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Band XXIII (2004) Spalten 872-884 Autor: Konrad Weiß

KREYSSIG, Lothar (Ernst Paul), Dr. jur., Richter, Konsistorialpräsident und Präses, Landwirt; * 30.10. 1898 in Flöha (Sachsen) als Sohn des Getreidegroßhändlers Paul Ferdinand Kreyssig und seiner Ehefrau Anna, geb. Seltmann, adopt. Küchenmeister; seit 1923 verheiratet mit Johanna Charlotte Kreyssig, geb. Lederer (1897-1981); vier Söhne (Peter, * 1924; Jochen, * 1929; Uwe, * 1930; Christoph, 1939-1947); † 5.7. 1986 in Bergisch-Gladbach. - K. besuchte in Flöha die Grundschule und in Chemnitz das Gymnasium, das er Ende 1916 mit der Notmatura abschloß, nachdem er sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte. Als Soldat, zuletzt als Unteroffizier kämpfte er in Frankreich, im Baltikum und auf dem Balkan; er blieb unverwundet. Nach dem Krieg begann er an der Universität Leipzig mit dem Studium der Jurisprudenz. K., der in seiner Jugend deutsch-national eingestellt war und die Weimarer Demokratie verachtete, gehörte der "Grimensia" an, einer Schlagenden Korporation, deren Präsident er zeitweise wurde. Beim Kapp-Putsch im März 1920 kämpfte er mit der Waffe in der Hand gegen die Arbeiter. Doch er begann zu dieser Zeit auch, nach einem tieferen Sinn seines Lebens zu suchen. Noch befand er, wie er in seinem Tagebuch notierte, daß die "Religion als ein Dokument menschlicher Schwäche resultierend aus der Todesfurcht" nichts für ihn sei. - In dieser Zeit lernte K. seine spätere Frau kennen, die gebildet und künstlerisch interessiert war. Er war ein guter Violinspieler, sie eine gute Pianisten, gemeinsam mit Freunden musizierten sie regelmäßig. Hausmusik wurde auch künftig in der Familie gepflegt, wie auch gemeinsame Leseabende. In der Verlobungszeit hatte K. selbst begonnen, Gedichte zu schreiben; und auch späterhin sind einfühlsame Texte entstanden, zumeist an wichtigen Lebensstationen, manchmal im Abstand vieler Jahre. - Nach dem Studium arbeitete K. zunächst in einem Rechtsanwaltsbüro, dann am Amtsgericht in Augustusburg bei Flöha. 1923 heiratete er, ein Jahr später wurde der erste Sohn geboren. Unter der Inflation hatte auch die junge Familie zu leiden. Aus dieser Erfahrung heraus gründete er 1931 in Flöha eine "Notgemeinschaft für die Arbeitslosen". 1926 wurde K. an das Landgericht Chemnitz versetzt, wo er im Mai 1928 zum Landgerichtsrat ernannt wurde. Er war ein fähiger und geschätzter Jurist, dem eine Karriere offenstand. - Dennoch nannte K. diese Jahre rückblickend seine "vorgeburtliche Existenz". Denn in diese Zeit der beruflichen und familiären Konsolidation, K. ist Anfang Dreißig, fielen Umbrüche, die sein Leben tiefgreifend verändern sollten. Das war zum einen die politische Wandlung: Lange Gespräche mit dem liberalen und sozial orientierten Präsidenten des Landgerichts Chemnitz, Rudolf Ziel, der den jungen Richter sehr schätzte, bewirkten, daß dieser sich von seiner deutsch-nationalen Gesinnung und zeitweiligen Sympathie für nationalsozialistische Ideen löste. Außerdem besuchte er in dieser Zeit Kurse für biologisch-dynamisches Landwirtschaften nach Rudolf Steiner (s.d.). Vor allem aber fällt in diese Jahre K.s religiöse Umkehr: Nach dem Tod des Vaters hatte ihm ein Richterkollege die Schriften Jakob Lorbers (s.d.) empfohlen. Dessen Paraphrase des Johannes-Evangeliums regte K. an, die Bibel zu lesen, er "geriet über das Wort" und begann, mit der ihm eigenen Konsequenz und Leidenschaft, "aus dem Wort zu leben". Die Jahre, in denen er die Bibel entdeckte, bezeichnete er als seine eigentliche Geburt. - All dies fiel zeitlich mit dem politischen Umbruch, der Machtergreifung der Nationalsozialisten, zusammen. Die Rechtsbrüche, die der junge Richter dann mit ansehen mußte, gaben den letzten Anstoß, sich radikal von nationalistischen Anschauungen zu lösen. Er wurde fortan argwöhnisch von der Gestapo beobachtet, auch mehrfach denunziert; seine Entfernung aus dem Richteramt wurde betrieben. Als 1934 die Bekenntnisgemeinden entstanden, stellte K. sich in ihren Dienst. Er wurde Vorsitzender des Kreisbruderrats Flöha und hielt auf zahlreichen Veranstaltungen der sächsischen Bekenntnisgemeinschaft Vorträge. Im Sept. 1935 war er Präsident der 1. Sächsischen Bekenntnissynode. In einem Sendbrief an alle ev.-luth. Gemeinden in Sachsen verurteilte die Synode entschieden den "Irrweg des neuen Heidentums" der Deutschen Christen. - K. hat an mehreren Reichssynoden der Bekennenden Kirche teilgenommen, zuerst im Juni 1935 in Augsburg. Theologisch stand er den Dahlemiten nahe. Auf der 4. Reichssynode in Bad Oeynhausen im Febr. 1936 vermittelte er "in einer dunklen Stunde der Bekennenden Kirche" (Kurt Scharf - s.d.) zwischen zwei unversöhnlichen Strömungen, an denen die Synode zu scheitern drohte: Auf der einen Seite August Marahrens (s.d.), der Verhandlungen mit dem Staat für notwenig und zulässig erachtete, auf der anderen Martin Niemöller (s.d.), der den "missionarischen letzten Totalangriff" der Kirche gegen den totalitären NS-Staat wollte. Auf der Arbeitstagung der Sächsischen Synode im Sept. 1936 trat K. gegen Versuche auf, die Legitimität der BK in Frage zu stellen. Dabei argumentierte er, der Jurist, genuin biblisch und erinnerte die verzagten Synodalen leidenschaftlich an die "Freiheit der Gebundenen". - Das offene Eintreten für die BK brachte den Amtsrichter zunehmend in Konflikt mit vorgesetzten Behörden und der NSDAP. 1937 ließ er sich nach Brandenburg a.d. Havel versetzen. K. hatte dort, in Hohenferchesar, einen heruntergekommenen Bauernhof gekauft, den er "Bruderhof" nannte und, zunächst neben seiner Arbeit am Amtsgericht, biologisch-dynamisch bewirtschaftete. Auch in Brandenburg setze er seine Arbeit für die BK fort. Er wurde in den Kreisbruderrat und in den Provinzialbruderrat kooptiert. Ab 1938 war er Synodaler der Bekenntnissynode der Altpreußischen Union. In der heimischen Bauerngemeinde hielt er regelmäßig Bibelstunden ab und predigte als "ordinierter Laienpastor". - Im Frühjahr 1939 kam es in der Stadt Brandenburg zu einer Zuspitzung des Kirchenkampfes. An der Spitze des Kreisbruderrates verhinderte K., daß ein Pfarrer der Deutschen Christen vor der bekenntnistreuen Gemeinde der St. Gotthardtkirche predigen konnte. Daraufhin erstattete die Kirchenbehörde Anzeige, K. wurde von der Gestapo verhört. Ein Ermittlungsverfahren "wegen Hausfriedensbruch und Gottesdienststörung" wurde eröffnet, ein Dienststrafverfahren angestrengt. Bei seinen Vernehmungen machte K. keinen Hehl aus seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus; in einem längeren Schriftstück führte er aus, daß seiner Überzeugung nach alles, was er seit 1933 an Rechtsnot erlebt habe, auf das "Selbstverständnis des Staates als eines totalen" zurückzuführen sei. Er erklärte, bei einer denkbaren Kollision zwischen seiner Pflicht als Beamter und seiner Pflicht als Christ halte er es für die übergeordnete Pflicht, gewissensmäßig zu handeln. - Eindrucksvoll untermauerte er diese Haltung im Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Euthanasie-Morden. Hitler hatte bald nach Kriegsbeginn den Befehl zur "Vernichtung lebensunwerten Lebens" gegeben. Als Vormundschaftsrichter bemerkte K., daß sich Nachrichten über den Tod seiner behinderten Mündel häuften. Auch in der Bevölkerung und in der BK kursierten solche Gerüchte. Am 8. Juli 1940 meldete er seinen Verdacht, daß die Kranken massenhaft ermordet würden, dem Reichsjustizminister Franz Gürtner. Daraufhin wurde er ins Reichsjustizministerium einbestellt. Ihm wurde bedeutet, daß die Euthanasie-Aktion von Hitler selbst veranlaßt worden sei und in Verantwortung der Reichskanzlei ausgeführt werde. Daraufhin erstattete K. gegen Reichsleiter Philipp Bouhler Anzeige wegen Mordes. Den Anstalten, in denen Mündel von ihm untergebracht waren, untersagte er, diese ohne seine Zustimmung zu verlegen. Am 13. Nov. 1940 wurde K. vom Justizminister selbst befragt. Gürtner legte ihm das Handschreiben Hitlers vor, mit dem dieser die Mordaktion ausgelöst hatte, und das deren alleinige Rechtsgrundlage darstelle. K. blieb unbeirrt: "Ein Führerwort schafft kein Recht". Der Justizminister stellte fest, daß er dann nicht länger Richter sein könne. Zwei Jahre später, im März 1942, wurde K. durch Erlaß Hitlers in den Ruhestand versetzt. Andere Folgen hatte das mutige Auftreten des Amtsrichters, das selbst den Justizminister und die Beamten der Reichskanzlei beeindruckt hatte, nicht. Versuche der Gestapo, ihn ins Konzentrationslager zu bringen, scheiterten. Bis Kriegsende bewirtschaftete K. weitgehend unbehelligt seinen Bauernhof. - Seine Arbeit in der BK setzte K. die ganze Zeit über fort, zeitweilig allerdings eher im Hintergrund. Er plädierte vehement für ein Wort der Kirche gegen die Rechtsverletzungen des NS-Regimes und war maßgeblich an der Ausarbeitung der Handreichung zum fünften Gebot beteiligt ("Zeichen der Zeit"), die auf der 12. Altpreußischen Bekenntnissynode im Okt. 1943 in Breslau verabschiedet wurde, und in der die BK zum erstenmal unmißverständlich gegen die Vernichtungslager, die Euthanasie, die Judenverfolgung und die Mißhandlung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern Stellung bezog. In der Stadt Brandenburg sammelte K. eine junge Bekenntnisgemeinde zu regelmäßigen Bibelstunden um sich. Damals entstanden seine Auslegungen nach dem 2. Buch Samuel "zu Gottes Gericht und Gnade über dem Ahnen Jesu Christi", die er nach dem Krieg als seine einzige Buchveröffentlichung ("Gerechtigkeit für David", 1949) herausgab. Auf eindrucksvolle Weise ist darin sein theologisches und sein juridisches Denken zusammengeführt. - Während der letzten Kriegsjahre verbarg K. auf seinem Bruderhof zwei jüdische Frauen, die dort überlebten. Doch er fühlte sich auch der unterlassenen Hilfe schuldig. Kurz vor Weihnachten 1942 hatte Senta Maria Klatt vom Provinzialbruderrat ihn gebeten, einen jüdischen Mann aufzunehmen. Während er in dessen Wohnung war, wurde der Mann, ein getaufter Jude, zur Deportation abgeholt. K. reichte ihm noch das Abendmahl und versprach, ihn am nächsten Tag im Sammellager aufzusuchen. Ein führendes Mitglied aus dem Bruderrat riet ihm dringend von dem nach seiner Meinung aberwitzigen Vorhaben ab. "Ich wurde wankend, am nächsten Tag abtrünnig und fuhr mit gebrochenen Versprechen, im Gewissen unsagbar geschlagen zum Christfest nach Hause." Jahre später bekannte K., daß aus diesem Versagen das Verlangen erwachsen sei, Gott wider Angst und allen Augenschein besser zu vertrauen und recht zu geben. Er wußte sich mit allen, die schuldig geworden waren, in der "Solidarität der begnadigten Sünder"; aus dieser Erfahrung sei später das "Wagnis Sühnezeichen" gewachsen. - Der Krieg verschonte am Ende auch den Bruderhof nicht, Frauen wurden vergewaltigt, der Hof verwüstet. Mehrfach entging K. in letzter Minute der Erschießung oder Verhaftung durch sowjetische Soldaten. Dreimal sollte er in der Folgezeit durch die neuen kommunistischen Machthaber enteignet werden. Jedesmal machten die Russen, die inzwischen offenbar Kunde vom tapferen Widerstand K.s bekomme hatten, den Räumungsbefehl rückgängig. Nachdem die Sowj. Militäradministration (SMAD) mit dem Aufbau einer deutschen Verwaltung begonnen hatte, erhielt K. das Angebot, eine leitende Stellung im Justizwesen zu übernehmen. Nach kurzer Bedenkzeit lehnte er ab; er ahnte, daß in der sowj. Besatzungszone ein neues totalitäres Regime errichtet werden würde. - Bereitwillig folgte er jedoch der Bitte, als Konsistorialpräsident den kirchlichen Wideraufbau in der Kirchenprovinz Sachsen zu leiten. Im Dez. 1945 nahm er die Arbeit in Magdeburg auf; die Familie blieb in Hohenferchesar. Bei der strukturellen Neuordnung der Kirchenprovinz versuchte er, das Kirchenverständnis der Bekenntnisgemeinden zu Grunde zu legen; der bischöfliche Auftrag wurde in acht Propstämter aufgefächert, der Bischof selbst sollte vor allem Seelsorger sein. Für das Konsistorium führte er eine geistliche Ordnung ein; dazu gehörten die Morgenandacht und ein gemeinsames Mittagsgebet. Dennoch wurde er der Verwaltungsaufgaben, die ihn als Konsistorialpräsident vor allem beschäftigten, schnell überdrüssig. So konzipierte er bei der Ausarbeitung der neuen Kirchenverfassung ein neues Amt, das er sich auf den Leib schrieb: das eines hauptamtlichen Präses. - Im Okt. 1946 fand in Halle die erste ordentliche Synode der Kirchenprovinz seit 1929 statt. Schon im Vorfeld war es zu Auseinandersetzungen mit der SMAD gekommen, die verlangt hatte, daß ihr die Synodendokumente zur Genehmigung vorgelegt werden. K. sah damit den Bekenntnisfall gegeben und legte gemeinsam mit drei anderen Synodalen das Mandat nieder. Konflikte mit den sowj. Behörden und vor allem mit der SED verfolgten ihn fortan ständig. Ähnlich wie in den Jahren zuvor, war er nicht bereit, Kompromisse einzugehen, durch die er den Auftrag der Kirche eingeengt oder gefährdet sah. - Am 27. Juni 1947 wurde er zum Präses der Kirchenprovinz gewählt, ein Amt, das er zwei Jahrzehnte lang innehaben sollte. Das Magdeburger Präsesbüro wurde unter seiner Leitung zum Zentrum vielfältiger kirchlicher Aktivitäten. Er hatte wesentlichen Anteil an der Gründung der Ev. Akademie (1948), die "auf der Suche nach der Mitte, die aus der Kraft des lebendigen Wortes erwächst", Gesprächsforum und Ort der Begegnung sein sollte. K. setzte die Akademiearbeit bewußt dem "Verlust der Geistesfreiheit" in der DDR entgegen. Ihr Wirken hat in der Folgezeit dazu beigetragen, daß christlicher Glaube in einer immer mehr atheistisch werdenden Gesellschaft lebendig geblieben ist. Vom Staat wurde die Akademie argwöhnisch beobachtet und massiv behindert, er selbst wurde jahrelang durch den Staatssicherheitsdienst bespitzelt. Als 1955 die Jugendweihe eingeführt wurde, brachte K. sich aktiv in die Auseinandersetzung darüber ein. Wie zu Zeiten der BK war er im ganzen Land zu Vorträgen unterwegs. Am 29. Jan. 1956 hielt er in der Nikolaikirche zu Leipzig eine leidenschaftliche Rede, in der er den totalitären Charakter des atheistischen Sozialismus offenlegte. Das führte zu einer heftigen Pressekampagne der SED, in deren Verlauf er auch persönlich diffamiert wurde. - K. war zu dieser Zeit mit einer Reihe verantwortungsvoller Ämter betraut: Seit 1950, bis in die 60er Jahre, war er auch Präses der Generalsynode der Ev. Kirche der altpreußischen Union (später EKU). Von 1949 bis 1961 war er Mitglied des Rates der EKiD und u.a. Beauftragter der EKiD für die Ev. Akademien in Deutschland. 1952 wurde er Präsident der Kirchenkanzlei in Berlin, zuvor hatte er die Verwaltungsgeschäfte der EKU schon längere Zeit kommissarisch geleitet. Als Vertreter der Kirchen in der DDR war er bis Ende 1958 Vizepräsident des DEKT. Er nahm an zahlreichen Synoden teil und leitete viele, arbeitete in Ausschüssen und Kommissionen mit und vertrat die deutschen Kirchen auf den Weltkirchenkonferenzen in Amsterdam (1948) und in Evanston (1954). Außerdem hatte er einen Hilfsring und einen Laienbesuchsdienst gegründet, durch die, wie in der Zeit des Kirchenkampfes, der innere Zusammenhalt der Gemeinden gestärkt werden sollte. Geistlich stand er dabei der Michaelsbruderschaft nahe, der er später auch beigetreten ist. - Die Teilnahme an den Weltkirchenkonferenzen hatte K. sensibel für die Ökumene gemacht, obgleich er bekannte, daß er sich in der "dünnen Höhenluft ökumenischer Konzile" nie wohlgefühlt habe. 1952 hatte er als Vizepräsident des Kirchentages dem 75. Deutschen Katholikentag in Berlin die Grüße der ev. Christenheit zu überbringen. Er las die Losung des Tages (1. Mose 13,8). "Für den Aufruhr der Herzen, den Jubel, der mir daraufhin entgegenkam, fehlt jeder Vergleich. Was sind Schmerz, Mühsal, Armseligkeit eines endlosen Weges neben solchem Augenblick!" Diese Annäherung von kath. und ev. Christen ging manchen zu weit; K. wurden bald "katholisierende Tendenzen" nachgesagt. Ein Referat auf der Synode der Kirchenprovinz im Nov. 1957, in dem er mißverständlich von einer "christomonistischen Theologie" gesprochen hatte, die sich als Orthodoxie der jungen Kirche entwickelt habe, löste heftige Debatten und peinliche Anhörungen aus. K. nannte das Verfahren bitter ein "Ketzergericht". Ein Ausschuß wurde gebildet, der sich mit den angeblichen "romanisierenden" Tendenzen in der Kirchenleitung befassen sollte. Zudem warfen ihm seine Kritiker die tägliche Morgenandacht in der kath. Sebastianskirche in Magdeburg vor. K. konterte, an dem Tag, wo morgens um sechs Uhr eine ev. Kirche offenstehe, werde er dort sein. In seiner Hinwendung zur Ökumene, die nach seinem Verständnis auch das Judentum einschließt, ließ er sich nicht beirren, die "Una Sancta" blieb für ihn zeitlebens ein Ziel. Mit vielen Persönlichkeiten der ökumenischen Bewegung stand er im persönlichen oder brieflichen Gedankenaustausch. - Auf den Weltkirchenkonferenzen war er auch in Berührung mit den jungen, sich vom Kolonialismus befreienden Kirchen der "Dritten Welt" gekommen. Das gab den Impuls für sein Projekt der "Ökumenischen Diakonie", an dem er 1953 und 1954 intensiv arbeitete. Er verfaßte mehrere Texte, in denen er sich mit dem Hunger in der Welt und der ungerechten Verteilung der Güter auseinandersetzte. K. schlug der kath. Kirche und dem Ökumenischen Rat die Schaffung eines gemeinsamen, paritätisch besetzten Organs vor, zu dem jüdische Vertreter hinzuzubitten seien. Ein- oder zweimal im Jahr sollten alle Gemeinden eine Sonntagskollekte als gemeinsames Opfer für die Hungernden in der Welt bestimmen. Es komme darauf an, die zahlreichen lokalen Initiativen zu bündeln und den Hunger durch eine weltweite ökumenische Aktion nachhaltig zu bekämpfen. Doch die entscheidenden kirchlichen Gremien erteilten dem Projekt eine Absage. K. ließ nicht locker, im März 1957 beschloß die EKiD, künftig die Kollekten des Erntedanksonntags in die Hungergebiete zu geben. Im Jahr darauf wurde zum erstenmal die Aktion "Brot für die Welt" durchgeführt, auf kath. Seite begannen die Fastenaktionen "Misereor"; K. zählt fraglos zu beider Wegbereitern. Er selbst gründete, enttäuscht vom Traditionalismus der Kirchen, 1957 seine "Aktionsgemeinschaft für die Hungernden", die von namhaften Persönlichkeiten unterstützt wurde, darunter Willy Brand, Heinz Galinski, Ernst Lemmer und Otto Suhr. Als eine der ersten entwicklungspolitischen Initiativen konnte seine Aktion auch in der DDR Fuß fassen; aus ihr ist später das INKOTA-Netzwerk hervorgegangen, das bis heute aktiv ist. - Zur wichtigsten Gründung K.s wurde jedoch die Aktion Sühnezeichen. Verzweifelt hatte er verfolgt, wie wenig das, was mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis ausgesprochen worden war, Lebensalltag der Deutschen geworden war. Viele Jahre lang hat er sein Vorhaben zu einem Versöhnungsdienst im Herzen bewegt und mit Freunden besprochen; fast allen schien es utopisch. Doch dann, auf der Synode der EKiD im April 1958 in Berlin, war der richtige Zeitpunkt gekommen. Die Synodalen hatten tagelang heftig über die Atomrüstung der Bundeswehr und den Militärseelsorgevertrag debattiert, zu einer gemeinsamen Aussage aber nicht gefunden. Nach dem Plenum des fünften Tages verlas K. seinen Aufruf "Wir bitten um Frieden". Ein solcher D



ienst, wie er ihn anrege, könne zwar die politischen Fragen nicht lösen, aber ein Zeichen der Sinnesänderung der Deutschen sein. Ohne Versöhnung werde es keinen Frieden geben. Noch am selben Abend unterzeichneten zahlreiche Synodale den Aufruf, darunter viele namhafte Weggefährten K.s aus der BK. Ein Jahr später, 1959, fand in Holland der erste Einsatz der Aktion Sühnezeichen statt, Projekte in Norwegen und Griechenland folgten. 1961 wurde mit dem Bau der Versöhnungskirche in Taizé begonnen, eine andere Gruppe arbeitete in der Kathedrale von Coventry, die von deutschen Bomben zerstört worden war. K., der zwar ein großartiger Inspirator, aber in praktischen Dingen unbeholfen war, fand viele tatkräftige Helfer, die sich leidenschaftlich für die Umsetzung seiner Ideen einsetzten, darunter Erich Müller-Gangloff (s.d.), Franz von Hammerstein, Richard Nevermann sowie Johannes Müller, der die erste Sühnezeichen-Gruppe in Israel leitete. - Nach dem Mauerbau im August 1961 entschied K. sich, in der DDR zu bleiben. Er legte alle Ämter in Westberlin nieder, auch die Leitung der Aktion Sühnezeichen. In der DDR mußte sie überhaupt erst aufgebaut werden. Da eine eigenständische, von der SED unabhängige Organisationsform undenkbar war, wurde die Aktion Sühnezeichen in der DDR formal dem Diakonischen Werk angegliedert. Langfristige Projekte waren nie, Auslandseinsätze nur zeitweise möglich. So entwickelte K. gemeinsam mit dem Magdeburger Jugenddiakon Christian Schmidt die Form vierzehntägiger Aufbaulager, in denen sich junge Freiwillige während der Sommerferien zusammenfanden. Als erstes Projekt wurden 1962 in Magdeburg drei im Krieg zerstörte Kirchen enttrümmert. Ein wichtiger Partner wurde Günter Särchen, Mitarbeiter des kath. Seelsorgeamtes, der den Kontakt nach Polen vermittelte. Im Sommer 1965 fanden die ersten Einsätze der Aktion Sühnezeichen in Auschwitz-Birkenau und Majdanek statt; K. selbst arbeitete in Birkenau in der Gruppe mit, die dort die Grundmauern der ersten Vergasungsstätte freilegte. Gefördert wurde der Beginn der Sühnezeichen-Arbeit in Polen u.a. vom kath. Bischof von Kraków, Karol Wojtyła (später Johannes Paul II) und den Sejm-Abgeordneten Tadeusz Mazowiecki und Stanisław Stomma von der kath. ZNAK-Gruppe, die sich tief beeindruckt von K. zeigten und ihm zeitlebens verbunden blieben. - K., inzwischen im Rentenalter, leitete die Aktion Sühnezeichen in der DDR bis Anfang der 70iger Jahre. Im Dez. 1971 siedelte er mit seiner Frau zunächst nach Westberlin über, dann 1977 in ein Altersheim in Bergisch-Gladbach, in der Nähe ihres Sohnes. Im Nov. 1972 reisten er und Kurt Scharf, gemeinsam mit den Ehefrauen, nach Israel. Es war das erstemal, das K. junge Freiwillige der (westdeutschen) Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste am Einsatzort besuchen konnte. Bis 1974 war er noch Synodaler der EKU, hatte allerdings schon zwei Jahre vor Ende der Legislatur um stillschweigende Entlastung gebeten. Er arbeitete in dieser Zeit an seiner Autobiographie, die jedoch unveröffentlicht geblieben ist. Alle Ehrungen, die ihm angetragen wurden, lehnte er ab. Zu seinem 75. Geburtstag fand jedoch in der St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem ein Festgottesdienst statt, in dem Prof. Martin Fischer (s.d.) ihn so würdigte: "Es ging ihm in der Kirche nie schnell genug voran. Es mußten sozusagen als Vortruppen der Kirche Aktionsgemeinschaften, Notgemeinschaften, Aktionen unternommen werden." K. habe unter den Zeitgenossen besorgt, wozu der Hebräerbrief mahnt: "Lasset uns aufeinander achthaben, uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken." (Hebr. 10,24) - 1983, zum 85. Geburtstag, ehrte die Bundesregierung K. auf außergewöhnliche Weise: Justizminister Hans A. Engelhard ließ ihm die vollständige Kopie seiner Personalakte überreichen, in der sein mutiger Widerstand gegen die Nationalsozialisten dokumentiert ist. - Seit 1999 wird mit einem in Magdeburg gestifteten Lothar-Kreyssig-Friedenspreis an sein Wirken erinnert. Bisherige Preisträger waren Tadeusz Mazowiecki (1999), Hildegard Hamm-Brücher (2001), Franz von Hammerstein, Richard Nevermann und Günter Särchen (2003).

Werke: Der strafrechtliche Begriff des Unzüchtigen als Maßstab unsittlicher Kunst, Diss., Leipzig 1923; Gerechtigkeit für David, Berlin 1949; Brief an den Justizminister, in: IM, Jg. 37(1947), Heft 5/6, 40-43; Erschwerte Korrespondenz mit katholischen Christen, in: Die Neue Furche, 5. Jg., Dez. 1951, 806-810; Die Kirche ist unteilbar geblieben. Realität des verhinderten Kirchentages, in: Sonntagsblatt Hamburg, Nr. 44 v. 3.11.1957, 19; [Einbringung des Antrag zur Gründung der Aktion Sühnezeichen] Wortprotokoll, in: Bericht über die dritte Tagung der zweiten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 26. bis 30. April 1958, o.O., o.J. [Hannover und Berlin, 1958], 278-281; Die meisten Vorträge, Schriften u. Gedichte sowie der umfangreiche Briefwechsel von Lothar Kreyssig sind auf Grund der besonderen Zeitumstände unveröffentlicht geblieben; sie finden sich u.a. in: Ev. Zentralarchiv, Berlin; Archiv des Landeskirchenamtes der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsen, Dresden; Archiv der Kirchenprovinz Sachsen, Magdeburg; Archiv der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, Berlin. Davon sind besonders zu erwähnen: Autobiographie, Ms., 1. Fassung 1975; 2. Fassung 1977; Wochenbriefe der Aktion Sühnezeichen, hekt., Berlin, 1958-1963; Monatsbriefe der Aktion Sühnezeichen, hekt., Berlin (DDR), etwa 1962-1973; Die Brücke, (Tonbildserie), Magdeburg, 1962.

Lit.: a) Monographien: Ansgar Skriver, Aktion Sühnezeichen. Brücken über Blut u. Asche. Stuttgart 1962; - Franz von Hammerstein, Volker von Törne, 10 Jahre Aktion Sühnezeichen. Berliner Reden, Heft 15, Berlin (West) o.J. [1968]; - Susanne Willems, Lothar Kreyssig, Vom eigenen verantwortlichen Handeln. Eine biographische Studie zum Protest gegen die Euthanasieverbrechen in Nazi-Deutschland. Berlin o.J. [1995]; - Konrad Weiß, Lothar Kreyssig. Prophet der Versöhnung. Gerlingen 1998; - Unrecht beim Namen genannt. Gedenken an Lothar Kreyssig am 30. Oktober 1998, hrsg. v. Brandenburgischen Oberlandesgericht. Baden-Baden 1998; - b) Aufsätze: Paul Fröhlich [1. Sekretär der Bezirksleitung der SED, Leipzig], Wer opfert die gläubigen Menschen für wen? in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 37 vom 12.2.1956, 3; - Ders., Herr Präses Kreyssig auf dem Holzweg. Niemand darf bei uns für die NATO hetzen, in: Junge Welt, Berlin, 28.3.1956; - Anna Morawska, Psychologie des Friedens, in: Tygodnik Powszechny, Kraków, Nr. 34 u. 35/1965; dt. in: Więź, Sonderheft Deutsche und Polen, Warszawa 1994, 26-30; - "Die Richter waren schuldiger", in: Frankfurter Rundschau, 6.2.1968; - Robert M.W. Kempner, Es gab einen Richter in Brandenburg, in: Neue Welt, 1968, Heft 5/6, 27; - Erich Müller-Gangloff, Lothar Kreyssig 70 Jahre. Dem Jochgenossen nach zwei Jahrzehnten, in: Rundschreiben der Aktionsgemeinschaft für die Hungernden, Nr. 45 vom Sept. 1968, 2-3; - Martin Haug, Dr. Lothar Kreyssig, Geboren 30. Oktober 1898, in: Für eine bessere Zukunft, Stuttgart 1970¹, 137-154; - Franz von Hammerstein, Wie ein Prophet, in: Berliner Sonntagsblatt, 28.10.1973, 2; - Kurt Scharf, Er hoffte auch noch für Judas, in: Zeichen, Mitteilungen der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste, Jg. 6, 3 (1978), 18-19; - Ders., Lothar Kreyssig gestorben, in: Berliner Sonntagsblatt, 20.7.1986; - Hans A. Engelhard, Glückwünsche für Dr. Kreyssig, in: Bulletin, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1983, Nr. 116, 1056; - Ders., Widerstehen zur rechten Zeit, Gedenkrede in Stuttgart, in: Bulletin, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1983, Nr. 126, 1151-1155; - Ders., Gelebte Demokratie - unsere Antwort auf die Schrecken der Naziherrschaft, in: Anwaltsblatt, München, Berlin, Jg. 39, 1 (1989), 15-17; - Lothar Gruchmann, Ein unbequemer Amtsrichter im Dritten Reich, in: Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte, 32. Jg. (1984), 463-489; - Friedrich Maria Rintelen, Fremdheit wird überwunden, in: Kirche gestern und heute, Leipzig 1985, 168; - Christoph Münchow, Gottesdienst für den Gründer der Aktion Sühnezeichen (Nachruf), in: Der Sonntag, Dresden, Nr. 47 vom 23.11.1986; - Konrad Weiß, Prophet der Versöhnung. Zum Tod von Lothar Kreyssig, in: Zeichen, Jg. 14, 3 (1986), 20ff.; - Ders., Prorok Pojednania, in: Tygodnik Powszechny, Kraków, Nr. 44/1986; - Ders., Wagnis des Widerspruchs gegen totale Ideologie, in: Neue Zeit, Berlin (DDR), 23.11.1989, 5; - Helmut Kramer, Lothar Kreyssig. Richter und Christ im Widerstand, in: Streitbare Juristen. Eine andere Tradition. Kritische Justiz (Hrsg.), Baden-Baden 1988, 342-354; auch in: Klaus-Christoph Claveé, Justiz in Stadt und Land Brandenburg im Wandel der Jahrhunderte, o.O., o.J. [Brandenburg 1998], 143-153; - Tadeusz Mazowiecki, Von der Gegenwart zur neuen Nachbarschaft, [Vortrag im Rahmen der Berliner Lektionen, Sept. 1991], dt. in: Więź, Warszawa 1994, 239-254; - Johannes Dittrich, Geschichte der Ev. Akademie der Kirchenprovinz Sachsen und der Landeskirche Anhalt in den Jahren 1948 bis 1968, Männer der ersten Stunde: Lothar Kreyssig, in: Heidemarie Wüst (Hrsg.), Einsichten in Ev. Akademiearbeit, Magdeburg 1994, 19-28; - Ehrhart Neubert, Aktion Sühnezeichen. Der andere Antifaschismus, in: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 1997, 198-200; - Hans-Joachim Döring, Richter, Bauer, Kirchenmann. Zur Biographie "Lothar Kreyssig. Prophet der Versöhnung", in: Inkota-Brief zum Nord-Süd-Konflikt und zur Konziliaren Bewegung, Jg. 26, 105, (Sept. 1998), 21-22; - J. Jürgen Seidel, Mutig und konsequent, in: Facultativ. Theologisches aus Zürich. Die Beilage zur Reformierten Presse, Münsingen, Jg. 3, 30.10.1998; - Wolfgang Thierse, Als Wanderer zwischen den Welten. Lothar Kreyssig. Der einstige NS-Sympathisant gründete die "Aktion Sühnezeichen", in: Die Neue Gesellschaft (Frankfurter Hefte), Dez. 1998, 1095-1100; - Christian Buchholz, Das besondere Buch. Prophet und Kirchenmann, in: DtPfrBl, Jg. 99, 1 (1999), 45; - Joachim Garstecki, Prophet der Versöhnung. Die Kreyssig-Biographie von Konrad Weiß, in: Evangelische Kommentare, Jg. 32, 3 (1999), 56; - Peter Maser, "Ich habe mich nie im Leben zurückhalten lassen", in: Deutschland Archiv, Jg. 32, 2 (1999), 327-329; - Joachim Rott: Lothar Kreyssig - Prophet der Versöhnung - in: Zeitschrift für Rechtspolitik, Heft 7/1999, 303; - Hildegard Zumach, Lothar Kreyssig und sein Wirken für den Frieden, in: Rheinisch-bergischer Kalender, Jg. 70. 2000 (1999), 115-117.

Konrad Weiß

Literaturergänzung:

2008

Gabriele Kammerer, Vision e. Juristen. Eine besondere Organisation wird fünfzig; die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste", in: Zeitzeichen 9.2008, Nr.5, S. 43f.; -

2010

Joachim Garstecki, L.K. - von d. Person zur Sache, in: Junge Kirche 71.2010,1, S. 28-32.

Letzte Änderung: 14.03.2010