch annahm. Gleichfalls wirkte K. bei der Erstellung neuer Religionslehrpläne mit, bei denen u.a. das gesamte Alte Testament zugunsten deutscher Mythen und Märchen wegfallen sollte. Als der kirchliche Arierparagraph dann allerdings nur zögerlich umgesetzt wurde und die Ende September 1933 erstmals tagende Reichssynode den Entschluß über die Einführung eines kirchlichen Arierparagraphen gar vertagte, da sah sich K. genötigt, den kirchlichen Verantwortlichen die Dringlichkeit seiner antijüdischen Reformvorhaben neuerlich vor Augen zu führen. Zu diesem Zweck lud K. zu einer deutschchristlichen Gauversammlung in den Berliner Sportpalast. Diese fand - nachdem sie mehrfach hatte verschoben werden müssen - am 13. November 1933 statt. K. breitete seinerzeit als Hauptredner vor den 20.000 begeisterten Zuhörern - in Anwesenheit der gesamten DC-Prominenz - in unverblümter Weise seine Vorstellungen von einem deutschen Christentum aus. In der Mitte seiner über zweistündigen Rede äußerte K. die folgenden, wegen ihrer Mischung aus agitatorischer Schärfe und sachlogischer Verstiegenheit später vielzitierten Sätze: "Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen, eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müßten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen. (Anhaltender Beifall). Hierher gehört auch, daß unsere Kirche keine Menschen judenblütiger Art mehr in ihren Reihen aufnehmen darf. Wir ... haben immer wieder betont: judenblütige Menschen gehören nicht in die deutsche Volkskirche (starker Beifall), weder auf die Kanzel, noch unter die Kanzel. Und wo sie auf den Kanzeln stehen, haben sie so schnell wie möglich zu verschwinden. (Bravorufe, Beifall)." Die Anwesenden nahmen eine entsprechende Erklärung zwar - bei nur einer Gegenstimme - an, weite Teile des deutschen (und ausländischen!) Protestantismus waren über K.s Äußerungen indes entsetzt. Wesentlich schneller, als K. in den Wochen und Monaten zuvor einflußreiche Ämter akkumuliert hatte, verlor er dieselben nun, weil Reichsbischof und DC-Leitung angesichts des enormen öffentlichen Druckes um ihre eigenen Ämter zu fürchten begannen. Bereits am 14. November 1933 wurde K. nicht nur als Leiter des DC-Gaues Groß-Berlin für abgesetzt erklärt, sondern Reichsbischof Ludwig Müller entband ihn auch von seinen zahlreichen kirchlichen Ämtern. Zudem wurde gegen K. ein Verfahren wegen grober Pflichtwidrigkeit eingeleitet, das die getroffenen disziplinarischen Maßnahmen nachträglich legitimieren sollte. Im Februar 1934 fand dieses Verfahren seinen Abschluß mit der zu erwartenden Bestätigung der vollzogenen Amtsenthebungen. Nun traten nach der Sportpalastkundgebung - so K. in einer seiner damaligen Schriften - allerdings auch viele Menschen an K. heran, die sich mit ihm und seinen Zielen solidarisch erklärten. Um mit ihnen für seine Ideen weiterkämpfen zu können, gründete K., nachdem er am 17. November aus der Glaubensbewegung Deutsche Christen ausgetreten war, noch im gleichen Monat eine neue sogenannte Glaubensbewegung, die Glaubensbewegung Deutsche Volkskirche. (Der Terminus 'Deutsche Volkskirche' geht auf den NS-Ideologen Alfred Rosenberg zurück; der hatte mit diesem Begriff eine noch zu erbauende neuheidnische 'Kirche' beschrieben, die mit den Werten des Christentums nichts mehr gemein haben sollte.) Für diese 'Deutsche Volkskirche' trat K. in der Folgezeit als öffentlicher Redner auf, er brachte auch einige Schriften heraus, dazu erschien ab Januar 1934 ein eigenes Nachrichtenblatt mit dem Titel 'Die Deutsche Volkskirche'. Nennenswerter Erfolg war diesem Projekt allerdings nicht beschieden. Zum einen wurde K. die Durchführung spektakulärer Werbeveranstaltungen verboten - aus Sorge um den 'inneren Frieden' im Dritten Reich; zum anderen fand er so gut wie keine aktiven Mitstreiter; drittens bewegte sich K. nun auch faktisch auf die Kreise zu, mit denen er ideell schon lange übereinstimmte: den neuheidnischen Gruppen, die im schroffen Gegensatz zum Christentum standen. So näherte sich K. der neuheidnischen Deutschen Glaubensbewegung Wilhelm Hauers: Nach ersten Kontakten im Frühjahr 1934 kam es schon ein gutes Jahr später zum organisatorischen Zusammenschluß beider Organisationen - unter dem wirklichkeitsfernen Leitspruch 'ein Volk - ein Reich - ein Glaube'. Darüber hinaus kam K. seinerzeit in Kontakt mit der Behörde des Chefideologen des Dritten Reiches, dem 'Amt Rosenberg', das ihn in den folgenden Jahren als Vortragsredner in ganz Deutschland einsetzte. Ende der 30er Jahre gehörte K., der zu dieser Zeit längst aus der Kirche ausgetreten war, bereits zu den führenden Köpfen des deutschen Neuheidentums: So war er nicht nur führendes Mitglied im Kampfring Deutscher Glauben, einer Nachfolgeorganisation der Deutschen Glaubensbewegung, sondern K. brachte auch einige Schriften heraus, in denen er zum Kirchenaustritt aufforderte und neuheidnische Alternativen zum kirchlichen Ritualangebot aufzeigte. Das Ende der NS-Herrschaft bereitete diesen Aktivitäten ein Ende. K. wurde interniert und erst 1950 wieder entlassen. In dem nachfolgenden Entnazifizierungsverfahren wurde K. als minderbelastet eingestuft, woraufhin er in Konstanz - dorthin war er nach seiner Entlassung gezogen - wieder als Studienrat tätig werden konnte. K. verstarb im Jahre 1980. - K. ist ein herausragendes Beispiel für die politisch motivierte Devianz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So wie K. haben seinerzeit auch andere gedacht, aber kaum ein anderer in einer vergleichbar hohen kirchlichen Position hat seine Forderungen öffentlich so ungeschminkt und aggressiv ausgebreitet, wie K. dies im Berliner Sportpalast getan hat.
Werke: Rechtschreibung und Lautstand in den Augsburger deutschen Drucken von 1470-1520, Dissertation (Marburg) 1924; Ein deutscher Dichterabend, in: Die Deutschkirche. Sonntagsblatt für das deutsche Volk, 1928, Bl. 2, 17; Kampf dem Klingelbeutel!, in: Die Deutschkirche. Sonntagsblatt für das deutsche Volk, 1930, Bl. 10, 75; Rede des Gauobmannes der Glaubensbewegung 'Deutsche Christen' in Groß-Berlin Dr. Krause, gehalten im Sportpalast am 13. November 1933 (nach doppeltem stenographischen Bericht) (=Schrift 1 der Schriftenreihe der Glaubensbewegung Deutsche Volkskirche), Berlin o.D. (1933); 'Was ist Irrlehre?', Rede, gehalten im Saalbau Friedrichhain, Berlin am 6. Dezember 1933 (=Schrift 2 der Schriftenreihe der Glaubensbewegung Deutsche Volkskirche), Berlin o.D. (1933); Der 'Fall Krause' und seine Folgen. Von den Deutschen Christen zur Deutschen Volkskirche (=Schrift 3 der Schriftenreihe der Glaubensbewegung Deutsche Volkskirche), Berlin o.D. (1933); Lehrplanentwurf für den evangelischen Religionsunterricht an den höheren Schulen, in: Freitag, K. (Hrsg.): Kirche, Schule und Religionsunterricht im völkischen Staat nebst Lehrplanentwürfen, Leipzig 1934, 78-82; Jugenderziehung aus Deutschem Gottglauben (=Heft 8 der Reihe Deutschgläubiges Deutschland. Schriften zum Deutschen Glaubenskampf), Erfurt 1939; Soll mein Kind den Religionsunterricht in der Schule besuchen?, Dresden 1939; Lebenserinnerung (Kap. 10 abgedruckt in Kühl-Freudenstein 2003; die Veröffentlichung der übrigen Kapitel ist in Vorbereitung).
Lit.: Olaf Kühl-Freudenstein: Pankow, in: ders. u.a. (Hrsg.): Kirchenkampf in Berlin 1932-1945. 42 Stadtgeschichten, Berlin 1999; - ders.: Evangelische Religionspädagogik und völkische Ideologie. Studien zum 'Bund für deutsche Kirche' und der 'Glaubensbewegung Deutsche Christen', Dissertation (Würzburg) 2003; - Kurt Meier: Die Deutschen Christen. Das Bild einer Bewegung im Kirchenkampf des Dritten Reiches, Göttingen 1964; - Kurt Meier: Der Evangelische Kirchenkampf. Band 1: Der Kampf um die 'Reichskirche', 2. Auflage, Göttingen 1984; - Ulrich Nanko: Die Deutsche Glaubensbewegung. Eine historische und soziologische Untersuchung, Marburg 1993; - Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, geringfügig ergänzte Auflage, Frankfurt am Main/Berlin 1986; - J. H. Ulbricht: Deutschchristliche und deutschgläubige Gruppierungen, in: Handbuch der deutschen Reformbewegungen: 1880-1933, Hrsg.: Diethart Krebs u. Jürgen Reulecke, Wuppertal 1998, 499-512.
Olaf Kühl-Freudenstein
Literaturergänzung:
2009
Siegfried Bräuer, Rechtsradikalismus u. Kirche in Berlin-Pankow/Niederschönhausen. Aufstieg u. Fall d. "Sportpalast-Krause" 1932/33, in: Kirche im Profanen. Frankfurt/M. 2009, S. 95-113.
Letzte Änderung: 28.10.2009