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Band IV (1992) Spalten 918-920 Autor: Karl Mühlek

LA BRUYÈRE, Jean de, französischer Schriftsteller, * am 16. oder 17.8. 1645 in Paris, † 10.5. 1696 in Versailles. - La B. stammte aus bürgerlicher Familie, sein Vater war Kontrolleur der Einnahmen der Stadt Paris, vielleicht königlicher Rat. Unbekannt ist, ob Jean von den drei Knaben und einem Mädchen der älteste war. Sein Bruder Louis war erster Huissier des Parlaments und der jüngste, Robert Pierre, war beim Tode Jeans Geistlicher in der Diözese Paris. Als Schüler des Oratoìre von Paris lernte er Griechisch, studierte Geschichte und las Thucydides, Strabo und Polybius in der Originalsprache. Er verstand das Italienische und betrieb das Rechtsstudium mit Licence ès droits in Orleans. 1665 erfolgte die Zulassung als Advokat und 1673 erkaufte er das Amt eines Rentmeisters und Steuereinnehmers in Caen. 1684 übernahm er auf Empfehlung Bossuets eine Hauslehrerstelle in der Familie des großen Condé. Zwei Jahre lang unterrichtete er dessen Enkel, den Herzog Louis de Bourbon, in moderner Geschichte, Genealogie, Geographie und cartesian. Philosophie. 1686 betraute ihn sein Zögling Louis mit der Leitung der Bibliothek zu Chantilly. 1693 wurde er in die Académie Francaise auf Drängen seiner Gönner aufgenommen. In seiner Antrittsrede stellte er einen Vergleich Racines und Corneilles an und erregte skandalöses Aufsehen. In den Auseinandersetzungen um den Quietismus stellte er sich auf die Seite Bossuets. Er lebte zurückgezogen im Hôtel de Condé in Versailles, wo er auch an einem Schlaganfall verstarb. - Als Moralist, d.h. als Schriftsteller, der über die Sitten, die seelischen Triebkräfte im Menschen schreibt und damit eine Lehre (Moral) verbindet, die mit Moral im theologischen Sinne nichts zu tun hat, entwarf er ein lebensvolles Bild von der Gesellschaft der Zeit Ludwigs XIV. Seine Gesellschaftskritik, in der er den moralistischen Komplex um eine soziale Komponente erweiterte, veröffentlichte er 1688 als »Les Caractères de Théophraste, traduits du grec, avec les caractères ou les moeurs de ce siècle«, »Charakterbeschreibungen von Theophrast, aus dem Griechischen übersetzt, mit den Charakter- und Sittenbeschreibungen dieses Jahrhunderts«. Das an La Rochefoucauld geschulte, in anschaulichem und klassischem Stil abgefaßte Werk erreichte noch im Erscheinungsjahr drei Auflagen. Von einer Auflage zur anderen fügte La B. neue Portraits, Maximes und Réflexions hinzu; in die achte Auflage nahm er auch die anläßlich seiner Wahl in die Académie Francaise gehaltene Rede auf. Diese letzte Ausgabe seines Lebens enthielt statt der anfänglichen 386 Charaktere schließlich 1118, hinter denen man zeitgenössische Personen der höheren Gesellschaft suchte und gefunden zu haben glaubte. An den Anfang seines Werkes stellte er eine Übersetzung des Theophrast, um dann athenische und zeitgenössische Sitten mit scharfer Satire und Groll gegen den Hof zu vergleichen. Die 16 Kapitel enthalten literarische Betrachtungen, philosophische Reflexionen, Maximen, Charakterzeichnungen, freimütige und scharfe Urteile über die Gesellschaft seiner Zeit. Er ist kein Revolutionär, zeigt aber für seine damalige Zeit kühnen Freimut und große Klarsicht des Urteils. Die von ihm angeprangerten Laster und Fehler führen ein Jahrhundert später zum Untergang des Systems. Scheinbar ohne Systematik behandelt er Themen verschiedenster Art: das Leben am Hof und in der Stadt, zeitgenössische Literatur, Mode, Geselligkeit und Konversation, Religion und Atheismus, öffentliche Reden, Armut und Reichtum, Ruhm und Eitelkeit, den Charakter des Kindes, die Emanzipation und Liebe der Frau, die Erziehung und anderes mehr. Als Quintessenz konstatiert er, daß Egoismus, Geltungssucht und Eigennutz die wahren Handlungsmotive der Menschen sind. Sein pessimistischer Grundton wird von einer erzieherischen Absicht getragen. Als »pädagogisches Ziel« kann eine Erziehung zur Skepsis und zu einer aus dieser hervorgehenden Abgeklärtheit im zwischenmenschlichen Umgang angesehen werden. »Wer genau weiß, was er von den Menschen im allgemeinen und von jedem im besonderen erwarten darf, kann sich getrost ins Getriebe der Welt stürzen.« Den bedeutenden Vorgängern wie Montaigne, Pascal und La Rochefoucauld zum Trotz hat La B. ob der lebendigen Anschaulichkeit seiner Ausführungen durchaus Anklang gefunden. Im deutschen Sprachraum wurde er von Autoren aphoristischer Denk- und Schreibweise bewundert, so von Schopenhauer und Nietzsche.

Werke: Paris 1688; Coste, Amsterdam 1731, 1759 und Paris 1733, 1739; Œuvres complètes, hrsg. v. G. Servois, 5 Bde., 1865-1878, 6 Bde., 1920-23; Œuvres complètes, hrsg. v. J. Benda, 1934, neue Ausgabe 1951; Paris 1962, hrsg. v. R. Garapon (Classiques Garnier); Les Caractères, hrsg. v. G. Mongrédieun, 1960; Übersetzungen: Dresden 1739, J.J. Gottlob von Ende; Die Caractere Theophrasts und de La B., Nürnberg 1754; Die Charaktere, K. Eitner, Leipzig 1870; 18862; Charaktere, O. Flake, 2 Bde., München 1918; Die Charaktere oder die Sitten des Jahrhunderts, G. Hess, Wiesbaden 19472.

Lit.: M. Pellisson, La B., Paris 1892; - E. Engel, Geschichte der franz. Literatur, Leipzig 18974, 219-221; - F. A. de Benedetti, Il pessimismo nel La B., Turin 1900; - M. Lange, La B., 1909; - G. Gelderblom, Die Charaktertypen Theophrasts, La B's., Gellerts und Rabeners, in: GRM 14 (1926) 269-284; - H. Klaus, J. de La B., Mensch und Gesellschaft in seinen »Charakteren«, Diss. (Berlin) 1935; - G. Michaut, La B., Paris 1936; - F. Tavera, L'idéal moral et l'idèe religieuse dans les »Caractères« de La B. L'art de La B., Paris 1940; - P. Richard, La B. et ses »Caractères«, Amiens 1946; - Paquot-Pierret, L'art du portrait chez La B., Brüssel 19482; - J. Hankiss, »Inspiration géométrique« dans »Les Caractères«, in: Neoph 36 (1952) 36-65; - A. Maurois, Lecture, mon doux plaisir, Paris 1957, 22-40; - M. Kruse, Die Maxime in der franz. Lit., 1960; - L. Hudon, La B. et Montaigne, in: Studi Francesi 6 (1962) 208-224; - J. Theisen, Geschichte der franz. Literatur, Stuttgart 1964, 110-113; - Irene Schwendemann (Hrsg.), Hauptwerke der französischen Literatur, München 1976, 133 f.; - J. v. Stackelberg, Französische Moralistik im europäischen Kontext, Darmstadt 1982, 168-188; - Uwe Bischoff, La Bruyères »Charaktere«, in: Neue Zürcher Zeitung (1988) Nr. 146, 70; - Meyer VII, 1939, 127; - Herder V, 1954, 951; - Die Weltliteratur II, 1954, 993; - Brockhaus XI, 1970, 11 f.; - Lexikon der franz. Literatur, 1974, 518.

Karl Mühlek

Werkeergänzung:

Dialogues posthumes sur le quiétisme. 1699. Texte établi et prés. par Richard Parish. Grenoble 2005; Die Charaktere. Aus d. Franz. von Otto Flake. Mit e. Nachw. von Ralph-Rainer Wuthenow. Frankfurt/Main 2007.

Letzte Änderung: 20.10.2007