LA CHAIZE, François, Beichtvater Ludwigs XIV., * 1624 auf Schloß
d'Aix (Forez),+ 20.1. 1709 in Paris. - 1639 trat La C. in
das Noviziat des Jesuitenordens ein. Er lehrte Literatur, Philosophie
und Theologie am »Collège de la Trinité« in Lyon, wo er seine Studien
absolviert hatte. Danach bekleidete er die Posten der Rektoren zweier
Kollegien und des Ordensprovinzials, ehe er von Ludwig XIV. 1675 als
geistlicher Ratgeber und Beichtvater erwählt wurde, was er mehr als
34 Jahre lang blieb. Was das Privatleben des Königs anging, so bemühte
sich La C., mit sanfter Beharrlichkeit das Aufsehen, das die Favoritinnen,
v.a. die halboffizielle Madame de Montespan, erregten, einzudämmen.
Um dem Souverän die Osterkommunion nicht verweigern zu müssen, entfernte
sich La C. jedes Jahr unter dem Vorwand von Amtsgeschäften. Madame
de Montespan fand ihn so angepaßt, daß sie ihn »den Nachtstuhl« nannte
(accommodant comme une chaise de commodité), ein Wortspiel, das Pascal
als kasuistisch bezeichnet hätte. Doch war seine Behutsamkeit von
Erfolg gekrönt: Der Königin Marie-Thérèse konnte er den Ehemann wieder
zuführen, später Ludwig XIV. dazu bringen, Madame de Maintenon heimlich
zu ehelichen. In den Differenzen, die den Hof Frankreichs und Rom
gegeneinander aufbrachten, ergriff La C. die Partei des Königs gegen
den Papst. Gänzlich passiv zeigte er sich in dem langen Streit um
das Hoheitsrecht (régale), ein Verhalten, das ihm von Papst Innocent
XI. bitter vorgehalten wurde. Dabei handelte es sich um das Edikt
von 1673, das den fiskalischen Zugriff auf die Einkünfte unbesetzter
Bischofssitze auf alle Diözesen Frankreichs erweiterte. Der Papst,
aufgestachelt von Jansenisten, die die Zwietracht mit dem König schürten,
drohte mit der Exkommunikation. Als dann Ludwig XIV. 1682 die Versammlung
des Klerus einberief, die mit den vier gallikanischen Artikeln erneut
die Hegemonie der Konzile über den Papst geltend machen wollten, unterließ
es La C., dem König von diesem gefährlichen Weg dringend abzuraten.
Vermutlich hing eine ganze Anzahl französicher Jesuiten dem gemäßigten
Gallikanismus des Klerus an, der die indirekte Macht des Papstes auf
weltlichem Gebiet ablehnte. Immerhin ging La C. soweit, an R.P. Oliva
zu schreiben, daß »die königlichen Verordnungen in der Tat durch das
älteste göttliche und menschliche Recht verpflichten« und daher über
den Befehlen des Generals stehen, die nur »aufgrund der Gottesfurcht
und der Gelübde verpflichten« (siehe Blet, Archivum, 1960, 76). Im
übrigen hatte der Beichtvater Ludwigs XIV. im Unterschied zu seinen
Vorgängern die Schwäche, königlichem Druck nachzugeben, so z.B. als
er es akzeptierte, die Titulare kirchlicher Pfründe (Bistümer und
Abteien) selbst zu bestimmen. Dadurch wurde er zu einer Art Kultminister,
der stets Bittgesuchen ausgesetzt war. Das unübliche Vorrecht für
einen Ordensbruder schuf ihm Feinde und kompromittierte den Orden,
auch wenn die meisten seiner Entscheidungen durchdacht erscheinen.
Als Schlichter vieler heikler Situationen ermangelte es La C. zuweilen
an Festigkeit und politischer Vorsicht. Sein Einfluß auf den Sonnenkönig
wurde jedoch überschätzt. Denn dieser war zu sehr von seinen Vorrechten
durchdrungen, um auf einen Jesuiten, der durch sein Gelübde an den
Heiligen Stuhl gebunden war, zu hören. Indessen erkennen seine Zeitgenossen
im allgemeinen seine positiven Eigenschaften wie seine Schlichtheit,
seine gemäßigte Haltung und seinen Einsatz in der Seelsorge an. Weit
davon entfernt, den Widerruf des Edikts von Nantes zu unterstützen,
gewann er die Freundschaft von Protestanten wie Leibniz. Gegenüber
den Jansenisten verhielt er sich wachsam, um deren Intrigen zu vereiteln;
er verweigerte sich aber der Gewalt ihnen gegenüber. Daher mußte erst
sein Tod abgewartet werden, um Port-Royal zerstören zu können. Schließlich
gewann er durch sein taktvolles Verhalten, insbesondere während der
Krankheiten seines königlichen Beichtkindes, dessen Zuneigung und
trug damit wirkungsvoll zu einem anständigen und würdigen Ende der
Regierungszeit bei. Er war ein Münzsammler von Rang und zum Mitglied
der »Académie des Inscriptions et Belles-Lettres« ernannt. Was den
heutigen Friedhof Père La Chaise anbelangt, so ist sein Name auf ein
Landhaus zurückzuführen, das der König restaurieren ließ, und wo La
C. inmitten anderer Pater zur Erholung weilte.
Werke: Sommervogel, 2, 1035-1040, und 11, 1645-49 (surtout
lettres); Correspondance avec les Pp. Généraux, dans Archives Romaines
S.J., Lyon, 39, f° 175 sq.
Lit.: Saint-Simon, Mémoires (ed.Gr.Ecrivains), 7, 45-52
und 476-479; - J. Brucker, Hist. de la Cie de Jésus, 1920, 580-597;
- J. Guiraud, Hist. partiale, hist. vraie, 1923, 4, 239-248; -
Biogr. générale, Hoefer, 28, 483-495; - Enci.Cattolica, 7, 786-7;
- Catholicisme, 6, 1553-55; - Georges Guitton, Le P. de La
Chaize, 2 Bde., Paris, 1959; - biogr. essentielle, mais voir à
son sujet Blet, »Jesuites gallicans au 17ème s.«, dans Archivum Hist.
S.J., 29, 55-82.