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Verlag Traugott Bautz
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LA ROCHEFOUCAULD, François VI. Duc De. La Rochefoucauld wurde am 15.9. 1613 in Paris als ältester von 12 Geschwistern geboren. Seine Familie gehörte dem höchsten Adel Frankreichs an, und der junge Mann, bis zum Tode des Vaters Fürst von Marcillac, dann Erbe des väterlichen Herzogstitels, wurde wesentlich zum kriegerischen Leben erzogen, lernte aber etwas Latein und beschäftigte sich mit Literatur. Zu seinen Lieblingslektüren soll der preziöse Hirtenroman »L'Astrée« von Honoré d'Urfé gehört haben. Mit 15 heiratete er Andrée de Vivonne, mit der zusammen er 8 Kinder hatte. - Um 1630 schon bei einem italienischen Feldzug unter Waffen, gelangte L.R. bald darauf an den Hof Ludwigs XIII. Die folgenden Jahre waren mit Hofintrigen und Verschwörungen ausgefüllt, in denen der Hochadel gegen die mächtige Stellung Richelieus, des Architekten des französischen Absolutismus und Überwinders der Adelsmacht, opponierte. L.R. lernte die Gunst der Königin, aber auch Verbannung und Bastille kennen. 1639 bewährte er sich wieder auf dem Schlachtfelde von Saint-Venant-sur-Lyse, verweigerte sich jedoch der Gunst Richelieus. Als Ludwig XIII. starb, schien dann die Stunde des Adels gekommen: in der Verschwörung der »Importants« suchten L.R. und seine Partei, die Macht des Prinzen von Condé und die Regentschaft Annas von Österreich zu etablieren, doch Kardinal Mazarin durchkreuzte alle Bestrebungen, dem Adel so seine frühere Stellung während der Minderjährigkeit Ludwigs XIV. zurückzugeben. Der Haß des Besiegten L.R. gegen den triumphierenden italienischen Emporkömmling Mazarin sollte im Gemüte des Herzogs stets bitter präsent sein. 1646 wird L.R. in Merdick (Flandern) während der Spätphase des Dreißigjährigen Krieges verletzt, 1648 ist er in die Adelsverschwörung der Fronde verwickelt, und kämpft in dem ihr folgenden Bürgerkrieg erfolglos gegen die königlichen Truppen Turennes. Schwer verletzt und besiegt, schwört er 1653 dem König Treue. Politisch endgültig gescheitert, zieht er sich, wie viele Mitglieder seiner Gesellschaftsschicht in das literarische Leben der »Salons« zurück, und verfaßt seine »Mémoires«. Nach dem Tode Mazarins folgt eine vorsichtige Versöhnung mit Ludwig XIV., doch 1664 erschienen, ohne Wissen und Willen des Autoren, die »Maximes«, die vorher in den Salonkreisen zirkuliert waren. Die Skandalwirkung war beträchtlich, das pessimistische Bild des Menschen, das aus diesen Sentenzen sprach, schockierte, traf aber den Nerv der Zeit und ganz besonders die resignierte Stimmung des Hochadels in der Zeit des Absolutismus. Es wurde eine gewisse Nähe zum Jansenismus festgestellt, sogar eine Spur völliger Glaubenslosigkeit, die jedoch aus persönlichen Zeugnissen nicht zu belegen ist. L.R. starb, nach schwerer, mit stoischer Kraft ertragener Krankheit, am 17.4. 1680 in den Armen Bossuets, im Beisein der Madame de La Fayette, seiner langjährigen Freundin. Auf dem Stammsitz seiner Familie, nahe bei den Ruinen des Schlosses, das Mazarin nach den Kriegen der Fronde zerstören ließ, wurde er beigesetzt. Hundert Jahre später wurden seine Überreste von Revolutionären in die Charente geworfen. - L.R.s Bedeutung liegt trotz des hohen literarischen Niveaus und dokumentarischen Wertes seiner Memoiren, die ein eindrucksvolles Zeugnis der Epoche des Unterganges der Adelskultur im beginnenden Absolutismus liefern, im wesentlichen in den »Maximes«. Dabei war der Autor in seiner gedanklichen Substanz keineswegs originell: nachweislich entstammen wesentliche Grundthesen der »Maximes« einer französischen Überesetzung des Traktates »The Mystery of self Deceiving« des englischen Pfarrers Daniel Dyke aus Coggleshall in Essex, der aus theologischer Perspektive die Selbsttäuschung des Menschen, der seine Laster als Tugenden verkleidet, geißelte. Die Form der Maxime ihrerseits zehrt aus der mittelalterlichen, in der Renaissance um humanistische hieroglyphische und emblematische Dimensionen bereicherten Devisenkunst, einer gerade im Hochadel beliebten Kultur des Wahlspruchs (vgl. Claude Paradins »Dévises héroiques«). Das Verdienst der Maximen L.R.s liegt in der kunstvollen, pointierten Formulierung, durch die der Leitgedanke in allen seinen Implikationen glasklar und geschliffen hervortritt, und in der schonungslosen Konsequenz der Selbstbeobachtung. L.R. zeichnet den Menschen als völlig den Leidenschaften unterworfen, unter denen die Eigenliebe, der »Amour-propre« die beherrschende Stellung einnimmt. Dieser »Amour-propre« wird in allen Regungen des menschlichen Herzens (»Coeur« wird hier noch nicht positiv, wie in der Romantik, verstanden, sondern als das dem Verstande entgegengesetzte, fleischliche Prinzip) entlarvt, ebenso wie die Listen des Verstandes, den Regungen des Herzens edle Motive zu unterschieben. Aus dieser resignierenden, illusionslosen Grunderkenntnis erwächst jedoch eine Kultur der vornehmen Haltung, der, im besten Sinne, zivilisierten Form, die im Leitbild des »honnête homme« ihren Ausdruck findet, der, maßvoll im Auftreten und ohne Prätentionen, im gepflegten gesellschaftlichen Verkehr seinen Lebensvollzug gestaltet. - Die »Maximes« wirkten außerordentlich stark nach. Im frühen 18. Jahrhundert finden sich deutliche gedankliche Übernahmen z.B. in den philosophischen Oden Houdar de La Mottes, die Frühaufklärung bezog sich in ihrer Skepsis und ironischen Distanz gern auf L.R. zurück. Erst der Rousseauismus mit seinem gefühlsseligen und letztlich zivilisationsfeindlichen Glauben an die inhärente Güte des Menschen setzte hier eine Zäsur. Im 19. Jahrhundert erfolgte dann eine gewisse Rückbesinnung auf L.R., der u.a. auch sehr stark auf Nietzsche, und nicht zuletzt auf Thomas Mann wirkte.
Werke: Ausgaben: Sentences et Maximes Morales. (anonym) Den Haag, 1664; Réflexions ou Sentences et Maximes Morales. (anonym) Paris, 1665; Maximes et Réflexions morales de La Rochefoucauld. Reproduction du Manuscrit original, publié par Jean Marchand; Préface du Duc de La Rochefoucauld. Paris, 1931; Mémoires de Monsieur de La Rochefoucauld. Köln, 1662; Œuvres. Hrsg. v. D.-L. Gilbert und J. Gourdault. 5 Bde., Paris 1868-1883; Œuvres Complètes. Hrsg. v. L. Martin-Chauffier u. J. Marchand. Paris, 1964; Erw. Ausg. Hrsg. v. J. Truchet. Paris, 1977. dt.: Gemüths-Spiegel, durch die köstlichsten moralischen Betrachtungen, Lehrsprüche und Maximen die Erkäntniß seiner selbst und anderer Leute zeigend. Üs. von Talandern (A. Bohse). Leipzig, 1699; »Reflexionen und moralische Sentenzen« üs. v. F. Schalk in ders.: Die französischen Moralisten. Band 1, Wiesbaden, 1947. H. Bergmann/F. Hörleck: Reflexionen oder Sentenzen und moralische Maximen. Frankfurt/M., 1976.
Lit. (Auswahl): J. Marchand: Bibliographie des Œuvres de La Rochefoucauld. Paris, 1948; - J. Bourdeau: L.R. Paris, 1895; Gransaignes d'Hauterive: Le pessimisme de L.R. Paris, 1914; - E. Jovy: Deux inspirateurs peu connus des Maximes de L.R.: Daniel Dyke et Jean Verneuil. Vitry-le-François, 1910; - A. Bruzzi: Dai »Mémoires« alle »Maximes« de L.R. Bologna, 1965; - J. Starobinski: »L.R. et les morales substitutives« NRF, 28, 1966, 16-34, 211-229; - L. Hippeau: Essai sur la morale de L.R. Paris, 1967; - W. Lepenies: Melancholie und Gesellschaft. Frankfurt, 1969; - L. Ansmann: Die »Maximen« von L.R. München, 1972; - H. Wentzlaff-Eggebert: »Reflexion« als Schlüsselwort in L.R.'s »Réflexions ou sentences et maximes morales« Zeitschrift für französische Sprache, 82, 1972, 217-242; - V. Thweatt: L.R. and the Seventeenth-Century Concept of the Self, Genf, 1980; - O. Roth: Die Gesellschaft der Honnêtes Gens. Heidelberg, 1981; - Chr. Strosetzki: »Hieroglyphentradition und Devisenkunst als Hintergrund der »Maximen« von L.R.« Romanistisches Jahrbuch, 36, 1985, 104-121; - K. Stierle: »Die Terra incognita der Selbstverfallenheit« in K. Stierle/K. Nies: Französische Klassik. Theorie, Literatur, Malerei. München, 1985, 91-99; - C. Rosso: Procès à L.R. et à la Maxime. Pisa, 1986; - H.C. Clark: »L.R. and the Social Bases of Aristocratic Ethics« History of European Ideas, 8, 1987, 61-73; - P. Toffano: La figura dell'antitesi nelle massime di L.R.. Fasano, 1989.
Christoph Dröge
Werkeergänzung:
2008
Denken mit La R. Maximen über Eigenliebe u. Eitelkeit, Liebe u. Verrat, Ruhm u. Heuchelei, Tugenden u. Laster. Hrsg. von Wolfgang Kraus. Zürich 2008.
Literaturergänzung:
2003
Oskar Roth, Montaigne u. L.R.: humanist. Selbsterforschung u. moralist. Kritik, in: Wolfenbütteler Renaissance-Mitteilungen 26. 2002, S. 101-114; 27. 2003, S. 19-42; -
2008
Hans Georg Coenen, Die vierte Kränkung. Das Maximenwerk La R.s. Baden-Baden 2008.
Letzte Änderung: 04.02.2010