LA BRIERE, Yves de, Spezialist für Internationale Ethik, * 30.1. 1877
in Vif a.d. Isère, + 27.2. 1941 in San Miguel (Argentinien),
Großneffe mütterlicherseits des berühmten Ägyptologen Champollion.
1894 trat er in den Jesuitenorden ein, wo er eine solide geistliche
Bildung erhielt, die er mit 3 Staatsexamina in Literaturwissenschaft,
Geschichte und später in Jura abschloß, das er mit einer öffentlichen
Verteidigung theologischer Thesen krönte. In den folgenden 2 Jahren
lehrte er über die »Ekklesiologie« am Scholastikat in Hastings in
England. Danach wurde er nach Paris berufen, wo er von 1909 bis zu
seinem Tod eine regelmäßige Chronik »Les luttes présentes« (Die gegenwärtigen
Kämpfe) verfaßte, die bis 1925 in den »Etudes« veröffentlicht wurden.
Mit der großen Gabe klarer Darstellung und gestraffter Dialektik,
die ohne Umwege zum Wesentlichen führten, wurde La B. zum Spezialisten
der Beziehungen zwischen Kirche und Staat. In den schwierigen Jahren
vor dem Krieg kommentierte er die Enzykliken gegen den Modernismus,
wobei er mit großer Objektivität das Denken der Gegner analysierte.
Als 1917 eine heftige Kampagne gegen die von Papst Benedikt XV. den
kriegführenden Staaten - vielleicht ein wenig verfrüht - angebotene
Vermittlung entfesselt wurde, übernahm La B. die äußerst mutige Verteidigung
des Papstes, indem er dessen Wunsch nach Abbruch der Massaker erklärte
und dessen Anstrengungen für die Opfer der verfeindeten Lager aufzeigte.
1920 betraute Kardinal Baudrillart La B. mit einem neuen Lehrstuhl
am »Institut catholique« über die »Christlichen Grundlagen der Menschenrechte«.
In seinen Vorlesungen suchte er eine Organisation des internationalen
Lebens zu entwickeln, die sich auf eine vom Evangelium erhellte Geschichtsphilosophie
gründete. Als Historiker der Ideenlehre war er bestrebt, die Entwicklung
der Tradition aufzuzeigen, die auf den »Gottesstaat« von Augustinus
zurückgeht, sich mit den juristischen Theologen Vitoria im 16.Jh.
und Suarez im 17.Jh. wie mit den kühnen Ausblicken des Taparelli d'Azeglio
im 19.Jh. erweiterte und schließlich zu den päpstlichen Lehren des
20.Jh. führte. Ohne sich Illusionen über die gravierenden Unzulänglichkeiten
der Verträge von 1919 wie des Völkerbundes zu machen, reagierte La
B. auf die systematische Mißachtung und bemühte sich, der Genfer Ideologie
ein seelisches Moment aus christlichem Geist hinzuzufügen. Die Zusammenfassung
seines Gedankenguts führte er in seinem Hauptwerk »La Communauté des
Puissances« (Die Gemeinschaft der Mächte) aus. Seine Sachkenntnis,
die Ausgewogenheit seines Urteils und seine Höflichkeit verliehen
La B. nach und nach internationale Beachtung: Man bat ihn um Vorlesungen
an der Völkerrechtsakademie in Den Haag und an der Carnegiestiftung
für den internationalen Frieden in Genf; er war ein Freund von Professor
Le Fur und verkehrte häufig mit Aristide Briand; er nahm oft an Sitzungen
des Völkerbundes teil; er war Mitglied verschiedener internationaler
Organisationen wie des Instituts des Rechts, der Diplomatischen Akademie,
der Juridischen Union etc. Doch starb er viel zu früh, zutiefst enttäuscht
vom Mißerfolg seiner Bemühungen im 2. Weltkrieg, während einer Vortragsreise
durch Lateinamerika.
Werke: Article important Papauté, dans Dict.d'Apologétique,
3, 1331-1371; Luttes présentes de l'Eglise, 6 Bde., 1909-1925; L'organisation
internationale... et la Papauté, 3 Bde., 1924-1930; La Communauté
des Puissances, 1932; L'Eglise et son Gouvernement, 1935; Le droit
de juste guerre, 1937.
Lit.: Construire (Etudes pendant la guerre), 3° série,
134-160; - Etudes, nov. 1956, 293-298; - A. de La Pradelle,
Maitres... du droit des gens, 1950, 345-358; - Catholicisme, 6,
1539-41; - Encicl. Cattolica, 7, 780. (Aux archives S.J de Vanves,
manuscrit non publié d'une biographie d'Y. de La B. par H. du Passage).